Jugendproteste vor und nach 1945 im Vergleich

 

von Christian Schaller

Jugend-proteste vor und nach 1945 im Vergleich

 

von Christian Schaller

Jugendproteste vor und nach 1945 im Vergleich.
Die Wandervögel im Deutschen Kaiserreich und die deutsche 68er-Bewegung

Politische oder gesellschaftliche Bewegungen unter Jugendlichen sind ein Phänomen, welches erst in den letzten 200 Jahren während der fortschreitenden Industrialisierung sowie eines entstehenden Nationalgeistes wirklich zum Vorschein kam. Die jungen Leute und Studierenden begannen eine neue Art von Individualität zu entdecken und sich für ihre Wünsche und Vorstellungen auch öffentlich und aktiv einzusetzen. Dieses Engagement zieht sich durchgehend bis in die heutige Zeit fort, spielt also auch eine historische Rolle und ist somit auch in der Gegenwart noch von großer Wichtigkeit. Denn nur aufgrund der Jugendbewegungen und der durch sie erreichten Änderungen in den letzten Dekaden konnte sich beispielsweise Deutschland zu dem entwickeln, was es heute ist. Der Erfolg und die Durchsetzung der Ziele der verschiedenen Gruppierungen, seien sie aus politischen, sozial-gesellschaftlichen oder kulturell-religiösen Gründen entstanden, haben unser Land geformt und maßgeblich verändert. Daraus bezieht das Thema auch heute noch seine unumstößliche Relevanz für das Verständnis der deutschen Gesellschaftsgeschichte und die Entwicklung des Landes. Das Jahr 1945 – das Ende des Zweiten Weltkrieges – spielt bei der Betrachtung der Jugendbewegungen eine große Rolle, nicht nur als eines der wichtigsten und maßgebendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts, sondern auch als einschneidender Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Ganze Jugendbewegungen, wie zum Beispiel die „Wandervögel“, zerbrachen an dem Regime des Dritten Reiches und sollten nie wieder zu alter Größe zurückfinden. Der Zweite Weltkrieg zerstörte und änderte vieles, sowohl politisch als auch kulturell, und sollte Deutschland auch in den folgenden Jahrzehnten noch beeinflussen. Im Bezug auf Jugendströmungen kann er sogar als eine Art Trennwand inmitten des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Somit stellt sich aber auch die Frage, was eben jene Bewegungen einerseits vor 1945 – beziehungsweise sogar noch vor dem aufkommenden Nazideutschland und der Weimarer Republik, aber andererseits auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges dazu veranlasst hat, sich für ihre Bedürfnisse und Wünsche aktiv einzusetzen? Hatten diese Jugendlichen aus völlig verschiedenen sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Umständen, aus quasi völlig verschiedenen Ären überhaupt Gemeinsamkeiten oder überwogen die Unterschiede? Was verband sie, was trennte sie? Oder konkreter: Warum wurden Jugendliche vor, aber auch nach 1945 organisiert aktiv? Um diese Frage zu beantworten, werden zwei Strömungen herangezogen und näher betrachtet: Einmal eine Jugendbewegung vor 1945, in diesem Fall die „Wandervögel“ im Deutschen Kaiserreich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs, und eine Jugendbewegung nach 1945, nämlich die Studentenbewegungen der sechziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland.

Wandervögel und 68er: Historischer Abriss der beiden Bewegungen

Die Geschichte des Wandervogels begann während des Deutschen Kaiserreiches mit dem Jurastudenten Hermann Hoffmann, der von 1896 bis 1899 am Steglitzer Gymnasium kostenlosen Stenographieunterricht anbot und mit den Schülern auch etliche Wanderungen unternahm, die mit der Zeit immer länger und aufwendiger gestaltet wurden.

Wie sind die Wandervögel froh …, Historische Bildpostkarten, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht; CC0 1.0; Link zum Bild

Nach der sogenannten „Fichtebergabrede“ im Januar 1900 übernahm dann Karl Fischer die Leitung und den Ausbau der jungen Gruppe. Dabei orientierte er sich vor allem am Motiv der mittelalterlichen fahrenden Schüler, den Bachanten. Innerhalb der Gruppe herrschte ein kameradschaftlicher, ungezwungener, fast rauer Ton und sie war frei von Formalismen. Der Schriftsteller Wolfgang Kirchbach schlug der heranwachsenden Gruppierung schließlich vor, einen Aufsichtsrat aus honorablen Steglitzer Bürgern einzuführen. Dies führte letztendlich zur Gründung des eigentlichen Vereins „Wandervogel, Ausschuss für Schülerfahrten“ am 04.11.1901. Dieser vergrößerte sich rasch und ab dem Herbst 1902 fanden auch außerhalb von Steglitz Gruppengründungen statt. Allerdings arrangierte sich auch eine wachsende Opposition. In den darauffolgenden Jahren gab es mehrere große Spaltungen und Neugründungen, unter anderem den „Steglitzer e.V.“, den „Altwandervogel“, den „Deutschen Bund“ und den „Jungwandervogel“. Ab 1910 wurde aber auch der Wunsch nach einer Wiedervereinigung wieder laut, der im Winter 1912/1913 in der Gründung des „Wandervogel, Bund für deutsches Jugendwandern, e.V.“ gipfelte, dem alle Gruppen bis auf den „Jungwandervogel“ geschlossen beitraten. Es herrschte – auch schon Jahre zuvor – eine Art tiefe Verbundenheit zwischen den einzelnen Wandervogel-Fragmenten. Ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte der Wandervögel war die Jahrhundertfeier der Leipziger Völkerschlacht im Jahre 1913, bei dem auch die „Meißnerformel“, eine Art Credo der Wandervögel, aufgestellt wurde. Die endgültige, vollständige Einigung des Wandervogels wurde dann durch den Beginn des Ersten Weltkriegs vereitelt.

Die Geschichte der Studentenbewegungen der sechziger Jahre in der BRD hat ihre Wurzeln noch zur Zeit des Wirtschaftswunders. Damals flammten erste regierungskritische Massenbewegungen auf und neue proletarische Jugendkulturen entstanden. Ein Beispiel dafür sind die „Halbstarkenkrawalle“ von 1956 bis 1958. Zu größeren Streikwellen sollte es insbesondere ab der Wirtschaftskrise 1966/67 kommen. In den Jahren 1965/66 formierte sich die Außerparlamentarische Opposition (APO). Sie setzte sich kritisch mit den gesellschaftlichen Umständen und Parteien auseinander, engagierte sich gegen die Wiederaufrüstung und kritisierte die geplante Notstandsgesetzgebung.  Der Sozialistische Deutsche Studentenbund war besonders aktiv, vor allem in seinem Engagement gegen den Vietnam-Krieg (ca. 1955-1975). In den folgenden Jahren kam es immer häufiger zu Protesten und Streiks, wie zum Beispiel auch die Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs, während der auch der Student Benno Ohnesorg von der Westberliner Polizei erschossen wurde. Dies fachte die Proteste noch mehr an. Auch die schwere Verletzung des Studentenführers Rudi Dutschke sorgte für Aufruhr. 1969 kam es zu den Septemberstreiks, die teilweise zu blutigen Auseinandersetzungen mit Polizei und Werkschutz führten.  Ziel der Bewegung war es im Allgemeinen, gegen die herrschenden Normen in sozialen, kulturellen und politischen Bereichen zu protestierten.

Einflussnahme auf die Gesellschaft durch die Wandervögel und die 68er

Wandervögel im Sauerland – Rast im Walde, Historische Bildpostkarten, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht; CC0 1.0; Link zum Bild

Der Wandervogel war stets eine sehr passive Gruppierung, er war nie negativ nach außen gesinnt, hatte gute Verhältnisse in vielen Bereichen – ausgenommen zur Oberschicht und zur Arbeiterschaft – und er war alles in allem politisch neutral. Er war ebenfalls nicht kirchlich orientiert, der Glaube galt als etwas Persönliches. Ihr Umfeld und Einfluss beschränkten sich also auf die familiäre und schulische Ebene, denn der Wandervogel war eine Bewegung der Jugendlichen, Schüler und jungen Studenten. 

Zum Elternhaus bestand ein sehr gemischtes Verhältnis, grob gesehen lief das Leben zu Hause und im Wandervogel parallel nebeneinander her. Allerdings war ein Minimum an Akzeptanz und Verständnis der Eltern nötig, um die Teilnahme des Kindes überhaupt zu bewilligen. Sehr viel schwerer hatten es die Wandervögel in der Schule. Dort stießen sie oft auf das Unverständnis der Lehrer und des Direktorats, nur eine kleine „Minderheit unter den Lehrern und unter den Schülern“ bildete eine Ausnahme. Oft nahmen die Wandervögel im Schulmilieu eine Außenseiterrolle an, sie blieben unter sich und akzeptierten diese Rolle gelassen, aber ehrempfindlich.

Bei den Studentenbewegungen hingegen war vor allem die Öffentlichkeit von großer Wichtigkeit und es besteht kein Zweifel daran, dass die Beziehung zu den Massenmedien für beide Seiten von elementarer Bedeutung war. Ohne mediales Interesse konnte sich die 68er-Bewegung keine Aufmerksamkeit oder Beachtung von der breiten Öffentlichkeit oder vom Staat und der Politik erhoffen. Massenmedien war es möglich, soziale Bewegungen einfach zu ignorieren, die Bewegungen allerdings waren von den Medien abhängig. Die Aufmerksamkeit dieser wurde durch besonders aufsehenerregende Protestaktionen erregt. Aus den ursprünglichen Rebellen schienen, bedingt durch die Medien, mehr und mehr Stars zu werden. Im Zuge dieser Art Glorifizierung kamen jedoch auch Proteste gegen die von Massenmedien und politischen Autoritäten manipuliert imaginierte Öffentlichkeit auf, besonders dem Axel-Springer-Verlag wurden eine verfälschte Berichterstattung und eine Hetzkampagne gegen die Studenten vorgeworfen. Aus diesen Gründen entstand auch – vor allem in West-Berlin – eine Art Gegen- und Alternativpresse.

Beiden Bewegungen vor und nach 1945 war eines gemein: Sie waren von ihrem Umfeld abhängig. Sei es die Erlaubnis der Eltern und der Schule bei den Wandervögeln oder aber die Beachtung durch die Öffentlichkeit bei den Studenten, ohne ein Minimum an Aufmerksamkeit und Akzeptanz wären beide Bewegungen unweigerlich dem Untergang geweiht gewesen. Allerdings unterscheiden sie sich grundlegend in der Art, wie sie diese Aufmerksamkeit erlangten. Waren die Wandervögel hier eher unterwürfig, friedliebend und passiv, waren die 68er geradezu offensiv und auffällig. Auch war es den Studenten im Gegensatz zu den Wandervögeln möglich, einen bleibenden Eindruck, eine Veränderung bei ihrem Umfeld hervorzurufen, denn Protestereignisse waren in der Nachkriegszeit sehr viel selbstverständlicher Gegenstand öffentlicher Berichterstattung geworden als dies im Deutschen Kaiserreich oder während der Weimarer Republik der Fall war.

Grundwerte und Lebensstile der Wandervögel und der 68er

Die Grundwerte der Wandervögel lassen sich durch einige Schlüsselbegriffe zusammenfassen: Freiheit, Freizeit, Gemeinschaft und Abstinenz. Diese wurden durch die sogenannte „Meißnerformel“ 1913 noch einmal schriftlich festgehalten. Der Begriff Freiheit lässt sich in zwei Teile aufspalten: Einmal innere Freiheit, womit Selbstverantwortung und Autonomie gemeint sind, und einmal äußere Freiheit, die eine Unabhängigkeit und Eigenständigkeit von der Schule, den Eltern, der Kirche und dem Staat fordert. Diese doppelte Freiheit ist wiederum nötig, um die Freizeit – meist in der unberührten, abgelegenen Natur verbracht – sinnvoll zu gestalten, nämlich durch eigenständige Gestaltung und Planung. Die Freiheit und Freizeit in der Gruppe stärkt ebenfalls die Gemeinschaft und nach und nach kann ein Gemeinschaftsbewusstsein, eine Art Solidarität und Gleichwertigkeitsgefühl, in der Gruppe entstehen. Der letzte Wert, die Abstinenz, verbietet strikt den Konsum des in der übrigen Gesellschaft so weit verbreiteten Tabaks und Alkohols.  Der Lebensstil des Wandervogels lässt sich auch durch drei Begriffe zusammenfassen: das Wandern, das Singen und das Naturerlebnis. Alle drei Dinge sind eng miteinander verwoben und wurden auf jeder der Ausflugfahrten zelebriert.

Wandervögel Will ich sein; Historische Bildpostkarten, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht; CC0 1.0; Link zum Bild

Die Studentenbewegungen der sechziger Jahre hingegen waren alles andere als eine homogene Strömung. Es gab Gradualisten, die eine Reform des Staates und der Gesellschaft forderten, oder aber Maximalisten, die einen kompletten Bruch mit dem existierenden System im Sinne hatten.  Gemeinsam hatten wohl alle einzelnen Fragmente der Studentenbewegung das „Individuum zu entfesseln“ und „die Gesellschaft auf eine neue Grundlage zu stellen.“  Modelle dafür waren zum Beispiel die sogenannten Kinderläden, oder aber die Kommunen, eine neue Art der Wohngemeinschaft, die ein gemeinsames Wirtschaften des Haushalts vorsah. Weitere zentrale Forderungen waren unter anderem die Emanzipation der Frau, Reformen in der Hochschulpolitik, der offene Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands oder die Ersetzung der konservativen Werte wie Pflicht, Gehorsam und Vaterlandsliebe – die teilweise auch noch eine aus dem Nationalsozialismus stammende soziokulturelle Hinterlassenschaft waren – durch Werte und Tugenden wie Gleichheit, Kollektivität, Mitbestimmung oder soziale Gerechtigkeit.

Den beiden Bewegungen gemeinsam war also das Aufbegehren gegen erstarrte Formen, die leblos geworden waren, die Einstellung gegen das bequeme und satte Leben, welches beide so ablehnten und ändern wollten. Trotzdem überwogen die Abweichungen. Was die 68er von den Wandervögeln unterschied, waren die Aggressivität und die Gewalttätigkeit in ihrer Vorgehensweise, die ihnen fehlende Romantik, das fehlende Verantwortungsbewusstsein und die fehlenden Tugendideale, grundsätzlich auch die Unfähigkeit zur konsistenten Gemeinschaft.  Die Wandervögel verband nämlich – ganz im Gegensatz zur 68er Bewegung – ein Gefühl der Einheit und der Zusammengehörigkeit.

Entstehungsgründe und Zivilisationskritik der Wandervögel und der 68er

Die Ausgangsthese zur Entstehung des Wandervogels begründet sich auf die nach der Gründung des deutschen Kaiserreichs eintretende Identitäts- und Statuskrise der Beamtenschaft, aus dessen Kreisen fast alle Wandervögel kamen. Durch die rasch fortschreitende Industrialisierung sahen sich die Beamten am meisten benachteiligt und fürchteten um ihren Status und ihre soziale Wertschätzung. Der Wandervogel war demnach eine Anstrengung des Bildungsbürgertums der Jahrhundertwende zur Erhaltung ihres Elitestatus und Wiedergewinnung der kollektiven Identität. Das mittlere Beamtentum wurde deshalb ein Hauptrekrutierungsfeld für aktiv an der Jugendbewegung Beteiligte, der Wandervogel war deshalb keine eigene Leistung der Jugend, sondern letztendlich nur die epigonale Erscheinung einer Krise.

Die Entstehungsgründe der Studentenbewegung sind hauptsächlich – wie bereits oben erwähnt – auf die wachsenden Disparitäten zwischen Jung und Alt zurückzuführen, aber auch auf diverse innenpolitische Spannungen, wie die ebenfalls weiter oben erwähnte Vergangenheitsverarbeitung. In der 68er-Bewegung wird nach dem Ursprünglichen, dem vermeintlich Authentischen gesucht – im Individuum, im Kollektiv, in der Politik.  Somit scheint Karl Marx (1818-1883) die zentrale theoretische Autorität der 68er gewesen zu sein. Doch auch der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) scheint insgeheim einen großen Anteil an der Ursprungsidee der Studentenbewegung gehabt zu haben. Sei es einerseits die Suche nach der ursprünglichen Subjektivität, wie sie im Kommunenmodell zum Vorschein gekommen ist, oder aber der Wille zur Freimachung der Gesellschaft von faschistischen, kapitalistischen und imperialistischen Prägungen, was sich durch die massive Kulturkritik der 68er ausdrückt.

Schenkt man also den Gründungstheorien der beiden Bewegungen Glauben, lässt sich ein entscheidender Unterschied feststellen: Während bei den Wandervögeln die diffuse Angst vor den Auswirkungen einer gesellschaftlichen Identitätskrise die Gründung der Gruppierung quasi in die Bahnen leitete oder auf jeden Fall begünstigte, entstanden die Studentenbewegungen der sechziger Jahre vor allem aus Unzufriedenheit gegenüber der Gesellschaft. In beiden Fällen war die Gesellschaft jedoch maßgeblich an der Entstehung der Bewegungen beteiligt.

Folgen und Auswirkungen der beiden Bewegungen

Wandervogel; Historische Bildpostkarten, Sammlung Prof. Dr. Sabine Giesbrecht; CC0 1.0; Link zum Bild

Der Wandervogel war eine sehr unpolitische Bewegung, folglich waren die bleibenden Veränderungen, die er mit sich brachte, eher kultureller und gesellschaftlicher Natur. Von Bedeutung für die Nachwelt waren vor allem der Wert der Freiheit des Einzelnen, die Bedeutung der Gruppe an sich, das engere Verhältnis zur Natur, also das dortige Verbringen von Freizeit oder der Schutz der Umwelt, aber auch die Notwendigkeit zentraler Werte und Normen, wie sie dem Wandervogel eigen waren.

Der Geist des ehemaligen Wandervogels lebte nach dem Zweiten Weltkrieg in Nachfolgeorganisationen fort, wie zum Beispiel dem „Nerother Wandervogel“, eine der letzten noch heute existierenden Neugründungen. Auch hatte der Wandervogel einen großen Einfluss auf Literatur, Musik und Architektur und brachte große Pädagogen wie Wyneken, Flitner, Nohl und Reichwein – alle ehemalige Wandervögelanhänger – hervor.

Im Gegensatz zum Wandervogel war die Studentenbewegung der Sechziger sehr wohl politisch ausgerichtet, dabei allerdings weitgehend erfolglos. So meint auch der Autor Wolfgang Kraushaar, dass die damalige Bewegung politisch zwar auf der ganzen Linie gescheitert sei, soziokulturell jedoch habe sie, wenn auch unbeabsichtigt, im Nachhinein eine Reihe von Erfolgen hervorgebracht. Sie war Inspiration für die Frauenbewegung oder die Ökologiebewegung, die später entscheidend zur Gründung der „Die Grünen“-Partei  beitrugen, oder aber die Bürgerinitiativen, sie wagte quasi einen fundamentalen Angriff auf die Gesellschaft als einen Traditionszusammenhang von Identitätsmustern, Werten und Mentalitäten. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und des Dritten Reichs, welches so viele Elemente der deutschen Gesellschaft, Kultur und Politik beeinflusst hatte und auch weiterhin beeinflusste, fehlte eine dementsprechende soziokulturelle Wende. Der Anstoß zu dieser Wende waren die Studentenbewegungen.

Der größte Unterschied zwischen den beiden Bewegungen ist nun die Effizienz eben jener, wohl begründet durch die oben erläuterten, verschiedenen Strukturierungen und Vorgehensweisen der Gruppen. Während die Auswirkungen der Wandervogelbewegung eher individuell-kulturell anzusiedeln sind, kann man die der Studentenbewegung als viel tiefgreifender auffassen. Seien es einerseits die Langzeitwirkungen auf das Alltagsleben, wie zum Beispiel der ungezwungenere Umgang mit Autoritäten, oder aber die kritischere Sicht auf Massenmedien, die verstärkte Forderung nach mehr Mitbestimmungsrecht, die kritischere Sicht auf die Politik und das Zurückdrängen des vorherrschenden stumpfen Antikommunismus. Außerdem öffnete sie die Türen zu einer subjektbestimmten Modernität, andererseits jedoch auch Abgründe wie den politisch motivierten Terrorismus.

Fazit: Wandervögel und 68er-Bewegung im Vergleich

Nun kommen wir zu der Frage zurück, was jene beiden doch sehr unterschiedlichen Bewegungen verband. Sowohl den Wandervögeln als auch der Studentenbewegung waren diverse Faktoren gemein. Beide befanden sich in einem konservativen, festgefahrenen und teilweise stark überalterten gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Umfeld. Und beide waren von dem Gedanken erfüllt, sich in dieser Welt, diesem widrigen sozialen Umfeld, etwas Neues zu errichten, etwas, das ihren Vorstellungen entsprach. Diese Dinge sind es, die die Jugendlichen vor, aber auch nach 1945 verbanden und auch noch in Zukunft verbinden werden: Die Unzufriedenheit an den herrschenden Umständen und der aufkommende Mut und Wille, etwas daran zu verändern.

Doch hier hören die Gemeinsamkeiten bereits auf, denn bei der Vorgehensweise beider Gruppierungen ist eine große Differenzierung nötig. Entsprechen die Wandervögel noch eher romantischen, tugendhaften und friedlichen Motiven, zeichnet sich die Studentenbewegung durch große Aggressivität und einen starken Aktivismus aus. In diesem Punkt liegt wohl auch die größere Effizienz der zweiten Bewegung. Natürlich hat auch der Wandervogel einen wichtigen Anteil am Kulturgut unseres Landes, allerdings nicht so weitreichend wie die Studentenbewegung der sechziger Jahre. Zwar konnte sie lang nicht alle gesetzten Ziele verwirklichen, wohl aber tiefgreifende äußere und innere Veränderungen in Deutschland erreichen, die wir heute als selbstverständlich ansehen – sei es in der Politik, den Medien oder der  Gesellschaft an sich.

Verwendete Literatur
  • Aufmuth, Ulrich: Die deutsche Wandervogelbewegung unter soziologischem Aspekt. Göttingen 1979.
  • Ebbinghaus, Angelika: Die 68er: Schlüsseltexte der globalen Revolte Wien 2008.
  • Klimke, Martin: 1968 – Ein Handbuch zur Kultur- und Mediengeschichte der Studentenbewegung. Stuttgart 2007.
  • Kraushaar, Wolfgang: Achtundsechzig – Eine Bilanz. Berlin 2008.
  • Negt, Oskar: Achtundsechzig – politische Intellektuelle und die Macht. Göttingen 1995.
  • Neuloh, Otto / Zilius, Wilhelm: Die Wandervögel, eine empirisch-soziologische Untersuchung der frühen deutschen Jugendbewegung. Göttingen 1982.
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