Gertrud Arndt – frühe Selfies

von Anja Weinberger

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt eine alte Eintrittskarte aus dem Jahr 2022: zwei seltsame Augen blicken aus dem schwarzen Hintergrund heraus: The milk of dreams – Biennale di Venezia. Eine Fülle spannender Kunst war zu sehen, aber am stärksten hat mich diesmal die Künstlerin Gertrud Arndt beeindruckt, von der ich zuvor nie gehört hatte.

Ihre Geschichte ist schnell erzählt. Gertrud, geboren 1903, will Architektin werden. Sie sprudelt über vor Ideen, macht eine Lehre in einem Architekturbüro, gilt als äußerst begabt, wird mit einem Stipendium aufs Bauhaus geschickt und dort zu ihrem Entsetzen in die »frauengerechte« Webereiklasse gesteckt. Sie hasst die Arbeit am Webstuhl, stellt trotzdem aufsehenerregende Werke her, darunter den »Teppich 2«, den Walter Gropius sofort für sein Arbeitszimmer beanspruchte und der bis heute nachgearbeitet wird. Sie besteht die Gesellinnen-Prüfung mit Auszeichnung und betritt danach nie mehr eine Webstube. Näher als durch ihre Heirat mit dem Bauhaus-Architekten Alfred Arndt wird sie ihrem Traumberuf nicht kommen. Mit ihm handelt sie einen wohl ernst gemeinten und doch humorvollen Ehevertrag aus, der die »völlige Gleichheit der Frau neben dem Manne« fordert und setzt dazu: »jeder muss dasselbe tun, sonst ist die Ehe ungültig«. Man ahnt schon, dass dieser hehre Wunsch nicht erfüllt werden wird. Anfangs fotodokumentiert Gertrud die Bauprojekte ihres Mannes, der als freier Architekt arbeitet. Doch bald wird dieser zum Meister an das Bauhaus in Dessau berufen. Nun gibt es für die kreative, unternehmungslustige Ehefrau nichts mehr zu tun, und auch die Tatsache, in einem der visionären Meisterhäuser von Walter Gropius leben zu können, tröstete sie nur sehr, sehr kurz. Kurzerhand richtet Gertrud sich im Bad eine Dunkelkammer ein; den fehlenden Selbstauslöser ihres Fotoapparates umgeht sie mit schwarzem Zwirn und einem Besenstil. Innerhalb weniger Tage entstehen ihre Maskenporträts, von der Künstlerin selbst zweckmäßig durchnummeriert von eins bis 43. Wir sehen die junge Frau in unterschiedlichsten Posen, mal Grimassen schneidend, mal verführerisch, Spitze verschleiert ihr Gesicht, üppige Stoffe zieren den Hintergrund. Schwer zu sagen, weshalb sie all diese Klischees vom Clown bis zur Edelhure bedient, aber ganz klar ist festzustellen, dass es nicht um das ästhetisch perfekte, gut ausgeleuchtete Abbild gehen soll. Selbstporträts sind es nicht, eher Abbildungen unterschiedlicher Rollen und auf jeden Fall ist der Name Maskenporträts gut gewählt, denn hinter Masken kann man sich verstecken und mit einer Maske kann man eine Andere sein.

Hier geht es zum Blog über Frauen in Kunst, Musik und Geschichte – natürlich auf der Kulturplattform „Der Leiermann“

 

Gertrud Arndt, die 2000 starb, hat für die eigene Schublade fotografiert, an die Öffentlichkeit ging sie mit ihren Bildern nicht. Zu sehen waren diese erst 50 Jahre später, 1979 im Essener Folkwang-Museum, dann wieder 2013 in der Ausstellung »Bauhaus, weiblich« und schließlich 2022 im Zentralen Pavillon der Biennale in Venedig, wo ich verblüfft vor ihnen stand. Ebenso verblüfft wäre Gertrud Arndt vermutlich gewesen, hätte sie diesen Erfolg miterlebt. Sie, die von Konventionen beinahe erstickte und immer klein gehaltene Bauhausschülerin, fotografierte aus Langeweile und gilt heute als Pionierin des »Selfies«.

Architektin wollte sie werden, weltberühmte Teppichmodelle hat sie kreiert und nun gesellt sie sich zu Cindy Sherman, Claude Cahun und Sophie Calle.

 

(Dieser Text stammt aus Anja Weinbergers Buch Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik, das 2023 beim Leiermann erschienen ist.)

 

 

PS. In diesem Zusammenhang fällt einem auch sofort die Fotografin, Kunsttheoretikerin und Publizistin Lucia Moholy-Nagy ein, die zeitgleich mit Gertrud Arndt die Problematik der Gleichberechtigung am Bauhaus kennenlernte. Heute wird sie für ihre Aufnahmen gefeiert, die sie damals von »der Deutschen liebste Kunstschule« [1] gemacht hatte. Die klaren, sachlichen, doch perspektivisch immer spannenden Aufnahmen prägen ganz elementar unsere Vorstellung vom Bauhaus. Bei der Herausgabe der 14 Bücher des Bauhauses brachte sie ihr Fachwissen, das sie als Verlagsmitarbeiterin, z. B. als Lektorin und Pressereferentin bei Rowohlt, erworben hatte, unentgeltlich ein. Lediglich im Vorwort des allerletzten Bandes wird sie kurz erwähnt.

 

 

[1] Annette Bußmann in ihrem Aufsatz über die Künstlerin auf dem Blog fembio.org

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