Ostrom und Byzantinisches Reich

 

von Christian Schaller

Ostrom und Byzanti-nisches Reich

 

von Christian Schaller

Ostrom und Byzanti-nisches Reich

 

von Christian Schaller

Das Byzantinische Reich erzeugt in unseren westeuropäischen Köpfen sofort Bilder: prachtvoll gekleidete Kaiser, mächtige Kuppeln und leuchtende Mosaiken, aber auch Dekadenz und Intrigen. Doch arg viel mehr gibt unsere klassische Schulbildung leider oft nicht her. Das geheimnisvolle und sagenhaft reiche Byzanz erscheint für uns weit weg – und dennoch hat es bis heute Spuren in ganz Europa und der Welt hinterlassen. In den über 1000 Jahren seiner Existenz war es mehr als einmal tonangebend und prägend für das Abendland, sei es politisch, religiös oder kulturell. Die Geschichtswissenschaft teilt die lange Historie des Reiches traditionell in drei große Epochen – die frühbyzantinische (oder auch oströmische, ca. 330 bzw. 395-641), die mittelbyzantinische (ca. 641-1204) und die spätbyzantinische (ca. 1204-1453). Die Bürger dieses Reiches nannten sich niemals Byzantiner oder ihre Heimat das Byzantinische Reich. Auch die Bezeichnung als Oströmisches Reich wurde nicht verwendet. Diese Begriffe stammen aus der modernen Geschichtsschreibung. Viel eher sahen sie sich auch weiterhin als Römer, wenn auch die Kultur schon bald zunehmend griechisch geprägt werden sollte.

Die frühbyzantinische Epoche umfasst dabei grob die Jahre zwischen der „Reichsgründung“ 395 und dem frühen siebten Jahrhundert, in dem sich einige tiefgreifende Umwälzungen für das Reich ereigneten. Auch in der Spätantike kontrollierte das Römische Reich nach wie vor den gesamten Mittelmeerraum. Durch innere Krisen und äußere Feinde stark gebeutelt, erfolgten jedoch zahlreiche Reformen. Gleichzeitig erfolgte während der Völkerwanderung im vierten Jahrhundert der Aufstieg des Christentums von einer verfolgten Sekte zur de facto Staatsreligion.

Seit Kaiser Diokletian (reg. von 284 bis 305) war das Mehrkaisertum die Regel geworden und nach dem Tod Kaiser Theodosius I. (reg. von 379-394) im Jahr 395 wurde das Imperium sogar in zwei Hälften geschlagen und an seine Söhne Arcadius und Honorius übergeben. Im Verständnis der antiken Römer wurde jedoch lediglich die Herrschaft geteilt, wie es bereits seit fast hundert Jahren üblich war. Das Römische Reich war nach wie vor intakt und unteilbar. Jedoch gab es von Anfang an zwei Kaiserhöfe: Im Westen in Mailand, Ravenna oder in Rom, im Osten Konstantinopel, die Stadt, die Kaiser Konstantin der Große (reg. von 306-337) einige Jahrzehnte zuvor ab dem Jahr 330 zu seiner Residenz erkoren und prachtvoll ausgebaut hatte. Er hatte dabei einen strategisch günstigen Ort gewählt, nämlich die alte griechische Stadt Byzantion. War diese Siedlung am Bosporus damals noch nicht als direkte Konkurrenz zum „ewigen“ Rom geplant, so beanspruchte es im Laufe des vierten und fünften Jahrhunderts zunehmend seinen Status als „Zweites Rom“. Die Stadt wurde zu einer großzügigen Metropole mit allen wichtigen Repräsentationsbauten, Kirchen und Palästen erweitert, sie erhielt die rechtliche Gleichstellung mit Rom und auch einen eigenen Senat. Nach der Reichsteilung von 395 war Konstantinopel rasch das politische, wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Zentrum der östlichen Mittelmeerwelt. Neben Jerusalem war es zudem das wichtigste christliche Pilgerziel im Osten. Auch wenn Byzanz von der Spätantike bis zum Ende des Mittelalters als der prächtigste Hof Europas galt und vom Westen um seine Pracht und seinen Reichtum beneidet wurde, so lebten die meisten Menschen des multikulturellen Reiches wie auch im Rest Europas: als einfache Bauern. Die Gesellschaft war hierarchisch strukturiert und an ihrer Spitze stand der Kaiser mit seiner Familie, gefolgt von der Landaristokratie, dem Beamtenadel und den hohen Militärs. Alle Entscheidungen wurden geradezu zentralistisch von Konstantinopel aus gefällt. Nichtsdestotrotz waren die kleineren Städte mit ihrem Handwerk und der Landwirtschaft das finanzielle und steuerliche Rückgrat des Reiches. Der absolute Großteil der Bevölkerung waren unfreie oder abhängige Arbeiter, auch die Sklaverei war bis zum Ende des Reiches stark verbreitet. Der Klerus, angeführt vom Patriarchen von Konstantinopel, erfreute sich ähnlich wie im mittelalterlichen Europa besonderer Privilegien.

Die frühbyzantinische Epoche vom vierten bis zum siebten Jahrhundert umfasst letztendlich den Zeitraum, in dem die nach wie vor römisch geprägte Osthälfte des Römischen Reiches den östlichen Mittelmeerraum regierte. In diese Zeit fallen die Völkerwanderung und Hunnenstürme, der Untergang des Weströmischen Reiches 476 sowie auch andauernde Kämpfe zwischen Byzanz und dem persischen Sassanidenreich. Einen Höhepunkt erlebte Ostrom unter dem Kaiser Justinian (527–565). Als resoluter Christ ließ er die monumentale Kirche Hagia Sophia in der Nähe des Kaiserpalastes in Konstantinopel errichten. Die schiere Größe, die eindrucksvollen Kuppeln und die kostbaren Mosaike auf Goldgrund sollten die Architektur und Kunst prägen und stehen bis heute sinnbildlich für den Glanz des Byzantinischen Reiches. Im Jahr 529 ließ Justinian die Platonische Akademie in Athen endgültig schließen – für viele Historiker und Philosophen ein Enddatum der Antike und der antiken Philosophie. Justinians Feldherren Narses und Belisar konnten weite Teile des ehemaligen Weströmischen Reiches zurückerobern. Innerhalb weniger Jahre wurden die alten Provinzen in Italien, Nordafrika und Südspanien den germanischen Nachfolgereichen entrissen und das Imperium Romanum zumindest für kurze Zeit und in kleinerem Umfang wiederhergestellt. Fortdauernde Kriege gegen die Germanenstämme der Goten und Vandalen, aber auch gegen die Sassaniden im Osten zerschlugen diese kurze Blütezeit aber schnell wieder. Hinzu kam ab 541 der Ausbruch der Pest im ganzen Mittelmeerraum. Das nach dem Tod Justinians zunehmend geschwächte Kaiserreich sah sich keine hundert Jahre später einem neuen Feind gegenüber, der es in seinen Grundfesten erschüttern sollte. Ab den 630er Jahren löste die Islamische Expansion, ausgehend von Arabien, zahlreiche Territorien im Nahen Osten und Nordafrika aus Jahrhunderten der römischen Herrschaft. Zentrale Herrscherfigur in dieser Zeit ist Kaiser Herakleios (reg. von 610-641), der zunächst die Awaren und Sassaniden, später vor allem aber die Araber bekämpfte. Innenpolitisch trieb Herakleios die restlose Gräzisierung des Staates an. Latein war schon seit Längerem nur noch die Sprache des Militärs und der Verwaltung gewesen, während das Volk größtenteils Griechisch sprach. Nun wurde Griechisch auch zur Amtssprache erhoben. Das Oströmische Reich verlor seinen antik-römischen Charakter endgültig. Vor allem nach dem Fall Roms 476 sah sich der Kaiser in Konstantinopel auch als Herrscher des einzig legitimen und weiterbestehenden Römischen Reiches an.

Aus diesem Anspruch leitete er nachfolgend sogar eine Oberhoheit über alle christlichen Staaten des mittelalterlichen Europas ab. Dies war zwar realpolitisch nicht durchsetzbar, prägte das Auftreten und die Staatstheorie des Reiches bis zu seinem Ende im Jahr 1453. Die frühbyzantinische Epoche kann somit gleichzeitig als spätantike oder oströmische Periode bezeichnet werden. War das Reich in diesen Jahrhunderten politisch noch relativ stark und handlungsfähig, so verlor es diesen Großmachtstatus im Übergang zur mittelbyzantinischen Zeit endgültig.

In der mittelbyzantinischen Zeit, die von circa 650 bis in das 13. Jahrhundert andauerte, musste sich das gebeutelte Byzantinische Reich erst einmal konsolidieren. Es hatte große militärische Niederlagen und Gebietsverluste hinter sich. Der Machtbereich beschränkte sich nun nicht mehr auf das gesamte östliche Mittelmeer, sondern nur noch auf Griechenland, den Balkan und Kleinasien sowie zunächst Teile Süditaliens. Während der große Rivale von Byzanz, das persische Sassanidenreich, im Zuge der Islamischen Eroberungszüge unterging, konnte sich der Kaiser in Konstantinopel zumindest als ein weiterhin wichtiger Machtfaktor am Mittelmeer behaupten. Um das verkleinerte und nunmehr restlos gräzisierte Territorium besser zu regieren, waren im siebten Jahrhundert zahlreiche soziale und wirtschaftliche Reformen nötig. Die Verwaltung wurde reorganisiert und das Reich in sogenannte Themen eingeteilt. Sie können als Nachfolger der antiken Provinzen gelten, die zunächst eher Militärdistrikte waren. Später wurden den Befehlshabern aber auch administrative und zivile Aufgaben zugeteilt. In die mittelbyzantinische Epoche fällt auch eine zweite große Blütezeit in der Geschichte des Reiches. Von 876 bis 1025 war die sogenannte Makedonische Dynastie auf dem Kaiserthron und sorgte für einen seit Justinian nicht mehr dagewesenen Höhepunkt byzantinischer Macht und Prachtentfaltung. Die Künste und Wissenschaften erblühten und Konstantinopel war bis zu den Kreuzzügen die unangefochtene Wirtschaftsmetropole der Alten Welt. Im Jahr 1054 kam zum endgültigen Bruch zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche. Auch soziale Probleme nahmen immer weiter zu, unter den einfachen Bürgern der Hauptstadt und den Bauern wuchs die Unzufriedenheit, während die grundbesitzende Aristokratie und die Reichsbürokratie zunehmend rücksichtsloser agierten. Im elften und zwölften Jahrhundert begann der Niedergang des Reiches. Neben wirtschaftlichen Problemen häuften sich die militärischen Niederlagen: Die Normannen eroberten die byzantinischen Gebiete in Süditalien und die muslimischen Seldschuken besetzten weite Teile Kleinasiens. Doch der größte Schlag, der das Kaiserreich endgültig zu einer Macht zweiten Ranges machen sollte, erfolgte 1204. Im Rahmen des Vierten Kreuzzuges eroberte und plünderte das Heer der Kreuzfahrer zusammen mit den Venezianern Konstantinopel. Nun wurde das Lateinische Kaiserreich gegründet, das zunächst hauptsächlich von Franzosen und Venezianern regiert wurde. Zum ersten Kaiser wurde der Heerführer Balduin von Flandern gewählt. Der neue Staat konnte die Herrschaft jedoch nur schwer sichern. Während sich Venedig in der Ägäis zahlreiche Stützpunkte sicherte, entstanden auch byzantinische Nachfolgereiche – das Kaiserreich Nikaia im nordwestlichen Kleinasien und das Despotat von Epirus im westlichen Griechenland. Bereits 1185 war durch das damals vertriebene Kaisergeschlecht der Komnenen das Kaiserreich von Trapezunt im nordöstlichen Kleinasien gegründet worden. Das Lateinische Kaiserreich geriet in den folgenden Jahrzehnten rasch in finanzielle und militärische Bedrängnis. Konstantinopel wurde heruntergewirtschaftet und verfiel zusehends. Die Feindschaft zwischen dem römisch-katholischen und dem griechisch-orthodoxen Kulturkreis wuchs in dieser Zeit stark an. Währenddessen erstarkte das Nikäische Kaiserreich. Im Jahr 1261 konnte es die Hauptstadt Konstantinopel im Handstreich, das heißt ohne Belagerung, zurückgewinnen. Kaiser Michael VIII. aus dem Geschlecht der Palaiologen zog siegreich in die Stadt ein. Seine Dynastie sollte die letzte des Byzantinischen Reiches werden. Nun begann zugleich der letzte Abschnitt der byzantinischen Geschichte.

Die spätbyzantinische Epoche dauerte von 1204 bis 1453, nach anderen Zählungen begann sie erst nach der Rückeroberung Konstantinopels 1261. Diese Jahreszahlen markieren jeweils Eroberungen der eigentlich als uneinnehmbar geltenden Hauptstadt Konstantinopel. Folglich waren auch die circa 250 Jahre dazwischen eine Ära, in der das Byzantinische Reich territorial noch weiter zusammenschrumpfte und politisch kaum mehr eine Rolle spielte.

Konstantinopel war fast nur noch ein Stadtstaat mit sehr wenigen Gebieten. Nichtsdestotrotz war die strahlende Stadt am Bosporus mit ihren monumentalen Kuppeln, goldenen Mosaiken und ihrer sagenhaften Pracht nach wie vor ein symbolträchtiger Ort sowohl für das christliche Abendland als auch die muslimischen Völker in Kleinasien und dem Nahen Osten. Während sich die christliche Staatenwelt des Balkans zunehmend verstritt, expandierte das kleinasiatische Reich der Osmanen ab dem 14. Jahrhundert immer weiter. Ab den 1360er Jahren fassten sie auch auf dem europäischen Festland Fuß und eroberten Thrakien. Konstantinopel war nun von osmanischem Territorium umgeben. Eine letzte Atempause gewährte das Osmanische Interregnum von 1402 bis 1413, während dem Thronstreitigkeiten die osmanische Politik bestimmten. Das Byzantinische Reich hatte aber weder die Gebiete noch die Männer und Ressourcen, um sich auf einen Krieg vorzubereiten. Auch diplomatische Bittgesuche schlugen fehl. Im Jahr 1453 wurde Konstantinopel nach fast zweimonatiger Belagerung von den Osmanen unter Sultan Mehmed II. erobert. Dies bedeutete das Ende des Byzantinischen Kaiserreiches und gleichzeitig den Aufstieg des Osmanischen Reiches zu einer Großmacht, die fortan Europa für Jahrhunderte direkt bedrohte. Konstantinopel wurde zur neuen Hauptstadt der Osmanen und blieb dies auch bis zur Entstehung der modernen Türkei ab 1922. Der Fall des „Zweiten Roms“ 1453 erschütterte das christliche Abendland und gilt als ein Datum, welches das Ende des Mittelalters und den Beginn der Frühen Neuzeit markiert. Zahlreiche Gelehrte flohen oder verließen Konstantinopel und fanden Zuflucht in Italien, zumeist Venedig. Dort beschleunigten sie durch ihre Anwesenheit unter anderem die italienische Renaissance. Byzanz war ein wichtiger Vermittler von Kultur und Wissen. Bis heute wirkt die byzantinische Kultur aber vor allem im Ritus der östlich-orthodoxen Kirchen fort. Diese besitzt zahlreiche Gläubige in Osteuropa, auf dem Balkan und in Griechenland sowie in Kaukasien, wo die Kunst, die Architektur und das Brauchtum stark vom byzantinischen Erbe geprägt wurden. Während die ältere Geschichtsschreibung Byzanz oft nur als orientalisierte, dekadente Despotie betitelte, wurde dieser Ruf mittlerweile grundlegend revidiert. Das Byzantinische Reich war über Jahrhunderte eine Art „Schutzschild“ Europas gegenüber den Persern und Steppenvölkern der Spätantike und den Kalifaten und Sultanaten des Mittelalters.

 

Mehr dazu jeden Monat auf unserer Videoplattform – Christian Schaller führt uns durch die Geschichte der Antike!

Vimeo

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Vimeo.
Mehr erfahren

Video laden

Verwendete Literatur
  • Daim, Falko (Hg.): Byzanz. Historisch-kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart 2016.
  • Haldon, John: Das Byzantinische Reich. Düsseldorf 2002.
  • Lilie, Ralph-Johannes: Byzanz – Das zweite Rom. Berlin 2003.
  • Pohanka, Reinhard: Das Byzantinische Reich. Wiesbaden 2013.
  • Pohanka, Reinhard: Die Völkerwanderung. Wiesbaden 2008.
Wollen Sie immer über die neuesten Aktivitäten informiert werden?

Alle Artikel zu Augsburg

Die Stadtschreiberin von Wien

Die Leiermann Buchreihe

Pin It on Pinterest

Share This