Die Herrschaft der Babenberger

von Katharina Mölk

Österreich im Mittelalter – Die Herrschaft der Babenberger (976 bis 1246)

Teil 1 – Die Markgrafschaft

In diesem Kapitel der Geschichte Österreichs soll möglichst kurz zusammengefasst werden, wie sich das Herzogtum Österreich unter der Regentschaft der Babenberger entwickelte.

Der erste Teil befasst sich mit der Markgrafschaft „Österreich“.

Einzelne Themen werden in späteren Artikeln herausgegriffen.

Aber nun zur Übersicht:

 

In der ersten Lektion über die Frühzeit und Antike haben wir gelernt, dass im 5./6. Jahrhundert die Römer die österreichischen Gebiete wieder verlassen.

Lange Zeit gibt es keine schriftlichen Zeugnisse mehr über das Land.

 

Kurz vorweggenommen sei die Geschichte eines der neun österreichischen Bundesländer, das sich sehr früh und eigenständig entwickeln sollte:

696 ließ sich Bischof Rupert von Worms in den Ruinen des römischen Juvavum nieder. Aus dieser Besiedlung sollte sich Salzburg entwickeln. 739 wurde Salzburg Bischofssitz und 798 Erzbistum. Das Erzbistum Salzburg expandierte und wurde zu einem selbstständigen geistlichen Fürstentum. Erst nach dem Wiener Kongress 1815 wurde es Teil von Österreich.

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Doch zurück ins Mittelalter:

 

In Zentraleuropa haben sich die Franken etabliert. Durch ihre Expansionspolitik stoßen sie bald an die Grenzen des Awarenreiches im Osten. Die awarischen Reitervölker waren aus dem östlichen Zentralasien bis nach Pannonien vorgedrungen, also in Gebiete des heutigen Österreichs.

Karl der Große (reg. 768 bis 814) zerstörte nach 800 n. Chr. schließlich das Awarenreich.

Fast hundert Jahre später fällt ein weiteres erstarkendes Reitervolk aus dem Osten Europas in das Gebiet des heutigen Österreichs ein: die Magyaren (später: Ungarn).

Aus dieser Zeit stammt auch die erste erhaltene schriftliche Nennung Wiens. In den Salzburger Annalen wird die Schlacht „ad Veniam“ im Jahr 881 zwischen Franken und Magyaren erwähnt.

Die Magyaren waren sehr erfolgreich und konnten große Gebietsgewinnen erzielen. Das ostfränkische Heer zog sich an die Ennsgrenze zurück.

Erst im Jahr 955 wurden die Magyaren von Kaiser Otto I., dem ersten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, in der Schlacht auf dem Lechfeld entscheidend geschlagen. Nach dieser Schlacht wurden die Magyaren langsam sesshaft, führten keine weiteren Überfälle auf das Gebiet aus und somit konnte die Mark (= Grenzgebiet) im Osten langsam wiedererrichtet werden.

 

Die „marchia orientalis“ gehörte in dieser Zeit zum Herzogtum Bayern. Doch als der bayrische Herzog Heinrich II. „der Zänker“ sich gegen seinen Vetter, König Otto II., auflehnte, wurde Heinrich bestraft:

  1. Kärnten wurde von Bayern getrennt und somit entsteht das erste eigenständige Herzogtum Österreichs. Es wurde von den Dynastien der Eppensteiner, Spanheimer und Meinhardiner regiert. Als die Meinhardiner ausstarben, gelangte das Herzogtum Kärnten 1335 an Österreich.
  2. Der Gefolgsmann Heinrichs, der die „marchia orientalis“ verwaltet hatte, wurde abgesetzt und durch einen Gefolgsmann Ottos II. ersetzt: dem Babenberger Luitpold I. (auch Leopold I.). Das Jahr 976 wird als Geburtsjahr Österreichs gesehen.

Die Babenberger sollten das österreichische Gebiet von nun an 270 Jahre lang beherrschen.

Tipp: im Museum des Stiftes Klosterneuburg kann man den Babenberger-Stammbaum sehen. Er zeigt in der zentralen Tafel die männlichen und an den zwei seitlichen Tafeln die weiblichen Babenberger. Bei den Männern findet sich auch immer eine bildliche Szene, die ein wichtiges Ereignis aus deren Leben zeigt.

 

Markgraf Luitpold I. wählte seinen Sitz in Melk. Er und seine Söhne Heinrich und Adalbert erweiterten das Gebiet nach Osten, von Melk bis zur Leithagrenze.

996 erfolgt die erste urkundliche Nennung Österreichs als „Ostarrîchi“. In der „Ostarrîchi -Urkunde“, die sich heute im Bayerisches Hauptstaatsarchiv München befindet, übergibt Kaiser Otto III. dem Freisinger Bischof Gottschalk Gebiete, die in einer Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi genannt wird („in regione vulgari vocabulo Ostarrîchi dicitur“, gelegen waren.

Um 1012 soll sich die legendenhafte Geschichte vom Heiligen Koloman zugetragen haben: Koloman war ein irischer Pilger, der verdächtigt wurde, ein Spion zu sein, weil er die Landessprache nicht sprach. Man erhängte ihn bei Stockerau an einem Holunderbusch. Da der Leichnam nicht verweste, glaubte man an ein Wunder und brachte die Gebeine Kolomans nach Melk. Von 1244-1663 war er Schutzpatron von Österreich ob und unter der Enns, obwohl er nie heiliggesprochen worden war. In Melk ist sein Unterkiefer in die prunkvolle Kolomanimonstranz eingearbeitet, am 13. Oktober wird Kolomanitag gefeiert und im Stephansdom befindet sich ein Stein, auf den das Blut Kolomans getropft sein soll – wenn man diesen berührt, soll das Glück bringen. Das haben sich wohl schon viele erhofft, denn der Stein weist einen Handabdruck auf.

Statue Leopold III., Klosterneuburg, ©coboflupi

Markgraf Ernst, der Sohn Adalberts, ließ das Waldviertel durch seine Gefolgsleute, die Kuenringer, kolonisieren. Darauf sind z.B. die Ortschaften Zwettl und Dürnstein zurückzuführen. In seine Zeit fällt auch der Beginn des Investiturstreits (1076-1122):

Der Investiturstreit war ein Konflikt zwischen Kaiser und Papst – es ging darum wer höhere Macht besitzt und wer Bischöfe einsetzen darf. Der Streit wurde außerdem vom Konflikt zwischen den Dynastien der Salier und Staufer (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches) mit den Welfen (Herzöge von Bayern) getragen.

Der Sohn von Markgraf Ernst, Leopold II., war ein Anhänger des Papstes Gregor VII. Er stellte sich 1082 in der Schlacht bei Mailberg dem böhmischen Herzog Vratislav II., dem Verbündeten des Kaisers Heinrich IV. entgegen. Zu diesem Zweck wurde die älteste Burganlage Österreichs ausgebaut: Gars am Kamp. Markgraf Leopold II. verlor die Schlacht; trotzdem durfte er seine Markgrafschaft als Lehen behalten.

Dessen Sohn Leopold III. steht ebenfalls auf der Seite des Papstes. Inzwischen regiert der Sohn von Heinrich IV. im Heiligen Römischen Reich: Heinrich V. Dessen Schwester Agnes ist mit Leopold III. verheiratet. Somit kommt Leopold III. eine Vermittlerrolle zu und der Einfluss der Babenberger wächst. Da die Salierin Agnes in erster Ehe mit einem Staufer verheiratet war (sie wird die Großmutter von Friedrich Barbarossa sein), sind die Babenberger nun sowohl mit den Saliern als auch mit den Staufern verwandt: ein großer Prestigegewinn.

 

Markgraf Leopold III. gründet Klosterneuburg, welches nun Regierungssitz der Babenberger wird.

Die Gründungslegende besagt, dass Markgraf Leopold III. mit seiner Braut Agnes von Waiblingen auf dem Kahlenberg (oder Leopoldsberg) bei Wien stand, als plötzlich ein Windstoß Agnes‘ Brautschleier mit sich riss. Neun Jahre später fand Leopold auf der Jagd den Schleier tatsächlich wieder: er hatte sich in einem Holunderstrauch verfangen.

Leopold, der dies als göttliches Zeichen ansah, stiftete an diesem Ort ein Kloster, dessen Grundsteinlegung am 12. Juni 1114 erfolgte. Der Altar der Kirche sollte genau über dem Holunderstrauch entstehen.

Der hauchdünne Schleier wird in der Schatzkammer des Klosters aufbewahrt. Untersuchungen zeigten, dass er tatsächlich aus dem beginnenden 12. Jahrhundert stammt und wohl für eine reiche Dame gefertigt worden war.

Agnes-Statue am Eingang des Stiftes Klosterneuburg, ©coboflupi

Diese Sage ist allerdings nur eine schöne Legende, denn das Stift existierte bereits 1108. Trotzdem wird sie immer gerne erzählt und im heutigen Augustiner Chorherren Stift Klosterneuburg kann man dem Gründungsmythos immer wieder bildlich begegnen.

 

Leopold III. und Agnes hatten 18 gemeinsame Kinder. Ihr Sohn Otto war Geschichtsschreiber und Bischof von Freising. Er legte seinem Vater nahe, den Zisterzienserorden nach Österreich zu bringen. Im Auftrag Leopolds gründeten die Zisterzienser das Stift Heiligenkreuz in Niederösterreich.

Leopold III. wurde im Jahr 1485 unter Kaiser Friedrich III. heiliggesprochen. 1663 löst er Koloman als Landespatron von Niederösterreich ab.

Sein Sohn Leopold IV. sollte der erste Herzog unter den Babenbergern werden:

Der Streit zwischen Welfen und Staufern führte dazu, dass der bayrische Herzog Heinrich der Stolze 1138 Bayern verliert. Der Kaiser übergibt das Herzogtum an den Babenberger Leopold IV. (wie wir bereits erwähnt haben, sind die Babenberger nun mit dem Kaiserhaus verwandt). Somit wird Markgraf Leopold IV. zum Herzog von Bayern.

Die Bayern nehmen dies allerdings nicht freudig hin – Leopold IV. muss die Hauptstadt Regensburg erobern (diese Szene wird am Babenberger Stammbaum dargestellt).

In seine Zeit fällt auch der Tauschvertrag von Mautern (1137), der den Baubeginn des Stephansdoms zur Folge hat. 1147 wird der erste Kirchenbau geweiht, doch es sollte noch eine jahrhundertelange Erweiterungsphase folgen, bis der Dom abgeschlossen wird.

 

1156 kommt es zur Aussöhnung von Welfen und Staufern. Kaiser Friedrich Barbarossa gibt Heinrich dem Löwen das bayrische Herzogtum seines Vaters wieder zurück. Doch die Babenberger werden für ihre treuen Dienste entlohnt, indem sie nun ihr eigenes Herzogtum bekommen:

Österreich wird aus dem Herzogtum Bayern gelöst und durch das „Privilegium minus“ zum eigenständigen Herzogtum erhoben.

 

Dieses Dokument gab Österreich und seinen Herzögen viele Privilegien:

  1. Erhebung zum Herzogtum.
  2. Weitervererbung auch in weiblicher Linie
  3. „libertas affectandi“: das Recht, im Falle des kinderlosen Todes des Herzogspaares, sich selbst einen Nachfolger für das Herzogtum auszusuchen
  4. Beschränkung der Hoffahrt und der Heerespflicht: der Herzog musste nur bei kaiserlichen Hoftagen anwesend sein, die im Herzogtum Bayern oder Österreich stattfanden; Heeresfolge wurde nur noch für die angrenzenden Länder verlangt.

Das „Privilegium minus“ gibt es heute nicht mehr. Warum dies so ist, werden wir in den Folgekapiteln erfahren.

 

Mit der Erhebung zum Herzogtum beginnt die Geschichte des eigenständigen Österreich, dem wir uns im nächsten Kapitel zuwenden werden.

 

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