Die Musik wird Lebensinhalt

von Christine Piswanger-Richter

Die Musik wird Lebens-inhalt

von Christine Piswanger-Richter

Gegen Ende der Schulzeit habe ich mein allererstes Musikensemble gegründet. Wir waren drei junge Burschen, alle glühende Musiker. Einer von uns hatte eine dunkle Lockenpracht und gab sich als Italiener aus. Das ging durch, solange er sich nicht in ein Gespräch verwickeln ließ. Er spielte Gitarre und sang. Der zweite war Bassist und ich spielte Klavier und Hammondorgel. Im Tanzlokal »Don Quixote« in Timmendorfer Strand wurde jeden Samstag aufgespielt. Das begann am Nachmittag mit dem Tanztee und ab 20 Uhr spielte im Erdgeschoß ein Tanzorchester. Wir waren die kleine Gruppe, die im 1. Stock auftrat und schon bald auch ihre Fans hatte. Meistens waren wir bis 3 Uhr früh im Einsatz. Die Gäste gaben immer einen aus, wenn man ihr Lieblingslied spielte. Sie kamen zu uns aufs Podium und egal, welchen Titel sie wünschten – wir spielten ihn. Manchmal fragten wir nach ein paar Takten, die man uns vorsingen sollte und daraus improvisierten wir dann. Ein »tut mir leid, das kennen wir nicht« gab es nicht. Auch trinkfestere Musiker hätten diesen Job nicht lange durchgehalten. Daher hatten wir einen speziellen Deal mit den Kellnern: sie schenkten uns statt Hochprozentigem nur Cola ein, und das Geld für die Schnäpse haben wir uns geteilt. Diesen Samstagsjob habe ich gemacht, bis ich zum Studium nach Hamburg gezogen bin. Dann hatte ich keine Zeit mehr dafür, denn die Wochenenden mussten zum Üben genutzt werden, und damit war dann nicht mehr Tico, tico gemeint.

Bevor ich das Studium begann, absolvierte ich direkt nach dem Abitur ein sogenanntes studentisches Werksemester in der Nähe von Dortmund, in einem Ort namens Schwerte an der Ruhr. Das war landschaftlich sehr schön, und wir wohnten sogar in einem Schloss in Villigst, einem kleinen Landgut, das direkt am Fluss gelegen war. Das Evangelische Studienwerk gab ein Stipendium, aber einen Teil musste man selbst verdienen. Wir waren rund 30 Jugendliche und morgens ging es zur Arbeit. Die Mädchen waren in Kindergärten oder im Spital eingesetzt, die Burschen arbeiteten mehrheitlich im Stahlwerk Dortmund. Mir erließ man als einzigem Musiker in der Runde das Stahlwerk, das wäre für meine Hände auch zu gefährlich gewesen, deshalb wurde ich als Postbote eingesetzt.

In Coburg!
Aus dem Nachlass von Caspar Richter, ohne Nennung des Fotografen / der Fotografin.

In Schwerte lebten sehr viele Gastarbeiter, vor allem aus Italien, der Türkei und Griechenland, es war ja die berühmte »Wirtschaftswunderzeit«. Zu meinen Aufgaben gehörte es auch, ihnen das Gehalt auszubezahlen. Zum Monatsende hatte ich also eine Tasche voller Geld zu verteilen, und die Empfänger-Familien bedachten mich mit sehr großzügigen Trinkgeldern. Diese Funktion machte mich zum »Krösus des Werksemesters«. Wer immer von den Kollegen Geld brauchte, kam zu mir, ich war gewissermaßen die »Bank der Werkstudenten«. So bis zum frühen Nachmittag trug ich die Post – oder auch das Geld – aus, manchmal sogar zweimal am Tag und auch samstags, dann war Pause, und abends besuchten wir Seminare zu theologischen oder philosophischen Themen. (…)

Christine Piswanger-Richter im Leiermann-Verlag

Die große Biographie zu Caspar Richter!