Einführung in den Buddhismus

 

von Christian Schaller

Der Buddhismus ist scheinbar schon lange in der westlichen Welt angekommen. Buddhastatuen im Vorgarten, eine Yoga- oder Meditationsstunde am Abend und spirituelle Selbstfindungsreisen nach Südostasien sind in unserer globalisierten Welt fast schon zur Normalität geworden sind. Doch was sagt die Weltreligion des Buddhismus eigentlich überhaupt aus? Welchen Nutzen können wir aus den fernöstlichen Glaubenssätzen im modernen Europa des 21. Jahrhunderts ziehen? Dieser Beitrag möchte eine kleine, knappe Einführung in die buddhistische Lehre bieten und ihre kulturelle Bedeutung darlegen.

Wie alles begann – der historische Buddha Siddhartha Gautama und der Ursprung des Buddhismus

In der alt-indischen Sprache Sanskrit bedeutet das Wort Buddha so viel wie „Erwachter“ und „Erleuchteter“. Der sogenannte erste Buddha war eine belegbare, historische Person namens Siddhartha Gautama, die nach unterschiedlichen Chronologien im sechsten oder fünften Jahrhundert vor Christus im nördlichen Indien lebte. Da überlieferte Quellen dazu neigen, Siddhartha zu idealisieren, ist nur weniges über sein Leben gesichert. Er stammte wohl aus einer lokalen Herrscherklasse, weshalb er mitunter auch als Prinz bezeichnet wird. Er heiratete und zeugte einen Sohn, bevor er nach mehreren Jahren der inneren, religiösen Sinnsuche mit 29 Jahren seine Familie verließ und den Lebensweg eines Asketen einschlug. Nach sechs Jahren intensiver Bemühungen in Form von religiös-philosophischer Versenkung und Meditation soll er die Erleuchtung erfahren haben. Fortan verkündete er als Buddha, also als Erleuchteter, die Lehre des Buddhismus. Buddha erkannte, dass alles Sein mit Leid verbunden ist. Die Unbeständigkeit jedes Individuums formulierte er als die ewige Ursache dieses Leidens. Das Grundkonzept des Buddhismus ist darum ein ausgewogener „Mittlerer Weg“ zwischen übertriebener Ausschweifung und strenger Askese. Das Hauptziel des buddhistischen Lebensweges ist die individuelle und innerlich erreichbare Erlösung, in Sanskrit Nirwana genannt, ein Ort oder Zustand voller Glück und Zufriedenheit.

Der historische Buddha war kein fanatischer Prophet, sondern viel eher ein Lehrmeister. Er predigte nicht von Gott, Göttern oder einem einzigen Weg zum Heil wie die abrahamitischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam. Er bezog sich auch nicht auf die traditionelle Kastenordnung Indiens, wie es der Hinduismus tat. Viel eher richtete er sich an jeden Einzelnen.

Tian Tan Buddha; © janeb13

Die traditionellen Religionen des antiken Indiens wie zum Beispiel die Veda oder der Hinduismus, zeigten sich in den vorchristlichen Jahrhunderten kulturell recht dynamisch und flexibel, sodass Reformen und neue Ausprägungen möglich wurden. Götter, heilige Wesen und Höllenkreaturen, in erster Linie die Gestalten der lokalen vedischen oder hinduistischen Religionen, spielten für Buddha zwar keine Rolle, er leugnete ihre Existenz aber auch nicht. Ebenso wie alle Lebewesen waren auch sie in die Welt der Reinkarnationen und des Leidens involviert. Siddhartha Gautama lehre über 40 Jahre lang und organisierte seine Anhänger noch zu Lebzeiten in einer lockeren Struktur. Sein einziges Erbe war der sogenannte „Mittlere Weg“, der bis heute trotz aller Verästelungen das verbindende und identitätsbildende Merkmal aller Buddhisten ist. Ein Jahr nach dem Tod Buddhas fand das sogenannte Erste Konzil in Rajagriha statt, auf dem unter anderem die feste Zugehörigkeit zu einer Mönchsgemeinde konstatiert wurde.

Beim Tod Siddharthas Gautamas (einer von mehreren Chronologien folgend spätestens um das Jahr 390 v. Chr.) war der Buddhismus nur in Nordindien verbreitet. Über hundert Jahre später gelangte er durch die Eroberungszüge des Königs Ashoka aus der Dynastie der Maurya (304-232 v. Chr.) auch in den Süden des Subkontinents, zudem sandte der Herrscher Missionare in alle benachbarten Länder sowie auch die hellenistischen Staaten des Mittelmeerraumes. Vor allem zu den benachbarten Gebieten der Seleukiden und in das griechisch-baktrische Reich unterhielt er diplomatische Beziehungen. In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten dehnte sich die buddhistische Lehre in alle asiatischen Länder aus, von Afghanistan im Westen, Indonesien im Süden bis hin zu Japan im Osten. Zuletzt erreichte der Buddhismus Tibet im siebten Jahrhundert, während sein Einfluss im eigentlichen Ursprungsgebiet Indien bereits langsam schwand. Durch Verfolgungen und Zerstörungen des Islam oder Gegenmissionen und Adaptionen des Hinduismus in den darauffolgenden Jahrhunderten wurde der Buddhismus in Indien immer mehr zurückgedrängt und marginalisiert. Im 21. Jahrhundert liegt die Zugehörigkeit zu buddhistischen Religionsgemeinschaften in Indien bei knapp 1%.

Grundbegriffe und Grundsätze des Buddhismus

Gebetsmühlen, © tianya1223

Den Buddhisten zufolge befindet sich das irdische Dasein in einem ewigen Kreislauf von Geburt, Tod und auch Wiedergeburt. Dieser immerwährende Zyklus des Werdens und Vergehens, in Sanskrit auch Samsara genannt, lässt sich nicht aufhalten oder ändern, zudem ist er stets mit tiefem Leid verbunden. Jeder Mensch leidet aufgrund von Egoismus oder Unwissenheit. Buddha war überzeugt, dass die Erlösung davon nur in einer Änderung der geistigen Einstellung liegen kann.

Nichtsdestotrotz modifizierte Buddha seine Lehre im Vergleich zu den anderen philosophischen Gedankengängen seiner Zeit und bestritt beispielsweise die Existenz der ewigen Seele. Ein Austritt aus Samsara musste seiner Ansicht nach nämlich möglich sein, um das irdische Leiden zu beenden. Dieser Übergang in einen Zustand ohne Leid, das Nirwana, sollte durch die Praxis der Erleuchtung, das Bodhi, gelingen. Erlangte man Bodhi, so war man ein Buddha. Dieses Erwachen erfolgt nicht durch äußeres, göttliches Einwirken, sondern allein durch einen individuellen, inneren Erkenntnisvorgang. Diese Erkenntnis kann jeder gewinnen, sie erfordert jedoch Arbeit und Geduld. Zuerst muss man das Sein und den Geist verstehen lernen.

Der historische Buddha integrierte die Lehre vom Karma in seine Anschauungen, also dass jede Tat Folgen hätte und sich auf den ewigen Zyklus der Wiedergeburten auswirkt. Karma kann als „Handeln“ übersetzt werden. Als Konzept bedeutet dies, dass jede gute, neutrale oder schlechte Handlung unweigerlich ein entsprechendes Resultat hervorruft. Es kommt aber nicht darauf an, nur gute Handlungen und damit gutes Karma anzuhäufen. Jeder Mensch lebt sinnliches Begehren aus – sei es in Gedanken oder Taten – und haftet damit den Erscheinungen der irdischen Welt an. Im schlimmsten Fall empfindet er Gier, Zorn und Hass. All dieses Handeln und Denken bewirkt endlos die Erzeugung von Karma und führt somit zu weiteren Verstrickungen in der Welt. Ziel der buddhistischen Praxis ist es, kein Karma mehr zu erzeugen und somit den ewigen Kreislauf, das Samsara, hinter sich zu lassen und damit Nirwana zu erreichen. Dieser Vorstellung von Karma liegt das Gesetz des bedingten Entstehens oder des Entstehens in Abhängigkeit zugrunde. Alle Phänomene entstehen aufgrund von Ursachen und Bedingungen. Entkommt man dieser Abhängigkeit, so ist man frei und erlöst.

Das individuelle Leiden jedes Lebewesen ist damit nur eine Art unglücklicher Störfall im Gesamtgefüge des Ganzen, Universalen, Absoluten und kann darum auch von jedem Menschen behoben werden. Darum muss durch Meditation und Vertiefung die Erkenntnis erlangt werden, dass sowohl der materielle Körper als auch das Ich, das Ego, als Quellen allen irdischen Leids nicht wirklich existieren dürfen und können. Dieses Nicht-Selbst beziehungsweise diese Unpersönlichkeit heißt in Sanskrit Anatman und ist ein Schlüsselbegriff des Buddhismus. Keine Existenz und damit auch kein Lebewesen besitzt ein festes, unveränderliches und unabhängiges Selbst. Da alles gegenseitig bedingt entsteht, sind letztlich auch alle Phänomene nicht von Dauer und damit substanzlos. Es gibt keine festen Realitäten in der Welt, alles ist in ständigem Wandel. Dieses Fehlen einer Eigennatur und eines konstanten Seins sowie eines beständigen Ichs wird als Shunyata umschrieben, was übersetzt so viel wie Leerheit bedeutet.

Noch zu Lebzeiten verkündete der historische Buddha das Dharma. Dieser vielschichtige Begriff taucht in zahlreichen asiatischen Religionen auf und kann von Sanskrit als Gesetz oder Sitte übersetzt werden, aber auch ethische, moralische und religiöse Werte, Pflichten und Handlungen beinhalten. Vereinfacht kann Dharma als die eigentliche Lehre Buddhas bezeichnet werden. Im Buddhismus spielt es keine Rolle, wer die Welt und das Leben erschaffen hat. 

Taktshang, buddhistisches Kloster in Bhutan; © suketdedhia

Vielmehr steht das Kultivieren der buddhistischen Lehre im Mittelpunkt, also die praktische Anwendbarkeit und der tatsächliche Nutzen für das Leben. Konkret bedeutet das die Anerkennung der Leidhaftigkeit allen Seins und die angestrebte Beendigung dieses Leidens. Die buddhistischen Kernthesen werden in den sogenannten Vier Edlen Wahrheiten zusammengefasst.

Die Vier Edlen Wahrheiten sind ein zentrales Element aller buddhistischen Schulen. Sie besagen: Alle Existenz ist leidvoll. Das Leid wiederum entsteht aus dem Begehren und Anhaften der Lebewesen an Dinge. Das Leiden ist durch das Erreichen von Nirwana letztendlich überwindbar. Nirwana kann durch den sogenannten Edlen Achtfachen Pfad erreicht werden. Diese Weltsicht ist nicht als pessimistisch oder negativ zu deuten, viel eher möchte Buddha darauf verweisen, dass es ein höheres Bewusstsein gibt, dem die Werte und Eindrücke des gewöhnlichen Bewusstseins untergeordnet sind.

Der Edle Achtfache Pfad ist wesentlicher Lehrinhalt aller buddhistischen Strömungen und soll eine Anleitung zu einem ethisch korrekten Leben geben, welches letztendlich zur Erlösung führt. Synonyme sind der „Weg der Mitte“ oder auch der „Mittlere Pfad“. Die acht grundsätzlichen Verhaltensregeln lassen sich in drei inhaltliche Blöcke aufteilen – die Gruppe der Weisheit, der Sittlichkeit und der Vertiefung. Alle Komponenten sind von gleicher Wichtigkeit und sollten jederzeit gleichrangig ausgelebt werden. Die Weisheitsgruppe umfasst die beiden ersten „Pfade“, die rechte Einsicht und Anschauung und die rechte Gesinnung und Absicht. Nur mit Weisheit kann man tugendhaft denken, erkennen und entschließen. Die Sittlichkeitsgruppe umfasst den dritten, vierten und fünften „Pfad“, das Reden, das Handeln und zuletzt die Bestreitung des Lebensunterhaltes auf eine rechte und tugendhafte Weise. Die Vertiefungsgruppe umfasst die letzten drei „Pfade“, das Streben, die Achtsamkeit und die Konzentration auf eine rechte Weise. Um Nirwana zu erlangen, müssen die Übungen und Anstrengungen korrekt durchgeführt werden, man muss sich seiner selbst voll bewusst sein und zur richtigen geistigen Versenkung die eigenen Gedanken sammeln können.

Um die im achtfachen Pfad angestrebte Tugend noch effektiver zu entwickeln, helfen auch die sogenannten Fünf Silas, grundlegende Vorsätze der Sittsamkeit. So sollte man Abstand vom Morden, Stehlen, sexuellem Fehlverhalten, Lügen und der Annahme berauschender Mittel nehmen. Die Regeln können verbal und geistig im Zuge von Meditationsübungen wiederholt werden. Durch diese Entsagungen erlangt man Weisheit, Disziplin und Konzentration, die nötig sind, um sich letzten Endes vom Sein und dem Leiden befreien zu können.

Erst durch die sogenannte Zufluchtnahme zu den Drei Juwelen Buddha, Dharma und Sangha erklärt man sich offiziell zu einem Buddhisten. Zuflucht bedeutet hier, die drei Begriffe als zentrale Pfeiler des eigenen Lebens anzunehmen. Der Buddha fungiert als oberster Lehrer, das Dharma meint die buddhistische Lehre als Richtschnur und Sangha bezeichnet die Gemeinschaft der anderen Buddhisten als Vorbild.

Zusammenfassend müssen also das Nicht-Selbst und die Leerheit verstanden und verinnerlicht werden, damit man die buddhistische Erleuchtung, das Bodhi, erreicht und letztendlich ein Buddha werden kann. Dies gelingt durch die Vier Edlen Wahrheiten, den Edlen Achtfachen Pfad, die fünf Silas und zuletzt durch die Zufluchtnahme zu den Drei Juwelen Buddha, Dharma und Sangha.

Strömungen des Buddhismus

Jede Schulrichtung des Buddhismus kann als eine Betonung bestimmter Aussagen und Praktiken verstanden werden, die aus der ursprünglichen Lehre des Buddhas abgeleitet wurden. Die Aufspaltung des Ur-Buddhismus in mehrere große Richtungen begann circa 250 vor Christus nach dem Dritten Konzil in Pataliputra, dem heutigen Patna in Nordindien. Neben einer Unzahl an Unterströmungen und Schulen sind gegenwärtig vor allem die buddhistischen Strömungen des Hinayana, Theravada und Mahayana bedeutsam.

Buddha Statuen, © Sense_All_is_Void

Theravada bedeutet „Lehre der Alten“. Eine alternative Bezeichnung ist auch Hinayana, das „kleine Fahrzeug“ – mehr ein Vorwurf der philosophischen Gegner, dass es sich bei Theravada um einen beschränkten, elitären Weg für nur wenige Auserwählte handle. Angeblich können nur ordinierte Mönche bereits am Ende ihres jetzigen Lebens das Nirwana erlangen.

Allgemein halten sich die Anhänger so nah wie möglich an die Lehren Buddhas, befolgen strikte ethische Prinzipien und Regeln der Mönch- und Nonnengemeinschaften und besitzen mit den Texten des Pali-Kanons weithin verbindliche religiöse Schriften. Der Pali-Kanon ist die älteste zusammenhängend überlieferte Sammlung von Lehrreden des Buddha Siddhartha Gautama. Der traditionelle Theravada-Buddhismus wird heute vor allem in Sri Lanka und der Mekong-Region praktiziert.

Mahayana bedeutet „Großes Fahrzeug“ und möchte allen Menschen den Heilsweg zu Nirwana aufzeigen. Zentraler Unterschied zu Theravada ist das Konzept oder Ideal des Bodhisattvas, was so viel wie „erleuchtetes Wesen“ bedeutet. Auf dem Weg zur Buddhaschaft wird einigen Menschen zwar die Erleuchtung, das Bodhi, zuteil. Aus Mitgefühl und Liebe allen anderen Lebewesen gegenüber verzichten diese jedoch auf den Eingang in das Nirwana, um allen Lebewesen als Mittler und Helfer auf dem Weg zur Erlösung zu dienen. Jeder Buddhist, auch ein Laie, kann ein Bodhisattva werden. Der Mahayana-Buddhismus lässt sich heute vor allem in den Himalayaregionen Indiens, Nepals, Bhutans und Tibets finden. Eine bedeutende Schule des Mahayana ist die des Zen-Buddhismus.

Vajrayana bedeutet „Diamant-Fahrzeug“ und ist eine Spätform des Mahayana. Dessen philosophischen Grundlagen fügt der Vajrayana noch tantrische Techniken hinzu, welche den Weg zur Erleuchtung beschleunigen sollen. Dazu gehören Meditation und Visualisierung, aber auch zahlreiche geheime Rituale und Praktiken, bei denen besonderer Wert auf die direkte Unterweisung vom Lehrer zum Schüler gelegt wird. Bekanntheit erlangte diese „esoterische Lehre“ vor allem durch den Dalai Lama von Tibet, der als angebliche, wiederkehrende Inkarnation eines historischen Bodhisattvas eine wichtige Autorität des tibetisch-vajrayanischen Buddhismus ist. Im benachbarten Bhutan ist Vajrayana bis heute die Staatsreligion.

Philosophie oder doch Religion? – die kulturelle Bedeutung des Buddhismus und die Stoa

Der Buddhismus wird nach wie vor zur größten kulturellen Errungenschaft Indiens stilisiert und Indien damit zur „Mutterkultur“ ganz Asiens verklärt. Tatsächlich ist ein großer Teil der asiatischen Länder im Laufe der Zeit sowohl kunstgeschichtlich als auch gesellschaftlich vom Buddhismus geprägt worden. Die größte buddhistische Tempelanlage der Welt, Borobudur auf der Insel Jawa, liegt im heute muslimisch geprägten Indonesien. Der Buddhismus beeinflusste alle Aspekte des Alltagslebens in Asien, von der Pagodenarchitektur über die japanische Gartengestaltung bis hin zu den Kampfkünsten. Auch im 21. Jahrhundert ist der Buddhismus Gegenstand nationaler und internationaler Kulturpolitik. Als Beispiel sei hier die Tatsache genannt, dass die Volksrepublik China dem annektierten Tibet die Eigenständigkeit des tibetischen Buddhismus und damit einhergehend dessen politische Souveränität abspricht. Während seit der Antike buddhistisches Gedankengut zumindest in Details in den Mittelmeerraum vordrang, setzten spätestens im 19. Jahrhundert größere Reformbewegungen und gesellschaftliche Umwälzungen ein, die den traditionellen Buddhismus zunehmend mit der modernen Welt zu verbinden versuchten. Dies geschah und geschieht nicht zuletzt durch die Folgen von Kolonialismus, Globalisierung, Migration und Flucht. In den letzten Jahrzehnten entstanden buddhistische Gemeinden in Europa, Nordamerika und Australien. Weltweit können rund 400 Millionen Menschen einer buddhistischen Richtung oder Gemeinde zugerechnet werden.

Trotz aller gesellschaftlichen oder auch technischen Fortschritte ist die psychische Struktur des Menschen und die Grenzen des Seins – Alter, Tod, Vergänglichkeit – über die Jahrtausende immer gleich geblieben. Gerade deshalb ist es wahrscheinlich, dass der Buddhismus auch weiterhin einen festen Platz in unserer modernen Welt einnehmen wird.

Borobudur; © Jonathan-Smit

Durch seine psychologischen Einsichten und seine tolerant und praktisch umsetzbar wirkende Religiosität wirkt er vor allem in der westlichen Welt als eine Alternative zum traditionellen, dogmatischen Christentum. Religiöse Spekulationen und Weltbilder wie die Erschaffung und Beschaffenheit des Universums spielen im Buddhismus keine Rolle. Er kann dabei also weniger als klassische Religion und viel mehr als geistige „Medizin“ verstanden werden, die das Leiden aller Lebewesen beenden möchte.

Der Buddhismus erscheint in der westlichen Welt als exotischer, fernöstlicher Import. Er besitzt keine Konfessionen, wie wir sie beispielsweise in Form des Katholizismus und Protestantismus gewohnt sind. Viel eher wurde er in den verschiedenen Regionen und Ländern Asiens durch die lokale Kultur geprägt und angepasst. Die verschiedenen großen Richtungen und Schulen konkurrieren nicht untereinander. Mit seiner praktischen Anwendbarkeit rückt der Buddhismus zudem in die Nähe der modernen Psychotherapie und Psychologie, aber nicht zuletzt auch der antiken, griechisch-römischen Philosophie. Die buddhistische Ausgangsbasis, dass alles vergänglich und unbeständig sei, findet sich auch grundsätzlich in den Erkenntnissen der griechischen Philosophen wieder – sei es nun der Ausspruch „Panta rhei“ (Alles fließt.) von Heraklit oder das bekannte „Carpe diem“ (Pflücke den Tag.) von Epikur. Vor allem in den hellenistisch-indischen Grenzgebieten existierte in den letzten drei vorchristlichen Jahrhunderten eine riesige ethnische und kulturelle Vielfalt. Im griechisch-baktrischen Reich sowie später dem indo-griechischen Reich vermischte sich die hellenistische mit der asiatischen Kultur. Im Gebiet des heutigen Pakistan und Afghanistan ergab sich damit ein einmaliger kultureller Synkretismus, der beide Kulturkreise prägte. Es entstand beispielsweise der sogenannte Graeco-Buddhismus, der wiederum großten Einfluss auf das Mahayana und damit noch Jahrhunderte später auf die kulturelle Entwicklung des Kaiserreich Chinas ausübte.

Die meisten Parallelen lassen sich jedoch bei der philosophischen Strömung der Stoa finden, als deren Begründer Zenon von Kition (333-261 v. Chr.) gilt, der auf dem Marktplatz von Athen in einer buntbemalten Säulenhalle – auf griechisch stoa –  lehrte. Er ist ein Zeitgenosse des indisch-buddhistischen Herrschers Ashoka Maurya.

Die griechische Stoa wird von den Geisteswissenschaften als eines der wirkmächtigsten „Lehrgebäude des Abendlandes“ bezeichnet, welches durch spätantike Verschmelzungsprozesse die moralischen und ethischen Vorstellungen des Christentums bis in die Gegenwart prägt. Gleichzeitig erfreut es sich mittlerweile aber auch in der breiten Öffentlichkeit eines Comebacks und Revivals, wie vor allem die Werke des amerikanischen Schriftstellers (und Stoikers) Ryan Holiday beweisen. Die Stoa findet in der Gegenwart nicht nur in den oberen Etagen von Wirtschaft, Politik und Sport seine Anhänger, sondern auch schon lange in allen Bevölkerungsschichten der westlichen Hemisphäre. Und gerade in der Stoa könnten zentrale Anknüpfungspunkte liegen, um den Buddhismus gewinnbringend in die „abendländischen“ Traditionen, Denkweisen und Philosophien einzubinden und in unser westliches Alltagsleben zu integrieren.

So propagierte der römische Stoiker Seneca (ca. 1-65 n. Chr.) den Mittelweg zwischen Üppigkeit und Genügsamkeit, er bevorzugte das Mitgefühl ganz klar gegenüber dem nicht zielführenden Mitleid und sprach sich dafür aus, die erlangte Weisheit auf jeden Fall auch mit seinen Mitmenschen zu teilen. Der Kaiser Marcus Aurelius (121-180 n. Chr.) hob die Aufmerksamkeit und Selbstbetrachtung – man möchte fast sagen Achtsamkeit – als zentrales Charakteristikum eines stoischen Philosophen hervor und warnte davor, an Dingen festhalten zu wollen, über die man letztendlich keine Kontrolle hat. All diese Aussagen erinnern stark an das buddhistische Dharma. Die stoischen Konzepte der apatheia und ataraxia, also der heiteren Gleichmütigkeit und Seelenruhe angesichts des persönlichen Schicksals, finden ebenso wie das Ideal der askesis, also der ständigen inneren Einübung einer resilienten Geisteshaltung, direkte Entsprechungen im Buddhismus. Die Stoiker gingen von einer einheitlichen Struktur und Ordnung aus, die dem Universum zugrunde lag, womit alle Ereignisse und Dinge verbunden sind und aufeinanderfolgen – wiederum eine Parallele zum Konzept des Karmas. Ein großer Unterschied liegt jedoch in der buddhistischen Annahme von ewigen Wiedergeburten, die in der Stoa nicht vorhanden ist. Ebenso wie der Buddhismus das oberste Ideal des Buddhas hat, verfolgt die Stoa das Ideal des sophos, des Weisen, der tugendhaft und frei von Leidenschaften und Trieben in vollkommener Glückseligkeit lebt. Ebenso wie der asiatische Buddhismus ist die westliche Stoa kein Dogma, keine Religion, sie fordert zum eigenverantwortlichen Denken und Handeln auf.

Verwendete Literatur

Brück, Michael von: Einführung in den Buddhismus. Berlin 2007.

Gyatso, Geshe Kelsang: Einführung in den Buddhismus: Eine Erklärung der buddhistischen Lebensweise. Berlin 2012.

Holiday, Ryan: The Obstavle is the Way. London 2014.

Mos Maiorum. Der römische Weg (Hg.): Die Stoa – Dharma des Westens? URL: https://incipesapereaude.wordpress.com/2014/03/10/die-stoa-dharma-des-westens/ (15.08.2020).

Schumann, Hans Wolfgang: Buddhismus: Eine Einführung in die Grundlagen buddhistischen Religion. München 2016.

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