Französische Komponisten der Klassik

 

 

von Anja Weinberger

Französische Komponisten der Klassik

 

 

von Anja Weinberger

Ist im deutschsprachigen Raum die Epoche der Klassik eine mit vielen großen und international bekannten Namen gespickte Zeit, so trifft das in Frankreich eher auf andere Perioden der Musikgeschichte zu.

 

Fragt man – ganz im Allgemeinen – nach Komponisten der klassischen Epoche, so werden meist zu allererst Haydn, Mozart und Beethoven genannt; nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber zumindest ist das der chronologische Tatbestand. Alle drei waren deutsche Muttersprachler und eindeutig Hauptdarsteller jener verblüffenden Klangrevolution während der zweiten Hälfte der klassischen Epoche, der sogenannten Wiener Klassik. Und diese heißt ja bekanntlich so, weil sich das Hauptgeschehen in eben jener deutschsprachigen Stadt abgespielt hat.

Zu allererst muss nun geklärt werden, welch zeitlicher Rahmen überhaupt betrachtet werden soll.

Der Begriff »Klassik« im Sinne einer Epoche der Musik- und Kunstgeschichte bezeichnet die Jahre nach dem Ende des Barock. In Deutschland hatten da Bach, Telemann, Händel und viele andere einen fulminanten Klangwettstreit mit ihren italienischen Kollegen Vivaldi, Corelli, Scarlatti und den französischen Schwergewichten Lully, Couperin und Rameau geführt. Diese Zeit neigte sich in ganz Europa mit dem Auftauchen der »Söhnegeneration« Bachs ihrem Ende entgegen. Um 1730 ist eine deutliche Umorientierung in Richtung eines neuen Stiles zu bemerken, und ab diesem Zeitpunkt setzt rückblickend in der Geschichtsschreibung die Klassik ein.

Und so wird es der Zeitraum zwischen 1730 und 1830 sein, der uns im Folgenden beschäftigen wird. Nach diesen 100 Jahren wendet sich die Musik in ganz Europa der Romantik und ihren unterschiedlichen Spielarten zu.

Wie sah es in dieser Zeit aus in Europa? Und wie speziell in Frankreich?

Wir schauen einmal genauer hin.

Im Jahre 1730 ist Karl VI. Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Philipp V. König von Spanien, August der Starke wird noch zwei Jahre leben und regieren, Friedrich Wilhelm I. ist König von Preußen und sein Sohn, der spätere Friedrich der Große, feiert den 18. Geburtstag.

In Frankreich herrscht seit acht Jahren Ludwig XV..

Bis 1715 erstrahlte der französische Hof in Versailles unter seinem Vorgänger, dem Sonnenkönig Ludwig XIV., der der König der Barockmusik war. Nach dessen 72 Jahre andauernden Regentschaft entstand ein Vakuum. Denn Thronerbe wurde der gerade einmal fünfjährige Urenkel Louis; Sohn und Enkelsohn waren beide bereits verstorben. Sieben Jahre übernahm nun der Herzog von Orléans für den Knaben die Regierungsgeschäfte. Dieser Philipp von Orléans herrschte und lebte in Paris im Palais Royal; so verlor das bis dahin reich bevölkerte, unter der vorherigen Regentschaft des Sonnenkönigs blühende Versailles seine Anziehungskraft. Die aristokratischen Familien, die am oder im Umkreis des Königshofs lebten, kehrten auf ihre eigenen Landsitze zurück.

Der Herzog von Orléans rief nun eine italienische Künstlergruppe, bestehend aus den bejubelten Mitgliedern der Truppe des Prinzen von Parma, nach Paris, und diese bespielte die zahlreichen Theater. Bis heute gibt es infolgedessen in Paris am Montparnasse La Comédie italienne.

Viele Jahre wird das Musikleben Frankreichs nun vor allem von Opern und Opernhaftem bestimmt, die sinfonische Musik tritt eher in den Hintergrund. Erst durch die Komponisten der Belle Époque und der Années folles wird sich das wieder ändern.

Am 25.10.1722, also nach sieben langen Jahren des Interregnums, wurde der junge König Louis in Reims gesalbt und bestieg als Ludwig XV. den französischen Thron. Der Hof kehrte nach Versailles zurück, jedoch ließ sich der Glanz der vergangenen Zeiten nicht mehr heraufbeschwören. Das aufwendige Leben und die expansiven Kriege des Sonnenkönigs hatten eine hohe Staatsverschuldung hinterlassen.

Ludwig XV. regierte bis zu seinem Tode 1774, versuchte zu retten, was zu retten war; danach bestieg Ludwig XVI., zu dieser Zeit schon mit Marie Antoinette verheiratet, den französischen Thron. Dieser sechzehnte Louis versuchte sich an eigenen Reformen und stattete in diesem Zusammenhang die Obersten Gerichtshöfe mit deutlich mehr Macht und Kompetenz aus – quasi der Anfang vom Ende. Die Französische Revolution konnte kommen. 1789 war es dann soweit.

Natürlich könnte man nun näher auf die Geschehnisse in diesem Zusammenhang eingehen, aber das ist nicht unser Thema. Uns interessiert vielmehr die Tatsache, dass das Land mit sich und seinem Streben nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zunächst sehr beschäftigt war. Abgesehen davon fiel ab diesem Zeitpunkt der Königshof aus, um Künstler zu protegieren und ihnen ein Auskommen zu bescheren.

Selbstverständlich war ganz Europa auf die eine oder andere Art von diesen Ereignissen betroffen und nicht nur in Frankreich begann ein modernes Demokratieverständnis zu entstehen.

Und doch ist eben hier in Frankreich zu bemerken, dass die großen, mit ihrem Ruhm über die Landesgrenzen hinaus ausstrahlenden und alles überragenden Komponisten klassischer Musik für einige Jahrzehnte einfach nicht vorhanden waren.

1804 ließ sich Bonaparte unter dem Namen Napoleon zum Kaiser proklamieren. 1815 wurde die Monarchie wiederhergestellt, zwei Herrscher folgten in den Jahren der Restauration aufeinander, genau bis zur Juli-Revolution im Jahre 1830 – und damit eben bis zu dem Jahr, das in den Geschichtsbüchern als Ende der klassischen Epoche festgelegt wurde.

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Also machen wir uns jetzt auf die Suche. Wer waren die Komponisten, die in diesen Jahren in Frankreich für Musik sorgten?

1795 wurde, wie bereits im vorhergehenden Kapitel erwähnt, das Conservatoire de Paris gegründet. Eines der Gründungsmitglieder war François Devienne (1759-1803). Als Professor unterrichtete er eine Flöten-Klasse und prägte die Musik seiner Zeit ganz wesentlich. Ende der 1790er Jahre stand er auf dem Höhepunkt seiner solistischen und kompositorischen Laufbahn. Sehr virtuos spielte er Fagott und Flöte und komponierte Werke, die ein Höchstmaß an technischen Fähigkeiten forderten und mit denen er das Holzbläser-Repertoire nachhaltig erweiterte. Außerdem schrieb er 12 Opéras comiques, von denen manche zu den am häufigsten gespielten Bühnenwerken des ausgehenden 18. Jahrhunderts zählen, mehrere Sinfonien und sehr viel Kammermusik für unterschiedliche Besetzungen, häufig auch mit Flöte.

Viele seiner Kompositionen sind eng mit den historischen und politischen Ereignissen während der Französischen Revolution verknüpft. Hierzu gehören vor allem zahlreiche patriotische Hymnen und Lieder, die dazu bestimmt waren, bei öffentlichen Zeremonien gespielt zu werden.

Seine letzten Werke tragen durchaus schon frühromantische Züge.

Devienne wurde 44jährig in die psychiatrische Anstalt von Charenton eingeliefert, wo er einige Monate später verstarb. Wenig bis nichts findet man über die Hintergründe dieses Schicksals.

Seine Lebensdaten ähneln denen Mozarts.

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Joseph Bologne Chevalier de Saint-Georges (1745-1799) ist ein weiterer der großen Unbekannten unter den französischen Klassikern. Und seine Geschichte ist einzigartig: Er war der illegitime Sohn von George de Bologne de Saint-Georges und Nanon, einer schwarzen Sklavin aus Guadeloupe. 1747 beschuldigte man den Vater zu Unrecht des Mordes und die Familie floh nach Frankreich. Das Urteil wurde zwar zwei Jahre später aufgehoben, jedoch ließen sich die Saint-Georges 1753 endgültig in Frankreich nieder. Der junge Joseph war vielfältig begabt, sehr athletisch, aber auch sehr musikalisch.

Seine eigentliche künstlerische Karriere begann 1769, als er dem Concert des Amateurs  als erster Violinist beitrat. In der Nachfolge Gossecs (siehe weiter unten) übernahm Saint-Georges 1773 schließlich die Leitung dieses Orchesters, das nur zu einem kleinen Teil aus gut ausgebildeten Laien und zum Großteil aus Musikern des Opernhauses bestand.

Als Komponist leistete er zwischen 1775 und 1785 einen wesentlichen Beitrag zu den beiden Hauptgattungen der französischen Instrumentalmusik: zur Symphonie concertante und zum Solokonzert. Ein rasanter Aufschwung des Konzertlebens im Paris dieser Zeit war auch sein Verdienst. Und er schrieb natürlich Opern, von denen leider nur eine erhalten blieb. Einige Streichquartette stammen ebenfalls aus der Feder des jungen Komponisten; mit denjenigen von Vachon und Gossec gehören sie zu den ersten französischen Kompositionen dieser Gattung.

Saint-Georges‘ Melodielinien sind klar und fließend, oft mit melancholischem Tonfall, kantablen Themen und Material, das sich häufig am Vaudeville orientiert, aber auch an der typisch französischen Revolutionsmusik, was bei vielen Komponisten dieser unruhigen Jahre zu beobachten ist.

Seine Hautfarbe machte ihm das Leben nicht leicht, und nach mehreren Anfeindungen schlug er die Berufung auf einen der Direktorenposten der Académie royale de musique aus.

Im letzten Drittel seines Lebens musste er also wieder auf andere Talente zurückgreifen, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. In England nahm er an einer Reihe sensationeller Fechtwettkämpfe teil und trat 1792 als Hauptmann in den Dienst der Garde Nationale. Während der »Schreckensherrschaft« von 1793/94, geprägt von der brutalen Unterdrückung aller als Gegner der Revolution verdächtigten Personen, war auch Saint-Georges für 13 Monate inhaftiert. Nach seiner Entlassung erhielt er kein neues Kommando; er starb zurückgezogen und verarmt nach weiteren zwei Jahren im Alter von nicht einmal 55 Jahren.

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François- Joseph Gossec (1734-1829) entstammt einer wallonischen Bauernfamilie. Schon sechsjährig kam er als Chorknabe an die Stiftskirche von Walcourt, und von da an sollte sich sein Weg Zeit seines Lebens im musikalisch-künstlerischen Kontext bewegen. Die bald folgenden Stationen waren Maubeuge, Antwerpen und schließlich 1751 Paris. Dort verdiente er sein Auskommen als Geiger im Privatorchester Alexandre Le Riche de La Pouplinières, seines Zeichens ein wohlhabender Mäzen, Steuerpächter und Förderer der Aufklärung.

Hier lernte Gossec Johann Stamitz kennen, der ihn mit der Mannheimer Schule bekannt machte. Vermutlich war das eine entscheidende Begegnung in seinem Leben.

Er wird anfangs Kammermusik komponieren, später mehr als 50 Symphonien und viele Symphonies concertantes mit unterschiedlichsten Soloinstrumenten. 25-jährig schrieb er ein Requiem mit dem Titel Grand Messe des Morts, das 1760 in Paris uraufgeführt wurde und ihn über Nacht berühmt machte.

Mit dem Tode La Pouplinières im Dezember 1762 verlor Gossec den wichtigsten Unterstützer. Er leitete nun mehrere Kapellen und das Orchesters Concert des Amateurs, das sich der Aufführung zeitgenössischer Werke widmete und in ganz Europa schnell großen Ruhm erlangte (nach elf Jahren übergab er die Leitung schließlich an Saint-Georges).

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Gilt Gossec als bedeutendster französischer Symphoniker dieser Zeit, so gebührt dieses Prädikat André-Ernest-Modest Grétry (1741-1813) auf dem Gebiet der Oper.

Auch er war kein gebürtiger Franzose, sondern stammte aus Lüttich. Des Vaters Wurzeln waren bäuerlicher Natur, jedoch war dieser selbst Geiger und gab Musikunterricht.  Auch Grétry begann seine Karriere als Chorknabe. Als 11-Jähriger erlebte er das Gastspiel einer italienischen Operntruppe, deren Aufführungen und Proben er begeistert und mit großer Geduld besuchte. Dieses Erlebnis wird Folgen haben.

Bald finden wir ihn, ermöglicht durch ein Stipendium, für sechs Jahre in Rom am Collège Darchis. In der italienischen Stadt lernte er Piccini kennen und dieser war voll des Lobes.

Nach einem längeren Aufenthalt in Genf kam er 1767 schließlich nach Paris.

Dort begegnete er kurz nach seiner Ankunft Jean-François Marmontel, der ihn in den Folgejahren mit Libretti versorgen wird. Schon die erste gemeinsame Oper Le Huron wurde zu einem überwältigenden Erfolg, woraufhin Grétry erste Aufträge vom Königshof erhielt.

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1773 löste Michel-Jean Sedaine Marmontel als Librettist ab, und 1774, nach der Thronbesteigung Ludwigs XVI., verstärkte sich Grétrys Beziehung zum Hofe. Er wurde bald Marie-Antoinettes privater Musikdirektor.

Nun dominierten seine Werke nicht nur den Spielplan der Comédie-Italienne, sondern ebenso die Konzertsäle der Adelspaläste in Versailles und auch außerhalb von Paris.

Als dritter Librettist trat schließlich Thomas Hales in Grétrys Leben, und nach dessen frühem Tod vertonte der Komponist bestehende Texte von z.B. Racine oder Euripides.

Die Zeit überdauert hat vor allem sein Beitrag zum heiteren Musiktheater. La Caravane du Caire z. B. übertraf mit über 500 Aufführungen an der Opéra alle Gluck-Opern zusammen.

Durch die Revolution verlor Grétry die ihm zugesicherte Rente und auch den Arbeitgeber. So stürzte er sich ins Schreiben seiner Memoiren und verfasste Essays. 1813 starb er einsam in Montmorcey, nachdem er schon Jahre zuvor seine Frau und die drei Töchter zu Grabe tragen musste.

Als erster Komponist überhaupt wurde er mit einer wissenschaftlichen Gesamtausgabe des eigenen Werkes geehrt. Die riesige Anzahl der Bühnenwerke lässt beinahe vergessen, dass auch er einer der ersten war, der Streichquartette komponierte – sechs Stück an der Zahl. Auch einige Sinfonien existieren und ein Konzert für Flöte und Orchester. Jedoch wird Grétry immer als Opernkomponist in Erinnerung bleiben.

***

So war das in Frankreich während der 100 Jahre, die wir nun rückblickend Klassik nennen.

Mein schon früher gewonnener Eindruck hat sich bei der Recherche für diesen Text verstärkt: Die klassische Musik in Frankreich ist tatsächlich eine äußerst regionale Musik, die von den in Frankreich lebenden Komponisten für ihr Publikum vor Ort geschrieben wurde.

Revolutionsmusik einerseits bestimmte die Konzertprogramme und andererseits standen auch in der ersten Hälfte der Klassik v. a. Opern in französischer Sprache auf dem Spielplan. Sinfonische Musik und Klavier- oder Kammermusik, die ja ohne Sprache auskommen und daher eher selten politische Inhalte transportieren, hatten keinen so hohen Stellenwert, wie das in der Wiener Klassik der Fall war.

Natürlich komponierten noch viele andere, z. B. Etienne-Nicolas Méhul oder Jean-François Lesueur. Ich habe mich jedoch für diese vier entschieden, um einen ersten Überblick zu schaffen.

In meinem Buch Kulturgeschichten – nicht nur für Flötisten bin ich näher auf die Gründung des Conservatoire de Paris eingegangen. Aber auch im Leiermann-Blog-Artikel Aus Frankreich in die ganze Welt kann man Genaueres darüber erfahren.

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