Dorotheum

 

 

von Robert Eichhorn

Dorotheum

von Robert Eichhorn

Wien um 1700.

Die letzten Jahrzehnte waren alles andere als ruhig für Österreich. Ab den 1660er Jahren legte sich der Französische König Ludwig XIV mit den Habsburgern an. Zuerst marschierten seine Truppen in den Spanischen Niederlanden ein, damals Teil des Habsburger Reiches. Es folgte ein 10-Jähriger Krieg. Ein paar Jahre später ging es kriegerisch um die Spanische Erbfolge. Die Habsburger verloren Spanien, konnten sich aber andere Gebiete sichern – doch das ging zu Lasten der ohnedies knappen Staatskasse.

Dazwischen waren die Osmanen zum zweiten Mal uneingeladen auf Besuch in Wien. Und auch die Pest tobte zu dieser Zeit wieder einmal durch die Lande.

Kaiser Joseph I.; © Dorotheum

Kriege, Seuchen, all das ist für die Wirtschaft nicht sehr hilfreich und belastete die ohnedies nicht im Übermaß vorhandenen Finanzen der Habsburger sehr. Den regierenden Kaiser Joseph I. plagte aber nicht nur der durch die verschiedenen Kriegsschauplätze geschwächte Staatshaushalt, auch um die wirtschaftliche Situation seiner Untertanen stand es nicht zum Besten.

Zur Hebung der Volkswirtschaft und zur Verbesserung der Staatsfinanzen wurde daher neben der Gründung einer Kreditbank auch die Errichtung eines öffentlichen Leihauses nach italienischem Vorbild beschlossen.

Diese Idee geht auf Josephs Vater, Kaiser Leopold I., zurück, der kurz vor seinem Ableben noch mit dem Gedanken gespielt hat, ein öffentliches Leihhaus einzurichten.

Pfandleihanstalten gab es bereits seit dem Mittelalter. Die ersten Leihhäuser kamen in der Mitte des 15. Jahrhunderts in Norditalien auf. Von Italien aus verbreiteten sich diese Einrichtungen. Nördlich der Alpen wurden unter Kaiser Maximilian I. 1498 in Nürnberg die ersten Leihhäuser (Wechselbanken) errichtet.

Besitz zu verpfänden war die einfachste Art, an zu Geld zu kommen – ein Kredit gegen die Hinterlegung eines Faustpfandes. Ohne Vertrag, ohne Bürgschaft.

Das Kirchenrecht verbot jedoch lange Zeit Geldverleih und drohte mit Exkommunikation. Erst das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert stufte den Geldverleih zu tragbaren Bedingungen als fromme Institution ein.

1707 Gründung des Versatz- und Fragamt

Am 14. März 1707 setze Kaiser Joseph I. seine Unterschrift unter das Gründungspatent des Versatz- und Fragamts.

Das Fragamt

Das Fragamt war primär Vermittler von Immobilien und Hauspersonal. Man konnte dort aber auch Wein, Bücher, Pferde, Wagen, Einrichtungsgegenstände u.a. gegen eine geringe Gebühr in im Fragamt aufliegende Bücher eintragen lassen. Wer auf der Suche nach entsprechenden Gegenständen war, konnte im Fragamt in diesen Büchern danach suchen – natürlich ebenfalls gegen eine Gebühr. Wenn man so möchte, war das Fragamt ein Vorläufer von willhaben.at

Das Fragamt führte im Laufe der Geschichte ein eher wenig beachtetes Dasein. Anfang des 19. Jahrhundert stellte es seine Dienste nach und nach ein.

Das Versatzamt

Das Versatzamt war das, was heute einem Pfandhaus entspricht. Gegen ein Pfand erhält man ein Darlehen. Nach einer bestimmten Frist, ist dieses Darlehen zuzüglich Zinsen und Gebühren zurückzuzahlen, im Gegenzug geht das Pfand wieder an den Besitzer.

Versetzt werden konnte so allerlei: Juwelen, Gold und Silber, Gegenstände aus Metall, Bücher, Bilder, Kleidungsstücke etc.

Pfänder, die nach einem Jahr nicht ausgelöst wurden, wurden versteigert. Das Gründungspatent sah auch die Möglichkeit vor, dass an diesen Terminen Privatpersonen Gegenstände zum Verkauf anbieten konnten.

Dass Bürger in finanzieller Not ihren Besitz verpfändeten, war damals durchaus üblich. Doch war dabei Betrug an der Tagesordnung. Immer wieder kam es zu Wucher mit überteuerten Darlehen. Zinsen bis 173% pro Jahr waren durchaus keine Seltenheit!

Mit der neuen staatlichen Institution sollte diesen unlauteren Machenschaften ein Riegel vorgeschoben werden. Der Wiener Stadtrat drückte in einem Schreiben dazu seine Hoffnung aus, dass mit dem Versatzamt „die unerhörte wucherey der aller orten herumblaufenden händlerweiber gehemmt“ werde.

Es waren aber nicht nur Bürgerliche, die vom neuen Versatzamt profitierten. Auch Angehörige der höheren Stände bedienten sich der neuen Services. Um dabei die Anonymität der feinen Damen und Herren zu wahren, hat man eigens einen „beaidigten Versatzannehmer“ berufen. Er war befugt, Gegenstände, die nicht sein Eigentum waren, im Namen seiner Kunden zu versetzen.

Temporäre finanzielle Engpässe konnten so diskret aus der Welt geschafft werden – es sollte ja niemand mitbekommen, dass Herr Graf heuer bereits zum dritten Mal seine Kunstsammlung verpfänden musste.

Einen „beaidigter Versatzannehmer“ gibt es im modernen Auktionshaus nicht mehr. Aber zur Wahrung der Anonymität eines Käufers kann man heute auf Wunsch und gegen eine Gebühr die Dienste eines Sensal in Anspruch nehmen, der bei einer Auktion stellvertretend für einen Interessenten ein Gebot abgibt.

Der Begriff Sensal stammt vom persischen Wort „simsar“ für Makler oder Vermittler ab.

Selbst die Habsburger waren vor Liquiditätsproblemen nicht gefeit. 1703 empfahl Kaiser Josephs Finanzfachmann Gundaker Thomas Graf Starhemberg, Teile der Reichsinsignien zu verpfänden, um wieder etwas Geld in die Kasse der Monarchie zu bekommen. Und aus dem Jahr 1716 wissen wir, dass das Kaiserhaus in Amsterdam und Hamburg Schmuck im Wert von einer halben Million Gulden verpfändet hatte – bevor man diesen jedoch wieder auslösen konnte, musste die Rückzahlungsfrist allerdings zweimal verlängert werden.

Gründungspatent des Versatz- und Fragamts; © Dorotheum

Wohlfahrt

Zur Zeit der Gründung sah man das Versatz- und Fragamt nicht als Institution, deren Dienste auch die untersten soziale Schichten in Anspruch nehmen sollten. Denn die Voraussetzung etwas verpfänden zu können, ist ja, dass man überhaupt etwas von Wert besitzt. Zusätzlich muss die Person auch eine realistische Möglichkeit haben, ihr Pfand innerhalb der Frist auch wieder auszulösen. Damit schied ein sehr großer Teil der einfachen Bevölkerung aus. Dennoch sollte das Versatz- und Fragamt die Ärmsten der Armen unterstützen.

Bereits unter Kaiser Leopold I. hatte die wirtschaftliche Notlage der unteren sozialen Bevölkerungsschichten die Notwendigkeit einer Armenversorgung deutlich gemacht. Besorgt über die große Anzahl von Bettlern und Obdachlosen in Stadt und Vorstädten ließ der Kaiser 1693 ein Großarmenhaus errichten. Um eine dauerhafte Finanzierung dieser kostspieligen Wohlfahrtseinrichtung zu gewährleisten, wurde bestimmt, dass ein Anteil der Erlöse aus Pfandleihe, Fragamt und freiwilliger Versteigerung an das Großarmenhaus zu gehen habe.

Aus dem Großarmenhaus ging 1784 das Allgemeine Krankenhaus hervor. Das nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprechende Armenhaus wurde durch Kaiser Joseph II. aufgelöst. Auf dem Gelände wurde nach Vorbild des Pariser Hôtel-Dieu ein modernes Krankenhaus errichtet.

Der erste Standort des Versatzamtes

Der erste Standort des Versatz- und Fragamts war im Haus des Statthalters Ferdinand Karl Graf Welz in der Annagasse. Graf Welz war ein hochangesehener und wohlhabender Mann. Wie viele seiner Zeitgenossen, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts in führenden Positionen tätig waren, hat er sich während der 2. Belagerung Wiens durch die Osmanen besondere Verdienste erworben.

Der geschäftstüchtige Graf spekulierte damit, das Haus, in dem sich das Versatz- und Fragamt eingemietet hatte, bald ganz an die Institution verkaufen zu können. Das geschah tatsächlich bereits etwas mehr als ein Jahr später.

Die Zahl der Pfänder war so stark angewachsen, dass die drei vorhandenen Gewölbe für ihre Lagerung nicht mehr ausreichten. 1708 ging das gesamte Haus an das Versatzamt – für 65.000 Gulden. Die Vorfahren von Graf Welz hatten es einige Jahrzehnte davor um 6.000 Gulden gekauft. Selbst beim dramatischen Preisgefälle der damaligen Zeit war das eine mehr als beachtliche Preissteigerung.

Das Versatzhaus entwickelte sich Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer kapitalkräftigen Einrichtung. Kaiserliche Staatsämter griffen aber immer wieder in die Kasse: so zum Beispiel für den Ausbau der Stadtbefestigung oder zur Finanzierung der Krönungsreise von Kaiser Franz Stephan I nach Frankfurt im Jahr 1745.

Das Amt übersiedelt

Rund 80 Jahre nach der Gründung des Versatzhauses war inzwischen Kaiser Joseph II. an der Regierung. Joseph II., der Sohn von Maria Theresia, war fest entschlossen, das Land im Sinne der Aufklärung zu reformieren. Er bestimmte, dass von nun an die Hälfte des Reingewinns des Versatzhauses an die Armenkasse zu gehen hatte, und veranlasste die Übersiedlung des Versatz- und Fragamts in das im Rahmen seiner Klosterreform aufgelassene Dorotheerkloster in der Dorotheergasse.

Damit im Zusammenhang steht auch folgende Geschichte, die vermutlich nicht wahr, aber jedenfalls gut erfunden ist und wohl dazu dienen sollte, die Volksverbundenheit des Kaisers herauszustreichen.

Um sich selbst ein Bild vom Versatzamt zu machen, soll Joseph inkognito in die Räumlichkeiten in der Annagasse gegangen sein. Spontan entschließt er sich, seinen Hut als eine Art Testobjekt als Pfand einzusetzen. Der Schätzmeister soll den alten Hut mit Abscheu und rüden Worten abgelehnt haben. Diese schlechte Behandlung eines vermeintlich einfachen Bürgers soll den Kaiser in Rage gebracht und den Schätzmeister seinen Job gekostet haben.

Die anschließende Begutachtung des Amtes durch den Kaiser hat dann ergeben, dass diese nicht mehr geeignet wären.

Franz Joseph Saal heute; © G. Wasserbauer/Dorotheum

Die Wiener Stadtverwaltung weigerte sich anfänglich, die Kirche zu entweihen und zu einem Depot umzubauen. Sie argumentierte, dass die Räume zu feucht seien, zu dunkel… aber wie nicht anders zu erwarten, setze sich der Kaiser durch und schlug zudem vor, die von der Stadt kritisierten Umbaukosten durch den Verkauf des Materials der abzutragenden Kirchtürme zu decken.

Am 24. April 1787 wurde die Kirche entweiht, die Umbauarbeiten begannen.

Erwähnt sei an dieser Stelle, dass auch die Kirche Maria am Gestade als neuer Standort für das Versatz- und Fragamt in Betracht gezogen wurde. Die Kirche war nach der 2. Belagerung durch die Osmanen immer mehr verfallen und 1786 behördlich gesperrt worden. Allerdings stellte sich das Gebäude als ungeeignet heraus.

Im Laufe des Jahres 1788 bezog das Versatzamt sein neues Quartier in der Dorotheergasse.

Das Haus in der Annagasse wurde verkauft, abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. 1805 zog Erzherzog Carl in das Haus ein. Heute befindet sich darin das Haus der Musik.

Mehr und mehr wurde das Haus in der Dorotheergasse in wirtschaftlich schweren Zeiten auch Anlaufstelle für Arbeiter, Handwerker und kleine Gewerbetreibende. Die steigende Zahl von Pfändern in den 1830er Jahren ist ein Zeichen für die um sich greifende Verarmung und die sozialen Probleme der Bevölkerung: Arbeitszeiten bis zu 97 Stunden pro Woche, niedrige Löhne, Wohnungsnot, drückende Steuern…

Erfolgreich

In so gut wie allen zeitgenössischen Stadtführern vom Anfang des 19 Jahrhunderts wird das Amt als herausragende humanitäre Anstalt beschrieben. Auch finanziell stand das Versatzamt in der Biedermeierzeit auf soliden Beinen. Es konnten sogar die Zinsen für Darlehen gesenkt werden. Das führte zu einem Ansteigen der Pfänder, was wiederum Raumprobleme zur Folge hatte. Man entschloss sich, das ursprünglich einstöckige Gebäude aufzustocken. Zuerst auf zwei Geschoße und schon wenige Jahre später mit einem dritten Stock. Für die nächsten 50 Jahre sollte man damit das Auslangen finden.

1883 wurde die erste Filiale in der Feldgasse in Wien Josefstadt eröffnet.

k.k. Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamt

Ende des 19. Jahrhundert setzte sich der Niederösterreichische Statthalter Erich Graf Kielmansegg für eine Reform des Versatzamtes ein. Neben dem Versatzamt sollte verstärkt das Versteigerungsgeschäft ausgebaut werden.

Das Versatz- und Fragamt-Haus wurde in „k.k. Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamt“ umbenannt. Das neu dazugekommene „Verwahrungsamt“ war vergleichbar mit der Einrichtung eines Schließfaches oder Banksafes.

Am Josephinischen Gedanken der Wohltätigkeit wollte man aber nach wie vor festhalten, das Versatzamt sollte weiterhin in erster Linie der armen Bevölkerung zugutekommen.

Für den Ausbau des Auktionsbetriebs benötigte man jedoch mehr Platz. Die Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführte und bereits beschriebene Aufstockung des Gebäudes reichte nicht mehr aus. Bald war klar, dass man um einen Neubau nicht herumkommen würde. Die Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters konnten den Ansprüchen eines Auktionsbetriebes – große Säle für die Ausstellung der Objekte sowie für die Durchführung von Auktionen – nicht entsprechen.

1898 wurde mit dem Abriss des alten Gebäudes begonnen.

Am 12. November 1899 erfolgte in Anwesenheit von Kaiser Franz Joseph und zahlreicher Honoratioren die feierliche Eröffnung des Neubaus.

Der Architekt des neuen Versatzamtes war der renommierte Emil von Förster. Von Förster entschied sich für Barock als Baustil – ein Hinweis auf die Entstehungszeit des Versatz- und Fragamts, 1707.

Es war die Zeit des Historismus, des Stils der Ringstraßenbauten, einer europäischen kunsthistorischen Stilrichtung des 19. Jahrhunderts, die durch ihre Hinwendung zu verschiedenen Kunstrichtungen der Vergangenheit (Antike , Romantik, Gotik, Renaissance, Barock) gekennzeichnet ist.

Die Fassaden hat Emil von Förster bewusst schlicht gehalten, es galt als staatliche Anstalt den Eindruck von Luxus und Verschwendung zu vermeiden. Die im Gebäude verwendeten Materialien wie Marmor und Schmiedeeisen sollten Dauerhaftigkeit und Seriosität vermitteln.

Hatte man früher auch versteigert, so wurden im neuen Gebäude Auktionen nun zum Schwerpunkt des Unternehmens.

Feierliche Eröffnung des Neubaus; © Dorotheum

Das neue Haus verfügte über 13 Auktionssäle. Glanzstück bildete damals wie heute der monumentale Franz-Joseph-Saal. Er ist knapp 400 qm groß, geht über zwei Stockwerke und wird von vier monolithischen Säulen aus Salzburger Marmor getragen.

Durch die Verteilung der Versteigerungen auf verschiedene Säle konnte man mehr und länger ausstellen. Getrennte Auktionen für Kunstgegenstände, Bücher oder Briefmarken erhöhten das Publikumsinteresse. Bereits 1900 wurde eine eigene Kunstabteilung gegründet, ab 1902 eine Münzabteilung. Schon 1902 wurden 2-4 Versteigerungen pro Tag durchgeführt.

Das Dorotheum hatte sich schon in diesen Jahren einen guten Ruf als Versteigerungshaus erarbeitet und konnte bei seinen Auktionen Kunstwerke von Weltruhm wie Werke von Waldmüller oder Makart anbieten. Auch Moderne Kunst von z.B. Gustav Klimt oder Rudolf von Alt kam unter den Hammer. Die Objekte stammten aus dem gesamten Raum der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Anfang des 20. Jahrhunderts fanden zahlreiche aufsehenerregende Auktionen statt. Exemplarisch möchte ich die Versteigerung des Nachlasses der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner erwähnen.

1. Republik

Mit dem Ende der Habsburger Monarchie und der Republikgründung ging 1918 das Haus in den Besitz der neuen Republik Österreich über. 1923 wurde es dem Bundeskanzleramt unterstellt. Damals wurde auch der bei der Bevölkerung bereits seit langem gebräuchliche Name, „Dorotheum“ amtlich und ersetzte offiziell den unhandlichen Titel „Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamt.

Nach dem 1. Weltkrieg kam es vermehrt zu Auktionen von Besitz aus Kreisen des ehemaligen Kaiserhauses und der Hocharistokratie. 1919 übernahm das Dorotheum die Liquidation der Bestände der Habsburger Hofkellerei und 1921 wurde die Gesamteinrichtung von Schloss Kleßheim aus dem Nachlass von Erzherzog Ludwig Viktor, eines Bruders von Kaiser Franz Joseph, versteigert.

An der grundsätzlichen Ausrichtung des Dorotheum als Wohlfahrtseinrichtung änderte sich auch in der 1. Republik nichts. Jedoch wurden die Rechte des Hauses erweitert – unter anderen:

  • Verfallene Pfänder durften fortan auch im freien Verkauf zu Fixpreisen angeboten werden.
  • Das Dorotheum erhielt eine Bankkonzession. 1999 wurde der Bankbetrieb an das Bankhaus Spängler & Co verkauft.
  • Zweigniederlassungen durften auch im Ausland eröffnet werden.

1927 hatte das Dorotheum an die 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

1930er Jahre

Zur Zeit der Wirtschaftskrise wurde der Andrang im Dorotheum derart stark, dass sich vor den Filialen in den Außenbezirken oft lange Warteschlangen bildeten. Tausende Menschen brachten hauptsächlich geringwertige Pfandposten, sogenannte „Binkelposten“, ein.

Der Weg zur „Tante Dorothee“ – so ein im Volksmund gebräuchlicher Ausdruck – war für viele Menschen die letzte Rettung in einer sonst ausweglosen finanziellen Notlage.

NS Zeit

Mit dem Anschluss an das Deutsche Reich im März 1938 begann für das Dorotheum eine umstrittene Phase. So wie in der gesamten österreichischen Gesellschaft gab es auch im Dorotheum schon vor dem Anschluss Nationalsozialisten. Und die machten sich ab März 1938 rasch an die Übernahme und die Umstrukturierung des Unternehmens. Die alte Geschäftsführung wurde abgesetzt und durch NSDAP-Parteimitglieder ersetzt. Sämtliche jüdische Mitarbeiter wurden entlassen.

Bereits ab April 1938 wurde es Juden verboten an Versteigerungen teilzunehmen. Gegenstände aus jüdischem Besitz mussten an die Behörden abgeliefert werden.

Die „Arisierung“ zahlreicher Kunstgegenstände wurde durch die Versteigerungen in dieser staatlichen Institution formal legalisiert. Auch wenn das Dorotheum selbst keine Enteignungen oder Diebstähle durchgeführt hat, profitierte es vom Verkauf beschlagnahmten jüdischen Besitzes.

Die Nationalsozialisten verboten die Verpfändung und Versteigerung einer ganzen Reihe von Gegenständen z.B. Edelmetallen und Juwelen. Neben ausländischen Druckwerken war interessanterweise auch die Versteigerung von Hitlers „Mein Kampf“ nicht gestattet. Diese Publikation war damals so weit verbreitet und überall im Umlauf, – man bekam das Buch bei allen möglichen Anlässen geschenkt – dass die Nachfrage danach äußerst gering war und man sich nicht die Blöße geben wollte, bei einer Versteigerung darauf sitzen zu bleiben.

Trotz seiner Bedeutung als Umschlagplatz für Raubkunst waren die Nationalsozialisten dem Dorotheum durchaus nicht freundlich gesinnt. Es passte nicht zur nationalsozialistischen Doktrin, dass in einem „gut organisierten und wachsenden“ Staat eine Wohltätigkeitseinrichtung im Stil des Dorotheum nötig sein sollte – schon gar nicht, wenn diese nicht von ihnen geschaffen und kontrolliert wurde. So gab es Pläne, das Haus zu schließen. Dass man diese bis nach Kriegsende verschob, dürfte vermutlich dem Umstand geschuldet sein, dass das Dorotheum ein wichtiger Steuerzahler war. Ab 1941 wurden jedoch zahlreiche Filialen geschlossen, in einigen Außenstellen wurden Lazarette eingerichtet.

Im Sommer 1944 wurde das Haus in der Dorotheergasse durch Bombentreffer schwer beschädigt, Teile des Daches waren zerstört. Im Winter setzten Regen und Schnee den Wänden und Böden schwer zu, dazu kamen Plünderungen durch die Besatzungsmächte.

Doch bereits im Mai 1945 konnte der Betrieb im Haupthaus provisorisch wieder aufgenommen werden. Bis 1952 war dann auch die letzte Filiale wiedereröffnet.

1977/78 wurde das Haus in der Dorotheergasse einer Generalsanierung unterzogen.

Dorotheum heute

“zum ersten, zum zweiten…”; © P.Bauer/Dorotheum

1923 wurde das Dorotheum dem Bundeskanzleramt unterstellt. 1979 wurde es ein dem Finanzministerium zugeordneter Staatsbetrieb. Im Herbst 2001 erfolgte die Privatisierung des Unternehmens.

Mehr als 300 Jahre nach seiner Gründung ist das Dorotheum heute das führende Auktionshaus in Mitteleuropa und eines der ältesten und größten Auktionshäuser der Welt. Im Palais in der Dorotheergasse werden jährlich 600 Auktionen durchgeführt – in 40 Sparten mit rund 100 Expertinnen und Experten. Das Dorotheum betreibt Repräsentanzen in München, Düsseldorf, Mailand, Rom, London, Prag und Brüssel.

Ich möchte mit ein paar Anmerkungen zum Umgang des Dorotheum mit seiner Vergangenheit in der NS Zeit abschließen.

An den allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus gingen mehr als 30 Millionen USD aus dem Privatisierungserlös. Nach der Privatisierung des Dorotheums beauftragten die neuen Eigentümer eine Historikerkommission mit der Erstellung eines Berichtes zur Rolle des Auktionshauses in der NS- Zeit und veranlassten die Einrichtung einer Abteilung zur Erforschung der Provenienz von im Haus angebotenen Kunstwerken – als erstes Auktionshaus im deutschsprachigen Raum.

Quellen
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