Die Schlacht auf dem Lechfeld von 955

 

von Christian Schaller

Die Schlacht auf dem Lechfeld von 955.

Ein historisches Ereignis zwischen Erzählungsbildung und Geschichtspolitik

 

Sagen und Legenden entstehen durch Außergewöhnliches, egal ob sich dies nun auf eine Person, ein Ereignis oder eine lokale Gegebenheit bezieht. Die Schlacht auf dem Lechfeld südlich von Augsburg im Jahr 955 vereint all diese Aspekte beinahe mustergültig in sich.

Das Lechfeld und die Stadt Augsburg besaßen im 10. Jahrhundert einen besonderen, geografischen Stellenwert für Mitteleuropa und das Ostfrankenreich. Das Lechfeld war seit der Antike ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt des Voralpenlandes. Die Bedeutung des Gebietes lag zudem in seiner kaum besiedelten und trockenen Ebene, welche Heeresansammlungen begünstigte. Darüber hinaus befand sich der sogenannte Hügel Gunzenlé, ein berühmter, frühmittelalterlicher Dinghügel, in der Nähe des Lechfeldes. 

Die etwa zehn Kilometer weiter nördlich gelegene Bischofsstadt Augsburg war im 10. Jahrhundert ein doppelter Grenzort – nicht nur zwischen den Kulturregionen Baierns und Alamanniens, sondern auch im Randgebiet zwischen der ‘christlichen Welt‘ Mitteleuropas und der ‘heidnischen Welt‘ im Osten. 

Die ab 899 einsetzenden ‘Ungarnstürme‘ führten zu jahrzehntelangen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Ostfrankenreich und den magyarischen Reitern. Diese Einfälle des zehnten Jahrhunderts sind nicht nur schriftlich überliefert, sondern auch archäologisch einwandfrei belegbar. Dennoch bildet deren Höhe- und Endpunkt, die Schlacht auf dem Lechfeld von 955, einen Sonderfall: Der Begriff Lechfeldschlacht bezieht sich genau genommen auf mehrtägige, kleinere Geplänkel sowie eine nachträgliche Verfolgung der fliehenden Magyaren – also eine Verteilung der Kampfhandlungen auf zahlreiche kleinere Schlachtfelder.

Während die genauen Orte bis heute nicht wissenschaftlich belegbar sind, ist der Ablauf der Kampfhandlungen umso detaillierter überliefert. Als wichtige Voraussetzung für den Sieg gilt die Initiative Uodalrîhs oder eingedeutscht Ulrichs, des damaligen Bischofs von Augsburg, die Stadtbefestigung aufgrund der konstanten Bedrohung massiv auszubauen. Die Magyaren sammelten sich 955 vermutlich am Gunzenlé und belagerten Augsburg, das sich unter Bischof Ulrich erfolgreich behaupten konnte, bis die ostfränkischen Truppen unter König Otto von Westen herangerückt waren. 

Die ostfränkischen Soldaten gewannen im Laufe der Feldschlacht am 10. August die Überhand und Panzerreiter drängten den fliehenden Ungarn nach. Die zeitgenössische Geschichtsschreibung verklärte König Otto rasch zum ehrenvollen, christlichen Sieger und ließ das forcierte Abschlachten der fliehenden Magyaren – deren Anführer Bulcsu zumindest offiziell-nominell auch ein Christ war – unerwähnt.  Die geschichtliche Leistung und damit die Historiografie stellten im 10. Jahrhundert ein starkes, herrschaftslegitimierendes Argument dar. Es lag im Interesse der Herrschenden, die Darbietung der Erfolge nicht der oralen Tradition zu überlassen. Dieses frisierte Image Ottos des Großen besteht zum Teil bis in die Gegenwart und ist nach wie vor Gegenstand des kultur- und geschichtswissenschaftlichen Diskurses.

Die Schlacht auf dem Lechfeld gilt als Abschluss jahrzehntelanger Auseinandersetzungen.  Der Sieg über die Ungarn wirkte stabilisierend auf die deutschen Herzogtümer und das ostschwäbische Gebiet um Augsburg.  Die partikulare Zerrissenheit der deutschen Stämme und dessen Adels war vorerst beendet. Nach 955 hatte König Otto nicht nur für inneren, sondern auch für äußeren Frieden gesorgt, was einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung für Mitteleuropa mit sich brachte.

Die Schlacht leitete die Orientierung der Magyaren am westlichen Abendland ein, keine 50 Jahre später wurde mit Stephan I. der erste christliche König Ungarns ausgerufen.

Indem Otto die Ordnung im Reich wiederherstellte, begründete er seinen Anspruch auf die Kaiserwürde und leitete die Transformation des Ostfrankenreiches zum Heiligen Römischen Reich ein. Der Sieg über die Ungarn wurde von seinen Zeitgenossen allgemein als entscheidendes Ereignis und größte Leistung seines Lebens betrachtet.

Dem Historiker Charles Bowlus zufolge befreite König Otto Europa von der Notwendigkeit, kostspielige Infrastrukturen gegen östliche Invasionen und Wanderbewegungen aufrecht zu erhalten, wodurch sich erst die Dominanz der lateinisch-westlichen Christenheit entwickeln konnte. Nur dadurch waren drei Jahrhunderte des ununterbrochenen wirtschaftlichen Wachstums und der geografischen Expansion möglich. Die Relevanz der Lechfeldschlacht ist somit aus historischer Sicht auch im 21. Jahrhundert unbestritten.

Umso mehr stellt sich darum die Frage, wie das Ereignis sowohl im Stadtbild Augsburgs als auch im kulturellen Bewusstsein Bayerisch-Schwabens verankert ist – in der Vergangenheit wie gegenwärtig.

Die Schlacht auf dem Lechfeld von 955 kann zusammenfassend als ein Ereignis gelten, in dem sich Weltgeschichte und Sagenbildung vereinen und welches die individuelle Entwicklung der Stadt Augsburg ebenso wie die Geschichte Europas mitprägte. Das nach den Thesen einiger Historiker weltpolitische und epochemachende Ereignis bei Augsburg wurde ebenso wie der heldenhafte Ulrich ab dem Mittelalter bald von volkstümlichen Erzählungen umrankt und entwickelte sich zu einem identitätsstiftenden Element.

In allen Epochen finden sich Reminiszenzen an das historische Ereignis der Lechfeldschlacht sowie an den Bischof, Heiligen und Bistumspatron Ulrich. Der religiöse Reliquienkult um den Heiligen Ulrich boomte geradezu. Bereits im Mittelalter wurden schützende Ulrichsschlüssel als Halsketten gefertigt und es existierten gesundheitsfördernde Ulrichskelche und Ulrichsquellen. 

Der Verkaufsschlager Ulrichserde, Erdboden, der mit dem Grab des Heiligen in Berührung kam, erfreute sich besonderer Beliebtheit und sollte gegen Ungeziefer auf den Feldern helfen.

Die Klosterkirche St. Ulrich und Afra entwickelte eine reiche Kultgeschichte mit einem jahrhundertelangen Wallfahrtswesen. Bis in das 18. Jahrhundert wurden Mirakelbücher fortgeführt, die unter anderem dem heiligen Ulrich Wunder zuschrieben.  Die Vita Sancti Udalrici, die Mirakelberichte, spätere Legenden und fromme Erzählungen waren die Basis für die zahlreichen Funktionen des Heiligen, die universale Themen wie Gesundheit, sauberes Wasser und genügend Nahrung abdeckten.  Ulrich galt als Schutzherr der Winzer und Reisenden, des Wetters und des Wassers sowie als Schutzpatron gegen Ungeziefer wie Ratten und Seelenführer. 

In den literarischen Überarbeitungen über Ulrich seit dem Mittelalter bis in das 20. Jahrhundert wurde nie Wert auf Poesie, Dramatik oder Historizität gelegt. Im Mittelpunkt stand immer das Exemplum des Seelsorgers und Mittlers zwischen den notleidenden Menschen und einem helfenden Gott.  Über die Jahrhunderte schlug sich die Verehrung des heiligen Ulrichs nicht nur in zahlreichen literarischen Überarbeitungen oder Feiern und Jubiläen nieder. Bischof Ulrich wurde bis in das 20. Jahrhundert immer wieder zum Gegenstand musikalischer Werke – meist kirchlicher Natur – aber auch profaner Theaterproduktionen.

Die Komponenten der traditionellen Ulrichsverehrung verbanden sich im Frühhumanismus mit der eminent politischen Zielsetzung der sogenannten Reichsidee und entfalteten dabei eine vielschichtige Bildwelt, die sich ab dem 16. Jahrhundert auch im öffentlichen Raum nachweisen lässt – beispielsweise an entsprechenden frühneuzeitlichen Fassadenmalereien am Augsburger Weberhaus oder Barfüßertor. Auch noch tausend Jahre später war die Schlacht ein beliebter Bildgegenstand an repräsentativen Gebäuden der Reichsstadt Augsburg.

Im aufgeklärten 19. Jahrhundert und durch die Zugehörigkeit Bayerisch-Schwabens zum Königreich Bayern erfolgte eine neue geschichtspolitische Weichenstellung, die sich der Vergangenheit einerseits sachlicher annahm, sie aber gleichzeitig verklärte. Bei der Verschränkung von Erinnerungskultur und politischer Identitätskonstruktion in Schrift, Kunst und anderen Medien spielte die historische Authentizität zwischen Erzählungsbildung und Geschichtspolitik in der Vergangenheit selten eine Rolle.

Während die Lechfeldschlacht noch im Nationalsozialismus instrumentalisiert und romantisiert wurde, führte die Demokratisierung der Nachkriegszeit zu einem gewissen Paradigmenwechsel hin zu einer neutralen Sachbezogenheit.

Das historische Ereignis der Lechfeldschlacht durchlief somit im Laufe der Zeit einen mehrfachen Wandel im kulturellen Bewusstsein, wurde nach den Interessen der verschiedenen Akteure modifiziert und fand mannigfaltigen ideellen und medialen Niederschlag in allen Epochen – von mittelalterlicher Heiligenverehrung, frühneuzeitlicher Repräsentation, politischer Legitimation und Vermittlung der Reichsidee, dem barocken Reliquienkult oder der bayerischen Geschichtspolitik des 19. Jahrhunderts bis hin zur nationalsozialistischen Umdeutung.

Die rasch nach 955 einsetzende, facettenreiche Instrumentalisierung durch Weltanschauungen und Ideologien wird – in stark abgeschwächter Weise – bis in die Gegenwart durch zeitgenössische Wertzuschreibungen fortgeführt. Im frühen 21. Jahrhundert gelten Otto der Große und Ulrich aber nicht mehr als Verteidiger des christlichen Abendlandes und die siegreiche Schlacht wird in keiner Weise mehr glorifiziert. Der gegenwärtige Umgang fügt sich vielmehr in das Leitmotiv der demokratischen, geschichtswissenschaftlichen Multiperspektivität.

Die Schlacht auf dem Lechfeld von 955 besitzt trotz allem Wandel nach wie vor einen festen Platz im kulturellen Bewusstsein Europas.

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