Fragmente der Macht

 

von Georg Blaschke und Theresia Burkheiser

Frag-mente der Macht

 

von Georg Blaschke und Theresia Burkheiser

Ein Beitrag zur Geschichte der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek bis zu ihrer heutigen baulichen Gestalt.

Der um 1230 von Eike von Repgow verfasste Sachsenspiegel wird als das bedeutendste Rechtsbuch des deutschen Mittelalters angesehen. In Ermangelung eines staatlichen Gewaltmonopols wurde als Sühne für Totschlag das Wergeld eingeführt, tierisches und menschliches Leben somit wirtschaftlich vermessen. Der ausführliche Kodex versprach für einen erschlagenen Hofhund drei und für einen Esel acht Schillinge. Ein totgeschlagener Knecht wurde mit zweihundert Schillingen aufgewogen, für einen Kleriker waren vierhundert zu leisten, sofern dieser beim Lesen einer Messe zu Tode kam. An der Spitze dieser Hierarchie fanden sich Bischöfe, Äbte und Schreiber. Man darf davon ausgehen, dass nicht nur für Skriptoren, sondern auch für Kopisten und Illustratoren ein ähnlich hohes Wergeld veranschlagt wurde. Man vermag sich vorzustellen, welcher Wert der Berufsgruppe der in Skriptorien Tätigen beigemessen wurde.

Sogar die Teilnahme an den Gebetsstunden untertags wurde ihnen teilweise erlassen, um kein Tageslicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Die bevorzugten Beschreibstoffe jener Zeit waren in Europa Tierhäute, was Aufwand und Preis für diese Pergamentbücher nochmals hoch hielten. Alexander Monro berichtet in seinem Werk „Papier“, dass im Jahre 1397 in England für ein Buch durchschnittlich ein knappes Pfund zu bezahlen gewesen war, eine Kuh bekam man für die Hälfte. Das erklärt, weswegen uns die Bestände mittelalterlicher Bibliotheken selbst im Vergleich zu den großen Bibliotheken der Antike sehr klein erscheinen. Das Collegium Carolinum in Prag verfügte 1367 über 114 Kodizes, selbst die apostolische Bibliothek unter Papst Nikolaus V. ( 1447 – 1455 ) verfügte zu Beginn dessen Pontifikats nur über rund 350 Bände. Allerdings war dieser Bestand durch die Wirren des Großen Abendländischen Schismas ( 1378 – 1417 ) durch die Verbringung von Teilen der Bibliothek nach Spanien geschmolzen, auch verblieb ein Teil in Frankreich. Durch das Zusammenspiel von hoher Preisintensität und erforderlichem Geschick und Gelehrsamkeit ergab sich für die Herrschenden dieser Zeit ein Machtinstrumentarium, an dem sie über Jahrhunderte festhalten konnten.

Die Vatikanische Apostolische Bibliothek, besser bekannt unter dem Namen Vatikanische Bibliothek, ist die Bibliothek des Heiligen Stuhls; © Checco

Der geschätzte Alphabetisierungsgrad der Spätantike im Römischen Reich konnte, obwohl stark beflügelt durch die verstärkte Verwendung von Papier ab dem 14. Jahrhundert, sowie der Erfindung des Buchdrucks ab dem 15. Jahrhundert erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder erreicht werden. Unter anderem die immensen Bücherverluste der Spätantike, eine kulturhistorische Tragödie ersten Ranges, begünstigten ab dem 15. Jahrhundert die Hervorbringung des Humanismus und der Renaissance.

Goldsuchern gleich machten sich in halb Europa Kleriker und Laien gleichermaßen auf die Suche nach untergegangen geglaubter Texte. Oftmals waren Schreiber angehalten worden, antike Texte mit Messern und Tüchern von den Tierhäuten abzuschaben um sie auf Geheiß der Ordensoberen durch religiöses Schrifttum zu ersetzen. Diese Palimpsest genannten, oft mehrfach überschriebenen Handschriften war bisweilen eine lange Zeit bis zur Entdeckung ihres Ursprungstextes beschert. Erst 1819 fand man unter einer aus dem siebten Jahrhundert stammenden Kopie eines Augustinischen Psalmkommentars Ciceros De re publica in einer Abschrift aus dem vierten Jahrhundert. Andere Texte des Cicero, des Lukrez oder des Seneca hielten sich weit weniger lang im Verborgenen und ebneten den Weg für den Humanismus. Am 5. März 1447 wurde der Erzbischof von Bologna Tommaso Kardinal Parentucelli mit den Stimmen von zwölf der anwesenden achtzehn Kardinäle, wovon elf Italiener waren, zum Papst gewählt. Als Kompromisskandidat hatte er sich auch wegen seiner humanistischen Studien, vornehmlich bei Leonardo Bruni in Florenz, empfohlen. Bruni tat sich unter anderem als Übersetzer von Platon und Aristoteles hervor, weswegen wir eine gute Kenntnis derer Schriften bei Parentucelli vermuten dürfen. Rom war zu dieser Zeit eine verdreckte und heruntergekommene Stadt voller baufälliger Häuser und Ruinen, nachts trieben unzählige Gesetzlose in den engen Gassen ihr Unwesen. Dennoch hatte die Stadt für die Humanisten einen besonderen Stellenwert und Parentucelli bemühte sich als Papst Nikolaus V. das Erblühen Roms voranzutreiben. Der berühmte florentinische Buchhändler und Verleger Vespasiano de Bisticci berichtete glaubhaft, dass Nikolaus V. wiederholt zu sagen pflegte, nur für Bücher und fürs Bauen Geld ausgeben zu wollen. Und tatsächlich verwirklichte er diese Vorhaben. Nikolaus V. veranlasste einen großzügigen Umbau der Basilika Sankt Peter, der vielmehr einem Neubau gleichkam, er ließ den Apostolischen Palast erweitern und befestigte den vatikanischen Borgo. Wie bereits erwähnt fand Nikolaus V. etwa 350 Bände in der Bibliothek vor, die er umgehend um seine eigene Sammlung von etwa fünfzig Kodizes ergänzte und in drei Räumen eines neu errichteten Flügels an der Ostseite des Vatikanpalastes unterbrachte. Die Sala Latina, Graeca und Secreta beherbergten die jeweiligen Werke in lateinischer und griechischer Sprache, sowie Werke deren Inhalt als geheim galten. Alsbald ersann Nikolaus V. die Schaffung einer Universalbibliothek, die neben theologischer auch naturwissenschaftlicher Literatur Raum geben sollte, auch literarische Werke sollten Eingang finden. Der Papst entsandte buchkundige Getreue nicht nur zu den Märkten des Okzidents, auch im Orient wurden zahlreiche Schriften erworben. Sollte sich eines der gewünschten Werke als unverkäuflich erweisen, ließ er es ungeachtet der teils hohen Kosten kopieren. Die päpstliche Breve Iamdiu decrevimus vom 30.4.1451 belegt die Existenz der Bibliothek und kündet von den Absichten des Papstes: „Schon vor langer Zeit haben Wir per Dekret festgesetzt und verfolgen nun mit allem Engagement das Ziel, dass für den allgemeinen Nutzen der Gelehrten bei uns eine Bibliothek mit lateinischen und griechischen Werken eingerichtet werde, die dem Papst und dem Apostolischen Stuhl würdig ist. Wir besitzen bereits den größeren Teil von jeder Textgattung, die im Umlauf ist. Es fehlen jedoch noch viele antike Werke, die uns vorausgingen, verloren gegangen sind. Deshalb beauftragen wir unseren Mitarbeiter damit, Recherchen vorzunehmen und Bücher jeder Gattung, die wiederentdeckt werden, zu transkribieren.“

Ansicht der Vatikanischen Bibliothek im 18. Jahrhundert, gravierte Illustration, Magasin Pittoresk 1857; © PantherMediaSeller

Dieses Schreiben wurde in Königsberg aufgefunden und wird dem Besitzstand des Enoch von Ascoli zugerechnet, der damit im Auftrag des Papstes Buchankäufe tätigte. Unter anderem erwarb Enoch den Codex Hersfeldensis, nachdem der berühmte Büchersammler und Apostolische Sekretär Poggio Bracciolini sich vergeblich darum bemüht hatte. Im Todesjahr des Papstes Nikolaus V. verzeichnete das Inventar bereits über 1.200 Manuskripte, somit war die Vatikanische Bibliothek noch vor ihrer offiziellen Gründung zu einer der umfangreichsten Europas angewachsen. Die Sammelleidenschaft erfasste auch die Gelehrten, so vermachte der byzantinische Theologe Kardinal Bessarion seine Sammlung von rund sechshundert Kodizes heidnischen und christlichen Inhalts der Signorie von Venedig. Die unmittelbaren Nachfolger Nikolaus V. waren politisch gefordert, verwandten aber auch viel Zeit und Tatkraft für Nepotismus und Personenkult.

Eigenartige Auswüchse des Humanismus wurden zwar gerichtlich verfolgt, doch selten kam es zu Verurteilungen. Der aus Piadena stammende Humanist Bartolomeo Sacchi, genannt Platina ließ es sich zum Beispiel nicht nehmen die Ruinen am Forum und Palatin götzengleich anzubeten, an den Tagen römischer Niederlagen gegen Gallier oder Hannibal legten er mit seinen Gesinnungsgenossen Trauerkleidung an, eine Verurteilung wegen Ketzerei scheiterte aber. Schnell vergessen schien sein Treiben, denn schon der nächste Papst Sixtus IV. ernannte ihn zum Präfekten der mit der Päpstlichen Bulle Ad decorem militantes Ecclesiae vom 15.06.1475 gegründeten Vatikanischen Apostolischen Bibliothek. Während seiner Amtszeit als Präfekt veröffentliche Bartolomeo Platina auch eine Papstchronik, in der er die nicht belegbare Behauptung aufstellte, bei Papst Johannes VIII. ( 872 – 882 ) habe es sich um eine Frau gehandelt, aber auch über einige andere Päpste Übles zu berichten wußte. Diese Papstchronik wurde etwa hundert Jahre später auf den Index librorum prohibitorum gesetzt. Jedenfalls verfügte die Apostolische Bibliothek bei ihrer Gründung laut Inventar über etwa 2.500 Bände, die nun von Platina, drei Assistenten und einem Buchbinder betreut wurden. Die Bibliothek wurde durch einen vierten Raum, der Sala Pontifica, erweitert, und beherbergte nun unter anderem einen der bedeutendsten Kodizes weltweit, den Codex Vaticanus Graecus, der ältesten vollständig erhaltenen Transkription der Bibel in griechischer Sprache, entstanden in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts vermutlich in Caesarea in Palaestina auf Geheiß Kaiser Konstantins, der um 330 Eusebius von Caesarea mit der Herstellung von fünfzig Bibeln beauftragte. In der Amtszeit Platinas als Präfekt ( 1475 – 1481 ) befeuerte die von Johannes Gutenberg ab 1450 verwendete Buchdruckerkunst mittels beweglicher Lettern im Zusammenspiel mit dem vergleichsweise jungen Werkstoff Papier die Verbreitung des Schrifttums ungemein. Ungefähr zu dieser Zeit benötigte der bereits erwähnte Florentiner Buchhändler Vespasiano da Bisticci fast fünfzig Kopisten und knapp zwei Jahre für die Abschrift von zweihundert Büchern im Auftrag des Cosimo de Medici. Eine italienische Druckpresse schaffte hingegen bereits 1481 mehr als tausend Bogen an einem Tag für eine Ausgabe von Dantes Göttlicher Komödie, so wie sich Italien insgesamt mit bekannten Buchdruckereien in zumindest vierzig Städten, gegen Ende des Jahrhunderts in über achtzig, an die Spitze dieser Entwicklung in Europa schwang. Es verwundert nicht, dass da Bisticci den Buchdruck verachtete und sich alsbald zur Ruhe setzte. Doch diese Medienrevolution war nicht mehr aufzuhalten. Für das Frühmittelalter schätzt man die Herstellung von Manuskripten auf etwa 12.000 pro Jahrhundert, im 15. Jahrhundert hingegen bereits auf fünf Millionen, sowie zusätzlich noch etwa zwölf Millionen Bücher, letztere aufgeteilt auf etwa dreißigtausend verschiedene Titel. Für die Jahre um 1600 gelten etwa 200 Millionen im Umlauf befindliche Bücher als gesichert. Das brachte auch für die Bibliotheken beachtliche Veränderungen mit sich, die sich nicht nur in einem gesteigerten Raumbedürfnis äußerten. Die jahrhundertealte Anbindung von Bibliothek und Skriptorium, von Sammlung und Produktion wurde gekappt und die Bibliotheken fanden sich in der neu entwickelnden Buchwirtschaft als Konsumenten wieder, die mit anderen Käufern um den Besitz von Büchern in Wettstreit traten. Bisweilen kann es dauern, ehe neue Strömungen und Technologien im Inneren des Vatikans Einzug halten, aber zumindest in Bezug auf Kodizes war die Apostolische Bibliothek mit, laut Inventar, 3.500 Bänden im Jahre 1481 die größte Bibliothek der Welt. Das hinderte deren Präfekt Platina allerdings nicht, sich selbst des Buchdrucks zu bedienen. Bereits 1474 erschien in Venedig sein Kochbuch De honesta voluptate et valetudine ( Über anständige Wollüstigkeit und gute Gesundheit ), das sich durch Dutzende Auflagen zum bestverkauften Kochbuch jener Zeit entwickelte.

Das letzte Gericht in der Sixtinischen Kapelle, eines der Meisterwerke von Michelangelo Buonarroti; © ilfede

Einer Zeit, in der das Festessen, das Kardinal Riario, der Lieblingsneffe Papst Sixtus IV., 1473 für die Prinzessin von Neapel ausrichten ließ vierzig Gänge umfasste und den Verzehr von Reihern, Pfauen und Bären umfasste. Auch wenn Platina als Präfekt der Apostolischen Bibliothek gut besoldet war, über einige Diener und ein Pferd verfügte, erscheinen manche seiner Rezepte einer Faszination für die Ausschweifungen seiner Schirmherren geschuldet.

Beispielhaft sei das Rezept für einen Pfauenbraten erwähnt, der nach dem Garen wieder in seine eigene Haut mit Gefieder gekleidet wird, um ihm den Anschein zu geben, er sei noch am Leben. Nachdem Platina noch einige Neuerungen im Bibliothekswesen, den Bibliothekskatalog, die Signatur und ein Ausleihverzeichnis eingeführt hatte, verstarb er im Jahre 1481. Sein Mentor Papst Sixtus IV. überlebte ihn um drei Jahre, wobei dessen Hinterlassenschaft nicht nur durch die Beauftragung des Baus der nach ihm benannten Sixtinische Kapelle für Rom prägend war.

Zahllose kleinere und größere urbanistische Eingriffe veränderten das Stadtbild. Gärten, Brachland und Weinberge wandelten sich zu Baugründen, neue Straßenzüge entstanden, ebenso wie erweiterte Hafenanlagen und Brücken. Die ersten prächtigen Kardinalspaläste mit bis zu mehreren hundert Bediensteten entstanden, Märkte wurden verlegt und die Portale zur Stadt ausgebaut. Rom hatte das Mittelalter städtebaulich hinter sich gelassen. Sixtus Nachfolger Innozenz VIII. galt als intellektuell und künstlerisch desinteressiert, zeugte dafür mehr als ein dutzend Kinder, von denen vor allem sein Sohn Francesco seinem üblen Ruf als Trinker, Spieler und Vergewaltiger gerecht wurde. Auch hatte Innozenz keine Skrupel einem erst zwölfjährigen aus dem Geschlecht der Medici durch einen Tauschhandel zum Kardinal zu ernennen, was nicht verwundert, denn auch er erschlich sich das Pontifikat durch Simonie. Mit der Päpstlichen Bulle Summis desiderantes affectibus aus 1484 legitimierte Innozenz die frauenfeindlichen Wahnvorstellungen der deutschen Dominikaner Institoris und Sprenger, die den Text der Bulle 1486 ihrem Machwerk „Der Hexenhammer“ voranstellten und fortan ihren Hexenwahn geschützt ausleben durften. Nach achtjährigem Pontifikat erlosch sein Leben 1492. Bei dem nächsten durch Ämterkauf geprägten Konklave sicherte sich Rodrigo Borgia den Papstthron und gab sich den Namen Alexander VI. Dieser Papst blieb vornehmlich durch Giftmorde, Korruption und sexuelle Ausschweifungen in Erinnerung, eine kulturgeschichtliche Erwähnung  lohnt nicht. Das Pontifikat von Alexanders Nachfolgers Pius III., dem vormaligen Bischof von Siena und Förderer Michelangelos, dauerte keinen vollen Monat, ein möglicherweise vorhandener Reformwille konnte somit nicht umgesetzt werden. Trotz des ungeheuren Sittenverfalls des päpstlichen Roms war das Italien jener Zeit dem Rest Europas um Jahrzehnte voraus. Die politisch zersplitterte Halbinsel, seit jeher begünstigt durch ihre Lage und ihr Klima, verfügte über die damals modernste Gesellschaft Europas, genährt durch ihren „Volkscharakter“, wie Egon Friedell es in seinem Werk „Kulturgeschichte der Neuzeit“ nennt, und weiter ausführt: „Diese reizvolle Verbindung von Gutmütigkeit und Falschheit, Lebhaftigkeit und Trägheit, Formensinn und Unordentlichkeit, Frivolität und Bigotterie, Naivität und Schlauheit, Oberflächlichkeit und Begabung findet sich sonst nirgends auf der Welt. Und nirgends steht die Kunst so selbstverständlich im Mittelpunkt des Lebens, nirgends ist die Musikalität eine so natürliche Mitgift des Volkes, nirgends sind die Menschen so geborene Schauspieler, und nirgends ist das ganze Denken so exklusiv auf Auge, Temperament und Phantasie gestellt.“ Also wurde als Kontrapunkt zu den zahllosen Verfehlungen des Borgia-Papstes nun 1503 in einem nur wenige Stunden dauernden Konklave der Neffe Sixtus IV. Giuliano Kardinal della Rovere zum Papst gewählt. Auch diese Wahl war durch Absprachen und Geldgeschenke geprägt, doch nach seiner Inthronisation als Julius II. ( 1503 – 1513 ) verbot der neue Papst unter Androhung schwerer Strafen jeglichen Ämterkauf für alle Zukunft. Julius Abneigung gegen den Borgia-Papst ging so weit, dass er sich weigerte, dieselben Gemächer wie Alexander VI. zu bewohnen, was ihn bewog, Donato Bramante mit der Errichtung des Belvedere zu beauftragen, ein monumentaler Zubau des bisherigen Apostolischen Palastes auf einer Fläche von dreihundert Metern Länge, neunzig Metern Breite, sowie drei Stockwerken, der erst unter Pius IV. ( 1559 – 1565 ) fertiggestellt wurde. Bekanntermaßen wurde Bramante auch mit dem Neubau des Petersdom beauftragt, Michelangelo wurde verpflichtet, das Deckengewölbe der Sixtinische Kapelle neu auszumalen und Raffael wurde gebeten, sich den Stanzen im Papstpalast zu widmen. Trotz dieser umfangreichen baulichen und kulturellen Veränderungen ergaben sich für die Apostolische Bibliothek nur geringfügige, erst Pius Nachfolger Leo X. ( 1513 – 1521 ) erweiterte diese um einen fünften Raum. Auch liegen seit dem Tod des Präfekten der Bibliothek Platina 1481 bis zur Amtszeit Leos keine gesicherten Angaben über das Wirken etwaiger Präfekten der Bibliothek vor, aber wir wissen, dass der Bestand an Kodizes 1521 laut Inventar bereits 4.100 Bände umfasste. Dieser Bestand wurde auch 1527 durch den Sacco di Roma, verursacht durch marodierende kaiserliche Landsknechte, kaum geschmälert, was unter anderem der Tapferkeit der Schweizergarde, die noch unter Julius II. aufgestellt worden war, zu verdanken war.

Überliefert ist, dass der Bischof von Nicastro Marcello Kardinal Cervini 1548 zum Präfekten der Bibliothek ernannt wurde und ein neues Inventar einführte, das erstmalig die Standorte der jeweiligen Bücher innerhalb der Bibliothek anführte. Cervinis bloß gut dreiwöchiges Pontifikat 1555 ließ naturgemäß keine Zeit für Neuerungen. Erst in dem nur fünfjährigen Pontifikat Sixtus V. (1585 – 1590 ) bekam die Vatikanbibliothek ihren heutigen Sitz.

Petersdom im Vatikan; © haveseen

In der vergleichsweise kurzen Zeit von 1587 bis 1589 wurde der Bau errichtet, wobei der Salone Sistino mit einer Fläche von etwa tausend Quadratmetern zu dieser Zeit der größte geschlossene Raum ohne religiöse Funktion in Rom war. Die Fresken erzählen die, zumeist erfundene Geschichte von Schriften, Alphabeten und Bibliotheken. Der neu gewonnen Platz erlaubte auch den Ankauf mehrerer Sammlungen von Kardinälen und Privatpersonen. Einige Vorhaben Sixtus scheiterten, wie die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe, die Etablierung einer Seidenraupenzucht, oder die Einführung eines Generalarchivs. Andere, wie eine umfassende Kurienreform, oder die Aufstellung eines Obelisken auf dem Petersplatz, prägen die katholische Kirche bis heute.

Neben aus heutiger Sicht mehr als fragwürdige Bullen und Breven zur Sexualmoral, die oftmals die Todesstrafe für angebliche Verfehlungen vorsahen, verschärfte Sixtus V. durch eine Bulle, datiert mit 1589, auch nochmals die kirchliche Zensur und setzte damit eine lange Reihe klerikaler Bemühungen, deren Macht durch die Unterdrückung freien Denkens zu festigen fort. Seit Anbeginn der Kirchengeschichte war Zensur ein wesentlicher Bestandteil der römisch-katholischen Kirche. Eine Liste mit von Konzilen, Synoden, Päpsten, Bischöfen und Ordensoberen verbotenen Autoren und Büchern nur bis zum Beginn des Buchdrucks um 1450 würde selbst eines füllen. So nimmt es nicht Wunder, dass bereits kurze Zeit nach Erfindung des Buchdrucks die Universität Köln als Lehrstätte der Sancta Scholastica 1479 sich der Vorzensur bediente, gedeckt durch ein Breve von Papst Sixtus IV., der damit der Zensur ein zentralistisches Antlitz gab. Federführend auf Kölner Seite tat sich Professor Jakob Sprenger hervor, dessen wenig später erschienenes Buch „Der Hexenhammer“ die Hatz auf vermeintliche Hexen einläutete. Innozenz VIII. setzte neue Maßstäbe durch die Herausgabe einer Bulle 1487, die anordnet, dass alle zum Druck anstehenden Texte durch die jeweiligen Bischöfe, unterstützt durch eine Zensurbehörde, zu prüfen sind. Drucker, Händler, sogar die Zensoren selbst wurden bei Zuwiderhandlung mit Exkommunikation, sowie Geld- und Körperstrafen bedroht. Zu wirkmächtig aber war die Erfindung des Buchdrucks, und so konnten auch weitere Verschärfungen und Spezifizierungen nachfolgender Päpste die Verbreitung missliebiger Bücher, Flugschriften und Pamphlete nicht eindämmen. Bei wiederkehrenden Beratungen während des Tridentinischen Konzils ( 1545 – 1563 ) besann man sich ob der Unmöglichkeit der vollständigen Kontrolle neu und entschied, zukünftig unerwünschtes Schrifttum mittels des Index librorum prohibitorum zu klassifizieren und dessen Lektüre als Sündenfall zu werten. Das erste Verzeichnis der römischen Kurie dieser Art wurde 1559 publiziert, aufgrund der Wichtigkeit und der Fülle an Aufgaben wurde durch Pius V. 1571 eigens eine Kongregation konstituiert, die sich ausschließlich diesem Index widmen sollte. Seit der teilweisen Öffnung der Archive des Vatikans für die Wissenschaften wissen wir, dass die Kurie dem Kampf gegen unerwünschtes Schrifttum und den damit einhergehenden Machtverlust früh verloren gab und sich zunehmend auf Fälle von großer Bekanntheit beschränkte. Unter den Beschlüssen der wöchentlichen Sitzungen der Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis nahmen Fälle von Zensur des Schrifttums kaum mehr Raum ein, auch wenn die Indexkongregation noch Jahrhunderte an ihren Listen „verbotener“ Bücher feilte.


Verwendete Literatur

Reusch, Der Index verbotener Bücher, Bonn 1883

Esch, Rom, München 2016

Jochum, Kleine Bibliotheksgeschichte, Stuttgart 1993

Greenblatt, Die Wende, München 2012

Reinhardt, Pontifex, München 2017

Monro, Papier, München 2015

Roeck, Der Morgen der Welt, München 2017

Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Zürich 2009

Burke, Die europäische Renaissance, München 1998

Burkhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien, Frankfurt/Main 2009

Dickie, Delizia, Frankfurt/Main 2008

Reinhardt, Pius II., München 2013

Cassanelli, Der Vatikan, Berlin 2013

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