Francis Poulenc – Flötensonate

von Anja Weinberger

Francis Poulenc und seine besonders schöne Sonate für Flöte und Klavier

Francis Poulenc wurde 1899 in Paris geboren. Er war ein Einzelkind, die Familie finanziell sehr gut gestellt und der Umgang miteinander äußerst  herzlich. Von seiner Mutter erlernte er zu Beginn das Klavierspiel und von ihr erbte er wohl auch die künstlerische und intellektuelle Ader. Als Jugendlicher konnte er dann Unterricht nehmen beim spanischen Pianisten Ricardo Viñès, von dem er später sagte „ihm verdanke ich alles“.

Viñès muss ein guter Lehrer gewesen sein, der seinen Schüler mit viel Information, unterschiedlichster Literatur, aber auch mit einem gesunden Selbstbewusstsein und einer großen Portion Liebe zum Ästhetischen versorgte.

Poulenc verlor noch sehr jung beide Elternteile zwischen 1915 und 1917 und lernte in diesen für ihn schwierigen Jahren Eric Satie und Jean Cocteau kennen, die den jungen Mann unterstützten und mit neuen Weggenossen ausstatteten. Einige Zeit später entwickelte sich daraus die Group des Six, ein jedoch eher lockerer Zusammenschluss der 6 Komponisten Georges Auric (1899–1983), Louis Durey (1888–1979),  Arthur Honegger (1892–1955), Darius Milhaud (1892–1974),  Germaine Tailleferre (1892–1983) und eben Francis Poulenc. Die sechs verband vor allem ein ästhetisches Programm, das in der Ablehnung der romantischen Musik und ebenso des musikalischen Impressionismus bestand. Witz, Provokation, effektvoll eingesetzte Anstößigkeit, Antiakademismus – das waren ihre Maximen. Die Musik des Alltags, der kleinen Formen und der schlichten Gesten – das interessierte sie.

Als Komponist war Poulenc reiner Autodidakt und hatte keinerlei Interesse am Pariser Konservatorium. Die Liebe zur Poesie war schon beim Zehnjährigen zu erkennen, der gerne und oft Mallarmé-Gedichte auswendig rezitierte. Betrachtet man sein Gesamtwerk, so fällt die große Anzahl an Liedern auf, was man bestimmt auch darauf zurückführen kann.

Die Begegnung mit seinem kongenialen Sänger-Partner, dem Bariton Pierre Bernac, mit dem er jahrelang Konzerttourneen – auch nach Übersee – bestritt und auf dessen stimmliche Besonderheiten er sämtliche Klavierlieder zuschnitt, war der Anfang einer beeindruckenden künstlerischen Zusammenarbeit. Poulenc konnte sein ganzes literarisches Wissen einbringen und Bernac seine unvergleichliche Artikulation und Ausdruckskraft stilsicher verwenden. Dieses Duo bescherte dem französischen Kunstlied eine ungeahnte Blüte.

 

Erst spät in seinem Leben schrieb Poulenc die wunderbare Sonate für Flöte und Klavier. Sie wurde sofort ein Klassiker des Repertoires. Ihre Natürlichkeit und beinahe schon entwaffnende Schönheit v.a. im langsamen Mittelsatz zeigt, dass in der Einfachheit das Geniale liegen kann.

Poulenc hat die Sonate im Auftrag der Coolidge Foundation und für den Flötisten Jean-Pierre Rampal geschrieben. Bei der Uraufführung musste dieser den 2. Satz auf Wunsch der Zuhörer wiederholen.

Obwohl das Werk alle typisch französischen Eigenschaften aufweist, ist es jedoch gleichzeitig ein Kind des Neobarock und dementsprechend schlicht in seiner äußeren Form.

Im ersten Satz betört schon der Auftakt, der ein melancholisches Thema einführt. Dieses wird später von einem etwas energischerem zweiten Thema abgelöst wird. Das Klavier ist angewiesen, viel Pedal zu benützen und die Flöte schwingt sich in höchste Höhen.

Der schon angesprochene zweite Satz zeigt sich im Grunde als ein 65 Takte langer Gesang, der nur kurz unterbrochen wird von einem Gedanken, der an das oben angesprochene zweite Thema des vorangegangenen Satzes erinnert. Die melodische Linie beginnt zögernd im Klavier, wird von der Flöte aufgenommen und zeichnet mehrere große Bögen in unterschiedlichen harmonischen Farben. Wunderbar.

Das Sechzehntel-Feuerwerk des dritten und letzten Satzes beendet eine Sonate, die zum Schönsten gehört, was die Flötenliteratur zu bieten hat.

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Poulenc, der Autodidakt, hatte von den Vertretern der Six nicht nur in den 1950er und frühen 1960er Jahren den größten Erfolg, auch international läuft er dem Ansehen Milhauds und Honeggers bis heute den Rang ab.

Unabhängig von allen Trends, Strömungen und dem Zeitgeist näherte er sich mit jedem weiteren neuen Werk der von Cocteau seinerzeit in Le Coq et l’arlequin verkündeten Forderung an, eine authentische „musique française de France“ zu schaffen. Die Kluft zwischen avantgardistischem Anspruch und nationalistischer Selbstvergewisserung überwand er scheinbar instinktiv und kam der Forderung nach, sich mit möglichst unprätentiöser Alltagskunst dem einfachen Zuhörer, also dem Mann auf der Straße, ins Ohr zu schmeicheln. Große Gesten, strenge Kontrapunktik und aufwendige Durchführungen sucht man umsonst in seinem Werk. Opern hat er geschrieben, drei an der Zahl, sehr eindringlich alle drei und sehr unterschiedlich. Dazu anderswo mehr.

In den letzten Jahren war seine Gesundheit nicht die Beste und er starb 1963 in seiner Lieblingsstadt Paris an einem Herzinfarkt.

Verwendete Literatur:

Mgg online
Böhmer, Dr. Karl: Kammermusikführer online
Adorjan, Andras (Hrsg.) u.a.: Lexikon der Flöte, Laaber 2009

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