Ein Brief an den Kaiser

von Ulrich Vogel

Nach seiner Abreise vom Reichstag in Worms schrieb Luther einen Brief an Kaiser Karl V., in dem er die Gründe erläuterte, warum er nicht widerrufen hatte. Das handschriftliche Original, das sich im Wittenberger Lutherhaus befindet, ist nicht nur ein authentisches Zeugnis der Reformation, sondern auch ein Dokument der Freiheit und Mündigkeit.

Man kann ihn leicht übersehen. Schließlich präsentiert das Lutherhaus in Wittenberg, das größte reformationsgeschichtliche Museum der Welt, seinen Besuchern eine Fülle von Exponaten, darunter so spektakuläre wie die Kanzel, von der der Reformator predigte, die Kutte, die er trug, oder das berühmte Septembertestament, der erste Druck des von Luther ins Deutsche übersetzten Neuen Testaments. Der Brief dagegen ist unauffällig in einer einfachen Vitrine ausgestellt. Doch wer im Vorbeigehen einen flüchtigen Blick auf Verfasser und Adressat wirft, dem wird schlagartig klar, dass dieses Objekt etwas ganz Besonderes sein muss: Es handelt sich um ein Schreiben von Martin Luther, gerichtet an keinen Geringeren als Kaiser Karl V.

Der gehorsame Untertan

Die regelmäßige Handschrift verrät wenig davon, in welch dramatischer Lage sich der Reformator befand, als er diese Zeilen schrieb. Die Tage im April 1521 zählen zu den Wendepunkten der Weltgeschichte. Gerade hatte er den Reichstag in Worms verlassen und, obwohl er nicht widerrufen hatte, vom Kaiser noch einmal freies Geleit für die Heimreise erhalten. Den ganzen Tag auf holprigen Wegen unterwegs, müssen ihm die Ereignisse immer wieder lebhaft vor Augen gekommen sein. Als er und seine Begleiter am 28. April Rast im hessischen Friedberg machten, schrieb er seinem „allergnädigsten Herrn“ den Brief, sechs Seiten lang, auf Latein – der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, aufgewachsen in den habsburgischen Niederlanden, verstand kaum Deutsch.

1530, Master I.B.; CC0 Chicago Museum of Arts

Luther rekapituliert das Geschehene, bedankt sich beim Kaiser für dessen Schutz und betont, als gehorsamer Untertan allen kaiserlichen Anordnungen stets Folge geleistet zu haben. In der Sache selbst bleibt er jedoch unnachgiebig: Solange er nicht „aus göttlicher Schrift oder einleuchtender Beweisführung anders belehrt würde“, werde er nicht widerrufen. Kaiser, Kirche und Konzil könnten nicht über ewige Glaubenswahrheiten entscheiden, maßgeblich sei allein die Heilige Schrift.

Was wollte er erreichen? Er gab sich versöhnlich, demütig, baute Brücken. Wollte er den Kaiser – gewissermaßen im vertrauten Zwiegespräch – nach dem öffentlichen Eklat vor den versammelten Reichsständen doch noch umstimmen und für sich gewinnen? Seine Loyalitätsbekundungen waren keine leeren Worte, sondern aufrichtig gemeint. Mit den weltlichen Autoritäten hatte Luther nie ein Problem. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“ – auf dieses Matthäus-Wort hatte er sich in seinen Schriften berufen. Ihm ging es ausschließlich um das Seelenheil; sein Groll und seine Kritik richteten sich gegen den Klerus und den Papst. Doch auf ein Umdenken seiner Majestät zu hoffen, war natürlich eine Illusion. Die Reichsidee war mit dem Papsttum untrennbar verbunden. Ohne Papst konnte es keinen Kaiser geben. Der Reformator rüttelte an den Fundamenten des Kaisertums. Aus dem theologisch-akademischen Disput war längst eine Machtfrage geworden.

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Anspruch auf Mündigkeit

Der Brief hat seinen Empfänger nie erreicht. Spalatin, der Berater des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen, der seine schützende Hand über Luther hielt, fand auf dem Reichstag angeblich niemanden unter den Fürsten, der ihn übergeben wollte. Doch der Kaiser hätte sich nicht mehr umstimmen lassen. Mit Luthers Auftritt in Worms waren die Würfel gefallen. Wegen dessen „halsstarriger Antwort“ hatte Karl sich entschieden, ihn nicht mehr anzuhören und nunmehr konsequent gegen die Reformation vorzugehen. Die Bewegung hatte indes längst breite Schichten der Bevölkerung erreicht: Schon Luthers Anreise nach Worms glich einem Triumphzug, in Stadt und Land jubelte man ihm zu.

Wochen zuvor hatte Nuntius Aleander nach Rom berichtet: „Jetzt aber ist Deutschland in hellem Aufruhr. Neun Zehntel erheben das Geschrei ‚Luther'“. Nach Luthers Abreise wurde das Wormser Edikt verabschiedet, das den Reformator in die Reichsacht setzte: Er war nun vogelfrei, seine Lehre und Schriften verboten. Niemand durfte ihn verköstigen oder beherbergen. Wer seiner habhaft wurde, war verpflichtet, ihn auszuliefern. Luther musste um sein Leben fürchten.

Der Brief hat den Lauf der Welt nicht ändern können; doch er bezeugt, wie sehr sich die Welt verändert hatte. Es zeichne ihn aus, so der Leiter der Luthergedenkstätten Stefan Rhein, dass er authentisch Auskunft gebe über Luthers Sicht auf die Ereignisse in Worms und seine Motivlage.

Doch nicht nur der Inhalt, auch die Gesprächssituation ist einzigartig. Wie zu seinem Gott, so findet Luther auch zum Kaiser den direkten Zugang: ohne Vermittler, ohne Umweg durch die Instanzen. Ein kleiner Mönch spricht auf Augenhöhe mit dem mächtigsten Mann des Abendlandes und setzt diesem seine Glaubensgrundsätze auseinander. Die Rollen sind neu verteilt; wie sein Wormser Auftritt ist auch diese Briefszene ein Anwendungsfall der reformatorischen Lehre, sozusagen auf höchster Ebene. Zwar beschränkt sich Luthers Freiheitskonzept auf den Glauben, und es findet seine Grenzen im Wort Gottes – das ist noch meilenweit entfernt von der Idee der individuellen Freiheit, wie sie in den Menschen- und Bürgerrechten unserer heutigen Verfassungen verankert ist. Doch der Anfang ist gemacht: Hier spricht das selbstbewusste Ich und bekundet seinen Anspruch auf Mündigkeit gegenüber den geistlichen und weltlichen Autoritäten. Der Brief ist nicht nur ein Meilenstein der Reformation, sondern auch ein Wegweiser in die Moderne.

Portrait of Charles V, Holy Roman Emperor, Jan Cornelisz Vermeyen (manner of), c. 1530; CC0 Rijksmuseum

Am Ende hat er doch seine Leser gefunden und seine Wirkung nicht verfehlt. Spalatin legte den noch in Worms tagenden Fürsten eine ins Deutsche übersetzte Fassung vor – ob er selbst oder der Reformator sie anfertigte, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sicher ist jedoch, dass Luther die Verbreitung von Anfang an einkalkulierte und billigte. Er schrieb, wie wir heute sagen würden, einen offenen Brief, der als gedruckte Flugschrift dreizehn Auflagen erlebte – die Welt las mit, was Luther dem Kaiser zu sagen hatte.

Verschollen, versteigert, verschenkt

Das originale Autograph hat alle Wechselfälle der letzten 500 Jahre überstanden, wenn auch auf verschlungenen Pfaden. Der Brief verschwand zunächst in den kursächsischen Archiven. Von Wittenberg kam er nach Weimar und gelangte schließlich in die Sammlung des Leipziger Buchhändlers Carl Geibel. Im Mai 1911 wurde er auf einer Auktion in Leipzig versteigert. Für die damals exorbitante Summe von 102.000 Reichsmark erhielt der amerikanische Milliardär und Finanzinvestor John Pierpont Morgan den Zuschlag. Dass Morgan das Rennen machte, war alles andere als ein Zufall. Neben den Carnegies, Rockefellers und Vanderbilts war er einer der großen Tycoons der jungen Vereinigten Staaten, die damals zur mächtigsten Industrienation der Welt aufstiegen – die größte Bank der USA heute, J.P. Morgan Stanley, geht auf sein Finanzimperium zurück. Zugleich war Morgan einer der bedeutendsten Stifter und Sammler seiner Zeit. Er hatte in Göttingen studiert, pflegte Kontakte in ganz Europa und besaß ein Faible für die Kultur des alten Kontinents.

Bildnis des Reformators Georg Spalatin, Lucas Cranach (1472); CC0 Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Gerade erst für ein Vermögen erstanden, schenkte der Finanzmagnat den Brief Kaiser Willhelm II. – verblüffenderweise ohne Gegenleistung oder irgendwelche Auflagen. Dieser revanchierte sich mit der Verleihung des Roten Adlerordens und empfing ihn in Kiel auf seiner Yacht Hohenzollern. Wilhelm übergab das Objekt dem Luther-Museum in Wittenberg. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts spielte Luther für die Identität der Deutschen eine wichtige Rolle; im Kaiserreich war er längst zu einem Mythos geworden: ein Vorkämpfer der deutschen Nation und der nationalen Einheit, die das protestantische Preußen schließlich in seinem Sinne vollendet hatte. Kein Wunder also, dass der Brief einen prominenten Platz im Hause erhielt: Er wurde auf einem Sandsteinpostament mit einem Bronzerahmen in einem eigens dafür hergerichteten Raum, der „Luthergedenkhalle“, ausgestellt. Den Rahmen zierten das Wappen des Kaisers und die der evangelischen Fürsten, die Symbole der Evangelisten und die Lutherrose. In den 1950er Jahren holte ihn der damalige Museumsdirektor von seinem monumentalen Podest herunter und steckte ihn in eine einfache Vitrine, wo er, seiner nationalen Vereinnahmung entbunden, wieder zum unvoreingenommenen Betrachten und Nachdenken einlädt.

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Verwendete Literatur

Stefan Rhein, „… das entscheidenste (sic!) und inhaltsschwerste, was des Reformators Feder je geschrieben“. Luthers Brief an Karl V. (28.April 1521), in: Irene Dingel, Henning P. Jürgens (Hg.), Meilensteine der Reformation.

Schlüsseldokumente der frühen Wirksamkeit Martin Luthers, Gütersloh 2014, S. 145-158

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