Friedrich Hollaender und das Tingel-Tangel-Theater

 

von Marion Rissart

Friedrich Hollaender und das Tingel-Tangel-Theater

 

von Marion Rissart

Am 18. Januar 1976 vor 48 Jahren, starb der große Komponist, dessen Lieder uns heute noch in den Ohren klingen. Allen voran der Song der feschen Lola, die »von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt« ist und Marlene Dietrich den Grundstein für ihre Weltkarriere sichert. Der kleine Mann, 1896 in London geboren, aber zum echten Berliner herangewachsen, ist ein Hans Dampf in allen Gassen, was Komposition, Musizieren (Klavier) und Texten betrifft. Ein begabtes Multitalent also, besonders, was das Berliner Kabarett anbelangt. (1)

Der blaue Engel, Poster, ©Public domain

Erste Sporen bei Max Reinhardt

Seine ersten Sporen verdient er unter Max Reinhardts Ägide im Kabarett »Schall und Rauch«. Im neuen Schauspielhaus trifft der junge Hollaender ähnlich Begabte, die ein politisch geprägtes Kabarett nach dem 1. Weltkrieg unbedingt auf die Beine stellen wollen. Auf die Frage, warum ausgerechnet Kabarett, erklärt Kurt Tucholsky, der ebenfalls zur schreibenden Garde wie Klabund und Walter Mehring gehört: »Die Welt schreit nach Satire!« (2) Na denn mal los.

Schall-und-Rauch-Inserat, © Public domain

Was das Kabarett von heute unterscheidet, ist die Abwechslung Hier geht es nicht (nur) um Wortspielereien und politischen Sticheleien, sondern auch um Couplets, Spieleinlagen, Chansons, Tanz, alles bestens interpretiert von Gussy Holl und Blandine Ebinger.

Friedrich Hollaender, ©Public domain

Hollaender ist der Mann am Klavier

Der Mann am Klavier ist Teil eines schlagenden Erfolgs. Hier lernt er sein Handwerk, der ihm auch in der Emigration von Nutzen sein wird: Den sprachlichen Rhythmus in die Musik zu integrieren. Seine Chansons schreibt er seiner damaligen Partnerin Blandine Ebinger auf dem Leib. Einige Lieder haben sich bis heute erhalten und werden neue interpretiert. Der Berliner kommt in den Liedern überall durch. Blandine singt und spielt die kesse Hinterhofgöre in dem Song Lied eines armen Mädchens und sinniert darüber, was die Nachwelt auf ihrer eigenen Beerdigung macht.

Blandine Ebinger, ©Public domain

Das »Schall und Rauch« öffnet ihm viele Türen und er wird zum gefragten Mann. Er schreibt nicht nur für das Kabarett Die Rampe, vertont Tucholskys Texte, sondern liefert Chansons für Trude Hesterbergs Wilde Bühne.(3)

Hedi Schoop, in der Katakombe, ©Public domain

Januar 1931: Eröffnung des Tingel-Tangel-Theaters

Irgendwann will er nicht nur für andere Revuen und Kabarettstücke schreiben, sondern selbst eins gründen. Die schwierigen Zeiten fordern ihn geradezu heraus. 1931 ist es soweit: Im Keller des Theaters des Westens eröffnet sich für Hollaender eine Vision des Tingel-Tangel-Theaters. Mit Feuereifer geht er an die Arbeit. Neue Beleuchtung, eine moderne Bühne, Farben und Spotlights müssen her, sowie zwei Stützflügel und – sehr wichtig- neue Parkettstühle, die ausgerechnet am Tag der Generalprobe geliefert werden. (4)

Die Zeiten sind schwierig, aber das Tingel-Tangel gerät zum großen Erfolg. Bei der Premiere am 7. Januar 1931taucht ein Gast aus Amerika auf, der nach der großen Pause Chansons zum Besten gibt, die ihn durch Hollaender berühmt gemacht haben: Marlene Dietrich! Sie singt nicht nur Von Kopf bis Fuß, sondern auch Wenn ich mir was wünschen dürfte.(5)

Marlene Dietrich im Blauen Engel, © Public domain

Höchste Eisenbahn vor dem Reichtagsbrand

Höchste Eisenbahn laute der Name seiner letzten Revue im Tingel-Tangel und das ist es in der Tat. SA-Schlägertrupps stehen drohend im Parkett und Anfang Januar 1933 gingt Hollaender auf und schließt seinen Lebenstraum. Nazis verwüsten seine Wohnung und in der Nacht des Reichstagsbrand packt er seine Lebensgefährtin Hedi Schoop bei der Hand, fährt mit dem Taxi zum Bahnhof Friedrichstadt. Den ersten Zug, den beide nehmen, fährt nach Paris, wo sich die anderen Emigranten im Hotel Asonia schon versammelt haben.

Reichstagsbrand, ©Public domain

In Hollywood nur einer unter vielen

Hollaender geht es besser als andere. Hollywood ruft, der Blaue Engel winkt als Entree. Aber darf sich in Amerikas Traumfabrik nicht täuschen, mehr als ein Billett für das Image ist es nicht. Denn letztlich ist er nur einer von vielen anderen Emigranten, die sich Bienen um einen Topf Honig schwirren. Unter ihnen sind es die renommierten Künstler wie Peter Lorre, Billy Wilder, Kurt Weill, Fritzi Massary, Alfred Döblin, Fritz Kortner, Lion Feuchtwanger und Bert Brecht. Was bleibt für ihn übrig? (6)

Kurt Tucholsky, Deutschland, Anzeige 1929, ©Public domain

Verlorene Sprache und stockende Zunge

Obwohl er sich durchbeißt und fleißig Filmmusik schreibt, verspürt er dennoch Sehnsucht und Traurigkeit. In Hollywood kommt trotz seiner Erfolge nie richtig an. In der Emigrantenballade, die er 1939 im German Jewish Club vorträgt, zeigt er, wie es um sein Herz wirklich bestellt ist. »Ach, sie haben ihre Sprache verloren und der Zunge flinke Biegsamkeit.« (7)

Der Clown hat keine Stellung mehr

1955 kehrt er endgültig zurück und lässt sich in München nieder. An Ideen und Einfällen mangelt es ihm nicht, aber sein altes Tingel-Tangel-Sujet will nicht im neuen Deutschland nicht mehr so richtig funktionieren. Zwar schreibt er bis zu seinem Tod, aber Musik macht er keine mehr. Als er am 18. Januar 1976 stirbt, ist er das, was er 1961 bei seinem letzten Chanson besang: » Clown, du hast die Stellung verloren, sieh dich nach einer anderen um.«(8)

Fußnoten

 

 

  • 1 Kühn, Volker: Spötterdämmerung. Vom langen Sterben des großen kleinen Friedrich Hollaender, Berlin, Parthar Verlag, 1997, S. 48 ff
  • 2 Schall und Rauch – Kleines Theater und Kabarett – Ich würde sterben, (klabund.eu)
  • 3 Kühn, Volker, S. 25-36
  • 4 Hollaender, Friedrich: Von Kopf bis Fuß. Revue meines Lebens, Bonn, Weidle Verlag, 1996, S. 234-236
  • 5 S. 239
  • 6 S.299
  • 7 Volker Kühn, S. 112
  • 8 Hollaender, Friedrich, S. 364
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