Ein Apéro in der Röntgen-Bar
von Bettina Grosselfinger
Ein Apéro in der Röntgen-Bar
von Bettina Grosselfinger
Auf den Spuren von Thomas Mann unterwegs nach Venedig und Davos
Schriftsteller und Hotels – das war schon immer eine Liaison der besonderen Art. Im Hotel treffen sie alle aufeinander: die glücklich Liebenden und die Gescheiterten, die Glücksritter und die Ganoven. Es ist ein Mikrokosmos menschlicher Sehnsüchte und Begierden. »Man geht durch eine Drehtüre, ein paar Schritte weiter. Da hat Berlin schon aufgehört. Man sieht mit eigenen Augen das kleine Modell so einer utopischen Weltstadt.«[1]. Was der Journalist Hans Kafka 1928 schrieb, gilt auch heute noch: Hotels sind besondere Orte der Inspiration.
Wie kaum ein anderer hat Thomas Mann dies erkannt und sich zu eigen gemacht. Sein ganzes Leben lang verbrachte er immer wieder Zeit in einem der Grand Hotels, die damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, in Mode kamen. Es ist für literarisch Interessierte ungeheuer reizvoll, der Verbindung zwischen den Schauplätzen seiner Werke Der Tod in Venedig und Der Zauberberg zu realen Orten – sprich Hotels – nachzuspüren. Wie sieht es heute, hundert Jahre nach der Veröffentlichung des Zauberbergs, in Davos aus? Gibt es noch den »Berghof«, wo Thomas Mann erste Eindrücke in der morbiden Welt der Lungenkranken sammelte? Was ist mit dem berühmten »Grand Hotel des Bains«, wo Der Tod in Venedig spielt? Begeben wir uns auf Spurensuche …
Wer am Bahnhof in Venedig ankommt, nimmt am besten ein Vaporetto der Linie 1 oder 2. Durch den Canal Grande geht es vorbei an den schönsten Palazzi der Stadt bis zum Lido. Hier, am Ende dieses schmalen Sandstreifens, befindet sich einer jener magischen Orte, wo Weltliteratur spürbar wird: das »Grand Hotel des Bains«. In diesem traumhaften Anwesen im Stil einer Palladio-Villa verbrachte Thomas Mann 1911 eine Woche mit seiner Familie, hier war der Ort, der ihn zu seiner wohl berühmtesten Novelle Der Tod in Venedig inspirierte. Wie sein Held Gustav Aschenbach lässt Thomas Mann die Tage im Müßiggang am Strand verstreichen, wo ihm bald ein Junge mit besonders fein geschnittenem Gesicht auffällt. Der blond gelockte Sohn einer polnischen Familie spielt vor den Augen des Schriftstellers unbeschwert mit seinen Schwestern im Sand, wirft Bälle und genießt das Spiel mit den anrollenden Wellen. Katia Mann erinnert sich auch Jahrzehnte danach noch gut an den »sehr reizenden, bildhübschen, etwa dreizehnjährigen Knaben, der […] meinem Mann sehr in die Augen stach. Er hatte sofort ein Faible für diesen Jungen, er gefiel ihm über die Maßen.«[2]
Während Mann sich darauf beschränkt, den Jungen genau zu beobachten und sich ihm literarisch zu nähern, werden seinem Helden Gustav Aschenbach die starken Gefühle für Tadzio zum Verhängnis. »Seine Seele kostete Unzucht und Raserei des Untergangs«[3], schreibt Mann. Aschenbach ist dem Charme des Jungen so verfallen, dass er alle Warnungen über eine herannahende Cholera-Epidemie in den Wind schlägt und in Venedig bleibt. Am Ende wird Aschenbach Opfer der Seuche – und im übertragenen Sinne seiner verbotenen Neigung: Er sackt im Strandkorb tot zusammen. Auch diese Epidemie ist historisch belegt: Tatsächlich beendete ein Cholera-Ausbruch die Urlaubszeit der Familie am Lido abrupt. Buchstäblich in letzter Minute entkommen die Manns im Juni 1911 der tödlichen Gefahr.
Was bleibt, ist neben der Novelle ein wunderbar klares, poetisches Urteil über den Charme der Lagunenstadt: »Venedig«, schreibt Thomas Mann, »die schmeichlerische und verdächtige Schöne. Diese Stadt halb Märchen, halb Fremdenfalle […].«[4] Manches ändert sich nie. Auch die Faszination, die das »Grand Hotel des Bains« auf Reisende und Italien-Liebhaber ausübte, bleibt. Und den Hotelbesitzern gelang es über die Jahrzehnte, den Mythos Thomas Mann am Leben zu halten. Die pastellfarben eingerichteten Zimmer mit Blick aufs Meer sind im Sommer ausgebucht. Stars und Prominente genießen den verschwiegenen Charme der Terrasse im Park, die großzügigen Zimmer, den im Glanz von Kronleuchtern funkelnden Frühstückssaal, der nun den Namen von Thomas Mann trägt (»Sala Thomas Mann«). So verwundert es nicht, dass die Wahl Luchino Viscontis für seine Verfilmung der Novelle Anfang der 1970er-Jahre auf das »Grand Hotel des Bains« fällt. Noch einmal ist das Rauschen der Roben im Foyer zu hören. Noch einmal spielen Kinder in geringelten Beinkleidern Ball, noch einmal fällt der Blick eines alternden Mannes auf einen betörend schönen Jungen: Im Film ist es Dirk Bogarde, der als Gustav Aschenbach seine Augen nicht von »Tadzio« Björn Andresen lassen kann. Silvana Mangano spielt die Mutter des polnischen Jungen. Aus dem Schriftsteller Aschenbach hat Visconti einen gescheiterten, von Zweifeln zerrissenen Komponisten gemacht. Die Musik Gustav Mahlers erfährt durch die Verwendung als Filmmusik eine bis dahin ungekannte Popularität.
Der Film gilt als Meisterwerk, auch weil es Visconti gelingt, den morbiden Charme des nahe gelegenen Venedigs einzufangen. Der Zerfall einer Gesellschaft kündigt sich an. Und im Rückblick lässt sich diese Erkenntnis auch auf das legendäre »Grand Hotel des Bains« ausdehnen: Das Haus, 1900 erbaut, kommt in die Jahre. Eine Zeit lang überdeckt der Ruhm von Thomas Manns Novelle und Viscontis Adaption La Morte a Venezia noch den abblätternden Charme der alten Tapeten. Ein paar Jahrzehnte noch genießen Filmliebhaber und Prominente den nostalgischen Reiz einer Nacht im Retro-Charme der Belle Époque…
Auch die Autorin schätzt sich glücklich, im Jahr 2006 eine Nacht im »Des Bains« verbracht zu haben. Sie hat das alles gesehen und gespürt: Die großen Zimmer mit den meterhohen Fenstern zum Meer, das Zwitschern der Vögel im fantastischen Park und den unvergleichlichen Charme der Kellner im Frühstückssaal, die etwas von der Grandezza vergangener Zeiten vermittelten. Auch ein Glas Prosecco in den luxuriösen Lounge-Möbeln mit Blick aufs Meer gehörte zu den unvergesslichen Eindrücken – once in a lifetime … einmal im Leben!
2010 war dann Schluss mit der Pracht. Das Ende traf dieses Mal nicht Aschenbach und auch nicht Tadzio, sondern den Schauplatz selbst: Das »Grand Hotel des Bains« schloss seine Türen. Investoren wollten aus dem ehemaligen Grandhotel einen Appartement-Komplex der Luxusklasse machen. Die Pläne scheiterten. Wer heute auf den Spuren Thomas Manns an den Lido reist, dem bleibt nur ein Seufzer, wenn er vor der verriegelten Tür steht. Allerdings öffneten sich im Herbst 2023 die Türen noch einmal für geladene Besucher: Anlässlich der Filmfestspiele fand in Räumen des Hotels eine Ausstellung statt – ein kleiner Silberstreifen am Horizont für Freunde nostalgischer Hotelkultur.
Mehr Erfolg verspricht eine literarische Reise nach Davos. Mit der Seilbahn geht es vom Ort aus etwa 300 Meter hinauf in die Berge. Ein paar Schritte weiter liegt es schon: das »Berghotel Schatzalp«, ein in dezentem Beige gehaltener Jugendstilbau mit flachem Dach und großen Balkonen. Wer die Lobby betritt, fühlt sich gleich in Thomas Manns Roman Der Zauberberg versetzt: Die schweren Türen und die holzgetäfelten Wände verströmen heute noch das Flair des »Berghofs«, in dem Hans Castorp, der junge Held des Zauberbergs, sieben Jahre verbringt. Selbst der Speisesaal scheint wie aus der Zeit gefallen.
Der literarisch interessierte Besucher meint den Knall zu hören, mit dem Clawdia Chauchat im Roman mehrmals täglich die Tür hinter sich zufallen lässt, wenn sie, wie immer, zu spät zum Essen erscheint. Während die geheimnisvolle Französin reine Fiktion ist, täuscht der originale Charakter des Mobiliars nicht: »Zu keiner Zeit wurde durch Umbauten und unsachgemäße Renovationen dem Haus die Seele genommen«, bestätigt das Hotel auf seiner Homepage.[5] Selbst die Tische im Speisesaal stammen noch aus der Zeit des Jugendstils. Der frühere Röntgenraum, in dem sich im Buch oft das Schicksal der Patienten entschied, präsentiert sich heute als »X-Ray-Lounge«. Die Wände, auf denen man früher Röntgenbilder begutachten konnte, sind immer noch illuminiert. Doch heute setzt man auf den Effekt cooler Farbgebung. Wer nach einem Apéro in der Lounge auf den Spuren Hans Castorps eine »Liegekur« machen möchte, kann sich ein Zimmer buchen und vom Balkon aus den spektakulären Bergblick genießen.
Es hat schon seinen besonderen Reiz, es sich auf einer Rattanliege bequem zu machen, sich in seine Daunenjacke zu kuscheln und dabei im Roman Der Zauberberg zu lesen, wie es den Lungenkranken damals erging. Während der heutige Reisende nur zum Vergnügen ruht, wurden die Patienten damals zur Liegekur verdonnert: Der stundenlange Aufenthalt in der Schweizer Bergluft galt als Heilmittel gegen die – tatsächlich unheilbare – Tuberkulose. Penicillin gab es damals noch nicht. Und so entwickelte sich im Sanatorium »Berghof« bei Thomas Mann unter den langjährigen Patienten eine morbide Atmosphäre mit frivolen Anklängen.
Dick eingemummt in Pelze und Decken verbrachten die Lungenkranken Stunden auf dem Balkon. Hans Castorp schildert im Roman sehr ausführlich die Prozedur des Einwickelns in Kamelhaardecken. Kalt ist ihm aber trotz Decken und Mantel immer noch. Besserung verspricht er sich durch den Kauf eines Pelzsacks, über den auch viele andere Patienten verfügen. Um diesen Pelzsack hatte er »die beiden Kamelhaardecken nach dem Ritus geschlagen. Dazu trug er über dem Winteranzug seine kurze Pelzjacke, auf dem Kopf eine wollene Mütze, Filzstiefel an den Füßen und an den Händen dickgefütterte Handschuhe, die aber freilich das Erstarren der Finger nicht hindern konnten.«[6] So eingewickelt dämmerten die Patienten dem Abendessen im viel beschriebenen Speisesaal entgegen, einem Ort, wo Hans Castorp eine Hierarchie der Kranken beobachtete wie etwa die vom »guten« und »schlechten« Russentisch.
Thomas Mann kam 1912 durch seine Frau Katia mit der faszinierenden Welt der Lungenkranken in Kontakt. Sie logierte im etwas tiefer gelegenen Waldsanatorium, dem heutigen »Waldhotel Bellevue«, um ein Lungenleiden auszukurieren. Ihr Mann, der damals in einer Schaffenskrise war, besuchte sie und lernte dabei auch die größere »Schatzalp« kennen, den Ort, der ihm als Vorbild für das Sanatorium »Berghof« im Roman diente. Mann selbst wohnte nicht im Sanatorium: Er war in einem der Gästehäuser, dem »Haus am Stein«, untergebracht – wohl, um einer eventuellen Ansteckung durch Frau Katia vorzubeugen. Hier wird es literaturhistorisch interessant: In diesem Gästehaus verbrachte auch der englische Romancier Robert Louis Stevenson in den Jahren 1881/82 mehrere Monate und beendete dort Die Schatzinsel, den Roman, der ihm Weltruhm einbrachte. Manns eigene Beobachtungen in der morbiden Welt der Lungensanatorien erhielten durch die süffisanten Schilderungen Katias in Briefen an ihren Mann noch zusätzlich Flair und Lebendigkeit. Es sollte noch Jahre dauern, bis der Roman 1924 erschien.
(Dieser Text stammt aus dem Buch Wenn jemand eine Reise tut …, das 2024 im Leiermann-Verlag erschienen ist.)
Fußnoten & Quellen
Fußnoten:
1 Kafka, Hans: »Die Stadt und die Welt. Gang durch ein großes Hotel«. In: Berliner Tageblatt, 1. Mai 1928, zitiert nach Gruber, Eckhard (Hrsg): »Fünfuhr-Tee im Adlon«. Menschen und Hotels. Berlin 1994.
2 Mann, Katia: Meine ungeschriebenen Memoiren. Frankfurt 2000.
3 Mann, Thomas: Der Tod in Venedig. Frankfurt 1992.
4 Ebd.
5 Vgl. www.schatzapl.ch
6 Vgl. Mann, Thomas: Der Zauberberg. Frankfurt 1991
Quellen:
SWR 2 Wissen. Hotels in der Literatur. Von billigen Absteigen und Luxus-Suiten. Von Beatrice Fassbender und Ulrich Rüdenauer. Sendung vom 28. Juni 2018
Schäfer, Barbara: Literaturhotels. Auf den Spuren von Hermann Hesse, Agatha Christie, Oscar Wilde und anderen. Stuttgart 2020.