»Die Pickwickier«

 

von Christiane Wilms

»Die Pickwickier«

von Christiane Wilms

»Die Pickwickier«, Originaltitel: »The Posthumous Papers of the Pickwick Club (Containing a Faithful Record of the Perambulations, Perils, Travels, Adventures and Sporting Transactions of the Corresponding Members)« erschien ab dem 31. März 1836 bis zum November 1837 in Fortsetzungen unter dem Pseudonym »Boz«. Es ist der erste Roman des damals erst 24-Jährigen Charles Dickens (*7.2.1812,† 9.6.1870), zuvor hatte er mit »Sketches by Boz« auf sich aufmerksam gemacht.

»Mr. Pickwick auf der Jagd nach seinem Hut«, Robert Seymour, 1836. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mr._Pickwick_in_Chase_of_his_Hat_by_Robert_Seymour.jpg

Ursprünglich sollte Charles Dickens nur einige Begleit-Texte zu einer Reihe von Sportillustrationen Robert Seymours (1) liefern, aber der Selbstmord Seymours im April 1836 änderte alles. Von da an stand Dickens’ Text im Vordergrund und die Zeichnungen, jetzt von Hablot Knight Browne (‘Phiz’), umrahmten die Handlung (2).

»Die Pickwickier« – Handlung

Pickwickier sein – das bedeutet, die Welt gutgläubig und wohlmeinend zu betrachten und sich in jeder Lebenslage unbedingt exzentrisch zu verhalten. Dann tappt man mit großer Sicherheit in die Fallen und verheddert sich in den Schlingen, die das Leben und dubiose Gentlemen wie Alfred Jingle bereithalten.

So erging es »dem trefflichen Gelehrten« Mr. Samuel Pickwick und seinen drei aufrechten Trabanten, als sie sich aufmachten, die britische Insel zu erforschen. Zu dem Zeitpunkt hatte Mr. Pickwick sich mit Theorien über den Froschsprung sowie der Fischteiche von Hampstead und selbstverständlich als Gründer und Präsident des »Pickwick-Klubs« bereits einen Namen gemacht.

Die Geschichte verdanken wir einem Protokollanten des berühmten Pickwick-Klubs, den Dickens als Erzähler einsetzt. Der uns nicht näher Vorgestellte berichtet von den Fahrten des Mr. Samuel Pickwick und seiner drei Begleiter, die ihre Erlebnisse dem Klub brieflich von unterwegs mitteilen sollen. Das beschließen die Mitglieder auf einer turbulenten Sitzung ihres Klubs gleich zu Beginn des Romans.

Ein wunderliches Quartett macht sich da auf den Weg, angeführt vom gelehrten Mr. Pickwick, rundlich, die Glatze von einem Haarkranz umrundet, seines Zeichens Wissenschaftler, Philosoph, Philanthrop und Freund erhabener Reden:

 

»Pickwick in seiner Beredsamkeit, die eine Hand mit Grazie hinter seinem Rockschoß verbergend, die andere in der Luft schwenkend, um seinen Vortrag noch lebendiger zu gestalten. Eng anschließende, unaussprechliche und hohe Gamaschen, die (…), da sie einen Pickwick bekleiden, (…) eine unwillkürliche Achtung und Ehrfurcht einflößen, umschließen das Bein.«

Mit diesem feurigen Redner begeben sich der ebenfalls rundliche und in die Jahre gekommene Liebhaber schöner Frauen, Tracy Tupmann sowie zwei jüngere Begleiter, der verkannte Dichterfürst Augustus Snodgraß und der selbsternannte Sportsmann Nathaniel Winkle auf die als äußerst gefährlich eingeschätzte Reise durch die englischen Gefilde.

Erstes Ziel ist Rochester. Die Herren geraten dort prompt mit einem Kutscher in ein Handgemenge, da dieser Mr. Pickwicks interessierte Fragen und emsige Notiererei in den falschen Hals bekommen hat. Der Ganove Alfred Jingle – Markenzeichen: abgehackte Spreche – hilft ihnen aus ihrer misslichen Lage und drängt sich geschickt auf:

»Da, Nummer neunhundertvierundzwanzig, nimm dein Geld und pack dich – respektabler Gentleman – kenne ihn gut – dummes Zeug – hierher, Sir! – Wo sind Ihre Freunde? – Missverständnis, wie ich sehe – macht nichts – kommt zuweilen vor – besten Familien – geht nicht ans Leben – verdammte Schurken.«

 

Immer wieder kreuzt Jingle den Weg der Getreuen und täuscht und betrügt sie. Gleich am ersten Abend ihrer Bekanntschaft schafft der Halunke es fast, den völlig ahnungslosen Mr. Winkle in ein Duell zu verwickeln, weil er in dessen Abendanzug auf einem Ball einem Militärarzt die Dame ausspannt.

Wenig später, nachdem die Pickwickier – nichts Böses ahnend – Jingle bei ihren Freunden und Gastgebern, den Wardles in Dingly Dell, eingeführt haben, nutzt dieser erneut die Gelegenheit. Er becirct und entführt die ältliche Schwester des gutmütigen Mr. Wardle in der Hoffnung auf eine reiche Mitgift und zerstört damit die Hoffnungen Tupmans auf ein spätes Eheglück.

Als der betrügerische Hiob Trotter sich zu Jingle gesellt, ist das »Duo Infernale« perfekt. Selbst der treffliche Gelehrte Mr. Pickwick fällt ihnen zum Opfer – sie locken ihn als Tugendretter in ein Mädchenpensionat und in eine hochnotpeinliche Lage.

Aber es ist keineswegs ein Alfred Jingle nötig, um die Pickwickier in prekäre Situationen zu bringen, das können sie selbst!!

Besonders Mr. Winkle tut sich da hervor: so enttarnt er seinen Ruf als passionierter Jäger, als er seinem Freund Tupman in die Schulter schießt. Beim Reiten und Schlittschuhlaufen gibt er eine recht klägliche Figur – fort und dahin ist das von ihm propagierte Bild des famosen Sportlers. Zum Liebhaber taugt Winkle auch nicht, seine Tändelei beim Wahlkampf in Eatanswill mit der Frau des Verlegers Pott wird vom Konkurrenzblatt aufgedeckt und in Form eines blamablen Spottgedichtes publik gemacht.

Der Umgang mit dem schönen Geschlecht bringt auch den arglosen Mr. Pickwick mehrmals in die Zwickmühle. In einem Ipswicher Gasthof verirrt er sich nachts in das Zimmer einer unverheirateten Dame, die ihn anzeigt, um ihren guten Ruf zu wahren und ihren Bräutigam nicht zu verlieren, der unter dem gleichen Dache weilt. Und als Pickwick seiner Vermieterin, der verwitweten Mrs. Bardell, mitteilt, einen Diener anstellen zu wollen, wählt er seine Worte so unglücklich, dass die Dame daraus einen Heiratsantrag konstruiert und Pickwick wegen Bruchs des Eheversprechens anklagt. Es kommt zum Prozess und Mr. Pickwick wird verurteilt, eine Entschädigung an die getäuschte und darob völlig zerrüttete Witwe zu zahlen. Aus Trotz gegenüber den habgierigen gegnerischen Anwälten weigert sich Mr. Pickwick, die Entschädigung zu entrichten und wandert für einige Monate ins Fleet-Gefängnis.

»Mr. Pickwick im Schuldengefängnis«, Hablot Knight Browne (Quelle: wikimedia, gemeinfrei, auch in den USA) https://en.wikipedia.org/wiki/File:Hablot_Knight_Browne_-_The_Pickwick_Papers,_Mr._Pickwick_in_debtor%27s_prison.jpg

Einen loyalen und treuen Begleiter hat Mr. Pickwick in seinem pfiffigen und um keinen Spruch verlegenen Diener Sam Weller gefunden, der ihm und seinen Begleitern in manch peinlicher Situation beisteht. Er lässt sich sogar aus Treue zu seinem Herrn ins Fleet-Gefängnis einsperren – mit Hilfe einer List und der Unterstützung seitens Senior Weller .

Wie wird das enden? Ich verrate nur, dass die Gutherzigkeit und die Großzügigkeit Mr. Pickwicks sowie seine Gabe, zu verzeihen, einige Bösewichter auf den rechten Weg bringen und einige glückliche Eheschließungen befördern wird.

Es fällt schwer, von den Pickwickiern Abschied zu nehmen, der Protokollant (oder ist es zum Schluss doch der Autor, der da spricht?) drückt es trefflich aus:

»Es ist das Los der meisten Menschen, die sich in der Welt herumtreiben und es zu einem gewissen Alter bringen, dass sie sich viele wirkliche Freunde erwerben und sie durch den Lauf der Natur wieder verlieren. Es ist das Los aller Autoren oder Dichter, dass sie sich eingebildete Freunde schaffen und sie im Verlauf der Kunst wieder verlieren.«

 

Und es ist das Los von uns LeserInnen, am Ende eines jeden Romans Abschied zu nehmen von den liebgewonnenen Charakteren, die uns für die Dauer von einigen Stunden oder Tagen begleitet und die Zeit vertrieben haben.

»Die Pickwickier« – Fazit

Warmherzig, amüsant, frisch, absurd, doch nicht ohne tragische oder gesellschaftskritische Einflechtungen: der Roman-Erstling des jungen Charles Dickens weist schon in vielen Punkten auf seine späteren Werke und die Verarbeitung seines lebenslangen Traumas hin (Dickens war als Junge gezwungen, in einer Schuhwichsfabrik zu arbeiten, während sein Vater im Schuldgefängnis saß).

In den »Pickwickiern« überwiegt noch die Komik, erzeugt durch die liebenswerte Naivität und Menschlichkeit der Figuren. Zudem vermittelt Dickens ein – wenn auch überwiegend skurriles – Abbild des Gesellschaft seiner Zeit, z.B. mit der Schilderung der Wahlen in Eatanswill, dem unwürdigen Benehmen und der Verlogenheit klerikaler Temperenzler. Dank dieser Mischung rutscht Charles Dickens niemals in Oberflächlichkeiten ab oder taucht zu tief in die Gefilde des Nonsens ein. Er legt mit »Die Pickwickier« gekonnt das Fundament zu »Dickensian« (3).

In den nächsten Jahren werden bei Charles Dickens tragische Schicksale, die Schilderung von Armut und Elend, die Anprangerung der dubiosen Machenschaften der Justiz, das Grauen der Schuldgefängnisse die Oberhand gewinnen – in »Die Pickwickier« klingen diese Elemente erst an.

Die Übersetzung des Schriftstellers Gustav von Meyrink halte ich für vorzüglich, selbst im 19. Jahrhundert geboren (1868) trifft er den Ton, die Atmosphäre und den Stil der Epoche. Er ist zudem ein Kenner des Dickens’schen Schaffens, hat er doch außer »Die Pickwickier« noch »Oliver Twist«, »David Copperfield«, »Bleakhouse«, »Nikolas Nickleby«, »Martin Chuzzlewit« und die Weihnachtserzählungen übersetzt.

»Die Pickwickier« – Wissenswertes

Der Name für »Die Pickwickier« soll vom Unternehmer Moses Pickwick herrühren (4), der in Bath mit Erfolg Kutschen-Linien betrieb, bis die Konkurrenz durch die Eisenbahn ab 1830 zu mächtig wurde. Dickens selbst gibt auf die Namensfindung einen Hinweis: in seinem Roman lässt er Mr. Pickwick auf dessen Reise nach Bath eine Kutsche besteigen, auf die in goldenen Lettern der Name »Moses Pickwick« gemalt ist.

Mit »Die Pickwickier« greift Dickens die Tradition des Episoden- und der Schelmenromans auf und tritt die Nachfolge von Autoren wie  Tobias Smollett, Daniel Defoe oder Henry Fielding an (5). Wundervolle Wortschöpfungen durchziehen den Roman, wie »Graf Smorltork« = »Smalltalk«, vermutlich eine Persiflage auf den Fürsten Pückler (6), »moralische Taschentücher«, »Ungeseifte«, »konfiszierte Physiognomie« und noch köstlicher sind die schnodderigen Sprüche des Dieners Sam Weller, die als »Wellerismen« zum Oberbegriff für »Sagworte« geworden sind (7).

Überhaupt dienen noch heute die Begriffe »Pickwick« oder »Pickwickier« als Namensgeber in der Medizin (eine Form der Schlafapnoe heißt »Pickwick-Syndrom« in Anlehnung an die Figur des »Little Fat Joe«) und der Botanik (die Krokussorte Crocus vernus ‘Pickwick‘) oder als werbewirksame Produktbezeichnungen.

Quellenangabe

Zitate (fettgedruckt und kursiv) aus: Charles Dickens, »Die Pickwickier« (OT gekürzt: »The Pickwick Papers«), Roman, 849 Seiten (ohne Anhänge), aus dem Englischen übersetzt von Gustav von Meyrink, u. a. mit einem Werkbeitrag aus Kindlers Literaturlexikon, erschienen 2012 im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.

 

Quellen:

(1) zu Robert Seymour: victorian web.org/art/illustration/seymour.

(2) zu Hablot Knight Browne: dewiki.de/Lexikon/Hablot_Knight_Browne.

(3) zum Begriff »Dickensian«: dictionary.cambridge.org/de/woerterbuch/englisch/dickensian.

(4) zum Namensgeber des Romans: en.wikipedia.org/wiki/Eleazer_Pickwick.

(5) aus: Hans-Dieter Gelfert, »Charles Dickens – der Unnachahmliche«, Biographie, 2011, Verlag C.H.Beck, München Charles.

(6) zu Graf Smorltork: lr-online.de/nachrichten/kultur/die-englisch-fibel-des-fuersten.

(7) zum Wellerismus: de.wikipedia.org/wiki/Wellerismus.

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