Emilie Mayer – der weibliche Beethoven

von Anja Weinberger

Emilie Mayer – der weibliche Beethoven

von Anja Weinberger

Momentan hört man ein bisschen mehr über und von Emilie Mayer, so wie man im Allgemeinen mehr hört von und über Frauen in der Musik. Das ist den Bemühungen vieler Einzelner zu verdanken und begann vor nunmehr schon einigen Jahren mit der ›Wiederentdeckung‹ Mel Bonis‘ durch die Frauenbewegung. Trotz alledem ist der Name Emilie Mayer einem Großteil des kulturell interessierten Publikums nach wie vor unbekannt. Wirklich erstaunlich, wenn man bedenkt, welch großes Interesse ihr Werk zu ihren Lebzeiten weckte.

Emilie Mayer wurde 1812 im Städtchen Friedland östlich der Mecklenburgischen Seenplatte geboren. Wir befinden uns in jener Zeitspanne, die wir Nachgeborenen später einmal ›Klassik‹ nennen werden; und damals hätte bestimmt niemand vermutet, dass das kleine friedländische Mädchen einmal als ›weiblicher Beethoven‹ tituliert werden würde.

Schon sehr früh fiel dem Vater auf, dass das Töchterchen musikalisch interessiert und begabt war. Sie summte Melodien tonsicher nach, erfand kleine Lieder und hatte Lust, das Klavierspiel zu erlernen.

Emilie war als viertes Kind und älteste Tochter der Ratsapothekerfamilie Mayer zur Welt gekommen. Ihre Mutter starb, als sie zwei Jahre alt war. Der Vater ging keine erneute Ehe ein, und die Kinderschar wurde von dienstbaren Geistern des Hauses versorgt. Außerdem kümmerte sich der Vater um gute Lehrer, was in Emilies Fall auch Klavierunterricht bedeutete, schließlich gehörte das im damaligen Bildungsbürgertum zum guten Ton.

Emilie hatte viel Spaß an der Musik, lernte schnell und beeindruckte ihren ersten Lehrer, den ortsansässigen Organisten Carl Driver. Der sprach schließlich den Satz aus, den Emilie ihr Leben lang nicht vergessen wird: »Wenn du die Meu gifst, kann ut die wat warden.«[1] Emilie hat im Gegensatz zu den meisten von uns das mecklenburgische Platt verstanden.

»Wenn du dir Mühe gibst, kann aus dir etwas werden.« Das war es, was Carl Driver zu dem kleinen Mädchen gesagt hatte. Ein guter Lehrer war er also und ein ungewöhnlicher für die damalige Zeit, denn Mädchen musizierten in jenen Tagen lediglich im privaten Bereich und nur zur Unterhaltung. Wie erfreulich, dass Emilies Vater mit Hilfe eines weitblickenden Klavierlehrers ihr musikalisches Talent förderte.

 Emilies Geschwister heirateten und sie blieb, um den väterlichen Haushalt zu versorgen. Warum sich August Friedrich Mayer, der Vater, im Jahre 1840 das Leben nahm, ist nicht bekannt. Für Emilie wurden dadurch jedoch bei aller Trauer die Fesseln lockerer. Und so beschloss die 29-Jährige, ihre Heimat zu verlassen und ein Leben als Komponistin zu wagen.

Die erste nun folgende Station war Stettin. 1841 kommt Emilie in der gerade aufblühenden Hauptstadt der preußischen Provinz Pommern an. Diese veränderte sich gerade sehr durch die neue Eisenbahnverbindung nach Berlin und wurde für die junge Frau zum interessanten und motivierenden Umfeld. Und hier konnte sie endlich bei Carl Loewe Komposition studieren. Der bekannte Balladenkomponist wirkte schon seit 20 Jahren an der Stettiner Jacobikirche, hatte überaus großen Einfluss auf das Musikleben der Stadt, war Ehrendoktor der Universität Greifswald sowie Mitglied der Berliner Akademie der Künste[2].

Die ersten offiziellen Kompositionen Emilies entstanden bald. Vermutlich durch das Vorbild Loewes angeregt, schrieb sie eine Erlkönig-Vertonung, aber auch das Singspiel Die Fischerin. Sie hat ohne Angst in die Vollen gegriffen und sogleich große Klangwelten entstehen lassen. Die Gattung der Klaviermusik, also Werke für Klavier allein, die bei vielen Komponistinnen und Komponisten am Anfang der Laufbahn steht, hat Emilie nie besonders interessiert. Sie wandte sich von Anfang an der kammermusikalischen und bald auch der sinfonischen Musik zu.

Loewe erwies sich nach Driver als weiterer begabter Pädagoge und Förderer in Emilies Leben. Und so konnte im März 1847 die Sinfonie in e-moll, schon ihre zweite, unter Loewes Leitung im Stettiner Musikverein uraufgeführt werden. In der ›Vossischen Zeitung‹[3] vom 4.9.1847 wurde von »großem Beifall« berichtet. Der renommierte Kritiker Ludwig Rellstab sprang über seinen männlichen Schatten und berichtete von der jungen Frau, die in die maskuline Welt der sinfonischen Komponisten Einzug gehalten hatte.

 

Lithographie von Eduard Meyer nach einer Zeichnung von Pauline Suhrlandt, gemeinfrei

Nun zog es Emilie nach Berlin. Bei Adolph Marx, der an der dortigen Universität Professor für Musikwissenschaft war, nahm sie Kompositionsunterricht. Außerdem konnte sie endlich Instrumentierung studieren, wofür sie Wilhelm Wieprecht auswählte. Eine interessante Wahl, denn Wieprecht war nicht nur Komponist, sondern auch vielbeachteter Reformer der Militärmusik, was ihn natürlich zum Klangexperten innerhalb der Blasinstrumente machte.

Hier in Berlin entsteht schließlich auch ihr erstes Streichquartett, und hier geschieht das bis dahin eigentlich Unvorstellbare: Am 21. April 1850 findet ein öffentliches Konzert statt, dessen Programm nur aus Kompositionen Emilie Mayers, also ausschließlich aus Werken einer Frau besteht.

Dazu folgende Notiz der ›Vossischen Zeitung‹ einige Tage vor dem Konzert: »Eine Dame, Dem. Emilie Mayer, wird im Concertsaal des Königlichen Schauspielhauses eine Anzahl ihrer Compositionen zur Aufführung bringen lassen; […] ein solches Concertprogramm, ganz von weiblicher Hand ins Leben gerufen, ist, nach unserer Erfahrung und Kenntnis wenigstens, bis jetzt ein unicum in der musikalischen Weltgeschichte.«[4] Und auf Ludwig Rellstabs äußerst lobende Kritik musste man nicht lange warten. Er unterstrich, dass Musik mit Musik verglichen werden sollte und das Geschlecht dabei Nebensache sei.[5] Selbstverständlich waren nicht alle Musikkritiker seiner Meinung …

Emilie schrieb und schrieb und schrieb. Zwischen 1851 und 1853 entstand jährlich eine Sinfonie. Jedes Mal sorgte Wieprecht für glänzende Aufführungen. Hier wieder die ›Vossische Zeitung‹ im April 1853: »Ihre Majestät der König und die Königin beehrten […] das Concert mit Allerhöchst Ihrer Gegenwart.«[6] Und 1860 kann man Emilie Mayers Namen erstmals in Paul Franks Kleinem Tonkünstlerlexikon finden.

Die Komponistin war unterdessen über 40 Jahre alt und bemühte sich erfolgreich, ihren Wirkungskreis zu vergrößern. Ihre Musik wurde außer in Berlin und Stettin auch in Leipzig gespielt, in München, in Hamburg, in Halle und Dessau, aber auch in Lyon, Budapest und Brüssel. Zu vielen der Konzerte reiste sie an und hatte großen Erfolg; ihr Name war bald in aller Munde, und der ›weibliche Beethoven‹ wurde gefeiert. Aber Orchesterkonzerte waren damals wie heute eine teure und aufwändige Angelegenheit. Außerdem war der Druck des dafür nötigen Orchestermateriales für Musikverlage uninteressant, denn es fand naturgemäß nur wenig Abnehmer.[7]

Deshalb erschienen bis 1861 hauptsächlich kleinere Besetzungen innerhalb Emilies nun schon sehr großer Werkesammlung im Druck. Und hier kommt nun doch noch das Klavier ins Spiel. Mehrere Anläufe unternahm die Komponistin, um einige Bearbeitungen ihrer Streichquartette und Sinfonien für Klavier zu vier Händen zu erstellen. Vierhändige Klaviermusik war und ist eine gute Möglichkeit, um die Musik groß besetzter Werke ›unters Volk‹ zu bringen. Emilie ist da nicht alleine, viele ihrer Kollegen haben das ebenso gehalten. 1862 scheint dann der finanzielle Engpass so bedrängend geworden zu sein, dass Emilie Mayer ihre Wohnung in Berlin aufgab und wieder zurück nach Stettin zog.

Der jüngste ihrer Brüder, Friedrich August, war dem Beispiel des Vaters gefolgt und Apotheker geworden. In seinem Haus konnte Emilie günstig Wohnung nehmen. Hier komponierte sie hauptsächlich Kammermusik – es entstanden viele ihrer Sonaten für Klavier und Violine und für Klavier und Violoncello. Man hat den Eindruck, dass sie sehr energisch auf die Veröffentlichung dieser Werke gedrängt hat. Hartnäckig korrespondiert sie mit Verlagen und erreicht ab 1863 die Drucklegung mehrerer Streichquartette und Sonaten. Ihr Wunsch nach Notenausgaben ist verständlich, denn so war ein wesentlich größeres Publikum zu erreichen und Geld zu verdienen, das sie dringend zum Überleben brauchte.

Ihr Kompositionsstil hat sich in diesen Jahren noch einmal gefestigt, aber auch weiterentwickelt. Hatte sie am Anfang ihrer Karriere die klaren, durchsichtigen Strukturen bevorzugt, so entdeckt man in späteren Jahren freiere und durchaus frühromantische Formen. Ihrem Weg blieb sie aber immer treu, auch wenn sie in gewissem Rahmen experimentierfreudig war. 1876 zog Emilie Mayer wieder nach Berlin und hier sollte der Komponistin schließlich ihr größter Erfolg beschieden sein. 

 

Wie viele ihrer Kollegen ließ auch sie sich von Goethes Faust zu einer Komposition inspirieren. Ihre Faust-Ouvertüre wurde mit großem Erfolg im Februar 1881 in Berlin uraufgeführt und eroberte danach, vom Publikum bejubelt, die Konzerthäuser Europas. Nach dieser Anstrengung, Emilie war unterdessen beinahe 70 Jahre alt, komponierte sie wieder in kleineren Besetzungen. Ihr letztes Werk ist das Notturno d-moll für Violine und Klavier, das sie dem Geiger Joseph Joachim widmete.

 Im April 1883 starb Emilie Mayer an einer Lungenentzündung. Lange Zeit wusste man nicht mehr, wo genau sich ihr Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin/Kreuzberg befindet. Anlässlich der Dreharbeiten zum Film Komponistinnen[8] konnte es wieder lokalisiert werden – ganz in der Nähe der Mendelssohn-Gräber übrigens – und ist seitdem Ehrengrab des Landes Berlin.

 Emilie Mayers großartige Musik ist nach ihrem Tod leider sehr schnell aus den Konzerthäusern der Welt verschwunden. Ihre einflussreichen Fürsprecher Loewe, Marx und Wieprecht waren schon vor ihr verstorben und in der musikalischen Welt herrschte nach wie vor das männliche Geschlecht. Keiner der Verantwortlichen im so geprägten Musikbetrieb hatte Interesse an einer Frau als Konkurrentin um die Gunst des Zuhörers und der Zuhörerin.

(Dieser Text stammt aus dem Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik, das 2023 im Leiermann-Verlag erschienen ist.)

Fußnoten

1] Neben der ›Académie Royale‹ in Paris ist sie eine der ältesten Einrichtungen ihrer Art in Europa. Der damalige Präsident war Johann Gottfried Schadow, Bildhauer, seines Zeichens der bedeutendste Vertreter des deutschen Klassizismus. Er schuf die Quadriga auf dem Brandenburger Tor.

[2] Die ›Vossische Zeitung‹ war eine angesehene überregional erscheinende Berliner Zeitung, die älteste Zeitung Berlins, und wurde hauptsächlich vom liberalen Bürgertum gelesen. Sie erschien bis 1934.

[3] Vgl. Beuys, Barbara: Emilie Mayer – Europas größte Komponistin – Eine Spurensuche. Berlin, 2021.

[4] Gemeint war das Konzert anlässlich der Uraufführung der Sinfonie in E-Dur von Emilie Mayer.

[5] Bis heute ist Orchestermaterial meist leihweise erhältlich und wird nach der Aufführung an den Verlag zurückgegeben.

[6] Vgl. Beuys

[7] Vgl. Beuys

[8] Ein Dokumentarfilm von Tim van Beveren und Kyra Steckeweh aus dem Jahr 2018, der die Geschichten von vier Musikerinnen des 19. Jahrhunderts erzählt.

 

 

 

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