Dora Maar – zwei Leben in einem

 

von Anja Weinberger

Dora Maar kam 1907 als Henriette Theodora Markovitch in Tours zur Welt, wuchs in einem intellektuell-gebildeten Umfeld auf und lernte durch die Arbeit ihres Vaters früh mehrere Fremdsprachen.

In Paris studierte sie sowohl Malerei als auch Fotografie und änderte zu dieser Zeit ihren kroatischen Geburtsnamen in das leichter aussprechbare Dora Maar.

Nach dem Kunststudium machte die schöne und immer stilsicher gekleidete Dora Maar schnell Karriere als Fotografin. Gemeinsam mit Pierre Kéfer eröffnete sie in Paris ein eigenes Studio, und die beiden teilten sich die Dunkelkammer mit Brassaï, dem Fotografen der Nacht. Schon Doras Werbefotos dieser Jahre sind experimentierfreudig und lassen ihre kommende Entwicklung erahnen. Aus dieser Zeit stammen auch die außergewöhnlich ästhetischen Fotos von der damals als Modell sehr erfolgreichen Assia Granatourov und die trickreichen, technisch perfekten Fotomontagen, deren Absurdität erst auf den zweiten Blick auffällt.

 

Dora maar<br />

Dora Maar, Fashion Study © Art Institute Chicago  zum Bild

In den Folgejahren taucht Dora immer tiefer ein in die Welt der Intellektuellen, lernt u. a. Henri Cartier-Bresson und Man Ray kennen. Schnell wird sie zu einer festen Größe im Kreise der Pariser Surrealisten. Ihre Karriere verläuft steil, und ihre linksradikal-politischen Überzeugungen übersetzt sie in engagierte ›Straßenfotografie‹. In Paris, aber auch in Barcelona und London, bildet sie in diesen Jahren der Weltwirtschaftskrise das Leben der Außenseiter, der Arbeits- und Obdachlosen, der Straßenkinder und Bettler ab, ehe sie sich der surrealistischen Fotografie zuwendet und mit dem Portrait d’Ubu, inspiriert von Alfred Jarrys gefeiertem Bühnenwerk König Ubu, das Symbol des Surrealismus schlechthin erschafft.

Wir befinden uns nun im Winter 1935/36, Dora Maar ist 28 Jahre alt, schön, etwas exaltiert und äußerst erfolgreich. Sie spricht fließend mehrere Sprachen, darunter auch Spanisch. Das ›Café Les Deux Magots‹ im Pariser Intellektuellen-Stadtteil Saint-Germain-des-Prés wird zu dem Ort, an dem das zweite Leben der jungen Frau beginnen sollte, denn hier lernt sie Pablo Picasso kennen, der damals 55 Jahre alt war, Vater zweier Kinder, verheiratet mit der Balletttänzerin Olga, jedoch offiziell zusammenlebend mit Marie Thérèse Walther.

Zwischen Dora und Pablo entwickelt sich eine gleichermaßen leidenschaftliche wie auch abgründige Beziehung. Picasso sieht keinerlei Notwendigkeit einer exklusiven Liebesbeziehung und überlässt es den beteiligten Frauen, mit dieser ›Ménage-à-trois‹ (oder eigentlich à-quatre) zurechtzukommen. In die erste Zeit jener Liaison fällt Picassos Arbeit an seinem ungewöhnlich großen Gemälde Guernica. Dora dokumentiert die Entstehung dieses Jahrhundertbildes fotografisch[1], sorgt dadurch für große Aufmerksamkeit und legt danach die Kamera beiseite, um sie erst 40 Jahre später wieder zur Hand zu nehmen.

Sie beginnt nun zu malen, die Bilder aus dieser Zeit könnten von Picasso stammen, so ähnlich ist der Stil. Picasso wird Dora Maar in den kommenden Jahren unzählige Male abbilden, sie ist die Weinende Frau, die der spanische Maler als Postskriptum zu Guernica schuf, dem eindrucksvollen Symbol des Leides, das über Spanien gebracht wurde. Der Ausnahmekünstler scheint um die Ausnahmekünstlerin Dora eine düstere Aura bemerkt zu haben, denn er behauptete immer, sie nicht lachend darstellen zu können[2]. Es existieren nur sehr spärliche Interviews mit Dora Maar, ihre Abwendung von der Fotografie stellt uns vor Rätsel. Diese »düstere Aura«, die Picasso beschrieben hat, könnte damit zu tun haben. Klar ist: Die erfolgreiche Fotografin verschwindet, eine Malerin von Picasso-Porträts, Landschaften, Stillleben und geometrischen Kompositionen taucht auf.

1943, nach knapp acht Jahren, Dora ist nun 36 Jahre alt, zerbrach das fragile Konstrukt. Picasso verliebte sich in Françoise Gilot und überstrapazierte damit die Leidensfähigkeit seiner anderen Frauen.

Dora Maar wurde nun wirklich zur Malerin, allerdings zu einer depressiven und einsamen. Ob Picasso ihre düstere Seite als Erster erkannt hatte oder ob sie durch ihn erst zum Vorschein kam – niemand vermag das zu sagen. Sowohl die Psychoanalyse als auch die katholische Kirche wurden ihr in den kommenden Jahren eine Hilfe. Die einst selbstbewusste und lebenshungrige Frau wurde zu einer Frau, die sich in der eigenen Gesellschaft am wohlsten fühlte und hauptsächlich in und mit ihrer Kunst lebte.

 

Picasso

Pablo Picasso, Weinende Frau © Art Institute Chicago zum Bild

1957 stellte Heinz Berggruen, der Picasso-Sammler und Galerist, ihre Landschaftsbilder aus; vierzig Jahre später, kurz vor ihrem Tod, besucht er sie, um eine kleine Zeichnung Picassos zu erwerben, damit die nun betagte Dame offene Rechnungen begleichen könne. In diesen vierzig Jahren hatte Dora Maar kaum Kontakte zur Außenwelt, konzentrierte sich auf die Religion, die abstrakte Malerei und so manche Ausstellung ihrer Bilder, bei der sie selbst nie anwesend war. Nur einmal noch kehrte sie auf Umwegen zur Fotografie zurück: Sie experimentierte mit alten Negativen und erstellte Fotogramme. 1997 stirbt Dora Maar, die Versteigerung ihres Nachlasses erbrachte weit über 20 Millionen Euro.

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Eine großartige Ausstellung, die 2019 und 2020 mit beinahe 400 Werken der Künstlerin nacheinander im ›Centre Pompidou‹ in Paris, in der ›Tate Modern‹ in London und im ›Getty Museum‹ Los Angeles stattfand, zeigte eindrucksvoll ihre Qualitäten.

Dieser Text entstammt dem Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik von Anja Weinberger, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.

 

Anja Weinberger im Leiermann-Verlag

Drei Bücher zu Musik und Kunst, voller Geschichte und Geschichten. Lesen Sie mehr über Coco Chanel, Marc Chagall, Friedrich den Großen, Misia Sert und so manch andere.

 

Fußnoten

1 Die Fotos wurden in der Kunst- und Literaturzeitschrift ›Cahiers d’Art‹ veröffentlicht.

2 Marie-Thérèse Walther, blond, ein skandinavischer, kräftiger Typ, die Picassos nächste Geliebte werden wird, stellt der Maler in hellen Farben dar, beinahe fröhlich.

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