Die zwei Brücken

 

von Julia Huber

Augen schließen und einmal die London Bridge vorstellen, bitte!

Augen zu. Ein Bild entsteht.

Hat die Brücke im Bild zwei Türme?

Ja?

Oh nein! Dann ist es ’die andere‘ Brücke!

Falsch! Setzen!

Seit jeher verwechseln London Besucher die beiden Brücken, die etwa 900m weit auseinander liegen. Und um ehrlich zu sein bin ich mir nicht einmal sicher, ob sich die Londoner selbst so genau mit ihren Brücken auskennen.

Jedenfalls sollte es relativ einfach sein die beiden bekanntesten zu unterscheiden: die Tower Bridge ist die mit den beiden Türmen. Tower = Turm, also alles ganz easy. Es ist die, die sich in der Mitte öffnet, wenn ein Schiff durchfahren will.

Die London Bridge hingegen kann das nicht und stoppt die Schiffe. Zumindest die großen.

Und genau hier müssen wir ansetzen, wenn wir uns die Geschichte der beiden Brücken ansehen wollen. Als London-Stadtführerin erzähle ich sie gerne …

Die London Bridge war wahrscheinlich die erste fixe Brücke, die über die Themse führte. Aber alles von vorne … Im Jahr 43 n.Chr. kamen die Römer im Rahmen der Expansion des Römischen Reiches nach Britannia und gründeten eine Siedlung: Londinium.

Londinium, das heutige ‚London‘, wurde schnell zu einem kleinen Städtchen nach typisch römischem Vorbild: es gab ein Forum (politisches Zentrum), eine Basilika (Markt, Justiz usw.), Bäder sowie ein Amphitheater – denn panem et circenses wurde auch außerhalb Roms großgeschrieben.

Tower Bridge, © Julia Huber

Die Römer waren es auch, die das Nord- und Südufer der Themse als erste miteinander verbanden. Eine Brücke aus Holz spannte sich über die Themse, die damals noch wesentlich breiter war als heute.

Es gab wohl mehrere Versionen dieser Holzbrücken, denn sie fielen immer wieder Bränden zum Opfer oder stürzten ein. Um etwa 410 n.Chr. zogen sich die Römer aus Britannia zurück und überließen das Land den Angelsachsen und Wikingern.

Der Architekt und Techniker Peter of Colechurch war es schließlich, der die erste London Bridge aus Stein entwarf. Baubeginn war im Jahr 1176, und 1209 war sie fertig. Diese Brücke nennen wir Old London Bridge und sie war wirklich einmalig! 19 Brückenbögen reihten sich aneinander, wobei auf der Brücke selbst hohe Häuser standen – bis zu sieben Stockwerke hoch!

Die Brückenbögen waren auch der Grund dafür, dass sich an der Ostseite der Haupthafen für Schifffahrt und Handel entwickelte. Größere Schiffe konnten nicht durch die relativ kleinen Bögen hindurch fahren und mussten – vom Meer kommend – somit vor der Brücke entladen werden. Tatsächlich wurde bis in die 1940er Jahre dieser Bereich der Themse (genannt ‚Pool of London‘) noch als Umschlagplatz genutzt, bis der Aufschwung der riesigen Containerschiffe den Hafen komplett in die Docks im Osten (heute Canary Wharf) verlagerte.

Blick entlang der Themse auf die London Bridge / Blick entlang der Themse auf die Westminster Bridge, Caspar Jacobsz. Philips; CCo, © Rijksmuseum; Link zum Bild

Peter of Colechurch’s Old London Bridge existierte bis in die 1830er Jahre und wurde schließlich aufgrund von Materialschwäche abgerissen – aber erst nachdem die neue (Ersatz-)Brücke etwa 30m weiter westlich fertiggestellt und einsatzbereit war! (Hier hat tatsächlich jemand mitgedacht 😉

1831 hieß es dann: Welcome to the World, New London Bridge! Diese neue Inkarnation der London Bridge war wesentlich unspektakulärer als die alte Version: der Architekt John Rennie entwarf ein eher konventionelles Design mit nur 5 Brückenbögen und ohne Bebauung mit Häusern. King William IV und seine Frau Adelaide waren bei der offiziellen Eröffnung anwesend, weswegen eine der Zubringerstraßen am nördlichen Ende nach dem Monarchen benannt wurde (King William Street).

Etwas, das Rennie bei der Brückenplanung vielleicht nicht bedacht hatte, war das enorme Wachstum Londons im 19. Jhdt.

Zwischen 1800 und 1900 schwoll die Metropole von etwa 1 Million auf mehr als 6 Millionen Einwohner an, was sich natürlich auch auf den Straßenverkehr und die Auslastung und Belastung der Brücke auswirkte. Mehr und mehr versank sie im Themseschlamm, bis Mitte des 20. Jhdt. beschlossen wurde die Brücke abermals auszutauschen.

Diesmal wollte sich die City of London Corporation, der Eigentümer der London Bridge sowie 3 weiterer Themsebrücken, jedoch zumindest einen Teil der Baukosten wieder reinholen und die alte ‚New London Bridge‘ wurde zum Verkauf angeboten!

Ein amerikanischer Unternehmer namens Robert P. McCulloch erhielt 1968 den Zuschlag und ließ die Brücke Stein für Stein nach Lake Havasu City in Arizona transportieren. Dort wurde sie wieder aufgebaut und führt seitdem über den Colorado River.

Glaubt man den Gerüchten so hatte sogar McCulloch die London Bridge mit der Tower Bridge verwechselt! Auch er schloss wohl die Augen und stellte sich ‚seine‘ London Bridge in Lake Havasu City vor – nur erschien ihm wohl die doch um einiges prachtvollere Tower Bridge! Ich gehe davon aus, dass er von keinem Umtauschrecht Gebrauch machen konnte …

Modern London Bridge; Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; © Hammersfan; Link zur Lizenz

Im März 1973 schließlich eröffnete Königin Elizabeth II die jetzige Modern London Bridge, von deren Mitte aus wir einen tollen Ausblick auf die Tower Bridge haben.

Diese wiederum ist nicht so alt wie die meisten von uns denken!

Erst 1894 wurde sie vom damaligen Prince of Wales (später König Edward VII) offiziell eröffnet und lässt seitdem Schiffe bis etwa 40m Höhe passieren: Schiffe bis zu einer Höhe von 9m können ohne Anmeldung unter der geschlossenen Brücke durchfahren. Für größere Schiffe öffnen sich die beiden unteren Brückenteile (nicht jedoch die Verbindungsgänge oben!), aber nur nach vorheriger Anmeldung bis spätestens 24h vor Durchfahrt!

Dass sich die Brücke öffnen kann, war ein ganz wesentlicher Faktor beim Designentwurf. Aufgrund des immer stärkeren Verkehrsaufkommens in der stetig wachsenden Stadt sollte Ende des 19. Jhdt. eine komplett neue Brücke gebaut werden, welche jedoch weiterhin größeren Schiffen die Einfahrt in den Hafen (und weiter bis zur London Bridge) ermöglichte.

Der Architekt Sir Horace Jones entwarf somit ein Hybrid aus Hänge- und Klappbrücke und der nahestehende Tower of London sowie die beiden Brückentürme an der Nord- und Südseite dienten als Inspiration für den Namen: Tower Bridge

Mächtig steht sie nun da, die erste und gleichzeitig östlichste der 35 Brücken, die im Großraum London über die Themse führen. Wunderschön und völlig unverkennbar mit ihren beiden prächtigen towers …

Tower Bridge, © SevenStorm JUHASZIMRUS

Verwendete Literatur
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