Gertraud Rostosky – Mut zu sich selbst

von Anja Weinberger

Gertraud Rostosky wurde 1876 in Riga in eine, wie wir heute sagen würden, bildungsnahe Familie geboren. Der Vater war Buchhändler, der Onkel Maler, die Mutter musisch und vor allem sozial begabt.

Vier Tage nach ihrer Geburt starb der Vater Heinrich an Diphterie und die 22jährige Mutter Maria zog einige Wochen später mit dem Säugling und der wenig älteren Tochter Margareta auf das großelterliche Gut Neue Welt bei Würzburg – im Gepäck kaum mehr als einen russischen Samowar und die 300 Brautbriefe des Verstorbenen. Dieser war äußerst vielfältig begabt als Dichter, Zeichner und eben als Briefeschreiber.

Die ursprünglich als landwirtschaftliches Gut entstandene Neue Welt entwickelte sich in den Folgejahren zu einem beliebten Ausflugsziel und zur Sommerfrische der Würzburger, von wo aus diese einen herrlichen Blick auf die Domstadt genießen konnten.

 

Blick auf Würzburg

Quelle: pixabay

Gertrauds Mutter Maria führte bald einen »Salon« ein, um Dichterlesungen und kleine Konzerte zu veranstalten. Gern gesehene Gäste waren die Dauthendeys, mit denen man eng befreundet war.

Dort, in der Neuen Welt, wuchs Gertraud auf und bestand 1892 das mühsam, gegen den Willen der Mutter erstrittene Abitur.

Ihr war unheimlich zumute, dachte sie an die Zukunft, die für eine junge Frau in diesen Jahren vorgesehen war und zeigte sich sehr erleichtert darüber, dass ihr zumindest Zeichen-, Sprach- und Klavierunterricht erlaubt wurde. Nach einem halbjährigen Aufenthalt bei der Freundin Gertrud Hennings in Riga erwartete sie bei ihrer Rückkehr auf der Neuen Welt ein schriftlicher Heiratsantrag von Max Dauthendey, den sie ablehnte, um ihre künstlerische Freiheit nicht zu gefährden. Der Schriftsteller sollte jedoch die große Liebe ihres Lebens bleiben.

In der Folgezeit reiste sie viel, studierte an der Zeichenschule des Frauen-Erwerb-Vereins in Dresden, an der Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins, bei Anton Ažbe und perfektionierte parallel zu alldem ihr Französisch genauso wie das Klavierspiel. Mit dem Tod des Großvaters entstand eine finanzielle Notlage, in der ihr die Freundin Gertrud beisprang.

Sie lebte und lernte in München, danach in Paris und schließlich wieder in Würzburg. Mit dem unterdessen verheirateten Max Dauthendey verband sie bis zu dessen Tod 1918 eine wechselhafte, aber immer enge Beziehung.

Ihre gesundheitliche Verfassung, vor allem die psychische, litt sehr unter dieser schwierigen Beziehung, aber auch unter der problematischen Entwicklung ihrer Karriere.

 

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Ein erster Erfolg stellte sich endlich ein mit einer Ausstellung im Walther Zimmermanns Kunstsalon in München und kurz darauf durch die Teilnahme an der Frühjahrsausstellung der Münchner Sezession.

1920 gründete sie auf der Neuen Welt eine Künstlerkolonie; und in den Folgejahren werden Künstler wie die Maler Otto Modersohn und Hans Purrmann, die Tänzerin Isolde Czóbel, aber auch der Kunsthistoriker Fritz Knapp und der Schriftsteller Herbert Günther aus und ein gehen.

Schon während des 1. Weltkrieges hatte Gertraud Mal- und Zeichenunterricht auf der Neuen Welt gegeben, gründete kurz darauf schließlich offiziell eine Malschule in Würzburg.

Eine ruhelos Reisende war sie – Paris, Dresden, wieder Paris, Berlin, Prag, Zürich, München, Salzburg – und ihre Kunstwerke waren nun bei vielen Ausstellungen in Europa und sogar in der tatsächlichen Neuen Welt, in Chicago, zu sehen.

In den 30er-Jahren häuften sich die Abreisen der Künstlerfreunde, die in weiser Voraussicht das Land verließen, und 1938 starb Gertrauds Mutter Maria, die immer die gute Seele der Neuen Welt gewesen ist.

Die Zerstörung Würzburgs am 16.März 1945 erlebte die Künstlerin auf der Neuen Welt, die glücklicherweise beinahe unbeschadet blieb. Der einstmals herrliche Ausblick bot nun nur noch Ruinen. Dem Nachkriegselend versuchte sie mit Malen zu begegnen; viele Bilder entstehen, manche davon Gemälde der in Trümmern liegenden Stadt.

 1946 traut sie sich eine »Lustreise« an den Bodensee zu, trifft alte Bekannte und Freunde, freut sich über den lange vermissten Austausch und besucht die vielbesprochene Impressionisten-Ausstellung in Baden-Baden.

1947 erschien eine Mappe mit Original-Lithographien nach Zeichnungen von Gertraud Rostosky in der neu gegründeten Lovis-Presse des Verlegers und Arztes Ludwig Gremliza in Schwenningen, der Mappen mit Werken von Erich Heckel und Otto Dix folgten. In der Nachkriegszeit kam das einem Wunder gleich.

Und ebenfalls in Schwenningen fand eine große Ausstellung ihrer Bilder statt, die von einem Ausstellungskatalog begleitet wurde – noch eine erfreuliche Entwicklung.

Museum im Kulturspeicher in Würzburg

Quelle: pixabay

Gertraud Rostoskys Werke zeichnen sich aus durch eine klare Bildsprache in an den Impressionismus angelehnten Strukturen. Ihre Farbpalette ist harmonisch, nie laut. Ihre Skizzen zeigen forsche, sichere, aber bewegte Striche. Viele Porträts hat sie gemalt, einige Stillleben, aber auch Stadtansichten, hauptsächlich von ihrer Stadt Würzburg.

Sie schrieb eine ausführliche »Chronik der Neuen Welt« und ihre Erinnerungen »Schöpferische Geister«, nebenbei auch viele Gedichte und einige Märchen.

In ihren letzten Jahren musste sie erleben, wie ihr umfangreicher Max-Dauthendey-Nachlass verhökert und die Neue Welt verunstaltet wurde

Im Mai 1959 starb Gertraud Rostosky auf der Neuen Welt. Einsam war es da längst um sie herum geworden. Ihre Heimatstadt Würzburg hat lange Jahre weder sie, noch Max Dauthendey, noch die Neue Welt ausreichend gewürdigt. Unterdessen hat das Museum Kulturspeicher Würzburg versucht dem nachzukommen. Spät, aber wunderbar!

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