Instrumentenbauer-Familie Lot

von Anja Weinberger

Die Instrumentenbauer-Familie Lot –  französischer Flötenbau auf höchstem Niveau und mit einer langen Tradition

Bis heute sprechen Flötisten bei bestimmten Flöten vom „french model“, also dem „französischen System“. Woher kommt das eigentlich? Hat denn nicht Theobald Böhm, ein Deutscher, die Flöte revolutioniert und zu dem gemacht, worauf wir heute alle spielen? Ja, auf jeden Fall. Aber auch ein französischer Flötenbauer war involviert, als es darum ging, die heute auf der ganzen Welt verbreitete Flöte weiter zu perfektionieren. Gemeint ist mit „french model“ eine Böhmflöte mit spezifischen Merkmalen, die v.a. in der französischsprachigen Welt bevorzugt wurde. Wie kam das? Lesen Sie selbst.

 

Wir beginnen am Anfang…

 

Die moderne Forschung geht davon aus, dass ein Querpfeifer der Grande Écurie am Hofe des französischen Königs Ludwig XIV. (1638 – 1715) zum ersten Mal eine Traversière mit einer Klappe benützt hat.

Die seitdem andauernde Tradition des französischen Flötenbaus ist nicht vorstellbar ohne die Verdienste der recht weit verzweigten Familie Hotteterre. Schon im frühen 17. Jahrhundert taucht jener Name in diesem Zusammenhang in der Normandie, also im Norden des heutigen Frankreichs, auf. Die Familie stand in Diensten des Königshofes und ihre Mitglieder hatten  einen außerordentlichen Ruf als Komponisten, als  Virtuosen und auch als Instrumentenbauer. Die Verfeinerung und Verbesserung der damaligen Flûte traversière ist recht gut an so manchem erhaltenen Instrument nachvollziehbar. Die damaligen Flöten waren ganz aus Holz, hatten wie gesagt höchstens eine Klappe  und waren umgekehrt konisch gebohrt. Sie hatten einen verhältnismäßig kräftigen Ton, der von der weiten Bohrung und der Wandstärke herrührte.

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Den Söhne der Familie Hotteterre wurden über mehrere Generationen hinweg immer wieder die gleichen Namen gegeben, so dass es für uns nicht ganz einfach ist, die vielen Jeans, Martins, Jaques, Louis‘ und Nicolas‘ auseinanderzuhalten. Vermutlich war das auch der Grund, warum der bis heute berühmteste der Hotteterres – Jacques Martin Hotteterre (1674 – 1763) – sich den Beinamen „Le Romain“, also „der Römer“ gab.  

Übrigens wissen wir noch gar nicht  lange, dass er sich so genannt hatte, weil er tatsächlich von 1698 bis 1700 als „maestro delli flauti“ bei Prinz Ruspoli in Rom angestellt war. Bis vor kurzem ging die Forschung nämlich noch davon aus, dass er das tat, weil er schlicht und einfach den damals recht modernen italienischen Stil bevorzugte. 1707 publizierte er dann sein Lehrwerk „Principes de la flûte“, das somit beinahe 50 Jahre vor Quantz‘ „Versuch einer Anweisung die Flute traversiere zu spielen“ entstand und diesem vielleicht den weiteren Weg wies. Hotteterre beschreibt darin v.a. die unterschiedlichen Griffe, geht auf Schwierigkeiten beim Trillern ein  und erläutert den Zungenschlag. Für uns heutige Musiker sind Hotteterres Principes aber weit weniger interessant, als Quantz‘ Anweisung. Denn Hotteterre beschränkt sich beinahe ausschließlich auf technische Anweisungen, die mit der baulichen Veränderung der Flöte im Laufe der folgenden Jahre für den Flötisten einfach nicht mehr zutreffend sind. In der 2. Hälfte des kleinen Bändchens beschäftigt er sich mit der Blockflöte und der Oboe, vermutlich um eine größere Leserschaft zu erreichen.

1708 erschien dann seine Sammlung „Pièces pour la flûte traversière“. Diese Stücke waren erst die zweiten tatsächlich für das Instrument Querflöte komponierten Werke, und im Gegensatz zu seiner Schule kennt sie vermutlich jeder Flötist.  Nur wenige Jahre zuvor hatte Michel de la Barre eine ähnliche Sammlung herausgegeben, ohne aber andere Komponisten damit zu inspirieren. Hotteterres Stücke jedoch gewannen die Gunst der Öffentlichkeit und waren ein erster Schritt in Richtung einer vergrößerten und autarken Literatur für Flöte.

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Im selben Jahr – nämlich 1708 – wurde Thomas Lot geboren. Sein Geburtsort La Couture liegt nicht weit der königlichen Schlösser Versailles und Anet. Ungefähr 1722 trat er seine Lehre in der damals sehr berühmten Naust-Flötenbau-Werkstatt in Paris an. 1734 heiratet er die Witwe von Antoine Delerablée, Jeanne, eine geborene Naust: Nun war er Teilhaber und nannte sich von da an „Maître faiseur“. Die allgemeine Achtung, die er genoss, konnte auch abgelesen werden an der Zusammensetzung der Hochzeitsgesellschaft: Michel Blavet, Joseph Boismortier, Philippe Chédeville und einige Hotteterres, mit denen die Familie Lot verschwägert war, sowie viele andere Pariser Instrumentenbauer.

 

Berühmte Flötenvirtuosen der Zeit gaben Instrumente in Auftrag. Z.B. war das Johann Baptist Wendling, der erste Flötist des Mannheimer Hoforchesters. Mit Mozart befreundet, komponierte dieser für ihn ein Flötenkonzert, das heute leider verloren ist. Wendling unterrichtete Karl Theodor von der Pfalz und folgte diesem 1778 dann nach München. Oder Jaques-Christophe Naudot, führender Flötist, Komponist und Lehrer der zweiten Flötisten-Generation, die sich in Frankreich als Folge der Entwicklung der einklappigen Flöte herausgebildet hatte.

 

Die Instrumente von Thomas Lot stehen entwicklungsgeschichtlich zwischen dem einklappigen Hotteterre-Instrument und der vierklappigen Traversflöte. Die meisten der von ihm gebauten Instrumente gehörten dem vierteiligen Flötentyp an und wurden mit mehreren austauschbaren Mittelstücken verkauft. 1787 starb Thomas Lot als wohlhabender und angesehener Mann.

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Auch in der Familie Lot wurde der Beruf „Flötenbauer“ weitergegeben und so erblickte 1807 in La Couture Louis Lot das Licht der Welt. Sein Vater infizierte ihn vermutlich mit dem Instrumentenbauvirus.

Über seine frühen Jahre wissen wir nichts. Aber ab 1827  taucht sein Name in der Werkstatt von Clair Godfroy in Paris auf. 1833 heiratete er Caroline Godfroy, die Tochter des Meisters und gemeinsam mit seinem Schwager Vincent Hippolyt Godfroy erwarb er das französische Böhmflötenpatent. 1855 trennten sich die beiden und Louis Lot eröffnete seine eigene Werkstatt.

Nun begann das, was ihn bis in unsere Zeit hinein berühmt gemacht hat. Denn Louis Lot war ein Meister der Metallbearbeitung, ein begabter Flötenbauer und stets aufgeschlossen für neue, revolutionäre Ideen.  Er konnte mit jedem  Material umgehen und baute Flöten nach allen drei damals vorherrschenden Systemen (altes System, Boehmsches Ringklappensystem mit konischer Bohrung, Zylinderflöten nach Boehm). Seine Kunden verehrten ihn vor allem deshalb, weil er ein Meister der Materialbehandlung und –gestaltung war. Die Harmonie aller klangbestimmenden Faktoren, also der Bau des Kopfstückes, die Größe der Tonlöcher, die Wahl des Materials für die Polsterung, die Wandstärke und Beschaffenheit  des Rohres ließ seine Instrumente zu kleinen Wunderwerken werden, die Flötisten bis heute bestaunen.

V.a. die Flöten nach dem neuesten zylindrischen Böhmsystem wurden von Louis Lot noch weiter verbessert. Die folgenreichste Veränderung entstand, als er 5 der großen Klappen der Böhmflöte perforierte. Die so entstandenen Löcher müssen von nun an wieder direkt mit den Fingern – zwei links und drei rechts – abgedeckt werden. Das Spielgefühl wurde dadurch direkter und der Luftstrom kann besser wahrgenommen werden. Auch manche mechanischen Stolperstellen hat er noch geglättet. Erst damit ist die Böhmflöte von heute entstanden, die von Profimusikern auf der ganzen Welt gespielt wird.

 

Theobald Böhm ließ sich übrigens für seine eigene Werkstatt von Lot fertig gebohrte Holzrohre liefern. Die Qualität überzeugte und Böhm konnte sich auf die Mechanik konzentrieren und den großen Berg an Bestellungen abarbeiten. Die großen Flötisten der Zeit besuchten die Werkstatt Louis Lots. Das waren Dorus, Altès, Demersseman, Taffanel, LeRoy, Gaubert – also das who-is-who der  französischen Flötenwelt. Ab 1860 wurde dann das Conservatoire de Paris regelmäßiger Kunde, denn die Gewinner des jährlichen Wettbewerbes erhielten eine Lot-Flöte.

Und selbst der große französische Flötist Jean-Pierre Rampal (1922 – 2000), einer der bedeutendsten Flötisten des 20. Jahrhunderts, spielte noch eine goldene original Louis-Lot-Flöte mit der Nr.1375, die 1869 gebaut wurde (im folgenden Link spielt Rampal auf seiner Lot-Flöte eine Incantation von Jolivet).

 

Böhmflöten aus der Louis-Lot-Werkstatt sind bis heute legendär.

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Heute, also im 21. Jahrhundert, ist der Flötenbau internationalisiert. Die meisten Flöten sind eine Mischung aus der ursprünglichen Böhmmechanik und dem „french model“. Die meisten Profimusiker spielen Flöten mit perforierten Klappen, für die sich heute – genau genommen fälschlicherweise – der Name Ringklappen durchgesetzt hat.

Der moderne Orchesterklang fordert Instrumente mit großem und tragfähigem Ton. Jedoch findet auch eine Art Rückbesinnung statt auf Klangideale früherer Epochen. Einerseits werden wieder Holzflöten gespielt – natürlich mit Böhmmechanik – und andererseits hat der moderne Flötenbau spektakuläre Neuansätze zu bieten. Das wäre aber einen eigenen Artikel wert.

Und obwohl der Anteil der komplett in Handarbeit erstellten Flöten nur noch sehr niedrig ist, gibt es eine große Anzahl kleinerer Werkstätten in Deutschland und Frankreich, die sich trotz der Masse der maschinell hergestellten Instrumente v.a. aus Amerika, Japan und China mit ihrem guten Namen und überzeugendster Qualität auf dem Weltmarkt halten können.

Verwendete Literatur:

Scheck, Gustav: Die Flöte und ihre Musik, Leipzig 1981
Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009
Mgg online

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