Die Londoner Weltausstellung von 1851

 

von Stephanie Knott

Die Londoner Welt-ausstellung von 1851

 

von Stephanie Knott

T. Picken, Südansicht des Crystal Palace von Westen, 1851, farbige Lithographie, London, © Victoria & Albert Museu; Quelle: https://collections.vam.ac.uk/item/O85220/view-of-the-south-side-print-brannan-phillip/

Die Londoner Weltausstellung von 1851 – Eine Märchenszene im Kristallpalast

Die Entstehungsgeschichte

Francis Whishaw (1804-1856), Sekretär der zuständigen Society of Arts, startete in den Jahren 1844/45 erste Versuche, innerhalb der britischen Gesellschaft Unterstützung für eine Grand Annual Exhibition of Manufactures zu finden und unterbreitete dem Präsidenten der Society of Arts, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (1819-1861), seinen Vorschlag. Allerdings zeigten sich der Prinz wie auch die Industrie zunächst wenig begeistert, da man keine Aussicht auf Profite und die Industrie ihre vorteilhafte Stellung gegenüber der internationalen Konkurrenz gefährdet sah. Nachdem ein weiterer Vorschlag scheiterte entwickelten John Scott Russell (1808-1882) und Henry Cole (1808-1882) einen Plan für eine Nationalausstellung, die alle fünf Jahre stattfinden sollte, woraufhin Prinz Albert zunächst wieder wenig Enthusiasmus entwickelte.

Dies änderte sich jedoch nachdem das Board of Trade die Genehmigung erteilte und sich nun auch der Prinz begeistert von der Idee einer Ausstellung von national-kulturell wertvollen Gütern zeigte, da England dem Vorbild Deutschlands und Frankreichs folgen und  Wissenschaft wie Industrie stärker fördern sollte1 und er sich persönlich mit modernen, innovativen großbürgerlichen Projekten schmücken konnte. Nun wurde das Jahr 1851 für die Ausstellung, sowie der Fünf-Jahres-Rhythmus festgelegt, wobei erst in einer Konferenz im Buckingham Palace der internationale Charakter der Ausstellung, die Räumlichkeiten und die Organisation besprochen wurde. Trotz des offiziell staatlichen Auftrages konnte die Kommission nicht auf staatliche Finanzierung hoffen. Um die Umsetzung der Weltausstellung möglich zu machen, erfolgte daher die Aufnahme eines Kredites auf dem privaten Finanzmarkt.

Foto-Porträt von John Scott Russell, CC0 Unknown Author; Quelle: Wikipedia

Lock & Whitfield, Porträt von Henry Cole, CC0 PD; Quelle: Wikipedia

Maull & Co London, Foto-Porträt von Sir Joseph Paxton, um 1860, CC0 Maull & Co., London; Quelle: Wikipedia

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Der „attraktivste Freiluftplatz in London“: Der Crystal Palace im Hyde Park

Nun war zwar die Finanzierung geklärt, jedoch war man sich noch nicht einig darüber, wo genau die Weltausstellung überhaupt stattfinden und in welchem Bau sie untergebracht werden sollte. Diesem Problem sollte sich das sogenannte Building Committee widmen. Da der Hyde Park in London der „attraktivster Freiluftplatz war und die nahe Rotten Row zu den wichtigsten Flaniermeilen der höheren Gesellschaftsschichten gehörte“2, einigte man sich rasch auf jene zentrale Grünfläche. Jedoch wurden durch die dortige Wald- und Forstbehörde zahlreiche Bedingungen an eine Nutzung des Geländes geknüpft.

Nach langen Verhandlungen einigte man sich auf folgendes Konzept: Das perfekte Ausstellungsgebäude musste möglichst schnell und kostengünstig erbaut werden können. Zudem durfte es nur vorübergehend an Ort und Stelle stehen, sollte also idealerweise an einem anderen Ort wiederaufgebaut werden können. Trotz dieser schwierigen Anforderungen, musste eine optimale Darbietung der zur schaugestellten Objekte, sowie ansprechende Laufwege für die Besucher gewährleistet werden. Ein Wettbewerb sollte einen Entwurf hervorbringen, jedoch konnte keiner von den über zweihundert Vorschlägen recht überzeugen. Zudem regte sich in der Londoner Öffentlichkeit zunehmender Widerstand gegen das Projekt aus Sorge um die dauerhafte Erhaltung des Parks und seinen alten Baumbestand. Dadurch wurde jedoch das Interesse des Gartenarchitekten Joseph Paxton (1803-1865) an dem geweckt, welcher nun, inspiriert von den aus Glas und Eisen bestehenden Gewächshäusern, einen eigenen Entwurf für den Ausstellungsbau ausarbeitete.

Sein Entwurf wurde einstimmig vom Building Committee angenommen, zumal sich das Gebäude durch die elegante und transparente Gestaltung harmonisch in das Gelände des Hyde Park einfügen würde. Das Gebäudes bestand weitestgehend aus vereinheitlichten und im Voraus massengefertigten Einzelteilen, die dem Baukastenprinzip folgend direkt im Hyde Park in kürzester Zeit zusammengesetzt und nach dem Ende der Great Exhibition an einem anderen Ort in wieder aufgebaut werden konnten, wodurch die Aufbau- und Herstellungskosten stark sanken. Da die verwendeten Materialien zudem sehr leicht ausfielen, konnten andernfalls nötige Fundamentierungen eingespart und somit das Gelände des Hyde Park weiter geschont und durch die tonnengewölbte Überdachung ein Großteil des ursprünglichen Baumbestandes erhalten werden.

Die etwas triste Innenraumgestaltung brach man durch eine Bemalung der tragenden Stützen in den drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau auf. Die in den Innenräumen verbliebenen Bäume und die aufgestellten Springbrunnenanlagen aus Glas verhalfen zu einem „märchenhaften Eindruck der Ausstellung, der sich gleich zu Anfang in der romantisierenden Bezeichnung Kristallpalast niederschlug.“3 Allerdings gab es auch Kritik an dem Bau: John Ruskin (1819-1900) beschwerte sich darüber, dass jenes Eisen-Glas-Skelett im Hyde Park den Blick auf die Norwood Hills behinderte und 1852 bezeichnete Gottfried Semper (1803-1879) das Gebäude als ein glasüberdecktes Vakuum, welches sich allem anpassen würde, was man in ihm unterbringen würde. Die technische Leistung dagegen wurde von jedem Kritiker bewundernd anerkannt. Der Bau fand während der zweiten Hälfte des 19. Jh. weltweit zahlreiche Nachahmer, so zum Beispiel als Ausstellungsgebäude in Dublin, New York oder München. Der Crystal Palace von Joseph Paxton war der erste Bau des 19. Jh., der völlig unabhängig vom tradierten Formenvokabular eine eigene architektonische Sprache entwickelte und deshalb vollkommen zu Recht als Meilenstein der Architekturgeschichte gilt.

David Bogue u. George Cruikshank, Die Eröffnung der Great Exhibition, 1851, Handkolorierter Stich, © Victoria & Albert Museum; Quelle: https://collections.vam.ac.uk/item/O85069/the-opening-of-the-great-print-cruikshank-george/

Schnell bildeten sich daher große Protestbewegungen gegen den Abbruch des Palastes, weshalb das Parlament entschied, ihn zumindest bis zum Mai des Jahres 1852 weiterhin im Hyde Park zu belassen. Tatsächlich wurde er innerhalb von zwei Jahren in Sydenham, obgleich leicht modifiziert, wieder aufgebaut und diente dort als vielbesuchter Erholungsort, bis er schließlich 1936 bei einem Großbrand zerstört wurde.

Charles Burton, Vogelperspektive auf den Crystal Palace vom Kensington Park aus, 1851, Druck, © Victoria & Albert Museum; Quelle: https://collections.vam.ac.uk/item/O25350/aeronautic-view-of-the-great-print-burton-charles/?carousel-image=2006AU4865

Die Great Exhibition als ganzheitliches Tourismus-Event

Nun war zwar ein Ausstellungsgebäude vorhanden, jedoch war man sich noch uneins, wie die Ausstellung überhaupt gestaltet werden sollte. Streitpunkt war vor allem die Aufteilung der einzelnen Objekte in Kategorien. Zunächst einigte man sich auf vier übergeordneten Hauptkategorien (Rohstoffe, Maschinen, Manufakturwaren, Kunst) mit mehreren Unterkategorien, welche „den Weg der Industrialisierung von der Basis des Rohmaterials über die technische Vermittlung hin zum Endprodukt“5 hätten aufzeigen können, „gekrönt und aufgehoben im plastischen Kunstwerk als dem höchsten Ergebnis des menschlichen Schaffensprozesses.“6

Jedoch musste diese Aufteilung zugunsten eines Programmes, dass stärker die Herstellernationen in den Fokus rückte, aufgeben werden. Die Westseite des Crystal Palace widmete sich daher Großbritannien und seinen zugehörigen Kolonien und die östliche Hälfte war den verbleibenden Nationen vorbehalten. Diese Aufteilung zeigt deutlich, wie sehr sich Großbritannien seiner Vormachtstellung innerhalb der Weltindustrie bewusst war und nun mit der Organisation der Great Exhibition diese Stellung eindrucksvoll zur Schau stellen wollte. Jedoch galten weiterhin Unterkategorien, innerhalb derer die Ausstellungsländer ihre Waren präsentieren konnten. Das Fundament der nun beschlossene Einteilung stellten die Rohmaterialien (Raw Materials) dar, welche zum einen den Beginn jeglicher Produktionskette, zum anderen die Grundlage der Vormacht der britischen Industrie repräsentierten. Die Gruppe der Maschinen (Machinery) umfasste alle Geräte und Anlagen, die innerhalb der Produktionskette zum Einsatz kamen.

Die mit Abstand am besten vertretene Kategorie war die der Manufakturwaren (Manufactures), welche vor allem „die neuen Produktionsmöglichkeiten der mechanischen Herstellung von Waren mit einer geschmackvollen Gestaltung der Produkte“7 bewarben. Die Kategorie der Schönen Künste (Fine Arts) beinhaltete überwiegend plastische Werke, da auch in dieser Gruppe der Fokus auf der industriellen Produktion und deren Endergebnissen lag. Dabei galt die Kunst jedoch als das ideale Endstadium eines jeden produzierten Objektes. Insgesamt nahmen 94 Länder und Staaten an der Great Exhibition teil, wobei Großbritannien und seine Kolonien mit circa 8.500 Ausstellern fast genauso viele Teilnehmer wie sämtliche Aussteller aus dem Ausland stellten. Damit waren auf der Great Exhibition etwa dreimal mehr Ländern beteiligt, als es bei den bis dahin durchgeführten Industrie- und Gewerbeausstellungen der Fall war.

Um diese große Ausstellung bereits im Voraus gebührend zu zelebrieren, fand am 9. November 1850 ein feierlicher Zug durch die Innenstadt Londons statt.

„Daß die Eröffnung der Weltausstellung im Crystal Palace selbst, inmitten seiner Bäume, Palmen, tropischen Gewächse und Springbrunnen stattfand, gab den Feierlichkeiten zusätzlich den Charakter des Zauberischen, einer fairy scene, wie Queen Victoria zutreffend bemerkte.“

Dickinson Bros., Stand der Sheffield Hardware, 1851, Kolorierte Lithographie, © Victoria & Albert Museum; Quelle: https://collections.vam.ac.uk/item/O25350/aeronautic-view-of-the-great-print-burton-charles/?carousel-image=2006AU4865

Allerdings bot die Great Exhibition viel mehr, als lediglich die Ausstellung selbst. So wurden u.a. für die Touristen zahlreiche Souvenirstände aufgebaut und auf der gegenüberliegenden Seite des Crystal Palace verwöhnte ein Gourmetrestaurant mit exotisch ausgestatteten Räumlichkeiten und einem vielseitigen Unterhaltungsprogramm die Besucher. Um auch der schlechter verdienenden Arbeiterschicht den Besuch der Ausstellung zu ermöglichen, so zu deren Bildung beizutragen und Aufstände zu vermeiden, führte man vergünstigte Eisenbahn- und Eintrittspreise ein. Für die besser Betuchten konnten bereits vorab organisierte Reisen zur Weltausstellung gebucht werden und ein umfangreiches Angebot an Berichten und Statistiken informierten den interessierten Tourist auch nach dem Besuch.

Damit begründete die Londoner Weltausstellung den Massentourismus und setzte neue Maßstäbe im Umgang mit derart großen Besucherströmen und der Organisation einer solchen Veranstaltung. Mit der feierlichen Preisverleihung fand die Weltausstellung ihren krönenden Abschluss. Dem industriellen Stand entsprechend ging Großbritannien als großer Sieger des Wettbewerbs hervor; sie führten in drei der Kategorien. Frankreich erreichte, vor allem aufgrund ihrer qualitätsvoll verarbeiteten Luxusartikel den zweiten Platz. Zusammengefasst lässt sich sagen, dass jener Nationenvergleich einen durchaus realistischen Überblick zu dem jeweiligen Entwicklungsstand der Herstellernationen und deren Verhältnis zueinander lieferte

Wiliam Simpson, Souvenierstände im Britischen Flügel, 1851, Kolorierte Lithographie, © Victoria & Albert Museum; Quelle: https://collections.vam.ac.uk/item/O85076/the-british-department-viewed-towards-print-mcneven-j/?carousel-image=2006AG1697

Aufgrund des internationalen Charakters der Londoner Weltausstellung sah man deren Aufgabe vor allem darin, im Sinne eines Friedensfestes als Vermittler zwischen den einzelnen Nationen zu fungieren. In diesem Zusammenhang wurde auch immer wieder die „Notwendigkeit einer sozialen Integration der Arbeiterklasse“8 und damit einhergehend eine „Milderung der Klassengegensätze“9 gefordert. Denn innerhalb der Ausstellung zeigte sich der starke Kontrast zwischen den zur Schau gestellten Luxuswaren und dem Arbeiter als Produzent jenes Luxus, der sich aber von eben diesem Reichtum ausgeklammert, und stattdessen dafür ausgebeutet sah. Daher wurden im Anschluss die Stimmen in der Londoner Gesellschaft immer lauter, mehr öffentlich zugängliche Museen einzurichten, um so die Bildung der Bevölkerung weiterhin zu fördern.

Um dieser Forderung nachzukommen, bildete man aus den Ausstellungsobjekten der Londoner Weltausstellung, vor allem der ersten beiden Kategorien (Rohstoffe, Manufakturen), einen Grundstock für eine Mustersammlung, welche an verschiedene Bildungsinstitutionen und Museen als Anschauungsmaterial verliehen wurde. Diese Objektsammlung wuchs rasch an, sodass sie zum Anfangsbestand des späteren Victoria & Albert Museums in London wurde. Daraufhin gründeten sich weitere Museen mit einem gewerblich-industriellen Schwerpunkt, des weiteren Museen mit nationaler und volkskundlicher Ausrichtung sowie für Technik- und Kunstgewerbe, welche sich nun zur Aufgabe machten, die menschliche Entwicklung, egal auf welchem Gebiet, detailgetreu und anschaulich zu präsentieren.

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Verwendete Literatur und Fußnoten

Haltern, Utz: Die Londoner Weltausstellung von 1851. Ein Beitrag zur Geschichte der Bürgerlich-Industriellen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Aschaffendorff, Münster, Westfalen 1971.

Davis, John R.: The International Legacy of the Great Exhibtion, in: Franz Bosbach u. John R. Davis: Die Weltausstellung von 1851 und ihre Folgen. The Great Exhibition an its Legacy, (= Prinz-Albert-Studien Band 20), München 2002, S. 337-347.

Gieger, Etta K.: Die Londoner Weltausstellung von 1851 im Kontext der Industrialisierung in Großbritannien (= Neue Anglistik, Band 14), Essen 2007.

Tegethoff, Wolf: Architektonische Richtungskämpfe auf Weltausstellungen von 1851 bis zur Gegenwart, in: Franz Bosbach u. John R. Davis: Die Weltausstellung von 1851 und ihre Folgen. The Great Exhibition an its Legacy, (= Prinz-Albert-Studien Band 20), München 2002, S. 325-333.

1 … Vgl. Phillips 2002, S. 109.

2 … Gieger 2007, S. 78.

3 … Haltern 1971, S. 73.

4 … Haltern 1971, S. 84.

5 … Haltern 1971, S. 84.

6 … Gieger 2007, S. 100.

7 … Haltern 1971, S. 167.

8 … Haltern 1971, S. 97.

9 … Haltern 1971, S. 92.

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