Die Nelke

 

 

von Janin Pisarek

Die Nelke – Kulturgeschichte eines bedeutungsvollen Symbolträgers

Mit ihrer Schönheit und Langlebigkeit ist die Nelke seit jeher ein Symbol für göttliche und irdische Liebe – ob in Kunst, Literatur, Musik. Diese Bedeutung schlug sich in mündlichen Überlieferungen, Volkserzählungen und im Volksglauben nieder, wo sie oft Teil von magischen Praktiken ist. Ihr tiefer Symbolgehalt führt uns auch über die narrativen Genres hinaus, vor allem, wenn wir sie als Bedeutungsträger und Erkennungszeichen für den Widerstand in Revolutionen und Protesten der Arbeiterklasse finden.

Zur Symbolkraft der Pflanzen

Pflanzen faszinieren die Menschen nicht nur aufgrund ihrer Lebensnotwendigkeit, sondern bestechen seit jeher mit ihrer Schönheit und Symbolkraft. Seit Anbeginn der Zeit sind sie mit dem Magischen und Numinosen verbunden. So ranken sich zahlreiche Schöpfungsmythen um Blumen und Bäume.

In Volkserzählungen agieren Pflanzen oft als Mittler zwischen Welten. So zeigen botanisch oft nicht bestimmbare Pflanzen Tore zu Schätzen im Berg oder führen sinnbildlich zu dem Ungekannten und Ungeahnten – unspezifische blaue oder rote Blumen öffnen Jorinde und Joringel das Tor zur Zauberin oder ein Rosmarinstrauch in einer fränkischen Sage das Tor ins Totenreich.

Eine Rose im Winter schafft Verbindung zwischen Tierbräutigam und Erlöserin, Geschwister stehen über eine Pflanze in sympathetischer Verbindung, zwei auf Erden unglücklich Liebende sind nach dem Tod als Pflanzen vereint, so wie als Wein- und Rosenstock in Tristan und Isolde. In Volkserzählungen und besonders im Märchen dient eine Nelke als Schutz vor Bösen auf der magischen Flucht, zum Anzeigen der Heiratsfähigkeit oder die Verwandlung in eine Nelke zur Bewahrung der Unschuld. Allgemein gilt eine „wunderschöne Blume“ wie die Nelke im Volksglauben als sagenhaft, wundermächtig und mit magischen Kräften ausgestattet

Handzeichnung Janin Pisarek

Die Herkunft der Nelke

Von ihrer nahezu göttlichen Herkunft, ihrer Farbe, ihrem Aussehen oder dem betörenden Duft erzählen Mythen, Märchen, Sagen, Legenden und Lieder. Diese sogenannten Ätiologien finden sich unter diesen Erzählgattungen wie auch dem Volksglauben, wo es beispielsweise heißt: „Wer den Regenbogen sieht, soll schnell Nelken säen, dann gibt es ‚allerhandfarbige‘ Nelken.“. Eine ätiologische Legende aus der Steiermark erzählt, dass weiße „Frauentränen“ dort aus der Erde emporgestiegen sind, wo die Tränen Muttergottes auf dem Weg zur Kreuzigung ihres Sohnes zu Boden gefallen sind.

In deutschen Sagen erblühen Nelken aus dem Blut unschuldig Getöteter. So dienen selbst wachsende Blumen als gültiger Beweis für ein ungerechtes Urteil, wie die Blutnelken am Falkenstein bei Nixdorf.

Zwar spielen die Nelken in den deutschen Sagen keine wirklich hervortretende Rolle, jedoch werden hier die typischen Symboliken der Nelke verarbeitet. Besonders in legendenhaften Erzählungen wird häufig die Herkunft der „göttlichen Pflanze“ erläutert, so etwa wenn sich blutige Nägel vom Kreuze Christi in rote Nelken verwandeln oder aus den Tränen der heiligen Maria wilde Nelken entstehen. Dies ist auf die symbolische Verbindung der Nelke zum Überirdischen und Göttlichen im christlichen Sinne zurückzuführen.

Von Liebe und Gesundheit

Bis zu 600 Blumen sind in der Botanik der Pflanzengattung Dianthus zuzuordnen. Dianthus steht übersetzt für „göttliche Pflanze“ und verweist auf die durchaus positiven Eigenschaften der Nelke wie Schönheit, Haltbarkeit und den süßen Duft. Heute ist sie eine typische Muttertagsblume und Blumenläden werben mit den verschiedensten Bedeutungszuweisungen für den Kauf. Doch schon Jahrhunderte zuvor fühlten sich Künstler und Dichter von ihrem Anblick inspiriert, denn – damals wie heute – sagte eine richtige Nelke zur richtigen Zeit manchmal mehr als tausend Worte, wie in Theodor Storms (1817–1888) Gedicht „Nelken“.             

Auch im Volkslied wurde der Symbolgehalt im Kontext der Liebe deutlich, wenn es beispielsweise im seit 1534 belegten „Jungbrunnen“  heißt:         

„In meines Buhlen Garten
da stehn zwei Bäumelein,
das eine trägt Muskaten,
das andere Nägelein.“

In einem weiteren deutschen Volkslied stehen die besungenen Nelken für das Bild der Liebsten in ihrer jungfräulichen Schönheit und ihrem zurückhaltenden Liebreiz. In Liebeszaubern spielte das Nägelein, der deutsche Volksname der Nelke, eine eminente Rolle – galt Nelkenpulver doch als Aphrodisiakum und das richtige Nelkengemisch als Garant für den ersehnten Liebeserfolg. Dabei dient in den Überlieferungen der Oberbegriff „Nelke“ nicht nur für die heute beliebte Blume (Dianthus), sondern auch für die Gewürznelke (Syzygium aromaticum) – was in Volksüberlieferungen oft nicht eindeutig benannt wird.

Die aphrodisische und apotropäische Wirkung der Gewürznelken war weit bekannt. Als der französische König Ludwig IX. auf seinem Afrika-Kreuzzug in Tunis 1270 eine Nelkenart entdeckte, soll er sie in Anlehnung an die vermeintlichen Eigenschaften des bekannten Gewürzes seinen Soldaten als Mittel gegen die Ruhr, eine fiebrige Infektionskrankheit mit Entzündung des Darms, verordnet haben. Ihm selbst schien dies nichts genützt zu haben, denn er verschied noch im gleichen Jahr an ebenjener Krankheit.

In der Geschichte von Ala ed-Din Abu Esch-Schamat in der 249. bis 269. Nacht aus den Geschichten von 1001 Nacht braucht der Protagonist zur Verdickung seines Samens einen speziellen Kräutertrank aus zahlreichen Zutaten. Diese, darunter die Gewürznelke, werden zerstoßen, gekocht und mit Weihrauch in einen Becher voll Schwarzkümmel gegeben, und abschließend in griechischem Bienenhonig eingeweicht. Nach dem gemeinsamen Bettgang, empfängt die Frau schließlich das ersehnte Kind. Hierbei handelt es sich um eine Conceptio Magica, eine magische Empfängnis, denn von anderweitig durchgeführten Aktivitäten ist keine Rede.

Neben dem Kinderwunsch sind es besonders die Lebensbereiche Liebe, Ehe und Sexualität, zu denen zahlreiche magische Pflanzenpraktiken überliefert sind, die sich auch aus historischen Rezepten ablesen lassen. So gibt es nachgewiesene Ankäufe Erfurter Patrizier, welche für ein italienisches Elixier aus Galgantwurzel, Zimt, Nelken, Ingwer, Kardamom, Muskatnüssen, Pfeffer, Moschus und Ambra mit Weingeist aufgesetzt 100 Gulden pro Fläschchen zahlten, in der Hoffnung es werde „ihre Lenden kräftigen“.

Auch die Thüringer Meuselbacher Firma L. Lichtenheld bot um 1860 „Lebens-Essenzen“ und „Lebensöle“ an – Gemische aus Spiritus, Wein, Wasser und Zucker mit Zimt, Nelken, Rhabarber, Enzian, Muskatnuss oder Zitronenöl, welche als schmackhafte, völlig harmlose und gut zu verkaufende Mittel zur „Wiedergewinnung der Kräfte“ angeboten wurden und allgemeine Leistungsfähigkeit – also nicht nur speziell sexuelle – versprachen.

Die Geschichte der Nelkensymbolik

Im christlichen Kontext stand die Nelke häufig für Maria als reine Braut und übertragen als Symbol für göttliche und irdische Liebe. Bereits im Mittelalter wurde die Pflanzenwelt in der Kunst zu einem der selbstverständlichsten Bestandteile von Bildaussagen. Das spiegelt sich auch in den Gemälden von Hans Holbein dem Älteren (1465–1524) und Albrecht Dürer (1471–1528) wider, auf denen die Nelke als Symbol der Liebe, Verlöbnis und deren Schutz eingesetzt wird. Besonders die Tafelmaler des Spätmittelalters stellten vorzugsweise Kartäusernelken (Dianthus carthusianorum L.) nahe der Madonna mit Kind dar. Seit der Zeit der Kreuzzüge zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert galt die Nelke unter anderem als Liebes- und Fruchtbarkeitssymbol. Durch ihre anhaltende Seltenheit im Europa der Renaissance rückte sie Hans Holbein der Jüngere (1498–1543) beim Porträtieren des Kaufmanns Georg Giese als Symbol der Brautwerbung ins Bild.

Im 18. Jahrhundert setzte eine wahre Dianthomanie, eine regelrechte Nelkensucht, ein. Allein der Pfarrer Johann Gottfried Dressel (1751–1824) zog in Charlottenburg fünfhundert verschiedene Sorten in Töpfen. Sogenannte Nelkenisten stellten komplizierte Systeme auf, in denen penibel nach Nelkenmaß unterschieden und die verschiedenen Farbnuancen akribisch beschrieben wurden. Mit dem Einsetzen der Romantik gewannen Pflanzensymbolik und Blumensprache an Bedeutung. Als ein großer Vertreter dieser Strömung galt der Maler Philipp Otto Runge (1777–1810), der die Aussage seines 1809 geschaffenen Gemäldes „Der große Morgen“ durch den bedachten Einsatz von Pflanzen- und Farbsymbolik unterstrich. 1818 erschien in Frankreich ein Buch über die Sprache der Blumen, eine Art Lexikon der Pflanzensymbolik. Grundlagen für dieses Werk bildeten die klassische antike Literatur, die daraus erwachsene christliche Symbolik sowie wieder entdecktes, wie die Minnelieder und Liebesromane des Mittelalters. Weitere Einflüsse speisten sich aus den Berichten über einen geheimen Blumencode orientalischer Haremsdamen, der unter dem Begriff „Selam“ verbreitet wurde.

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Die Nelke wird politisch

Auch wenn Nelken nie im Maße der Tulpenmanie die Wirtschaftsgeschichte und politischen Geschicke beeinflussten, traten sie besonders in Frankreichs Historie immer wieder in politischer Symbolfunktion in Erscheinung. So steckten Mädchen ihren Burschen als Zeichen der Liebe und Verehrung für ihren Mut rote Nelken an den Hut oder Rock, wenn das französische Militär sie einberief. Denn da die Nelke auch welkend ihre Farbe behält, avancierte sie zum Symbol für treue Freundschaft bis in den Tod. In der französischen Revolution beschritten viele Adlige und Royalisten ihren Leidensgang zur Guillotine trotzig und tapfer mit einer roten Nelke im Knopfloch, was nicht zuletzt die unbedingte Treue zum Königshaus der Bourbonen darstellte.

Der große Condé, Louis II. de Bourbon (1621–1686), der erste Prinz vom Geblüt des französischen Königshauses, einer der bedeutendsten Feldherren des 17. Jahrhunderts, beschäftigte sich während seiner Gefangenschaft in der Bastille mit der Nelkenzucht. Später trugen seine Soldaten diese Blume als Zeichen ihrer Tapferkeit. Auch Napoleon Bonaparte (1769–1821) wählte später das Nelkenrot als Farbe für das Band der Ehrenlegion.

Ihr politisches Image als Arbeiterblume erhielt die Nelke 1889 auf dem internationalen Sozialistenkongress in Paris. Damals forderte man die Arbeiter aller Länder auf, am 1. Mai 1890 für ihre Rechte, damals vor allem für den Achtstundentag einzutreten. Gegen allen Widerstand der Obrigkeit – so galt beispielsweise in Deutschland noch das „Sozialistengesetz“ –  wurde dieser Tag zum Kampftag zur Mobilisierung und Solidarisierung der weltweiten Arbeiterschaft. Der spätere Reichstagspräsident Paul Löbe (1875–1967), der als 15-jähriger Lehrling den 1. Mai 1890 in Liegnitz erlebte, berichtete darüber: „Da Versammlungen verboten waren, blieb nur der gemeinsame Ausflug in benachbarte Gartenlokale übrig. Das Mitführen von Fahnen war selbstverständlich auch nicht gestattet, darum wählte man die rote Nelke im Knopfloch als Abzeichen der Gleichgesinnten.“ Noch heute zieren rote Nelken die Gräber, wie etwa Rosa Luxemburgs (1871–1919) und Karl Liebknechts (1871–1919).

Auch bei der portugiesischen Nelkenrevolution, welche der Blume sogar ihren Namen verdankt, prangte sie als politisch-symbolträchtiges Zeichen ebenso in Knopflöchern und Gewehrläufen. Am 24. April 1974 um 22:55 Uhr spielte der portugiesische Rundfunk das Liebeslied E Depois do Adeus („Und nach dem Abschied“) von Paulo de Carvalho. Für alle militärischen Einheiten, die sich zur „Bewegung der Streitkräfte“ bekannten, waren die Verse dieses portugiesischen Beitrags zum Eurovision Song Contest 1974, das vereinbarte Zeichen zum bewaffneten Aufstand. Knapp 18 Stunden später hatte die „Bewegung der Streitkräfte“ die autoritäre Diktatur des sogenannten Estado Novo, Westeuropas älteste Diktatur gestürzt und den Weg zur demokratischen Republik geebnet. Berühmt wurde die letztendlich friedliche Revolution durch die ignorierte Aufforderung der Putschisten an die Bevölkerung sich in die Häuser zu begeben und Ruhe zu bewahren. Als die Offiziere Lissabons Panzer besetzten, wurden sie vom begeisterten Volk empfangen und die Frauen steckten den Soldaten zur Begrüßung rote Nelken in die Gewehrläufe.

Ob Nelke, Dianthus oder Nägelein – diese besondere Blume hat in ihrer Geschichte zahlreiche Künstler inspiriert, Gemälde geziert, potenziellen Liebesbeziehungen den letzten nötigen Schwung verliehen oder selbst als Identifikationsmerkmal in politischen Bewegungen und gesellschaftlichen Umbrüchen gedient. Deutlich zeigt das Beispiel der Nelke die starke Symbolkraft von Pflanzen, welche Handlungen und Prozesse sie in Gang setzt und wie sich die Bedeutung einer Pflanze dem Wandel der Zeit anpasst, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden.

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