Ein Himmel voller Geigen

von Andrea Strobl

Über den aus München stammenden Großvater Otto führt meine Familiengeschichte in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in den kleinen oberbayerischen Ort Mittenwald, aus dem meine Großmutter Viktoria stammte. Genau dorthin verschlug es den Musikfreund und Hobbymusiker nach dem Ersten Weltkrieg als Lehrer und später Rektor der Volksschule. Er spielte zum Hausgebrauch etwas Geige und war jahrzehntelang begeisterter Organist der Mittenwalder Pfarrkirche. Diese meine Mittenwalder familiären Wurzeln und der Hang des Großvaters zur Musik führten mich zum Thema meines kurzen Artikels hier:  

Mittenwald, Lizenz: Depositphotos, © arnaudmartinez

Mittenwald ist besonders Musikfreunden bekannt, weil es die Geschichte des deutschen Geigenbaus nachhaltig geprägt hat und weiterhin prägt, verfügt es doch über eine von nur zwei deutschen staatlichen Geigenbauschulen, die im Jahre 1858 unter König Maximilian II gegründet wurde. Heute bildet die Schule nicht nur mehr Geigenbauer, sondern auch Metallblas-, Zupf- und Holzblasinstrumentenmacher aus1 und zieht nach wie vor Schüler aus aller Welt an.

Der Ort war seit dem Mittelalter nicht unbedeutend, lag er doch nicht nur an der viel genutzten Rottstraße, der antiken Via Raetia, die von Italien über den Brennerpass nach Augsburg und Nürnberg führte, sondern auch an der Isar, über die seit dem 15. Jahrhundert mittels der Floßschifffahrt der Handelsweg nach München blühte2. All dies hatte für den Werdegang und wirtschaftlichen Erfolg eines der berühmtesten Söhne Mittenwalds seine Bedeutung:

Die Rede ist von Matthias Klotz (1653–1743).

Wer war dieser Matthias Klotz, der mit seiner Familie den noch heute so bekannten Mittenwalder Geigenbau begründete?

Matthias entstammte der in Mittenwald ansässigen Schneiderfamilie Klotz (in älteren Quellen auch als Kloz oder Cloz aufgeführt). Warum er sich dem Instrumentenbau zuwandte, ist nicht bekannt. Auch sein Werdegang zum Instrumentenbauer lässt sich leider nur noch bruchstückhaft nachvollziehen, u. a. in Padua, wohin der junge Matthias von einem entfernten Verwandten als Lehrling der anerkannten Lautenmachereiwerkstatt des Peter Railich empfohlen wurde, was durch ein Arbeitszeugnis historisch belegt ist3. Einige Quellen führen Matthias aber auch als Lehrling in einer der damals führenden Füssener Lautenmacherwerkstätten an oder gar in der berühmten Cremoneser Geigenbauwerkstatt von Nicolò Amati, aber beides kann historisch nicht sicher nachgewiesen werden.

Historisch belegt ist jedenfalls, dass er nach einer sechsjährigen Gesellenzeit in Italien nach Mittenwald zurückkehrte und dort im Jahre 1686 die Webertochter Maria Seiz ehelichte:

»Die Rückkehr nach Mittenwald hatte viele Vorteile: Es gab keine Zunftbeschränkungen wie in anderen Städten und die Verkehrs- und Handelsbedingungen waren sehr gut organisiert. Viele Mittenwalder waren im regionalen Handel tätig und etliche belieferten weit entfernte Märkte nach Süden und Norden. Das Rottwesen transportierte alle Handelsprodukte zuverlässig durch ganz Europa. Zudem wuchs das Holz für seine Instrumente ausreichend und in guter Qualität in unmittelbarer Nähe, so dass er nicht auf Holzhändler angewiesen war. Wann und wo Mathias Kloz die Anleitung zum Geigenbau bekam, wissen wir nicht.«4

In der Tat fand Matthias Klotz in Mittenwald ideale Bedingungen für seinen Beruf vor, denn in der dicht bewaldeten Hochgebirgslandschaft der Karwendelregion gab es genug Klanghölzer (Ahorn und Fichte), die sich zum Bau seiner Instrumente besonders gut eigneten und sich als hervorragende Resonanzhölzer erwiesen.5 In dem Haus, das ihm von seinem Schwiegervater als Mitgift zuerkannt worden war, richtete Matthias seine erste Werkstatt ein.

Matthias Klotz, Lizenz: Depositphotos, © PanterMediaSeller

Er fertigte zunächst vor allem Lauten, seiner Ausbildung in Padua entsprechend.  Aber bald schon stieg die Nachfrage nach anderen Streichinstrumenten, vor allem Geigen, und seine Werkstatt vergrößerte sich zusehends. Die ersten Lauten, Bratschen und Geigen von seiner Hand sind ab 1704 durch die im Instrumentenkorpus eingeklebten handschriftlichen oder gedruckten Herkunftsnachweise bekundet.6 Bis dahin – so wird vermutet – verkaufte er seine Instrumente wohl noch über diverse Händler und ohne expliziten Herkunftsnachweis. Zudem bildete Matthias im Laufe der Jahre in seiner Werkstatt nicht nur seine Söhne, sondern auch zahlreiche Lehrlinge von überall her aus. Auch die bereits oben erwähnte Lage Mittenwalds an den günstigen Handelswegen erleichterte Matthias den Zugang zu wichtigen Absatzmärkten und sicherte ihm schnellen wirtschaftlichen Erfolg.

Was war nun aber das Besondere an diesen Instrumenten? Die informative Webseite des 1930 gegründeten Mittenwalder Geigenbaumuseums gibt darüber Auskunft und mag dem einen oder anderen Streichinstrumentenspieler hier etwas mehr sagen als mir nur historisch interessierten Laien:

»Wie schon erwähnt, baute Mathias Kloz seine Geigen und Bratschen über ein Formbrett. Zur Zeit sind fünf Bratschen von ihm bekannt, datiert zwischen 1704 und 1722, die nach den Maßen zu urteilen über das gleiche Formbrett gebaut sein könnten. Die Korpuslänge schwankt zwischen 41 und 41,2 cm, auch die Breitenmaße schwanken nur um maximal 2 mm. Die Innenarbeit besteht aus Fichtenklötzen. In die Eckklötze ist die Fichtenbereifung spitz eingelassen. Insgesamt ist die Innenarbeit nur sehr flüchtig ausgeführt. Die Wölbung ist in einer breiten Brust angelegt und fällt oben und unten gleichmäßig zum Rand hin ab. Dadurch erscheint die Wölbung nicht bauchig. Die Randarbeit gestaltete er bei seinen Instrumenten meist kräftig, d. h. eine etwas tiefere Randhohlkehle, ein starker Einlagespan und eine leicht wulstige Rundung, wie wir es auch von ausgewanderten Füssener Geigenbauern kennen, z. B. Georg Aman und Gregori Wenger aus Augsburg, Johannes Schorn aus Salzburg oder Martin Mathias Fichtl aus Wien, um nur einige zu nennen. Die runden F-Löcher stehen gerade in der Wölbung. Bei den Bratschen sind die Wirbelkästen lang angelegt und enden in runden Schneckenwindungen. Der Lack von braun-oranger Farbe ist von guter Konsistenz auf sauberem Untergrund«.7

Geigenbauer schnitzt die Schnecke einer Geige, Lizenz: Depositphotos, © marinobocelli.gmail.com

 

Aber zurück zur Historie. Dem Ehepaar Maria und Matthias Klotz war eine für die Tradition des Geigenbaus in Mittenwald bedeutende Nachkommenschaft beschieden. Die Söhne Georg, Sebastian und Johann wurden vom Vater ausgebildet, führten das väterliche Handwerk weiter und zeichneten sich in ihrem Handwerk aus. Vor allem der zweitgeborene Sohn Sebastian erwies sich als ganz herausragendes Talent im Geigenbau, wovon seine uns heute erhaltenen Instrumente zeugen:

»Soweit die überlieferten Instrumente zuverlässige Schlüsse zulassen, übertraf der Sohn Sebastian Klotz seinen Vater und Lehrmeister an Innovation und Talent und prägte den Geigenbau seiner Heimat nachhaltig. Sein Geigenmodell ist „die“ Klotz-Violine im engeren Sinne, und Sebastian Klotz hat mit ihr – mehr noch als Matthias – einen eigenständigen künstlerischen Beitrag zur Geigenbaugeschichte geleistet«.8 (Eine seiner Violen erzielte erst im letzten Jahr einen Auktionspreis von  $25.000!)9

Aber mit Matthias und seinen Söhnen hörte die Geschichte noch lange nicht auf: Die Nachkommen von Matthias Klotz sollten schließlich sechsunddreißig  Instrumentenbauer in acht Generationen hervorbringen.10 Und auch die zahlreichen, in den Klotzschen Werkstätten ausgebildeten Gesellen trugen dieses Handwerk in die Welt hinaus …

So begründete die Familie Klotz die bis heute andauernde Instrumentenbautradition dieses damals noch so kleinen Dorfes am äußersten südlichen Rande Oberbayerns. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten an die neunzig Geigenbauer in Mittenwald. Wie erfolgreich von Anfang an die Mittenwalder Instrumente waren, fiel sogar Leopold Mozart auf, der 1764 in einem Brief aus London erwähnt, »(…) dass Paris und London mit Mittenwalder Geigen voll sind«11. Auch heute gibt es im Ort immerhin noch fast ein Dutzend Instrumentenbauer, die den mittlerweile industriell hergestellten Instrumenten ihre Handwerkskunst entgegensetzen.

Nicht ohne Grund also steht das von Ferdinand II Freiherr von Miller im Jahre 1890 erschaffene Denkmal des Matthias Klotz vor der Mittenwalder Kirche St. Peter und Paul, in der Matthias einst getauft wurde und an dem ich unzählige Male vorbeigelaufen bin. Beim Recherchieren über Matthias Klotz fielen mir so viele Mittenwalder Familien- oder Straßennamen wieder ein, die ich aus meiner Kindheit und Jugend noch kenne, aber nie weiter hinterfragt hatte. 

Geigen, Lizenz: Pixabay, © Baohm

 

So muss man auch die Instrumentenbauerfamilien Jais, Neuner, Hornsteiner und Baader erwähnen, die ebenfalls zum Bekanntheitsgrad der Mittenwalder Geigen beigetragen haben.12

Für mich selbst waren nette Bekanntschaften mit Geigenbauschülern aus aller Welt und die alljährlichen Konzerte der Geigenbauschule in den späten 1970er Jahren eine Bereicherung meiner Jugendjahre in diesem kleinen, aber historisch so interessanten Ort »mitten im Wald«…

Schlendert man heute durch Mittenwald, so hängt immer noch in manchen der engen Gassen sprichwörtlich der »Himmel voller Geigen« …

Wer sich für den Geigenbau näher interessiert, dem empfehle ich die beiden folgenden interessanten Dokumentationen:

Unter unserem Himmel: Junge Instrumentenbauer

Oder:

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