Eine Geschichte des Lesens

von Andrea Strobl

Was passt besser zu einer Kulturplattform wie der „Leiermann“, als sich Gedanken über das Lesen zu machen?

Egal ob wir uns hier mit Geschichte, Kunstgeschichte, Archäologie, Architektur, Philosophie, Literatur oder auch Musik beschäftigen wollen, sei es beruflich oder als sogenannte interessierte Laien – Lesen ist die Grundvoraussetzung, um an kulturelles Wissen und Informationen zu gelangen. Natürlich verfügen wir heutzutage neben Büchern über viele andere Medien, die uns dieses Wissen vermitteln können, aber es ist tatsächlich noch gar nicht so lange her, da waren die Menschen allein auf das geschriebene Wort und die Fähigkeit des Lesens angewiesen.

Wir alle lesen in uns und der uns umgebenden Welt, um zu begreifen, wer wir sind und wo wir sind. Wir lesen, um zu verstehen oder auf das Verstehen hinzuarbeiten. Wir können gar nicht anders: Das Lesen ist wie das Atmen eine essentielle Lebensfunktion.

Einer, der sich Zeit seines Lebens über Bücher und das Lesen Gedanken gemacht hat und der Geschichte des Lesens in einigen seiner Bücher nachging, ist der argentinische Autor Alberto Manguel (*1948).

Geboren in Buenos Aires, hatte er als Schüler vier Jahre lang die Ehre, dem damals bereits fast blinden Jorge Luis Borges ab und an als Vorleser zu dienen, eine Begegnung, die ihn prägen sollte:

Dem blinden alten Mann vorzulesen war eine sonderbare Erfahrung, denn obwohl es mir vorkam, als bestimmte ich mit einiger Mühe Tonfall und Tempo des Lesens selbst, machte er, der Zuhörer, sich zum Herrn des Textes. Ich war sein Chauffeur, aber der Raum, der sich vor uns entfaltete, gehörte ihm, dem Fahrgast, der nichts weiter zu tun hatte, als die Landschaft in sich aufzunehmen. Borges wählte das Buch aus, Borges gebot mir Halt oder forderte zum Weiterlesen auf, Borges unterbrach mich, um einen Kommentar abzugeben. Borges ließ die Wörter zu sich kommen. Ich war unsichtbar.

Manguel arbeitete als Lektor, Übersetzer und Herausgeber in verschiedenen Ländern. Vor allem aber begann er schon in jungen Jahren selbst zu schreiben. Er und seine Bücher haben viele Preise und Auszeichnungen erhalten. Von 2016 bis 2018 war er Direktor der Nationalbibliothek von Argentinien und bekleidete somit, wenn auch nur kurz, genau jenes Amt, das Jahrzehnte vorher der von ihm so verehrte Jorge Luis Borges innehatte. Im Jahre 2020 schenkte Manguel seine Privatbibliothek – immerhin ca. 40.000 Bücher – der Stadt Lissabon, wo nun ein Studienzentrum zur Geschichte des Lesens entstehen soll.

Das Buch „Eine Geschichte des Lesens“ ist wohl Manguels bekanntestes Buch. Er stellt und beantwortet in diesem Buch grundsätzliche Fragen, was die Geschichte des Buches anbelangt, aber auch z. B. Fragen, wie, wo und was gelesen wurde im Laufe der Geschichte des geschriebenen Wortes. Hier nur einige wenige Beispiele:

Da ist die lange Geschichte von der Schrifttafel über die Schriftrolle hin zum Kodex und vom ersten Buchdruck hin zum handlichen Taschenbuch; die Geschichte, warum laut vorgelesen wurde (und manchmal noch wird), warum aber das stille Lesen erst dem Leser die Zeit gewährte, „den Sinn der Worte auszukosten und ihrem Klang, den er ja kannte, in seinem Inneren nachzulauschen“.

Und wenn man schon der Geschichte des Lesens nachgeht, spielen natürlich auch  die Fragen eine Rolle, wo gelesen wurde, welche Rolle die Schreibstuben der Klöster oder die Bibliotheken spielten, auf welchen Möbeln, in welcher Haltung bevorzugt gelesen wurde (auf dem Hahnenkampfstuhl, im Bett liegend oder gar wie Henry Miller auf der Toilette).

Derweil hat sich dieser Bücherkosmos im noch jungen 21. Jahrhundert immens ausgeweitet. Was wird nicht alles verlegt, vermehrt auch im Selbstverlag. Und so bleibt eine erfreuliche Erkenntnis: Die Leselust scheint – trotz aller Unkenrufe von Zeit zu Zeit – nicht abzunehmen, sei es mit dem guten alten gedruckten Buch in der Hand, sei es mittels E-Reader oder am PC.

Skriptorium, eine in einem Kloster befindliche Schreibstube; © roxxer

Aber es geht natürlich auch um die Rolle des Lesers, ja die Macht des Lesers, denn […] in jedem Fall ist es der Leser, der den Sinn in die Zeichen hineinliest, der einem Gegenstand, Ort oder Ereignis die Lesbarkeit abgewinnt.

Wie wird ein Mensch zum Bibliophilen oder gar Bibliomanen und warum können sich viele Leser nicht von manchen Büchern trennen, obwohl sie sie wohl nie mehr zur Hand nehmen werden? Warum und nach welchen Kriterien wurden über lange Zeit hinweg Frauen nur bestimmte Bücher zugeordnet und erlaubt zu lesen? Wie steht es um die lange Geschichte von Bücherverboten oder gar Bücherverbrennungen?

Gerade hier zeigt sich die Gewissheit um die oben erwähnte Macht des Lesers, denn Jeder Leser schafft sich seine eigene Lesart, die von der ursprünglichen Intention des Textes abweicht, aber nicht unbedingt eine Verfälschung darstellt. Aber jeder Leser kann den Text bewußt fälschen, indem er ihn in den Dienst einer bestimmten Doktrin stellt, zur Rechtfertigung von Willkür, Unrecht und Gewalt mißbraucht – sei es nur zur Wahrung persönlicher Vorteile oder zur Legitimation von Diktatur und Sklaverei.

Fragen über Fragen, denen der Autor akribisch nachgegangen ist. Und so begegnet man bei dieser Lektüre nicht nur unzähligen Autoren, sondern erfährt viel Neues, manchmal auch  Kurioses über den unendlichen Kosmos des Buches und des Lesens. Als Leser dieses fesselnden Buches bleibt man oftmals etwas erschlagen zurück. Und so kann auch dieser kurze Artikel hier nur eine Anregung zum Lesen sein, weil man die Fülle der im Buch angeführten Informationen beim besten Willen nicht in wenigen Worten angemessen zusammenfassen kann.

Das Buch endet mit der berühmten Fotografie aus dem Jahre 1940, die drei Männer abbildet, die lesend und suchend vor den Bücherregalen inmitten der Trümmer einer halb zerbombten Londoner Bibliothek stehen. Manguel kommentiert dieses Foto mit den Worten: Keiner von ihnen dreht dem Krieg den Rücken zu oder übersieht die Zerstörungen. Sie ziehen nicht die Bücher dem Leben vor. Sie versuchen nur dem offenkundigen Chaos zu widerstehen; sie beharren auf ihrem gewohnten Recht, Fragen zu stellen; sie versuchen – inmitten der Trümmer, mit dem staunenden Wiedererkennen, das die Lektüre bisweilen gewährt –, die Welt wieder zu verstehen.

Nicht zu Unrecht urteilte der „New Yorker“ nach Erscheinen von Manguels Buch: „Ein Liebesbrief an das Lesen“, und Manguel schreibt im Nachtrag des Buches den schönen Satz:  „Die Geschichte des Lesens hat kein Ende.“ – so wird es hoffentlich sein!

(Neben diesem Buch seien auch Manguels nicht minder interessante Titel „Die Bibliothek bei Nacht“ und „Eine Stadt aus Worten“ erwähnt.)

Post Scriptum

Weitere empfehlenswerte Lektüren über Bücher und das Lesen wären „Lector in Fabula“ (Umberto Eco); „Meine vielseitigen Geliebten“ (Jacques Bonnet); „Der schönste Ort der Welt. Von Menschen und Buchhandlungen“ (Hrsg. Martha Schoknecht); „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“ (Pierre Bayard); „Shakespeare & Company“ (Sylvia Beach); „Das Papierhaus“ (Carlos María Domínguez), um nur einige wenige hier zu nennen. Auch diese Liste ist schier unendlich …

Literaturliste

Sämtliche Zitate entstammen der Ausgabe Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens, Rowohlt, Dezember 2000.

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