Die Grenadiere

Ein Wort mit Gewicht

»Grenadier« ist eines jener Worte, die man heute kaum noch verwendet. Und doch ist es mehr als ein vergessener Begriff. Denn wenn man es ausspricht, dann entsteht vor unserem inneren Auge sofort ein bestimmtes Bild oder zumindest ein Gefühl von Mut und Gefahr.

Dennoch ist den wenigsten klar, was sich dahinter eigentlich verbirgt. Ist es ein Rang, eine Truppengattung, eine besondere Auszeichnung? Oder nur ein Name, der den Lauf der Zeit überdauert hat, während das, was er ursprünglich bezeichnete, längst verschwunden ist?

Denn in diesem Wort liegt etwas, das an vergangene Zeiten erinnert. An eine Zeit, in der Krieg noch anders geführt wurde als heute, weniger technisch, weniger aus der Ferne heraus, sondern auf eine Weise, die uns seltsam vertraut ist.

In diesem Sinn klingt dieser Name auch nach Nähe, nach einem Moment, in dem sich zwei Seiten fast persönlich gegenüberstehen und nach einer Gefahr, die den Einzelnen unmittelbar erreicht. Und genau dort liegt auch sein Ursprung.

Als der Krieg noch geworfen wurde

kein allgemeiner Bestandteil der Infanterie, sondern eine eigene Aufgabe, die nur von ausgewählten Soldaten übernommen wurde. Denn Granaten wurden nicht allgemein eingesetzt, sondern in bestimmten Situationen, vor allem im Umfeld von Belagerungen, wo ihr Gebrauch eine besondere Rolle spielte. Wer sie warf, handelte nicht als Teil der Infanterie, sondern erfüllte eine eigene, klar umrissene Aufgabe innerhalb der Truppe. Und damit führt uns das auch zu ihrem Namen: von der Granate, der französischen grenade, aus der sich im 17. Jahrhundert die Bezeichnung grenadier entwickelte.

Granaten waren allerdings keine Erfindung des 17. Jahrhunderts, denn einfache Wurfkörper mit Pulverfüllung wurden bereits seit dem späten Mittelalter benutzt. Doch erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fanden sie einen festen Platz in den europäischen Heeren. Der Auslöser lag in der veränderten Kriegsführung jener Zeit. Die großen Belagerungskriege unter Ludwig XIV., der Ausbau moderner Festungssysteme und die zunehmend planmäßige Führung von Angriff und Verteidigung schufen Situationen, in denen Kämpfe auf engem Raum stattfanden: in Gräben, an Wällen und in unmittelbarer Nähe zum Gegner.

Unter diesen Bedingungen erwies sich die Granate als geeignetes Mittel für den Kampf auf kurze Distanz. In den französischen Regimentern tauchen daher in den 1660er Jahren erstmals ausgewählte Soldaten auf, die für ihren Einsatz vorgesehen waren; England folgte wenig später, ebenso zahlreiche deutsche Territorien.

Bei den damaligen Granaten handelte es sich um vergleichsweise kleine, gusseiserne Hohlkugeln, die mit Schwarzpulver gefüllt und mit einer hölzernen oder metallenen Zündröhre versehen waren, in die eine Lunte eingesetzt wurde. Diese musste vor dem Wurf entzündet werden, was den Einsatz unsicher und gefährlich machte. Die Reichweite war begrenzt, weil Gewicht, Form und Wurftechnik enge Grenzen setzten, und die Wirkung hing stark vom richtigen Timing ab, da die Lunte während des Flugs weiterbrannte und die Granate erst nach wenigen Sekunden detonierte.

Ihr Einsatz verlangte daher ein genaues Zusammenspiel von Abstand, Zündzeit und Wurf. Man musste sich an Mauern, Gräben oder verschanzte Stellungen heranarbeiten und im richtigen Augenblick handeln. Zu früh geworfen, konnte der Gegner die Granate aufnehmen und zurückwerfen; zu spät, und sie detonierte noch in der eigenen Nähe.

Es entstand dabei weniger eine neue Waffe als vielmehr eine besondere Art ihres Gebrauchs. Diese Praxis war an bestimmte Bedingungen gebunden und hielt sich nur so lange, wie diese Form des Krieges sie erforderte.

Der Körper als Werkzeug

Aus dieser Art von Einsatz ergab sich bald eine einfache Frage: Wer sollte diese Aufgabe übernehmen?

Bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begannen vor allem die französischen Heere unter Ludwig XIV., solche Soldaten gezielt auszuwählen. In den 1660er und 1670er Jahren entstanden in den Regimentern eigene Grenadierkompanien, deren Angehörige für den Umgang mit diesen Waffen ausgewählt und geschult wurden.

Allerdings war nicht jeder Soldat dafür geeignet. Denn das Werfen einer Granate verlangte Kraft und eine sichere Hand, vor allem aber Ruhe in einem Moment, in dem wenig Zeit blieb. Die Lunte brannte nur wenige Sekunden, der Abstand zum Feind war gering, und wer zu früh oder zu spät handelte, gefährdete nicht nur den Gegner, sondern sich selbst und die eigenen Reihen.

Auch die Ausrüstung folgte dieser Aufgabe. Grenadiere trugen neben Muskete und Säbel Ledertaschen, in denen mehrere Granaten griffbereit mitgeführt wurden. Ihre Kopfbedeckung (zunächst einfache Kappen oder niedrige Mützen) war so gewählt, dass sie beim Werfen nicht störte und sich nicht im Gewehrriemen verfing. Erst später entwickelten sich daraus die auffälligen hohen Mützen, die man heute mit ihnen verbindet.

So setzte man innerhalb der Truppen jene ein, die diesen Anforderungen am ehesten entsprachen: Männer von kräftiger Statur, häufig überdurchschnittlich groß, mit der Fähigkeit, unter Gefahr ruhig und sicher zu handeln. Grenadier zu sein war also noch keine besondere Ehre, sondern man nahm einfach die, die diese Arbeit bewältigen konnten, und stellte sie dorthin, wo sie gebraucht wurden.

Der langsame Verlust der Funktion

Doch gegen Ende des 17. Jahrhunderts und verstärkt im frühen 18. Jahrhundert verschob sich der Schwerpunkt der Gefechte. Die Linieninfanterie mit Muskete und Bajonett gewann an Gewicht, Feuerdisziplin und geschlossene Formationen bestimmten das Bild. Entscheidend war nun weniger der »einzelne Wurf« als die Wirkung ganzer Reihen. Was zuvor in engen Räumen und an Mauern seinen Platz gehabt hatte, hatte für diese neue Form des Gefechts übertragen kaum noch Bedeutung.

Die Verwendung von Granaten verschwand nicht plötzlich, aber ihre Bedeutung nahm ab. Ihr Einsatz blieb nur noch auf besondere Situationen beschränkt, etwa in Belagerungen oder bei einzelnen Sturmangriffen. Im offenen Feld verloren sie an Gewicht, auch weil ihre Reichweite begrenzt war und sich ihr Einsatz nur schwer in die Abläufe größerer Formationen einfügen ließ. So wurden sie zu einer Spezialtechnik, die nur noch unter bestimmten Bedingungen eingesetzt wurde.

Die Grenadiere hingegen blieben bestehen. Bereits im 18. Jahrhundert wurden sie in vielen Armeen als eigene Kompanien innerhalb der Regimenter geführt. Unter Friedrich II. von Preußen oder in den Armeen Maria Theresias und Josephs II. galten sie als besonders verlässliche Infanterie und wurden gezielt dort eingesetzt, wo Linien gehalten oder Angriffe entschieden werden mussten.

Diese Entwicklung setzte sich auch in den napoleonischen Kriegen fort. Dort bildeten Grenadiere häufig den Kern erfahrener Truppen, etwa in der »Alten Garde« Napoleons oder in ausgewählten Bataillonen anderer Armeen. Ihre Aufgabe lag nun nicht mehr im Werfen von Granaten, sondern im Einsatz an den entscheidenden Punkten eines Gefechts.

So entstand eine eigentümliche Situation. Die ursprüngliche Aufgabe, aus der der Name hervorgegangen war, trat immer weiter zurück, während der Begriff selbst bestehen blieb und sich mit neuer Bedeutung füllte.

Vom Werkzeug zur Darstellung

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden die Grenadiere in vielen europäischen Heeren zu eigenen Kompanien innerhalb der Regimenter zusammengefasst. In Preußen ebenso wie in Frankreich oder Österreich begann man, sie gezielt zu ordnen, zu gruppieren und sichtbar zu machen. Was zunächst aus einer praktischen Notwendigkeit entstanden war, erhielt damit eine feste Gestalt und eine neue Bedeutung.

Die Grenadiere blieben nicht zuletzt deshalb bestehen, weil sie sich als besonders verlässliche Soldaten erwiesen hatten. Man hatte sie aus bestimmten Gründen ausgewählt, und diese Auswahl wirkte fort. Erfahrung, körperliche Präsenz und Disziplin machten sie zu einem festen Bestandteil der Heere, auch dort, wo ihre ursprüngliche Aufgabe längst in den Hintergrund getreten war.

Damit veränderte sich auch ihre Stellung innerhalb der Armeen. Der Dienst bei den Grenadieren galt vielerorts als Auszeichnung, erfahrene Soldaten wurden dorthin versetzt und junge Männer strebten danach, aufgenommen zu werden. Nicht allein wegen eines höheren Solds, sondern vor allem wegen des Ansehens, das mit dieser Zugehörigkeit verbunden war.

Das zeigte sich auch im Äußeren, denn die Uniform passte sich der neuen Rolle an. Aus den ursprünglich zweckmäßigen Kopfbedeckungen entwickelten sich hohe Grenadiermützen (in Preußen etwa die charakteristischen hohen Grenadiermützen mit Stirnblech, in Frankreich Bärenfellmützen), die die Gestalt vergrößerten und die Träger schon von weitem erkennbar machten. Hinzu kamen aufwendigere Abzeichen, besondere Schnitte oder auffälligere Farben.

Der Grenadier wurde damit zu einer Figur, die innerhalb des Heeres eine besondere Stellung sichtbar machte. Er stand für Verlässlichkeit, Erfahrung und Disziplin. Eigenschaften, die man nicht nur einsetzte, sondern auch zeigen wollte. Seine Bedeutung lag nun nicht mehr allein in dem, was er tat, sondern auch in dem Eindruck, den er vermittelte.

Warum Namen bleiben

Mit dieser Verschiebung zeigt sich etwas, das über den Einzelfall hinausweist. Militärische Strukturen verändern sich nicht im gleichen Tempo wie die Wirklichkeit, auf die sie reagieren. Was einmal eingeführt ist, bleibt oft bestehen, auch dann, wenn sich seine ursprüngliche Bedeutung bereits verändert hat.

Einmal eingeführte Bezeichnungen verschwinden selten von einem Moment auf den anderen. Regimenter behalten ihre Namen, Kompanien ihre Stellung, und mit ihnen bleiben auch Begriffe erhalten, die aus einer früheren Praxis hervorgegangen sind. Das gilt für die Grenadiere ebenso wie für viele andere Bezeichnungen, die im Laufe der Zeit ihren ursprünglichen Bezug verloren haben.

Dazu kommt die innere Ordnung der Heere. Rang, Zugehörigkeit und Tradition folgen nicht allein praktischen Anforderungen, sondern auch einer Logik der Kontinuität. Veränderungen setzen sich meist schrittweise durch, oft über längere Zeiträume hinweg, und lagern sich über das Bestehende, statt es vollständig zu ersetzen.

So bleibt der Name bestehen, auch wenn sich das, was er einmal bezeichnete, gewandelt hat. Er wird weitergeführt, neu gefüllt und trägt doch noch Spuren seiner Herkunft.

Denn Institutionen verändern sich langsamer als die Wirklichkeit, in der sie entstanden sind.

Das leise Weiterleben

So lösen sich Begriffe mit der Zeit von dem, was sie einmal bezeichnet haben. Sie bleiben bestehen, werden weitergegeben, und oft ist nicht mehr ganz klar, woher sie kommen oder was sie ursprünglich meinten. Was einmal an eine konkrete Tätigkeit gebunden war, löst sich davon und wird zu etwas Eigenständigem.

Der Grenadier gehört zu diesen Bezeichnungen. Er hat sich gehalten, auch dort, wo die Wirklichkeit, aus der er hervorging, längst verschwunden ist. Man kennt ihn noch, erkennt ihn vielleicht wieder, ohne ihn genau einordnen zu können. Der Klang ist geblieben, auch wenn das, was ihn einst ausmachte, nur noch schwer greifbar ist.

Und gerade darin liegt etwas Eigenartiges. Der Begriff wirkt weiter, ohne erklärt zu werden. Er wird nicht bewusst weitergegeben, und doch verschwindet er nicht. Er bleibt, leise und unauffällig, als Teil einer Sprache, die mehr bewahrt, als sie erklärt.

Manchmal tauchen solche Namen auch an Stellen auf, an denen man sie kaum erwarten würde. Nicht im Zusammenhang mit Krieg oder Militär, sondern in ganz anderen Bereichen des Alltags.

Ein Beispiel dafür findet sich in der Wiener Küche: im sogenannten Grenadiermarsch. Ein einfaches Gericht aus Kartoffeln, Fleischresten und Zwiebeln, das weniger von feiner Zubereitung lebt als von dem, was gerade vorhanden ist. Der Name wirkt zunächst fremd, und bleibt doch hängen.

Solche Gerichte entstehen meist dort, wo Versorgung knapp ist und Improvisation notwendig wird: in Kasernen, auf Märschen, in Küchen, die viele satt machen müssen, ohne viel zur Verfügung zu haben. Es sind Speisen, die aus Resten entstehen, schnell zubereitet, sättigend, ohne Anspruch auf Verfeinerung.

Im Namen »Grenadiermarsch« klingt davon noch etwas nach. Nicht als genaue Erinnerung, sondern eher wie ein fernes Echo an eine Welt, in der solche Begriffe entstanden sind und ihren Platz hatten. Und von dort aus haben sie ihren Weg gefunden, wurden weitergegeben, leicht verändert, und landeten in einer »Küche«, die vieles bewahrt, auch dann, wenn der Ursprung längst verblasst ist.