Die Lotterie

von Rahel Sixta Schmitz

Die Lotterie

 

von Rahel Sixta Schmitz

Shirley Jacksons Blick auf Traditionen und Dorfgemeinschaften

Kurzbeschreibung: Auch 75 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung verliert die Kurzgeschichte Die Lotterie der US-Amerikanerin Shirley Jackson nicht an Relevanz. Eine Erzählung über Konformität, Brauchtum und Grausamkeit.

 

Das Leben in einer kleinen, ländlichen Gemeinschaft ist eigen. Alle kennen einander, der Trubel der Großstadt liegt in weiter Ferne und feste Traditionen und Festivitäten gewährleisten den Dorfzusammenhalt. Genau solchen Brauchtümern widmet sich Shirley Jacksons Kurzgeschichte Die Lotterie. Doch als die Erzählung 1948 erstmals im Magazin The New Yorker veröffentlicht wurde, folgte eine Flut hasserfüllter Briefe an die Autorin; bis heute wird das Werk immer wieder an US-amerikanischen Schulen verboten. Denn Die Lotterie ist weniger eine Erzählung über das idyllische Dorfleben als eine nachdenkliche Betrachtung von Traditionen, die nicht hinterfragt und blind befolgt werden, von dem Festhalten an ›den guten alten Zeiten‹ und von dem Zerwürfnis zwischen Individuum und Kollektiv.

 

Dabei beginnt Die Lotterie nahezu paradiesisch: »Der Morgen des 27. Juni war klar und sonnig, warm und frisch wie an einem Hochsommertag; die Blumen blühten üppig, und das Gras war saftig grün.« (S. 353) Nach und nach versammeln sich die Bürgerinnen und Bürger eines namenlosen amerikanischen Dorfs, denn heute soll die alljährliche Lotterie stattfinden. Auch Tessie Hutchinson eilt zum Dorfplatz; fast hätte sie die Feierlichkeit bei der Hausarbeit vergessen. Nachdem vom Zeremonienmeister Mr. Summers, der sämtliche Festlichkeiten des Dorfes abhält, die Anwesenheit festgestellt wird, bzw. festgelegt wird, wer diejenigen Personen, die aufgrund von Krankheit oder Alter nicht selbst erscheinen können, kann die Lotterie beginnen.

Ab diesem Punkt ändert sich der Ton der Kurzgeschichte subtil: »Die Leute hatten es schon so oft gemacht, dass sie nur mit halbem Ohr den Anweisungen zuhörten; die meisten waren still, befeuchteten sich die Lippen und sahen sich um.« (S. 359) Die Menschen sind nicht voller Vorfreude aufgeregt, sondern angespannt und nervös. Gebannt warten sie darauf, zu erfahren, wer das Los gezogen hat. Einer nach dem anderen gehen die Familienoberhäupter nach vorne und ziehen ein Papierlos aus einer alten Holzkiste. Es stellt sich heraus, dass das Los dieses Jahr auf die Hutchinson-Familie fällt. Sofort reagiert Tessie mit Panik: Ihr Ehemann habe nicht genug Zeit erhalten, um sein Los auszuwählen. Doch bei dieser Lotterie gibt es keine Ausnahmen. Sämtliche Mitglieder der Familie werden nach vorne gebeten, um nun Einzellose zu ziehen – auch der kleine Dave, der noch viel zu jung ist, um überhaupt zu verstehen, was hier vor sich geht. Das Los fällt schließlich auf Tessie. Noch bevor sie sich wehren kann, wird sie von den übrigen Dorfbewohnern zu Tode gesteinigt.

›Es hat schon immer eine Lotterie gegeben‹: Tradition um der Tradition willen

Jacksons Kurzgeschichte gleicht einem unerwarteten Schlag in die Magengrube. Unter einer Lotterie verstehen wir etwas Positives und eben das suggeriert die Erzählung zunächst auch. Ein sommerlicher Junitag; spielende Kinder; Dorfmenschen, die sich nett miteinander unterhalten. All dies lesen wir zu Beginn der Geschichte – bis der Erzählton sich zunächst zu einer unheimlichen Vorahnung und dann schließlich zu einer grausamen Erkenntnis wandelt. Durch diesen geschickten stilistischen Handgriff, der mit der unhinterfragten Erwartungshaltung der Lesenden spielt, stellt Die Lotterie die Kernthematik in den Vordergrund: Brauchtum und die blinde Akzeptanz davon.

Die Bürgerinnen und Bürger, für die während der Jahreslotterie offensichtlich ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen auf dem Spiel steht, hinterfragen diese Tradition zu keinem Zeitpunkt. Selbst die unglückliche Tessie Hutchinson stellt das Ritual nicht infrage. Zwar beklagt sie, dass ihr Mann keine faire Chance beim Ziehen des Loses gehabt hätte, doch sie kommt nicht auf den Gedanken, den Grund, warum er und die restlichen Oberhäupter überhaupt jedes Jahr einen Zettel auswählen müssen, anzuzweifeln.

Warum es die Lotterie gibt und was ihr gesellschaftlicher Nutzen ist, geht aus der Geschichte nicht hervor. Kurz vor dem Losziehen kommt das Gespräch zweier älterer Bürger darauf, dass im Nachbardorf darüber nachgedacht wird, die Lotterie abzuschaffen: »›Wenn man auf die jungen Leute hört, für die ist nichts genug. Als nächstes wollen sie womöglich wieder in Höhlen leben, keiner rührt mehr einen Finger, und so leben sie dann ’ne Weile. Früher hat’s geheißen: ‚Junilotterie, Kornernte früh.‘ Als nächstes essen wir alle wieder Vogelmiere und Eicheln. Es hat schon immer eine Lotterie gegeben‹« (S. 361). Die Dorfgemeinde hält an der Autorität des Alters fest und wehrt sich gegen Fortschritt: Die Lotterie hat es schon immer gegeben und deswegen muss sie auch ein gutes, wichtiges Ritual sein. Dass dieses Argument ein logischer Fehlschluss ist, fällt keinem der Betroffenen auf.

Besonders deutlich wird dieses Festhalten an Traditionen bei der Beschreibung der Kiste, mit deren Hilfe die Lotterie abgehalten wird:  »Das ursprüngliche Zubehör für die Lotterie war längst verlorengegangen, und die schwarze Kiste, die nun auf dem Hocker stand, war schon in Gebrauch genommen worden, bevor der alte Warner, der älteste Mann im Ort, geboren wurde. Mr. Summers hatte den Dorfbewohnern häufig nahegelegt, man solle eine neue Kiste machen, aber niemand wollte auch nur einen Teil der Tradition aufgeben, der von der Kiste verkörpert wurde. Es hieß, die jetzige Kiste bestehe aus Resten der Kiste, die ihr vorangegangen war, jener, die man gezimmert hatte, als die ersten Siedler sich hier niedergelassen und das Dorf gegründet hatten.« (S. 355) Dieses Zubehör ist Teil der Tradition und hat damit eine abergläubische Bedeutung. Die Kiste muss um jeden Preis so lange erhalten werden, wie möglich.

Doch ganz so traditionsbewusst sind die Dorfbewohnerinnen und -bewohner scheinbar aber nicht. Ihre Art, die Lotterie durchzuführen, hat sich im Laufe der Jahre durchaus geändert und ist, so könnten böse Zungen behaupten, fortschrittlicher geworden: »Weil ein großer Teil des Rituals vergessen oder abgeschafft worden war, hatte Mr. Summers es durchsetzen können, dass die Zettel die hölzernen Lose ersetzten, die viele Generationen lang benutzt worden waren. Hölzerne Lose […] hatten ihren Zweck erfüllt, solange das Dorf noch ganz klein gewesen war, aber nun, seit die Bevölkerung über dreihundert Personen zählte und aller Wahrscheinlichkeit nach weiterhin anwachsen würde, war es notwendig geworden, etwas zu benutzen, was besser in die schwarze Kiste passte.« (S. 356)

Als schließlich Mrs. Hutchinson von ihren Mitmenschen, die sie in dem Moment, da ihr Los offenbart wird, aus der Gemeinschaft ausschließen, hingerichtet wird, zeigt sich die grausame Sinnlosigkeit der Lotterie: »Obwohl die Dorfbewohner das Ritual vergessen und die ursprüngliche schwarze Kiste verloren hatten, wussten sie immer noch, dass man Steine benutzte.« (S. 365) Die Menschen haben den Zweck der Lotterie vergessen und weite Teile des Rituals kennen sie nicht mehr. Das Einzige, wo sie sich sicher sind, ist die Hinrichtungsform – doch implizit wirft die Kurzgeschichte die Frage auf, ob sie sich da wirklich so sicher sein können, oder ob auch das Steinigen der Person, die das schwarze Los zieht, eine Abwandlung der ursprünglichen Tradition ist. Am Ende spielt diese Frage jedoch keine Rolle, denn das gesamte Dorf ist ohne Zögern bereit, einen Mitmenschen rituell zu ermorden.

Shirley Jacksons Kurzgeschichte Die Lotterie hat bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren, denn die Kernthematiken spielen auch in unserer heutigen Zeit und in einem europäischen Kontext eine Rolle. Traditionen sind gut und wichtig – viel wichtiger ist es jedoch, ihren Zweck und Ursprung zu kennen.

 

Verwendete Literatur:

Jackson, Shirley (1991 [1948]): „Die Lotterie“. Übersetzt von Anna Leube und Anette Grube. In: Die Teufelsbraut. 25 dämonische Geschichten. Zürich: Diogenes, S. 353-366.

Im Leiermann-Verlag erschienen:

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