Die Penny-Universitäten
von Thomas Stiegler
Im 17. Jahrhundert begann in England eine stille Revolution. Sie fand nicht in Parlamenten oder auf den Schlachtfeldern statt, sondern in den engen, manchmal verrauchten Räumen der neuen Kaffeehäuser. Für einen Penny bekam man hier nicht nur eine Tasse des fremden, schwarzen Getränks, sondern Zugang zu Zeitungen, Nachrichten – und zu Gesprächen mit Menschen aus allen Schichten. Bald nannte man diese Orte »Penny-Universitäten«. Und tatsächlich prägten sie England auf eine Weise, die kaum zu überschätzen ist.
Von Ale und Branntwein zu Kaffee
Bis weit in die Mitte des 17. Jahrhunderts hinein trank die städtische Bevölkerung Englands kaum Wasser. Stattdessen griff man zu Ale oder starkem Branntwein – mit allen Folgen für Sitten und Gesellschaft. In einer Zeit, in der England begann, zur Weltmacht aufzusteigen, war dieser dauerhafte Alkoholkonsum ein großes Hindernis.
Da erschien ein neues Getränk, von dem Händler berichteten: Kaffee. Er machte wach, nicht betrunken. Osmanische Reisende erzählten von Männern, die ganze Nächte lang tranken, diskutierten, lachten und dabei hellwach blieben. Für eine Gesellschaft, die nach Bildung und Ordnung strebte, war das wie ein Geschenk des Himmels.
Oxford: Die Geburtsstätte der Penny-Universitäten
Dass die ersten Kaffeehäuser in Oxford entstanden, war kein Zufall. Als alte Universitätsstadt war Oxford voll von Gelehrten, Studenten und einer gebildeten Mittelschicht, die an intellektuellem Austausch interessiert war.
1650 eröffnete hier das erste Kaffeehaus. Für einen Penny Eintritt konnte man nicht nur eine Tasse Kaffee trinken, sondern auch Zeitungen lesen – und vor allem: mit Menschen sprechen, die man sonst nie getroffen hätte.
So entstand der Begriff »Penny-Universität«. Wer diese Räume betrat, fand sich inmitten einer bunten Gesellschaft wieder: Studenten und Professoren, Kaufleute und Handwerker, Dichter und Politiker. Hier wurde geredet, gestritten, diskutiert – über Philosophie, Wissenschaft, Religion und die großen Fragen der Zeit.
Orte des demokratischen Diskurses
England war eine Gesellschaft voller Standesgrenzen. Umso erstaunlicher war es, dass in den Kaffeehäusern plötzlich alle miteinander sprachen – ein Seemann mit einem Bischof, ein Bürger mit einem Grafen. Man erwartete Höflichkeit, man hörte einander zu, man lernte voneinander.
Diese Regeln des Gesprächs wurden sogar schriftlich festgelegt. Fluchen war verboten, ebenso Glücksspiel und das Herabsetzen von Staat und Kirche. Stattdessen sollte eine »nüchterne und begründete Debatte« stattfinden. Die Obrigkeit beobachtete diese Entwicklung mit Misstrauen – zu Recht. Denn bald diskutierte man hier nicht nur über Kunst und Wissenschaft, sondern auch über Politik.
1675 versuchte König Karl II., die Kaffeehäuser zu verbieten. Doch die Proteste waren so groß, dass der Erlass nach wenigen Tagen zurückgenommen wurde.
Von der Tasse zur Börse
Nicht alle Kaffeehäuser waren gleich. Manche, wie »Moll King’s Coffeehouse«, waren berüchtigt für ihre bunte Mischung aus Höflingen, Händlern und leichter Gesellschaft. Andere entwickelten sich zu Zentren des Handels und der Wirtschaft.
Im »Jonathan’s Coffee House« begannen Händler, regelmäßig Aktien und Rohstoffpreise auszutauschen. Daraus entstand später die Londoner Börse. Auch die Versicherungsbörse »Lloyd’s of London« geht auf ein Kaffeehaus zurück, ebenso die großen Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s.
Mit anderen Worten: Aus den Penny-Universitäten wuchsen Institutionen, die England bis heute prägen.
Fazit: Kaffee als Motor einer Nation
Wenn wir heute an England denken, fällt uns zuerst Tee ein. Doch bevor Tee das Nationalgetränk wurde, war es der Kaffee, der das Land veränderte.
Die Penny-Universitäten waren weit mehr als gemütliche Treffpunkte. Sie waren Orte, an denen Menschen aus allen Schichten miteinander diskutierten, wo neue Ideen geboren wurden und wo Institutionen entstanden, die das Wirtschafts- und Geistesleben des Landes auf Jahrhunderte hinaus prägten.
Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, wenn wir das nächste Mal in einem Café sitzen: Auch dort kann aus einer Tasse Kaffee eine ganze Welt entstehen.
