Emy Roeder

von Anja Weinberger

Expressionismus und mehr

 

Emy Roeder wurde 1890 in Würzburg geboren. Früh beginnt sie Interesse an der Bildhauerei zu zeigen und wird 22jährig Schülerin von Bernhard Hoetger, mit dem sie an den Reliefs des Platanenhains der Darmstädter Mathildenhöhe arbeitet. Ab 1914 lebt sie in Berlin, heiratet den Kollegen Herbert Garbe und wird Mitglied der avantgardistischen »Novembergruppe«.

Das erste Werk, das auf die Künstlerin aufmerksam macht, ist 1920 ihre Figur Schwangere. Ab 1926 entstehen auch Zeichnungen und Emy Roeder wendet sich von ihrem expressionistischen Frühwerk ab, um eine andere Bildsprache zu finden; ihre Bildnisse werden persönlicher, charakteristischer, verlieren dabei jedoch ihre universelle Gültigkeit. Sie reist viel, erhält 1936 ein Stipendium für die Villa Romana in Florenz.

1937 wird ihre Schwangere[1] in der Ausstellung »Entartete Kunst« gezeigt. Emy Roeder bleibt in Italien und wird bei Kriegsende von den Alliierten für sechs Monate ins Internierungslager Padula verbracht. Dort hält sie Frauen und Mädchen in Skizzen fest, die dann später in den Padula-Reliefs aufgingen. Durch den beständigen Einsatz Hans Purrmanns, der zu dieser Zeit die Villa Romana leitete, konnte sie 1946 endlich das Lager verlassen und ging, unterdessen geschieden, nach Rom. Die Sommermonate verbringt sie auf dem Land. Dort vertieft sie sich in Naturbetrachtungen und es entstehen die ersten Tierzeichnungen. 1949 kehrt sie schließlich nach Deutschland zurück, wo ihr eine Anstellung an der Landeskunstschule Mainz angeboten wird. Im darauffolgenden Jahr hilft ihr schließlich eine Ausstellungstournée durch viele deutsche Städte wieder in ihrem Heimatland Fuß zu fassen.

Es entstehen die bekannten Bildnisse von Hans Purrmann, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Endlich verdient sie genügend Geld mit ihrer Kunst, um den Lehrauftrag in Mainz zu beenden. 1955 nahm Emy Roeder an der ersten documenta in Kassel teil[2].

Ab 1959 reist sie mehrmals nach Tripoli und Kairo und wird durch das dortige Licht, die schlanken, hochgewachsenen Frauen und die afrikanischen Felszeichnungen zu einer weiteren Änderung ihres Stiles inspiriert. Eine noch stärkere Vereinfachung hält Einzug in ihr Werk.

1971 stirbt Emy Roeder in Mainz. Ihren künstlerischen Nachlass hat sie an ihre Heimatstadt Würzburg übergeben und dort, im Museum Kulturspeicher, kann man viele ihrer Werke sehen.

 

 

Hans Purrman – geschaffen von Emy Roeder, Photo: Andreas Bestle

 

Die Tiefe der expressiven Kunst Emy Roeders, die auf den ersten Blick nur Selbstverständliches abbildet, zeigt sich besonders eindringlich in den drei Bronzeportraits ihrer Künstlerkollegen Purrman, Schmidt-Rottluff und Heckel. Ist im massigen, flächigen Kopfbildnisses Purrmanns seine von Zeitgenossen berichtete Entschlossenheit und Tatkräftigkeit zu spüren, so zeigt das Bildnis des Brücke-Künstlers Schmidt-Rottluff einen eher introvertierten Menschen; Erich Heckels Bildnis hingegen scheint in eine für uns Andere unsichtbare Zukunft zu blicken.

»Ich suche und taste nach dem Atem, dem Leben, nach dem jedem Dinge eigenen Leben.«[3] – so Emy Roeders Credo, das sie im Nachkriegsdeutschland zu einer der prägenden Künstlerpersönlichkeiten dieser Zeit machte.

(Dieser Text stammt aus dem Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik, das 2023 im Leiermann-Verlag erschienen ist.)

Fußnoten

[1] Ein Fragment dieser Terrakotta-Figur ist Teil des Berliner Skulpturenfundes, der 2010 aus der Erde vor dem Roten Rathaus gerettet werden konnte. Bis dahin galt die Terrakotta-Figur als verschollen. In Würzburg befindet sich die gleichnamige Figur aus Nussbaumholz.

[2] U. a. waren die Holzversion der Schwangeren und die Bronzebüste Purrmanns ausgestellt.

[3] Reese, Beate: Auf der Suche nach Ausdruck und Form. Emy Roeder (1890–1971) und die Plastik ihrer Zeit, Würzburg 2004

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