Ein Heiliger und sein Fastfood

von Anja Weinberger

Ein Heiliger und sein Fastfood

von Anja Weinberger

Wer kennt das nicht? Am Stand an der Ecke kauft man in Deutschland, Österreich oder der Schweiz ein Bratwurstbrötchen, eine Currywurst oder eine Laugenbreze mit Butter, manchmal auch heiße Maroni; in Großbritannien bekommt man, in Zeitungspapier eingeschlagen, Fish and Chips, und Italien brilliert mit köstlicher Pizza einfach »auf die Hand«. Gemeinsam haben all diese Gerichte, dass sie kostengünstig sind und einfach zu verzehren.

Hätten Sie gedacht, dass in diese Gruppe auch die Jakobsmuschel gehört? Nicht bei uns in Mitteleuropa, hier sind die hübschen und leider sehr leckeren Meeresbewohner eine kostspielige Delikatesse, keinesfalls jederzeit verfügbar. Aber an den Ufern des Ärmelkanals, vor der Küste der Normandie, gibt es besonders üppige Vorkommen der »Großen Pilgermuschel«, wie die Jakobsmuschel auch genannt wird. Und wie auch Austern dort ein alltäglicher Genuss sind und in einfachen Bistrots angeboten werden, kann man in dieser Gegend vielerorts Jakobsmuscheln in ihrer Fastfood-Form erstehen. Zu viert oder zu fünft auf hölzernen Spießen aufgereiht, scharf angebraten auf dem Grill, können sie einfach im Stehen verzehrt werden.

Obere und untere Schale der Jakobsmuschel sind unterschiedlich geformt, eine ganz flach, die andere um so gewölbter. Diese starke Höhlung erwies sich als sehr günstig zum Wasserschöpfen, was auch die christlichen Pilger des Mittelalters bemerkten und auf ihren langen, entbehrungsreichen Reisen ausnutzten.

In vielen Regionen Europas ist der 25. Juli der Gedenktag des heiligen Jakobus des Älteren, einem der besonders prominenten Heiligen des Christentums. Jakobus war unter den zwölf Aposteln, gemeinsam mit seinem Bruder Johannes und dem Fischer Petrus gehörte er zu den ersten Jüngern Christi. Besonders in der spanischsprachigen Welt ranken sich um diesen Mann viele Legenden. Manche berichten, Jakobus – oder kurz Jakob – kam nach Jesu Himmelfahrt auf die Iberische Halbinsel, um dort zu predigen. Andernorts jedoch kann man lesen, dass ein führerloses Boot mit seinem Leichnam an die Küsten Nordwestspaniens getrieben wurde.

Dieser Legende nach war Jakobus der erste Märtyrer der christlichen Gemeinschaft und wurde Mitte des 1. Jahrhunderts mit dem Schwert hingerichtet. Weiterhin erzählt man, dass ein junger Ritter dieses Boot mit der kostbaren Fracht erwartete; er ritt ihm vom Strand aus freudig entgegen und kam dabei zu Fall. Der tote Jakobus rettete ihn natürlich, und so entkam der tapfere Ritter den Fluten, über und über muschelbedeckt – wohl einer der Gründe, weswegen das Attribut des heiligen Jakobus seit dem Mittelalter die Muschel ist.

Heute tragen Pilger auf dem Weg zu seinem Grab in Nordspanien die Muschel als Schutz- und Erkennungszeichen. Denn über dem Jakobus-Grab errichteten Gläubige eine Kapelle, aus der sich im Lauf der Jahrhunderte der Pilgerort Santiago de Compostela entwickelte. Santiago – das ist Sant’Yago oder Sant’Iago – also der heilige Jakobus. Die Verschmelzung der beiden Worte ließ diesen Namen aus einem Guss entstehen, auch ein Hinweis darauf, welch hohen Stellenwert der Apostel im Christentum hat. 

Dieser Text ist eine der Kulinarischen Kalendergeschichten aus dem gleichnamigen Buch, das beim Leiermann erschienen ist.