Ein Pfarrerssohn aus Lübeck

von Christine Piswanger-Richter

Ein Pfarrers-sohn aus Lübeck

von Christine Piswanger-Richter

(…) Ich selbst bekam mit fünf Jahren den ersten Klavierunterricht in Lübeck bei einer Lehrerin. Ich wechselte zu einem Pianisten, der auch mich zum Pianisten machen wollte, aber mein Berufswunsch Dirigent stand schon sehr früh fest. Ebenfalls noch als Kind begann ich, mit damals glockenhellem Sopran, in der Lübecker Knabenkantorei zu singen. Dieser Chor wurde 1948 gegründet, Knabenchor-Gesang hat an der Lübecker Marienkirche aber eine weitaus längere Tradition. Belege finden sich bereits bei Dietrich Buxtehude im 17. Jahrhundert, und Thomas Mann erwähnte ihn in seinem Nobelpreis-gekrönten Roman Buddenbrooks. Mit diesem Chor konnte ich auch »weltliche Bühnenluft« schnuppern. So wurde ich z. B. ans Musiktheater »verliehen« und trat im Bettelstudent von Carl Millöcker als Chorknabe auf. Ich trug dabei das Kostüm eines katholischen Chorknaben in Polen.

Ein besonderer Höhepunkt – sowohl für uns junge Choristen als auch für das Publikum – war die alljährliche Aufführung des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach. Viele Jahre konnte ich mitsingen, mit dem Stimmbruch jedoch war diese Karriere dann schlagartig beendet. Ich wollte allerdings keinesfalls auf die Mitwirkung verzichten und wenn ich nicht mehr singen darf – oder besser gesagt »kann« –, dann würde ich eben die Pauke schlagen. Mit diesem Ansinnen ging ich zum Chordirektor. Der meinte schmunzelnd, dass ich erst bei einem Vorspiel bestehen müsse, bevor man mir diese wichtige Aufgabe anvertraue. Gut, kein Problem! Ich kam zum vereinbarten Vorspieltermin, doch statt Pauken oder Trommeln fand ich bloß leere Waschmittelkartons vor, an denen ich mein Rhythmusgefühl demonstrieren sollte. Offensichtlich mit Erfolg, denn ich wurde als Paukist engagiert. Bei der Aufführung hatte ich natürlich echte Pauken zu bearbeiten. Das Weihnachtsoratorium beginnt bekanntlich mit dem Eingangschor »Jauchzet, frohlocket« und dieser wiederum mit dem Thema mit den charakteristischen Paukenschlägen. Für meinen Geschmack war das in bisherigen Aufführungen immer zu langsam, deswegen entschloss ich mich spontan, hier ein schnelleres Tempo vorzugeben.

Auf in die Schule, junger Mann!
Aus dem Nachlass von Caspar Richter, ohne Nennung des Fotografen / der Fotografin.

Damit wurde zwar dem Gedanken des »Frohlockens« besser entsprochen, so manche Musiker aber waren doch etwas überrascht und mussten sich schnellstens umstellen. Der Dirigent der Aufführung war zunächst auch verblüfft, aber der Chor ging begeistert mit, und unsere jauchzende Stimmung übertrug sich auch auf das Publikum. Ob ich damals das erste Mal gemerkt hatte, wie sich das anfühlt, den Musikern »meine Vorstellung« weiterzugeben? (…)

Christine Piswanger-Richter im Leiermann-Verlag

Die große Biographie zu Caspar Richter!