Die Reise eines Granatapfels

 

von Oğuzhan Büyük

Die Reise eines Granat-apfels

 

von Oğuzhan Büyük

Historische Gemälde ziehen nicht nur viel Publikum an, sondern sorgen zudem auch für viel Gesprächsstoff. Sie sind nicht nur Kunstwerke einer früheren Epoche, die über die Malkunst bzw. den Malstil jener Ära berichten, sondern zudem auch Zeugen der Zeit. Mithilfe dieser kann die politische Welt der Vergangenheit in die Gegenwart projiziert werden. So betrachtet ist es von großem Nutzen, bei der Vermittlung des Bildinhaltes von der „verknüpfenden Literatur“, die bei wissenschaftlichen Arbeiten geläufig ist, Gebrauch zu machen. Mit diesem Zugang soll nun anhand eines Beispiels versucht werden, diese These zu bestätigen.

Unter die Lupe genommen wird ein bekanntes Porträtbild Kaiser Maximilians I. (1459-1519), gemalt von Albrecht Dürer im Jahre 1519. Ein Bild in Hochformat, dessen überwiegender Teil von einem Mann in, salopp formuliert, bürgerlicher Bekleidung eingenommen wird, wobei erwähnt werden muss, dass die Kleidungsstücke nicht vom einfachen Bürgertum getragen wurden, sondern von der Aristokratie bzw. den Adeligen. Kaiser Maximilian wird mit einer sogenannten Schaube und einem Barett dargestellt, die gewöhnlich von der gehobenen Schicht getragen wurden. Die Wahl dieser Bekleidung bekräftigt den Wunsch des Kaisers, dem Volke so nah wie möglich zu sein: „Er ist einer von ihnen“ – zumindest visuell. Kaiser Maximilian gehörte zweifelsfrei zu den ersten Herrschern, die die Kunst zu schätzen wussten. Vor allem auch deshalb, um die Kunst für seine eigene Propaganda bzw. für eigene Zwecke zu verwenden. Den kunstsinnigen Charakter haben die Habsburger womöglich von ihrem Urgroßvater Kaiser Maximilian geerbt, der ja bekanntlich auch die erste Art einer Kunstsammlung aufstellte – auch einige Objekte des Kunsthistorischen Museums in Wien gehen auf Kaiser Maximilian I. zurück.

Trotz der nahezu „bürgerlichen“ Darstellung des Kaisers hat das Bild doch etwas Imperiales. Diesen Effekt haben wir zwei Faktoren zu verdanken: Der erste Faktor ist die monumentale Darstellung des Kaisers, sodass er etwa zwei Drittel des Bildes ausmacht. Der zweite Faktor ist die kaiserliche Mimik mit den tiefen Augenlidern und dem visionären Blick in die Weite, wie aus dem realen Leben des vorausblickenden Kaisers. Über die Augenlider könnte tiefgründiger philosophiert werden, aber dazu in einem anderen Beitrag mehr. Begnügen wir uns für dieses Mal lediglich mit dem Hinweis, dass das Entstehungsjahr des Bildes und das Todesjahr des Kaisers dieselben sind.

Der vermeintliche Kaiser, der nicht als solcher dargestellt wurde, aber doch etwas Stattliches ausstrahlt, könnte manchem nicht höfisch genug vorkommen. Falls dem so ist, so soll sich jene/r an den Symbolen am linken oberen Eck bedienen.

Kaiser Maximilian I., Albrecht Dürer; © Kunsthistorisches Museum Wien; Link zum Bild

Noch majestätischer geht es dann wohl kaum: Krone, Wappen und die Kette vom Orden des Goldenen Vlieses. Damit ist eindeutig klar, dass mit der dargestellten Person ein Kaiser, zumindest ein kaiserlicher Würdenträger gemeint ist.

Bis jetzt ist alles leicht zu verdauen. Aber was macht ein Granatapfel (siehe die linke Hand des Kaisers) auf einem Bild, auf dem ein Herrscher porträtiert ist? Es ist keine leere Behauptung, wenn gesagt wird, dass genau dieser Granatapfel symbolisch die Rolle des Reichsapfels einnimmt. Es ist dies eines der Reichskleinodien, deren physische Existenz (neben einigen anderen Objekten) die Proklamation des Kaisers bedingte. Eine Deutung des Reichsapfels wäre beispielsweise der globale Machtanspruch des Kaisers, der in der Form einer symbolischen Weltkugel und eines äquatorialen Bandes erkenntlich ist (siehe Abbildung 2). Dieses metaphorische Verhältnis zwischen der erwähnten Margramapfel und der hegemonialen Bestimmung soll nun von einer anderen Perspektive beleuchtet werden.

Der Reichsapfel; © Kunsthistorisches Museum Wien, Schatzkammer; Link zum Bild

Dafür gehen wir in das Zeitalter zurück, in dem das Gemälde selbst entstanden ist. Das Bild von Albrecht Dürer zählt zu den Klassikern der deutschen Renaissance. Was in der Kunstgeschichte als Renaissance verstanden wird, kann in der Geschichtsschreibung (mit Abweichungen) als Frühe Neuzeit bezeichnet werden. Eine eindeutige Abgrenzung von Epochen und Stilen ist ohnehin nicht möglich, weshalb immer eine Varianz miteinzuberechnen ist. Für unsere Zwecke halten wir die Renaissance unüblich fahrlässig zwischen 1400-1620 fest, wobei im deutschsprachigen Raum der Anfang noch ein wenig später angesetzt wird. Für den Beginn jener Epoche werden zum Teil unterschiedliche Ereignisse herangezogen. Die Entdeckung Amerikas 1492 und die Erfindung des modernen Buchdruckes, welche die Reformation im 15. und 16. Jahrhundert förderte, sind jene zwei Ereignisse, die in Bezug auf die Entstehung dieser neuen Epoche am häufigsten genannt werden.

Ginge es nach Voltaire, der als einflussreicher Vordenker der Aufklärung unter anderem auch die Geschichtsschreibung revolutionierte (bzw. revolutionieren wollte), so gäbe es in der ganzen Weltgeschichte nur vier essenzielle Jahrhunderte. In der Aufzählung wird als drittes Jahrhundert – für unsere Aufzählung ebenfalls das dritte Ereignis – die Eroberung Konstantinopels im Jahre 1453 erwähnt.

Ein letztes Ereignis soll hier noch erwähnt werden, welches die Renaissance bzw. die Frühe Neuzeit einläutete: Die Reconquista (die Rückeroberung der Iberischen Halbinsel). Konkret geht es um den symbolträchtigen Triumph über das Emirat von Granada im Jahre 1492. Als am 2. Jänner erwähnten Jahres die Schlüssel des würdigen Alhambra-Palastes übergeben wurden, fiel die letzte Bastion der Muslime in Europa. Nachdem die muslimische Existenz aufgelöst worden war, entstand im selbigen Gebiet das Königreich Granada, das im Wappen einen teilweise aufgeschlitzten Granatapfel trug (Abbildung 3). Das Symbol jenes Königreiches taucht auch auf dem Gemälde von Kaiser Maximilian in der gleichen Erscheinung wieder auf. Das gegenwärtige Wappen Spaniens besitzt weiterhin das „granadische“ Erkennungszeichen (siehe Bild unten). Eine idente künstlerische Wiedergabe trägt doch sehr viel Symbolik mit sich. So viel zur Herkunft und zur Verwendung des für damalige Verhältnisse exotischen Obstes.

Übrigens, einer Quelle zufolge, war bei der Übergabe des Serails auch ein gewisser Entdecker namens Christoph Columbus anwesend, der ein paar Monate später die westliche Hemisphäre (Entdeckung Amerikas) aufspüren sollte. Nicht umsonst kann man das Jahr 1492 als Epochenwende beschreiben.

Die erwähnte Rückeroberung geschah unter den sogenannten „katholischen Königen“, Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon.

Flagge von Granada; ©dique.bk.ru

Diese Namen sind nicht nur für die spanische Geschichtsschreibung interessant, sondern auch für die österreichische Historie. Denn seit der spanischen Doppelhochzeit im Jahre 1496, bei der die Kinder Maximilians und des spanischen Königspaares verehelicht wurden, besteht ein verwandtschaftliches Verhältnis zwischen den beiden europäischen Herrscherfamilien.

Wir springen nun zwei Generationen weiter, und zwar in die Zeit Karls V., dem Enkelsohn des dargestellten Kaisers. Die innerfamiliären Schicksalsschläge führten dazu, dass Karl nach dem Ableben Kaiser Maximilians im Jahre 1519 den Thron bestieg. Die Heirats- und Erbpolitik der Habsburger verschaffte Karl ein Weltreich, welches Kaiser Maximilian mit seiner visionären Taktik geplant und veranlasst hatte. Kaiser Karl V. konnte auf ein Reich blicken, dessen Grenzen sich von der iberischen Halbinsel bis zu den Karpaten (Frankreich ausgenommen), von Norditalien bis zur Nordsee erstreckten. Ein bedeutsamer Ring dieser imperialen, flächenübergreifenden Kette war auch das Königreich Granada. Denn die Ehe zwischen Philipp dem Schönen und Johanna der Wahnsinnigen brachte nicht nur rechtmäßige Erben, sondern auch die spanischen Erblande in den habsburgischen Globus.

Wappen des Königs von Spanien; ©frizio

Trotz der überwältigenden Größe des Reiches, waren die Grenzen für Karl V. dennoch zu eng angelegt. So verdeutlicht das Motto von Karl V. „plus oultre“ (darüber hinaus) einmal mehr den globalen Machtanspruch. (Dieses Motto lässt sich wiederum auf dem Wappen Spaniens erkennen)

Eine Signatur hinterließ uns Karl V. zudem auch noch im überdimensionalen Palast der Emire von Granada. Der Palacia de Carlos V ist ein Renaissance-Schloss, das von Karl V. in Auftrag gegeben wurde. Es wurde zwar zu seiner Zeit nicht fertiggestellt und konnte vom Kaiser auch niemals bewohnt werden, aber dennoch befindet sich mit diesem Schloss ein Gebäude aus der Renaissance-Zeit im mittelalterlichen Komplex von Alhambra.

So können wir, bezugnehmend auf die einleitende These, folgende Schlüsse ziehen: Wenn die Renaissance als Kunstepoche die Wiedergeburt der Antike und somit das Abschütteln alter Traditionen bzw. der Mut etwas Neues, etwas Besseres zu gestalten bedeutet, wenn die Frühe Neuzeit in der Geschichtsschreibung neue Technologien, neue Visionen, neue Weltanschauungen bedeutet, dann gilt Kaiser Maximilian als wichtigster Vertreter dieser Epoche, als wegebnender Herrscher, der mit seiner visionären Politik gewiss zu den Pionieren dieser neuen Entwicklung zählt.

Ein Gemälde bzw. eine Obstsorte (kleine Frucht) führten uns vom Kunststil der Renaissance, zum historischen Zeitalter der Frühen Neuzeit, zu den Anfängen der Epoche und schließlich zu politischen Bestrebungen bzw. Deutungen. So betrachtet, ist die Wahl des Granatapfels kein Zufall. Auch bei Bildern kann man zwischen den Zeilen lesen.

Verwendete Literatur
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