Die Puppenfürstin

von Christian Bürger

Die Puppen-fürstin

von Christian Bürger

Auguste Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt (1666-1751)

Selten kommt es bei adeligen Paaren aus der frühen Neuzeit vor, dass die Ehefrau den Ehemann in den Schatten stellt – zumindest posthum. Bei den Eheleuten Auguste Dorothea und Anton Günther II. von Schwarzburg Arnstadt liegt die Sache ein wenig anders. Auguste Dorothea wurde 1666 als Prinzessin von Braunschweig-Wolfenbüttel geboren, heiratete 1684 den Schwarzburger Anton Günther und lebte nach dessen Tod noch fast 40 Jahre als Witwe in der Nähe von Arnstadt. Dies ist soweit erst einmal nicht weiter ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist jedoch, dass sie bereits in ihrer Ehe, insbesondere aber während ihrer Witwenschaft die wahrscheinlich bedeutendste barocke Puppensammlung Deutschlands zusammengestellt hat. Man kennt die Sammlung heute unter dem Namen „Mon Plaisir“ und kann sie im Schlossmuseum Arnstadt bewundern. Dies bringt es mit sich, dass Auguste Dorothea heute einen hohen Bekanntheitswert genießt, während ihr Ehemann nahezu vergessen ist.

Die Grafschaft Schwarzburg-Arnstadt

Zu ihren Lebzeiten war dies noch anders. Anton Günther, zweitgeborener Sohn des Grafen Anton Günther I. von Schwarzburg-Sondershausen, hatte die Grafschaft gemeinsam mit seinem Bruder Christian Wilhelm geerbt. Erst, als auch ihr gemeinsamer Onkel kinderlos verstarb, war ausreichend Land vorhanden, damit die Brüder die Grafschaft teilen konnten. Anton Günther nahm daraufhin 1682 seine Residenz im heute ruinösen Schloss Neideck in Arnstadt und begründete die Nebenlinie Schwarzburg-Arnstadt (II).

Neideckturm, © Michael Sander; CC3.0; Link: zur Lizenz

Die finanziellen und politischen Möglichkeiten des Grafen waren sehr eng begrenzt. Die einzige regelmäßige Einnahme stellten die Einkünfte aus den Kammergütern dar. Feste Steuern gab es nicht, denn zum einen waren sie noch keine regelmäßige Institution, die man einfach erheben konnte und zum anderen durften die Schwarzburger im Großteil ihres Gebietes ohnehin keine erheben, da sie diese meist nur zum Lehen trugen, was das Recht Steuern zu erheben weitestgehend ausschloss.

Die Musenkinder Anton Günther und Auguste Dorothea

Eine gängige Deutungsweise lautet vor diesem Hintergrund, dass sich die „Duodezfürsten“, aufgrund der politischen Bedeutungslosigkeit, im Rahmen eines Musenhofes verwirklicht hätten. Und tatsächlich scheint dies im Fall Anton Günthers auf den ersten Blick tatsächlich so gewesen zu sein. Er beschäftigte eine stattliche Hofkapelle (u. a. mit Mitgliedern der Familie Bach), einen Hofmaler, nahm Innenausbauten im Residenzschloss vor, sammelte Bilder, Skulpturen und besonders Münzen. Seine Münzsammlung genoss unter den Zeitgenossen einen exzellenten Ruf und war weit über die Grenzen Thüringens hinaus bekannt. Problematisch hieran war aber, dass sich Anton Günther mit seiner aufwendigen Hofhaltung völlig übernahm. Schulden und finanzielle Engpässe begleiteten seine gesamte Regierungszeit.

Daran mitschuldig war auch seine Frau Auguste Dorothea. Die beiden besuchten jedes Jahr die Leipziger Messen und gaben dort enorme Summen Geld aus, denn Auguste Dorothea teilte die Sammelleidenschaft ihres Mannes. Neben chinesischem Porzellan, Fayencen und Bildern liebte sie nicht zuletzt Puppen. Aus dem Jahr 1697 ist erstmals eine Hofrechnung für „Popenzeug“ überliefert. Immer wieder musste Anton Günther Schulden seiner Ehefrau übernehmen. Die finanzielle Notlage des Ehepaares führte 1712 dazu, dass Anton Günther, mittlerweile in den Stand eines Reichsfürsten erhoben, seine Münzsammlung für die damals sagenhafte Summe von 100.000 Reichstalern an Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg verkaufen musste (dies entspricht, nach heutigem Geldwert, etwa 1,6 bis 2,2 Millionen Euro).

Anton Günther II. und Auguste Dorothea hatten keine Kinder. Dies hatte zur Folge, dass nach Anton Günthers Tod im Dezember 1716 die Linie Schwarzburg-Arnstadt erlosch und die Herrschaft an seinen Bruder Christian Wilhelm von Schwarzburg-Sondershausen fiel. Aus der Kinderlosigkeit der beiden lässt sich jedoch nicht ableiten, dass sie keine glückliche Ehe geführt hätten. Sie sprachen sich in ihren Briefen liebevoll an, aber unterhielten eine standesgemäße und zeittypische Hofhaltung mit getrennten Appartements.

Wenn ihre Ehe auch nicht konfliktfrei war (Auguste Dorotheas Anhäufung von Schulden und besonders ihr Übertritt vom lutherischen zum römisch-katholischen Glauben belasteten die Beziehung) so lässt sich auf jeden Fall keine derartige Abneigung feststellen, wie man sie nicht selten bei anderen standesgemäßen Verbindungen ihrer Zeit vorfindet. Auch als Anton Günther in seinen letzten Jahren zusehends kränker wurde, war Auguste Dorothea an seiner Seite und begleitete ihn auch in seiner Sterbestunde, wie aus der gedruckten Leichenpredigt hervorgeht.

Neues Palais Arnstadt, beherbergt das Schloßmuseum Arnstadt; © Michael Sander; CC3.0; Link: zur Lizenz

Als Witwe auf der Augustenburg

Anfang des 18. Jahrhunderts wurde für Auguste Dorothea in Oberndorf bei Arnstadt ein Lustschloss erbaut, welches nach ihr, „Augustenburg“ genannt wurde. Dies sollte ab 1717 bis zu ihrem Tode im Jahr 1751 auch ihr Witwensitz werden. Nach dem Tod ihres Ehemannes musste sich Auguste Dorothea lange mit ihrem Schwager Fürst Christian Wilhelm, um Ihre Erb- und Witwenansprüche auseinandersetzen. Doch auch ihre, in diesen Streitigkeiten errungene standesgemäße Apanage, reichte bei weitem nicht aus, um ihre Kosten zu decken.

Man wird sagen können, dass Auguste Dorothea unfähig war, mit Geld angemessen umzugehen. Zu sehr liebte sie die Kunst, das Sammeln und ihre aufwendige Hofhaltung. Die stetig steigenden Schulden konnte Auguste Dorothea zu ihren Lebzeiten nicht mehr abtragen. Sie starb 1751 und wurde, auf ihren Wunsch hin, im Erfurter Ursulinenkloster beigesetzt.

Der Verdienst der Mäzenin

Während ihrer Witwenschaft entstand der Großteil der Puppensammlung. Katholische Kirche, Hoftheater, Höfische Gesellschaft und Tafelfreuden werden ebenso dargestellt, wie Handwerker, Tagelöhner, Markttreiben und das Apothekenwesen. Dies zeigt, dass Auguste Dorothea auch großes Interesse am Alltagsleben der einfachen Menschen besaß. Ihre Puppenstuben liefern ein detailliertes Bild alltäglicher Szenen der Barockzeit und sind ein Selbstzeugnis der Persönlichkeit und der Gedankenwelt Auguste Dorotheas. Man findet sowohl Beispiele für das Gedenken an ihren verstorbenen Mann, ihre katholische Frömmigkeit, aber auch ihre Liebe für Sammlungen (Wunderkammerszene) und ihre Vorliebe für hochwertige Stoffe und Luxusgüter (Höfische Szenen) in den Puppenstuben wieder.

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Historische Bedeutung und Verdienst

Trotz ihrer Unfähigkeit zu einer sachgerechten Haushaltsführung wird man ihr Gerechtigkeit wiederfahren lassen müssen. Es war zweifellos ein Ärgernis für die Lieferanten, wenn sie auf die Begleichung ausstehender Rechnungen warten mussten oder nur Abschlagszahlungen erhielten. Es war auch, zweifellos, immer wieder ein Ärgernis für das Umfeld Auguste Dorotheas, wenn ihre Schulden übernommen werden mussten oder Verwandte genötigt wurden, ihr Geld zu leihen. Auch die Diener mögen sich gegrämt haben, dass das Gehalt nicht pünktlich gezahlt wurde, wenngleich die um Kost und Logis ergänzte Tätigkeit bei Hofe für die meisten, mit Sicherheit, attraktiver war als andere Tätigkeiten. Auch für die liefernden Künstler waren Abschlagszahlungen immer noch besser als keine Aufträge. Man kann daher davon ausgehen, dass man von Seiten der Gläubiger weitestgehend pragmatisch mit ihrer Art des Wirtschaftens umging.

Auch wenn ihr Finanzgebaren fragwürdig war, so wäre keine solch einzigartige Sammlung entstanden und bis in unsere Gegenwart überkommen, wenn sie nicht so gehandelt hätte. Hierdurch hat sie sich, im übertragenen Sinne, ein Denkmal gesetzt. Es ist fraglich, ob sie heute noch eine Rolle in der öffentlichen Erinnerung spielen würde, wenn sie demonstrativ sparsam gelebt hätte. Durch ihre Sammlungstätigkeit gelang ihr auch, was vielen frühneuzeitlichen Fürstinnen nicht gelang – sie ist präsenter als ihr eigentlich regierender Ehemann. Wahrscheinlich war dies jedoch nicht ihr vorrangiges Ziel. Von diesem Standpunkt aus wird man daher eine differenzierte Bewertung ihres Lebens vornehmen müssen, denn ohne Geld ausgeben, keine Sammlung, ohne Sammlung kein Kulturdenkmal „Mon Plaisir“ – und ohne „Mon Plaisir, kein so wirksames Erinnern an die Person Auguste Dorothea, Fürstin zu Schwarzburg-Arnstadt.

Verwendete Literatur

Quellen

Gedruckter Lebenslauf aus der Leichenpredigt von Anton Günther II. von 1716/17, wahrscheinlich vom Arnstädter Superintendenten.

 

Literatur

Cremer, Annette: Mon Plaisir. Die Puppenstadt der Auguste Dorothea von Schwarzburg (1666-1751). Köln/Weimar/Wien 2015 (=Selbstzeugnisse der Neuzeit, Bd. 23).

Cremer, Annette: Märzen und frommer Landesherr. Fürst Anton Günther II. von Schwarzburg-Arnstadt (1653-1716). In: Zeitschrift für Thüringische Geschichte 66 (2012), S. 111-154.

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