Vom Wunderkind zur gefeierten Komponistin

 

von Anja Weinberger

Vom Wunderkind zur gefeierten Komponistin

 

von Anja Weinberger

Élisabeth-Claude Jaquet de la Guerre wurde 1665 in Paris geboren.

Sie war Komponistin, Cembalistin und ein gefeierter Bühnenstar am Hofe der beiden Barock-Könige Louis XIV. und Louis XV., hat Violinsonaten komponiert, eine Ballettoper und viele der sich damals gerade entwickelnden, modernen Kantaten. Im Musikalischen Lexikon von 1732, das Johann Gottfried Walther herausgab, nahm ihr Artikel wesentlich mehr Raum ein als der ihres Zeitgenossen und Cousins François Couperin, der vielen Musikinteressierten heute ein Begriff sein dürfte. Lange zuvor, bereits 1678, hatte man sie in der Zeitschrift ›Mercure galant‹ als ›Wunder unseres Jahrhunderts‹ bezeichnet. Als Élisabeth starb, wurde ihr zu Ehren gar eine Münze mit ihrem Profil geprägt[1]. Und doch bin ich mir sicher, dass viele meiner geneigten Leserinnen und Leser den Namen Élisabeth Jaquet de la Guerre hier zum ersten Mal wahrnehmen.

 

Élisabeth teilt das Schicksal vieler Künstlerinnen, deren Musik und musikalisches Erbe nach ihrem Tod vergessen oder als zweitklassig, ja zweitrangig eingeordnet wurden.

Dies geschah meist ohne Würdigung des Inhaltes, lediglich weil ›der Künstler‹ eine Frau war. In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass im Bereich der Rezensionen und Kritiken oder der Verlage und Konzertveranstalter ausschließlich Männer Entscheidungsträger waren. Und die hatten nur zu oft kein Auge oder Ohr übrig für Musik und Kunst von Frauen, für deren Können. Vielleicht fürchteten sie auch die damit verbundene Konkurrenz? Kurz gesagt: Die in großem Ausmaße vorhandene Qualität wurde vorsichtshalber einfach unter den Teppich gekehrt. Welche Mengen an herrlicher Kunst und Musik deshalb für immer verloren sind, ist schwer einzuschätzen. Der Frauenbewegung der 1980er-Jahre ist es zu verdanken, dass die Musik der Élisabeth-Claude Jaquet de la Guerre und einiger anderer Komponistinnen zumindest ein wenig aus der Versenkung geholt wurde und bis heute wird.

 

Élisabeth kam in eine Musikerfamilie zur Welt.

Ihr Vater war Organist, Cembalist und Instrumentenbauer. Claude[2] Jaquet unterrichtete seine vier Kinder selbst, und alle wurden hervorragende Musikerinnen und Musiker. Schon im Alter von fünf Jahren spielte Élisabeth vor dem Sonnenkönig, der von ihrer Kunst sehr angetan war. Madame de Montespan, die Mätresse Ludwigs XIV., nahm das kleine Mädchen daraufhin unter ihre Fittiche und ermöglichte dieser so eine noch bessere Erziehung. In den folgenden Jahren wurde Élisabeth als Wunderkind gefeiert und blieb am Hofe, bis der König 1682 in das prachtvoll umgebaute Schloss von Versailles umzog; da war sie gerade 17 Jahre alt.

Zwei Jahre später heiratete sie den Organisten Marin de la Guerre und fügte nach der Eheschließung seinen Namen an ihren Geburtsnamen Jaquet an.

Vermutlich konnte sie so in der musikalischen Welt mit dem guten Ruf beider Familien[3] punkten. Ab diesem Zeitpunkt veranstaltete Élisabeth häufig Konzerte, gab Cembalounterricht und komponierte für unterschiedliche Besetzungen und Anlässe. Ihr Cembalospiel riss Zuhörer und Kritiker zu Begeisterungsstürmen hin, und man liest, sie hätte auch ein ungewöhnlich ausgeprägtes Improvisationstalent besessen[4]. Zwanzig Jahre vergingen, und die engagierte Musikerin nutzte die recht guten Möglichkeiten, die sich Frauen im Paris dieser Jahre boten.

1704 wurde für sie zum Schicksalsjahr.

Ihr Ehemann starb, und auch den einzigen, musikalisch sehr begabten Sohn musste sie beerdigen. Élisabeth war knapp 40 Jahre alt, blickte nach vorne und arbeitete weiter. 1708 entstand so aus ihrer Feder eine neue, nun endgültig definierte Gattung innerhalb der französischen Musikliteratur, die Kantate. Diese, ebenso wie die Sonate, waren im Italien jener Zeit längst arrivierte Gattungen, in Frankreich jedoch regierte nach wie vor die gute, alte Suite. Der Tod des Sonnenkönigs im Jahre 1715 jedoch markiert auch in dieser Hinsicht einen Schlusspunkt und die Hinwendung zu ›moderneren‹[5] Kompositionen.

Élisabeth-Claude Jaquet de la Guerre hat also neue Töne in der französischen Klangsprache angeschlagen.

Sie war eine der Ersten, die italienische Stilelemente in die französische Musik einfließen ließ. Sie mochte ungewöhnliche Harmonien mit starker Betonung der Dissonanz und fand Gefallen daran, Worte mit Klängen zu verbinden. 1729 starb sie im Alter von 64 Jahren in ihrer Heimatstadt Paris.

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[1] Aufschrift: »Aux grands musiciens j’ay disputé le prix« (auf Deutsch etwa: »Den großen Musikern habe ich den Rang streitig gemacht«).

[2] Der Name Claude kann in der französischen Sprache der Name eines Mannes oder einer Frau sein; hier handelt es sich um den Vater der Komponistin.

[3] Elisabeths Ehemann Martin war der Sohn von Michel de La Guerre, seines Zeichens Organist an der Sainte Chapelle in Paris. Nach dessen Tod übernahm Martin diese Position.

[4] »Sie hatte vor allem ein wundervolles Talent, aus dem Stegreif zu präludieren und zu fantasieren, und manchmal folgte sie eine ganze halbe Stunde lang dem Fluß ihrer Ideen in einem Präludium und einer Fantasie mit außerordentlich variierten Melodien und Akkorden und einem ausgezeichneten Goût, der alle Zuhörer verzauberte.« Vgl. Tillet, Titon du: Le Parnasse Français, S. 636.

[5] Die aus Italien einfließenden Strömungen wurden als modern empfunden.