Erzherzogin Sophie: Böse Gegenspielerin in Sisis Lebensdrama? (Teil 1)

 

 

 

 

 

von Julia Meister

Teil 1: Von der bayerischen Prinzessin zur österreichischen Erzherzogin

Von der bösen Schwiegermutter, dem einzigen Mann in der Hofburg, bis hin zu Kaiser Franz Josephs politischer Souffleuse: Die Person Erzherzogin Sophies ist mit zahlreichen Klischees behaftet. Wie so oft in der Historie ist hinter jeder dieser Zuschreibungen ein Fünkchen Wahrheit versteckt, doch verlangt der vielschichtige Charakter der Mutter Kaiser Franz Josephs auch einer weniger eindimensionalen Charakterisierung. Die schöne bayerische Prinzessin, die das Herz der Wienerinnen und Wiener bei Ihrem Einzug im Herbst 1824 auf Anhieb gewann, war mit keinem leichten Schicksal gesegnet, in das sie sich jedoch ohne viel Aufsehen fügte und schließlich maximale Erfolge für Ihre Nachkommenschaft erzielte.

Aber der Reihe nach…

Ludwig Angerer (Fotograf), Sophie in Bayern, Erzherzogin von Österreich, um 1875, Wien Museum Inv.-Nr. 104307, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/540252/)

Sophie Friederike Dorothea Wilhelmine wurde am 27.01.1805 in München als Tochter König Maximilians I. von Bayern und dessen zweiter Gemahlin, Prinzessin Karoline von Baden, geboren. Ihre Geburt gab doppelten Anlass zur Freude, war sie doch nur ein Teil des ebenso aus Maria Anna bestehenden bayerisch-königlichen Zwillingspaars, das im bitterkalten Winter das Licht der Welt erblickte. Mit insgesamt 11 Geschwistern aus den beiden Ehen des Vaters war das Familienleben der königlichen Familie sicherlich, soweit dies die höfische Etikette zuließ, einigermaßen trubelig.

Der Weg zum Wiener Hof wurde für Sophie bereits von einer (Halb)Schwester aus der ersten Ehe des Vaters – mit Wilhelmine-Auguste von Hessen Darmstadt – geebnet: Sie schenkte der späteren vierten Frau des Biedermeier-Kaisers Franz II./I., Karoline Auguste, das Leben. Die drei Jahre nach Sophie geborene Ludovika wiederum war für Herzog Max in Bayern vorgesehen – eine Ehe, aus welcher 1837 Sisi, die Ehefrau von Sophies erstgeborenen Sohn, hervorgehen sollte. Dynastische Verschlingungen, wohin das Auge blickt!

 

Aber schauen wir noch einmal auf Sophies Kindheit: Die Wintermonate verbrachte die Geschwisterschar in der etwas zugigen Münchener Residenz, ab Anfang Mai ging es dann ins prächtige Schloss Nymphenburg. Die zahlreichen Geschwister durften hier eigene Gartenhäuschen bewirtschaften, der Vater hielt sich unter anderem Papageien und Affen, und wachte über seinem Gewächs- und Palmenhaus, dessen Pflanzen ihm Kaiser Franz II./I. aus Wien vermacht hatte. Es scheint, als führten in der bayerischen Königsfamilie alle Wege nach Wien!

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Die Kindheit Sophies war also relativ unkompliziert: Ein gutmütiger, wenn auch streng auf Pünktlichkeit achtender Vater, und eine Mutter, der sie (wie auch dem Vater) in deren Abwesenheit (man weilte beim Wiener Kongress!) höchst liebevolle Briefe schrieb. Natürlich ging es in Erziehungsfragen etwas strenger zu, denn auch die kleinen Prinzessinnen sollten zu glänzenden Heiratspartien heranwachsen: Neben Kenntnissen in Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch erhielten Sophie und ihre Schwestern Unterricht in den bildenden Künsten, Geographie, Geschichte und Literatur, und auch die römisch-katholische Religion nahm einen hohen Stellenwert ein. Sophies Mutter war jedoch Protestantin, und so kam die spätere Kaisermutter bereits in jungen Jahren mit einer anderen Religion in Berührung. Ob dadurch in ihrem weiteren Leben eine gewisse religiöse Offenheit angeregt wurde?

Auch die heitersten Kindertage nehmen bekanntlich einmal ein Ende. Sophies Erziehung ließen sie zu einer gebildeten jungen Frau heranwachsen; manche sagen sogar, sie sei die gebildetste unter den Schwestern gewesen. Sie liebte alles Musische und vor allem das Sprechtheater, zeigte Ehrgeiz und besaß einen messerscharfen Verstand. Dazu kam ein hübsches Gesicht, umrahmt von prachtvollem kastanienbraunem Haar, das sie, der Zeit gemäß, in Ringellocken trug. Sophies frische Gesundheit, gepaart mit ihrem romantischen Äußeren, passte hervorragend in die Biedermeierzeit. Friedrich Weissensteiner sieht in ihr den Typus des süßen Wiener Mädels – Sophie schien wie für die Wienerinnen und Wiener gemacht, eine fesche Vorzeigekaiserin! 1824 sollte sie nun Franz Karl, den zweitgeborenen Sohn des auf Gemälden immer so streng wirkenden Kaisers Franz II./I., ehelichen. Warum nicht gleich den Thronfolger, Ferdinand I.?

Ferdinand Georg Waldmüller (Künstler), Kaiser Ferdinand I. als Kronprinz, um 1825, Wien Museum Inv.-Nr. 12290, CC BY 4.0, Foto: Birgit und Peter Kainz, Wien Museum (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/57903/)

Nun, eigentlich war Sophie wirklich dem später als Gütinand der Fertige betitelten jungen Mann versprochen worden, und eine jüngere Schwester sollte den Bund der Ehe mit Franz Karl eingehen. Wäre da nicht ein Besuch Ferdinands in München dazwischengekommen, bei dem die königliche Familie aus nächster Nähe dessen unglücklich verwachsene Gestalt und seine seltsamen Manieren in Augenschein nehmen konnte: Bei einem Theaterbesuch schlief er während der gesamten Vorstellung, und auch seine Blähungen hatte er, gelinde gesagt, nicht im Griff. Da man sich aber denken konnte, dass Ferdinand zu geistesschwach war, um einmal den Thron zu besteigen, fasste man für Sophie Franz Karl ins Auge. Ein ärztliches Gutachten besiegelte übrigens die Ferdinand-These.

 

Trotzdem soll an dieser Stelle gesagt sein, dass Ferdinand in späteren Jahren in Prag mit der Bewirtschaftung der ihm zugetragenen Landflächen ein großes Vermögen anhäufen sollte, und von der tschechischen Bevölkerung hochgeschätzt wurde. Mit seiner Ehefrau Maria Anna führte er ein ruhiges, aber nicht freudloses Leben. Auch diese Persönlichkeit aus dem Hause Habsburg muss also ebenso differenziert wie Sophie betrachtet werden!

Das zukünftige Paar sah sich zum ersten Mal im Frühjahr vor der Hochzeit in Tegernsee: Liebe auf den ersten Blick mag es für Franz Karl gewesen sein, für Sophie war es dies mit Sicherheit nicht. Zwar war Franz Karl, im Gegensatz zu seinem Bruder, von besser proportioniertem Äußeren, aber eben mit der typischen Habsburgerlippe und ohne konkrete Interessen auch nicht sonderlich anziehend. Trotzdem einigte man sich, und Sophie hatte der elterlichen Entscheidung zu folgen, da gab es gar keine Diskussionen. Am 4. November 1824 erklangen in der Wiener Augustinerkirche, in der später auch Franz Joseph und Sisi heiraten sollten, somit die Hochzeitsglocken für das ungleiche Paar.

Oscar Kramer (Fotograf), Erzherzog Franz Karl (1802-1878), vor 1878, Wien Museum Inv.-Nr. 90994, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/573773/)

Victor [auch: Viktor] Angerer (Fotograf), Kaiserin Karoline Auguste (1792-1873), vor 1873, Wien Museum Inv.-Nr. 132737, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/595552/)

Die oberste Aufgabe einer Erzherzogin war es, ihrem Gatten einen männlichen Thronfolger zu gebären; am besten noch einen zweiten, damit man eine Reserve hatte. Franz Karl war sichtlich verliebt in seine junge Frau, mit der er äußerst liebevoll umging. Man näherte sich einander an, und die Partie schien gar nicht so schlecht gewählt. Auch ihr Schwiegervater, Kaiser Franz II./I., nahm sich der jungen Frau verständnisvoll an.

Immerhin war sie, fernab von Bayern im kaiserlichen Wien, in einer ihr völlig fremden Umgebung gelandet. Doch nicht ganz: Wir erinnern uns, dass Kaiser Franz Sophies 13 Jahre ältere Halbschwester Karoline Auguste geehelicht hatte. Doch von schwesterlicher Eintracht kann nicht die Rede sein: Die beiden hätten wesensmäßig kaum unterschiedlicher sein können, war Karoline Auguste doch eher bieder und ein wenig arrogant, während Sophie mit ihrer weiblichen Intuition und Empfindsamkeit brillierte. Man passte sich einander an und traf sich trotz dessen täglich zum karitativen Handarbeiten.

Als sich nach einiger Zeit noch immer kein Nachwuchs einstellte, begann man zu tuscheln: Warum gelang Sophie diese eine Sache nicht, für die man sie extra nach Wien geholt hatte? Der damalige Zeitgeist schrieb ungewollte Kinderlosigkeit stets der weiblichen Hälfte zu. Sicherlich keine einfache Situation, in der die Erzherzogin sich da befand! Zudem fing man an, Sophie ein Verhältnis zum Sohn Napoleons, dem Herzog von Reichstadt, nachzusagen. Der gutaussehende, blondgelockte Prinz war Sophie restlos verfallen.

Als Erzherzogin war man jedoch so gut wie nie allein, und obwohl man sicherlich den Umgang miteinander schätzte, war sich Sophie ihrer Lage durchaus bewusst: Die Erbfolge musste innerhalb ihrer Ehe gesichert werden, Gerüchte um die Vaterschaft möglicher Thronfolger waren da alles andere als hilfreich! Neben dem sechs Jahre jüngeren Herzog von Reichstadt war auch der im Wiener Exil residierende Prinz Gustav Wasa Sophie schwärmerisch zugetan, wobei er sich ebenso mit Franz Karl anfreundete.

 Gemäß Gerd Holler war Sophie zwischen 1825 und 1829 fünfmal schwanger; jede dieser Hoffnungen endete in einer Fehlgeburt. (Anna Ehrlich und Christa Bauer schreiben von drei Fehlgeburten.) Eine zartere Seele hätte dies wahrscheinlich nicht unbeschadet überstanden, doch Sophie kämpfte weiter für ihr Lebensglück.

Wahrscheinlich half ihr auch ihr unerschütterlicher Glaube, die vielen Schicksalsschläge einigermaßen glimpflich zu überstehen. Es sind jedoch Äußerungen ihrerseits überliefert, in denen sie ihre eigene Schwäche und angebliche Unfähigkeit beklagt. Charakterformend waren diese Jahre mit Sicherheit, und vielleicht lässt sich hier verorten, warum Sophie später, sehr zu Sisis Leidwesen, die Erziehung der Enkelkinder so rigoros übernahm?

Wusste sie doch, dass Kinderglück zerbrechlich sein konnte, und hätte es sich sicherlich nie verziehen, nicht selbst alles unternommen zu haben, um Gisela, Rudolf und Co. prächtig gedeihen zu sehen.

Francois Seraphin Delpech (Lithograf), Charles-Louis Bazin (Künstler), „Fois. Non. DUC DE REICHTADT (sic!)“, 1830, Wien Museum Inv.-Nr. W 4679, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/453403/)

Nun fragt man sich, wieso sich so plötzlich im November 1829 eine diesmal fruchtende Schwangerschaft einstellte? Nun, wie sollte es anders sein: Eine Kur musste her! Sophies Kur-Odyssee startete im Schwefel-Moorbad Pirawarth, führte jedoch nicht zum gewünschten Erfolg. Stattdessen ging es nun ins Salzkammergut, genauer gesagt ins mondäne Bad Ischl: Dank zahlreicher Kurgäste aus dem Hause Habsburg gab es hier mittlerweile noble Hotels, Theater und Kaffeehäuser. Aus der Heilwirkung der Solebäder ging am 18. August 1830 der spätere Kaiser Franz Joseph – mit vollem Namen Franz Joseph Karl – hervor.

 

Sophie muss an diesem Schönbrunner Sommertag unendlich glücklich gewesen sein, da sie mit der Geburt eines männlichen Erben ihrer allerersten Pflicht mit Bravour nachgekommen war. Die qualvollen, 48 Stunden andauernden Wehen hatten sich gelohnt! Wem herzlos erscheint, dass das Geschlecht des Nachwuchses einen so großen Stellenwert einnahm: Im dynastischen Denken war ein Stammhalter stets mehr wert als eine kleine Tochter, auch wenn dies für uns heute nicht mehr nachvollziehbar ist.

Ihren Erstgeborenen würde Sophie fortan hüten wie ihren Augapfel, sein Leben würde das ihre ebenso bestimmen wie sie das seinige. Wie änderte sich Sophies Stellung bei Hofe? Wir ahnen schon, dass hier ein Machtgewinn zu verbuchen war. Doch wie nutzte Sophie dieses Ansehen, und war sie wirklich der politische Mittelpunkt des Hofes? Wie sollte sich dies auf Franz Joseph auswirken? Mehr dazu im zweiten Teil der Reihe.

Josef Kriehuber (Lithograf), Kronprinz Franz Joseph und Erzherzog Ferdinand Maximilian Josef als Kinder, um 1833, Wien Museum Inv.-Nr. 18836, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/132270/)

Ehrlich, Anna und Christa Bauer: Erzherzogin Sophie. Die starke Frau am Wiener Hof. Franz Josephs Mutter. Sisis Schwiegermutter. Wien 2016.

„Ferdinand I. (Österreich)“. Online: https://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_I._(Österreich) [25.01.2023].

 Hamann, Brigitte: „Sophie, Gemahlin der Erzherzogs Karl und Mutter Kaiser Franz Josephs“. In: Die Habsburger. Ein biographisches Lexikon. Wien 1988. Hrsg. von Brigitte Hamann, S. 421-423.

 Holler, Gerd: Sophie – Die heimliche Kaiserin. Mutter Franz Josephs I. Wien, München 1993.

Mutschlechner, Martin: „Sophie und die Hoffnung der Dynastie.“ In: Die Welt der Habsburger. Online: https://www.habsburger.net/de/kapitel/sophie-und-die-hoffnung-der-dynastie [31.01.2023].

 Weissensteiner, Friedrich: Frauen um Kronprinz Rudolf. Wien 1991.

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