»Es gibt so wunderweiße Nächte …«

von Andrea Strobl

»Es gibt so wunderweiße Nächte …«

von Andrea Strobl

Vor Weihnachten ist manchmal auch die Zeit, in der wir uns, wenn es draußen dunkel geworden ist, mit einer duftenden Tasse Tee (oder einem Glühwein) aufs Sofa oder in unseren Lieblingssessel verziehen, vielleicht das eine oder andere Kerzerl anzünden, leise Musik im Hintergrund laufen lassen – und einfach mal wieder Gedichte lesen.

Denke ich an Weihnachtsgedichte, kommen mir unwillkürlich die »üblichen Verdächtigen« in den Sinn: Allen voran Theodor Storm, dessen bekanntestes Weihnachtsgedicht vor allem die Älteren unter uns in früheren Schulzeiten auswendig lernen mussten, denn auch in der Schule weihnachtet(e) es sehr in den Wochen vor dem Fest. Da sah der Knecht Ruprecht – Sie wissen schon, ein seltsamer alter Gesell‘, der von drauß‘ vom Walde her gekommen war – allüberall auf den Tannenspitzen (…) goldne Lichtlein sitzen.

Und Joseph von Eichendorffs weihnachtlicher Flaneur bemerkt, wie Markt und Straßen stehn verlassen und alles sieht so festlich aus, bis er schließlich erkennt: Aus des Schneees Einsamkeit/Steigt’s wie wunderbares Singen – O du gnadenreiche Zeit!

Jahre später wurde uns ein anderer Theodor vorgestellt, diesmal der Fontane, dessen poetisches Ich eine weihnachtliche Bilanz zieht und uns wissen lässt, dass nach dem Braus eines langen Lebens auch Alles Grade, alles Krumme/Alles Falsche, alles Rechte,/Alles Gute, alles Schlechte am Ende doch immer noch ein Leben ergibt  – und dass dies vielleicht die Beste aller Botschaften an einem Weihnachtsfeste ist …

Aber genug der alten Geschichten aus Schulzeiten. Heute denke ich bei Weihnachtsgedichten nicht mehr so an die »Pflichtkür« aus jenen Tagen, sondern an ein ganz bestimmtes Gedicht, das uns unsere Mutter, die zeitlebens Lyrik-Begeisterte, an manchem Heiligabend vorlas:

Es gibt so wunderweiße Nächte,
drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
als ob er fromme Hirten brächte
zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Demantstaube
bestreut, erscheinen Flur und Flut,
und in die Herzen, traumgemut,
steigt ein kapellenloser Glaube,
der leise seine Wunder tut.[1]

 

 

Sie ahnen es vielleicht: Das ist von Rilke! Ich glaube nicht, dass ich als Kind verstanden habe, was uns da vorgelesen wurde, aber ich weiß, dass manche Wörter und »Bilder« in mir etwas ausgelöst haben müssen, denn Rainer Maria Rilke gehört heute zu meinen Lieblingsdichtern.

Und deshalb möchte ich doch kurz hier noch von ihm erzählen: Er wurde 1875 in Prag geboren. Nach zutiefst verstörenden Jugendjahren in einer Militärakademie, dem Absolvieren einer Handelsakademie und frühzeitig abgebrochenen Studien der Kunstgeschichte, Literatur, Philosophie und Jurisprudenz wendet er sich schließlich der Schriftstellerei zu. Seine ersten Werke werden bald im Leipziger Insel-Verlag veröffentlicht, wo er schnell zum führenden Verlagsautor aufsteigt. Eine Ehe und auch ein Sohn hindern ihn nicht daran, alles seiner »Qual der Lust«[2], dem Entstehen seiner Kunst, unterzuordnen. Das Stete, das Sesshafte – all dies ist das Seine nicht: Zeitlebens wird der Rastlose mal hier, mal dort leben, immer nur für kurze Zeit, dabei immer unterstützt von zahlreichen Gönnern. In die Dekade zwischen 1910 und 1920 fällt eine lange Periode der künstlerischen Erschöpfung (verstärkt durch die Eindrücke des Ersten Weltkrieges), aber zeitweise doch auch großer Schaffenskraft: Er übersetzt französische Literatur und beginnt die berühmten Duineser Elegien. 1919 lässt er sich schließlich in der Schweiz nieder, vollendet die Duineser Elegien und verfasst die Sonette an Orpheus – die beide heute zu seinem Hauptwerk zählen. 1923 erkrankt er schwer und verbringt ab da viel Zeit in diversen Sanatorien. Im Dezember 1926 erliegt Rilke in Montreux seiner langen Leukämie-Erkrankung.

Soviel in aller Kürze zum Fontaneschen Braus eines anderen Dichterlebens…

PS.: Weihnachten steht wieder einmal vor der Tür – und ich denke an dieses Gedicht. Und ich denke an meine Mutter, der ich an ihrem Sterbebett Gedichte vorlas. Sie starb in einer wunderweißen Nacht an einem 23. Dezember…

[1] https://www.deutschelyrik.de/es-gibt-so-wunderweisse-naechte.html

[2] Vgl. Raddatz, Fritz J.: Rainer Maria Rilke. Überzähliges Dasein. Zürich 2009. S. 64

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