Dort, wo man Bücher verbrennt …

von Andrea Strobl

»Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.«

Dieser Satz stammt bekanntlich von Heinrich Heine und wird heute vor allem im Zusammenhang mit dem Dritten Reich bemüht – verständlich, muten Heines Worte doch im Nachhinein geradezu prophetisch an. Aber Heine war kein Prophet, vielmehr erinnerte er an die lange Geschichte von politisch, ideologisch oder religiös motivierten Bücherverbrennungen. Das Zitat stammt aus seiner Tragödie Almansor (1823), die um 1500 zur Zeit der Vertreibung der Mauren aus Spanien spielt; der obige Satz nimmt Bezug auf die vom Bischof von Toledo im Jahre 1499 angeordnete Verbrennung von Büchern der islamischen Theologie. Auch wenn wir heute beim Schlagwort »Bücherverbrennung« unwillkürlich zunächst an das Dritte Reich denken, dürfen wir nicht übersehen, wie weit die Geschichte der willentlichen Zerstörung von Schriftgut und Büchern doch zurückreicht. Das geschriebene Wort diente von Anbeginn nicht nur der Verbreitung von Wissen, Literatur oder diversen religiösen und politischen Überzeugungen, sondern konnte unter denselben Gesichtspunkten eben auch eine Gefahr darstellen. Waren es einst noch Schrifttafeln, die zertrümmert oder stellenweise mit dem Meißel »ausradiert« wurden, folgten später Handschriften, die zerrissen, seitenweise geschwärzt oder verbrannt wurden und der Nachwelt somit unwiderruflich verloren gingen. Nach der Erfindung des Buchdrucks war es allerdings nicht mehr so einfach, schriftliches Gedankengut für immer auszulöschen. Ab diesem Zeitpunkt nahmen Bücherverbrennungen zunehmend ritualisierten Charakter und symbolische Bedeutung an.

Heinrich Heine, © georgios

Sie konnten und sollten aber der Einschüchterung des potenziellen Lesers oder der nachhaltigen Verunglimpfung von Autoren dienen, diese zum Schweigen bringen, oft ihre Existenzgrundlagen  vernichten und einer weiteren Verbreitung und Rezeption ihrer Werke entgegenwirken. Der Literaturhistoriker M. de Vigneul-Marville  fasste es im 18. Jahrhundert in die knappen Worte: »Gegen Bücher wurde ebenso Krieg geführt wie gegen Völker.«

Ein Blick auf einige exemplarische Momente in der langen und komplexen Geschichte der Verbrennung von Schriftgut (erste Beispiele gehen zurück bis ins 2. Jh. v. Chr.)  mag den einen oder anderen Leser vielleicht dazu anregen, sich mit dieser Zerstörungsgeschichte etwas näher auseinanderzusetzen.

Besonders lang ist die Geschichte der Bücherverbrennungen, die auf Glaubenskämpfen basierten. Bereits in der Apostelgeschichte wird so ein Zerstörungsakt beschrieben: »Auch einige der umherziehenden jüdischen Beschwörer versuchten, den Namen Jesu, des Herrn, über den von bösen Geistern Besessenen anzurufen […]. Das taten sieben Söhne eines gewissen Skeuas, eines jüdischen Oberpriesters. […] Und der Mensch, in dem der böse Geist hauste, stürzte sich auf sie, überwältigte sie und setzte ihnen so zu, dass sie nackt und zerschunden aus dem Haus fliehen mussten. […] alle wurden von Furcht gepackt und der Name Jesu, des Herrn, wurde hoch gepriesen. Viele, die gläubig geworden waren, kamen und bekannten offen, was sie früher getan hatten. Und nicht wenige, die Zauberei getrieben hatten, brachten ihre Zauberbücher herbei und verbrannten sie vor aller Augen.« (Apg 19, 13-20). Diese Bibelstelle sollte nachfolgenden Generationen oftmals als Referenz für viele der kommenden Bücherverbrennungen dienen – so wie man überhaupt in der Chronologie der Bücherverbrennungen feststellen kann, wie häufig man um einen historischen Referenzpunkt und damit implizit auch um Legitimation bemüht war.

Den langen Arm der Kirche bekam schon der Scholastiker und Theologe Peter Abaelard zu spüren, vielen wahrscheinlich bekannt aus dem berühmten Briefwechsel mit seiner Schülerin und späteren Geliebten Héloïse. Weniger bekannt ist indessen, dass Abaelard im Jahre 1121 nach dem Konzil von Soissons gezwungen wurde, seine philosophisch begründete Trinitätslehre De Unitate et Trinitate Divina zu verbrennen, wurde doch darin die für jene Zeit aufrührerische Auffassung vertreten, dass der Mensch allein durch Anwendung der Vernunft zum wahren Glauben finden könne: »Man kann nichts glauben, was man nicht zuvor vernünftig begriffen hat und es ist lächerlich, andern zu predigen, was man weder selbst, noch der, dem man predigt, vernünftig begreifen kann.«  Abaelard musste seine Schrift eigenhändig verbrennen – was von der Kirche damals als »selbstreinigender Akt« betrachtet wurde. Nach langen Jahren der Auseinandersetzung mit seinem großen Kontrahenten in Glaubensfragen, Bernard von Clairvaux,  wurde 20 Jahre später auch sein Werk Opera Theologica auf dem Konzil von Sens verurteilt. Noch bevor es zu seiner Verteidigung in Rom kommen konnte, verstarb Abaelard, mit dem Kirchenbann belegt und zu Schweigen verpflichtet, im Jahre 1142 in einem Kloster bei Chalon-sur-Saône. Papst Innozenz II. veranlasste die Verbrennung seiner Schriften. Dies war die erste, von einem Papst verfügte Bücherverbrennung des Mittelalters. Abaelards Bücher brannten »in incendio celebri« (in herrlichem Feuer), wie Gottfried von Auxerre berichtete.

In den Jahren 1240 bis 1248 kam es auf Anordnung Papst Gregors IX. zu eingehenden Untersuchungen des Talmuds auf häretische Inhalte, in deren Folge es zur Pariser Talmudverbrennung kam, der umfassendsten Bücherverbrennung des Mittelalters: Zunächst wurden so viele Talmudexemplare wie möglich in Frankreich, England und den Königreichen der Iberischen Halbinsel konfisziert.

Mehr zum Thema Literatur gibt es in dem Buch: Literaturgeschichten, Kulturgeschichten aus der Welt der Literatur

Die Anklage bestand aus 35 Punkten, z. B. die Anmaßung des Talmuds, eine größere Autorität als die Bibel zu besitzen, diverse Blasphemien oder Aufrufe zur Ermordung von Christen. Nach der zwei Jahre andauernden Untersuchung wurde das Urteil gefällt, und am 17. Juni 1242 wurden 24 Fuhren zu einem riesigen Scheiterhaufen aufgeschichtet – um die 12000 Talmudexemplare sollen es schätzungsweise gewesen sein. Es war das erste Mal, dass man Bücher auf diese Art »in maxima multitudine« (in größter Menge) vernichtete. Zwei Tage lang wütete das gigantische Feuer. Für das aschkenasische Judentum bedeutete die Pariser Talmudverbrennung vielerorts einen weiteren Grund für Verfolgung und Ermordung – und für weitere Verbrennungen jüdischer Schriften. Nur ein einziges mittelalterliches Exemplar mit dem beinahe vollständigen Text des Babylonischen Talmuds wird diese Vernichtungsaktionen überdauern: Codex Hebraicus 95 aus dem Jahre 1342, der sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek befindet.

Besonders furchteinflößend waren Bücherverbrennungen, wenn Autoren zeitgleich mit ihren Schriften verbrannt wurden: Am 6. Juli 1415 musste der böhmische Theologe und Reformator Jan Hus in Konstanz den Scheiterhaufen besteigen. In seiner 1413 verfassten Hauptschrift De ecclesia wandte er sich u. a. gegen die Vorstellung eines unfehlbaren Papsttums und erkannte als alleinige Instanz nur die Heilige Schrift an: »Der Papst ist ein Bischof wie ein anderer Bischof über sein Bistum und nichts weiter.«

Er geißelte zudem den weltlichen Besitz der Kirche, die Lasterhaftigkeit des Klerus, wandte sich gegen den Ablasshandel und befürwortete Gottesdienste und die Bibel in Landessprache.

1414 wurde er im Konstanzer Konzil der Ketzerei für schuldig erklärt und zum Tode verurteilt; seine Bücher sollten verbrannt werden. Im Juli des Jahres 1415 wurde er an seinen brennenden Büchern vorbei auf den Schindanger von Konstanz geführt und hingerichtet. Kurz vor seiner Exekution soll er ausgerufen haben: »Heute bratet ihr eine Gans, aber aus der Asche wird ein Schwan auferstehen« (in Anspielung auf seinen Nachnamen, der im Tschechischen »Gans« bedeutet). Jan Hus ist tschechischer Nationalheiliger und gilt in der protestantischen Kirche als Vorläufer Martin Luthers, der De ecclesia später in einer Auflage von 2000 Stück drucken ließ.

Jan Hus, © georgios

»Falò delle vanità« – »Feuer der Eitelkeiten« (auch »Fegefeuer der Eitelkeiten«): Dieser Begriff geht u. a. zurück auf den Dominikanermönch und Bußprediger Girolamo Savonarola. Italien ist am Ende des 15. Jahrhunderts ein zerrissenes Land, aufgeteilt in Stadtrepubliken und einen mächtigen, korrupten Kirchenstaat unter Papst Alexander VI., der den weltlichen Genüssen, gelinde gesagt, nicht abgeneigt war. Florenz steht nach dem Tode Lorenzo de‘ Medicis, der unglücklichen Herrschaft seines Sohnes Piero und einer kurzen Übernahme der Stadt durch die Franzosen quasi verwaist da. In diesen wirren Zeiten stößt Savonarola mit seinen reformatorischen religiösen Überzeugungen bei einer breiten Bevölkerung auf Verständnis: »Der Glaube zieht nach oben, die Sinne ziehen nach unten. […] Wollen wir Gott dienen, so dürfen wir den Mammon nicht lieben.«  Sein Ziel ist die Errichtung eines moralisch und sittlich reinen Gottesstaates. Mitten im Karneval des Jahres 1497 ziehen jugendliche Anhänger Savonarolas durch die Häuser der Stadt, um Bücher und Gegenstände einzusammeln, die als Ausdruck des allgemeinen Sittenverfalls gelten. Am 7. Februar 1497 lässt Savonarola daraus einen 15 Meter hohen Scheiterhaufen auf der Piazza della Signoria errichten. Diesem Feuer der Eitelkeiten fallen u. a. die Schriften Ovids, Petrarcas und Boccaccios zum Opfer – wenn auch nicht für immer, da der Buchdruck bereits erfunden ist. Aber eben nicht nur Bücher, sondern auch wertvolle Gemälde, Musikinstrumente, Spieltische, luxuriöse Kleidungs- und Möbelstücke und vieles andere mehr wandern auf diesen bizarren Scheiterhaufen. »Vernichtet die Idole, damit der Herr sich nicht gegen uns wende!« ruft Savonarola in die züngelnden Flammen. Bittere Ironie der Geschichte: Von seinem Erzfeind Papst Alexander VI. exkommuniziert, wird er nur ein Jahr später, im Mai 1498, als Ketzer verurteilt, gehenkt und anschließend verbrannt – auf eben jener Piazza della Signoria, wo noch ein Jahr zuvor sein Feuer der Eitelkeiten loderte. Nur drei Jahre nach seinem Tod ordnet Alexander VI. in einer Bulle an, papstfeindliche Schriften generell zu verbrennen. So sehr man Savonarola auch seinen Fanatismus vorwarf, seine religiösen Ideen wirken bis heute fort. Die evangelische Kirche verehrt ihn als Märtyrer und Papst Johannes Paul II. leitete 1998 das Verfahren zur Seligsprechung Savonarolas ein.

»Weil Du getilgt hast die Wahrheit Gottes, so tilge Dich heute der Herr! Hinein mit dir hier ins Feuer!«  Mit diesen Worten verbrannte  Martin Luther am 10. Dezember 1520 die Kopie einer päpstlichen Bannandrohungsbulle, nachdem seine Anhänger das Feuer vor dem Elstertor in Wittenberg mit kanonischen Rechtsbüchern und diversen Schriften von Gegnern Luthers angefacht hatten. Dem vorausgegangen war folgendes: Nachdem im Oktober 1517 Luthers berühmte 95 Thesen veröffentlicht worden waren und Luther im ganzen deutschen Reich mehr und mehr Anhänger fand, verfasste Papst Leo X. im Juni 1520 schließlich die Bulle Exsurge Domine, in der Luther der Kirchenbann angedroht wurde, sofern er nicht binnen 60 Tagen nach Bekanntmachung der Bulle die Hälfte seiner Thesen widerrufen würde. Gleichzeitig wurde die Verbrennung von Luthers Schriften verfügt und die Aufforderung dazu auf den Kirchenkanzeln lauthals verkündet. Sehr erfolgreich war dieser Aufruf allerdings nicht  –  nur in Köln, Mainz, Trier und einigen kleineren Städten brannten im Oktober desselben Jahres tatsächlich Scheiterhaufen mit Luthers Schriften. Für Luther war damit der Zeitpunkt gekommen, die endgültige Loslösung von Rom voranzutreiben. Nicht bereit zur Widerrufung seiner Thesen, ging er einen entscheidenden Schritt weiter: Indem er den Akt der Bücherverbrennung auf spektakulärste Weise gegen den Papst selbst richtete, erklärte er diesen nun seinerseits zum Häretiker. Der Bruch mit Rom war unwiderruflich vollzogen, die Reformation  nicht mehr aufzuhalten – und die Bulle Exsurge Domine sollte die letzte gewesen sein, die sich an die römische Christenheit in ihrer Gesamtheit wenden konnte.

Schauplatz einer weiteren geschichtsträchtigen Bücherverbrennung ist die Wartburg bei Eisenach in Thüringen: Dort fand am 18. Oktober 1817 das von den Studenten der Jenaer Burschenschaft organisierte Wartburgfest statt. Dies war eine Massenkundgebung mit über 500 Studenten aus dreizehn deutschen Universitäten, die, zum ersten Mal die schwarz-rot-goldene Fahne als Erkennungszeichen der deutschen Urburschenschaft schwingend, nationale Einheit und politische Freiheit forderten. Datum und Ort waren nicht zufällig gewählt: Der Tag verwies auf den vier Jahre zurückliegenden Sieg über Napoleon in der Leipziger Völkerschlacht; das Jahr verwies auf die 300 Jahre zurückliegende Veröffentlichung der Lutherschen Thesen; auf der Wartburg wiederum hatte Luther 1521 einige Zeit lang an seiner Bibelübersetzung gearbeitet, die den Studenten als bedeutendstes nationalsprachliches Werk und als Ablehnung jeglicher Art kultureller Fremdherrschaft galt. Höhepunkt der Veranstaltung sollte die Verbrennung antiliberaler und reaktionärer Schriften sein. Da aber keine Bücher verbrannt wurden, sondern nur gebündelte Altpapierseiten, die mit einem bedruckten oder handbeschriebenen Titelblatt versehen waren, hatte diese Verbrennung nur rein symbolischen Charakter. Die Liste der Schriftstücke soll der unter dem Namen Turnvater Jahn in die deutsche Geschichte eingegangene Pädagoge und Politiker Friedrich Ludwig Jahn erstellt haben, einer der Gründungsväter der deutschen Urburschenschaft.

Friedrich Ludwig Jahn, © georgios

Während die Manuskriptballen im Feuer loderten, hielt Hans Ferdinand Maßmann, ein Anhänger Jahns, eine leidenschaftliche Rede gegen die Obrigkeit, in der er auch Bezug nahm auf die oben erwähnte Verbrennung der päpstlichen Bulle durch Martin Luther: »So wollen auch wir durch die Flamme verzehren lassen das Angedenken derer, so das Vaterland geschändet haben, durch ihre Rede und That, und die Freiheit geknechtet und die Wahrheit und Tugend verleugnet haben in Leben und Schriften […].«

Heinrich Heine übrigens, der selbst eine Zeit lang einer Burschenschaft angehört hatte, schrieb 1840 über diese Bücherverbrennung: »Auf der Wartburg krächzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des blödsinnigsten Mittelalters würdig waren! […] Eben derjenige, welcher das Bücherverbrennen auf der Wartburg in Vorschlag brachte, war auch zugleich das unwissendste Geschöpf, das je auf Erden turnte.«

Hier nun gelangen wir zum Ende dieser im hier begrenzten Rahmen nur sehr verkürzt möglichen Ausführungen: Als am 10. Mai 1933 in ganz Deutschland die Feuer loderten und fanatische Anhänger einer fatalen politischen Ideologie unzählige Bücher nunmehr geächteter Autoren den Flammen übergaben, war ein in seinen Ausmaßen nie dagewesener Höhepunkt der Verbrennung geistigen Gedankenguts erreicht. Es war »die Nacht, in der die deutsche Literatur für alle Welt sichtbar vertrieben und aus dem Gedächtnis des Landes, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ausgelöscht werden sollte«, wie Volker Weidermann treffend formuliert. Die geschichtlichen Hintergründe sind hinreichend bekannt. Weniger bekannt ist indes, wer diese Liste der zu verbrennenden Bücher und der 131 zu ächtenden Autoren eigentlich erstellt hatte: Keine einschlägigen  Literaturwissenschaftler oder sonstige Koryphäen waren die Urheber, sondern ein bis dato unscheinbarer Bibliothekar namens Wolfgang Herrmann, der mit ein paar Anschlägen auf seiner Schreibmaschine das Leben so vieler Autoren jener Zeit umwälzen und in vielen Fällen zerstören sollte. Er wurde 1904 in Alsleben (Saale) geboren. Nach seinem Geschichtsstudium wurde er 1929 in Breslau Bibliothekar in der städtischen Volksbibliothek, später für kurze Zeit in der Stadtbücherei zu Stettin. 1931 trat er der NSDAP bei und engagierte sich zunehmend für eine Bibliothekspolitik im nationalsozialistischen Sinne. So begann er, erste Listen zu verfassen, die zunächst nur für Leihbüchereien gedacht waren – an Bücherverbrennungen hatte er dabei nicht gedacht, sondern nur an einen sukzessiven Austausch der Bibliotheksbestände. 1932 wurde er zum Leiter einer Berliner Geschäftsstelle des Volksbibliothekar-Verbandes ernannt und veröffentlichte ein erstes Verzeichnis, welche Bücher den Volksbüchereien fortan nicht mehr als »deutsch« zu gelten hätten. Diese Liste erweiterte und aktualisierte er beständig – bis sie jenen Studenten der organisierten »Deutschen Studentenschaft« (DSt) in die Hände fiel, die die Idee zu groß angelegten Bücherverbrennungen hatten und mit Vehemenz vorantrieben; sogar Propagandaminister Joseph Goebbels konnten sie als prominenten Redner gewinnen. Hastig wurden im ganzen Land Bücherbestände durchforscht, Bücher aussortiert, konfisziert und umfassende Sammelaktionen durchgeführt. In der Nacht des 10. Mai war es dann endlich so weit: Deutschlandweit brannten die Bücher, Joseph Goebbels hielt auf dem Platz Unter den Linden seine »Feuerrede« und verkündete »das Ende des Zeitalters eines überspitzten jüdischen Intellektualismus«. Eine ganze Bücherwelt ging in jener Nacht in Flammen auf. Wolfgang Herrmann (von dessen weiterem Leben man noch einiges hier erzählen könnte) fiel 1945 bei Brünn. Trotz des ungeheuren Ausmaßes dieser Aktion – einmalig in der Geschichte der Bücherverbrennungen – war natürlich klar, dass solche Zerstörungen allein ihr Ziel längst nicht mehr erreichen konnten. F. M. Wimmer weist darauf hin, dass Verbrennungen erst wirksam wurden, wenn »andere Maßnahmen wie Zensur, Verbannung, Indoktrination und Propaganda hinzukamen« – leider wussten auch die Nationalsozialisten dies nur allzu gut.

Aber auch im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts und im noch jungen 21. Jahrhundert hat der symbolische Akt der Bücherverbrennung offensichtlich noch immer nicht »an Reiz« verloren – ein kurioses Beispiel aus jüngster Zeit: Erst vor wenigen Monaten verbrannte ein evangelikaler Priester in den USA einige Harry Potter-Bände und teilte dies sogar live auf Facebook. Solch unsinnigen Effekthaschereien stehen heute u. a. systematische Digitalisierungen von Handschriften und Büchern gegenüber, welche den uneingeschränkten Zugang zum geschriebenen Wort erleichtern und eine endgültige Vernichtung nicht mehr möglich machen.

Auf so vieles müsste man hier noch eingehen, so viele Autoren und deren verbrannte Werke könnte man erwähnen, unzählige Abhandlungen und Bücher wurden und werden sicher weiterhin geschrieben werden über die lange, komplexe Geschichte der schändlichen Zerstörung geistigen Gedankengutes.

Während der Beschäftigung mit diesem Thema kam mir aber vor allem ein Buch in den Sinn: Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451 aus dem Jahre 1953. Bradbury schildert darin eine dystopische Gesellschaft, in der das Buch als größter Feind eines autoritären Regimes gilt und systematische Bücherverbrennungen im großen Stil zum Alltag gehören. Alleinige Rettung des immensen Gedankenguts der Menschheit versprechen einige wenige Mutige, die sich zu einer geheimen Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, in der ein jeder von ihnen sein Lieblingsbuch auswendig lernt und an ein jüngeres Mitglied der Gemeinschaft weitergibt – sie alle werden so zu Hoffnungsträgern in einem unmenschlichen Regime, das dem geschriebenen Wort den Kampf angesagt hat. »Lebende« Bücher – dies ist wohl der tröstlichste Gedanke, den man nach all den Zerstörungsgeschichten in einem Buch (!) wiederfinden kann:

»›Und eines schönen Tages […] können die Bücher wieder geschrieben werden. Die Leute werden einberufen werden, einer nach dem andern, um herzusagen, was sie sich einverleibt haben, und dann geht es wieder in Druck, bis zur nächsten Kulturdämmerung, wo wir vielleicht mit der ganzen vertrackten Sache nochmals von vorn anfangen müssen. Das ist ja gerade das Wunderbare am Menschen, er läßt sich nie in dem Maße entmutigen und verbiestern, daß er jemals aufhörte, wieder von vorn anzufangen, weil er genau weiß, es lohnt sich.‹«

Quellen

Allgemein:

Schmitz, Rainer: Was geschah mit Schillers Schädel?, München, 2008

https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCcherverbrennung

Wimmer, Franz Martin: Feurige Argumente – Bücherverbrennungen und Geistesgeschichte, in: https://www.uibk.ac.at/wuv/pdf/ehem/wimmer_feuer.pdf

https://www.aphorismen.de/zitat/175963

https://meyer-schodder.jimdo.com/festegedenktage/b%C3%BCcherverbrennungen-10-5/

https://www.kostenlosonlinelesen.net/kostenlose-fahrenheit-451/lesen/59

 

Zu Abaelard:

https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Peter_Abaelard

https://www.spektrum.de/lexikon/philosophen/abaelard-peter/1

https://books.google.gr/books?id=4EUyEAAAQBAJ&pg=PA201&lpg=PA201&dq=petrus+abaelard,+B%C3%BCcherverbrennung&source=bl&ots=8_k4nvfIGK&sig=ACfU3U0wVeoGPzDCrncPlBfZpcMRreVVdw&hl=en&sa=X&ved=2ahUKEwjXssa34LP3AhVahv0HHdxUBTwQ6AF6BAgSEAM#v=onepage&q=petrus%20abaelard%2C%20B%C3%BCcherverbrennung&f=false

http://www.abaelard.de/070302werkwirkung.htm

Zur Pariser Talmudverbrennung:

http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/p/2001/patschovsky/www.uni-konstanz.de/fuf/philo/geschichte/patschovsky/aufsaetze/inhalt/xvii/xvii.html

http://www.judentum.org/geschichte/talmud.htm

Müller, Daniela: Die Pariser Verfahren gegen den Talmud von 1240 bis 1248 im Kontext von Papsttum und französischem Königtum, in:  https://brill.com/view/book/edcoll/9789047424826/Bej.9789004171503.i-626_011.xml

Zu Jan Hus:

https://www.heiligenlexikon.de/BiographienJ/Johannes_Jan_Hus.html

https://www.mittelalter-lexikon.de/wiki/Hus,_Jan

https://beruhmte-zitate.de/autoren/jan-hus/

https://rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/feiertag/aus-der-asche-wird-ein-schwan-entstehen-7480

Zu Girolamo Savonarola:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/zeitzeichen/audio-verbrennung-der-eitelkeiten-in-florenz-am–100.html

https://www.welt.de/kultur/history/article1091306/Florenz-von-der-Sittenlosigkeit-in-den-Wahn.html

https://www.deutschlandfunk.de/savonarola-florenz-fegefeuer-der-eitelkeiten-verbrannt-100.html

https://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:s:savonarola:savonarola-zitate

Zu Martin Luther:

Schaff, Philip (1916) [©1888]. „The German reformation from the publication Luther’s theses to the Diet of Worms A.D. 1517–1521“. History of the Christian church. Vol. 6 (2nd rev. ed.). Charles Scribner’s Sons.

https://www.domradio.de/artikel/der-bruch-mit-rom-ein-akt-der-befreiung-fuer-den-reformator-1520-verbrannte-martin-luther

https://www.martinluther.de/de/aktuelles-und-veranstaltungen/luther-verbrennt-die-bannandrohungsbulle

 

Zum Wartburgfest:

https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCcherverbrennung_beim_Wartburgfest_1817

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/vormaerz-und-revolution/der-deutsche-bund/wartburgfest-1817.html

Zur Bücherverbrennung 1933:

Weidermann, Volker: Das Buch der verbrannten Bücher, Köln 2009

 

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