Geschichte der Stadt Regensburg

 

von Christian Schaller

Dieses Postkartenmotiv von Regensburg kennt fast jeder: Ein buntes Häusermeer mit hochaufragenden Geschlechtertürmen und mittelalterlichen Giebeln, über das sich imposant und doch filigran die gotische Kathedrale von St. Peter erhebt. Davor ein reißender Strom – die Donau – und darüber spannt sich die tausendjährige Steinerne Brücke.

Und tatsächlich lässt sich das Leben einer mittelalterlichen Handelsstadt an wenigen Orten so gut nacherleben wie in der Stadt am nördlichsten Punkt der Donau. Im Jahr 2006 wurde die Altstadt auch zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben. Doch Regensburg ist so viel mehr als nur Mittelalter: Seit bald 2000 Jahren ist die fruchtbare Flussschleife schon besiedelt – erst gehörte sie als trutziges Legionslager zum antiken Römischen Reich, dann zum Herzogtum der Bayern, schließlich wurde Regensburg sogar ein autonomer Stadtstaat, eine Freie Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Im 17. Jahrhundert wurde die Donaumetropole sogar zum Sitz des Immerwährenden Reichstags und damit ein Zentrum europäischer Politik. Die Geschichte der Stadt Regensburg ist letzten Endes nicht nur reichhaltig und lang, sondern auch stets voller faszinierender Personen und Ereignisse gewesen.

Antike und Mittelalter: Römisches Legionslager, Sitz des bayerischen Herzogs und Freie Reichsstadt

Der Raum Regensburg war bereits in vorgeschichtlicher Zeit von strategischer Bedeutung: Hier kreuzten sich Fernhandelsstraßen, die West- und Osteuropa, die Nordsee und den Mittelmeerraum miteinander verbanden. Der große Bogen, den die Donau hier machte, stellte zugleich den nördlichsten Punkt dieses großen europäischen Stromes dar. Bis heute wurde keine Stadt der Kelten gefunden, die in diesen Regionen beheimatet waren. Erst die Römer sollten die ältesten Vorgängersiedlungen errichten. Nachdem das Römische Imperium bis 15 vor Christus das Voralpenland erobert und als neue Provinzen dem Reich angegliedert hatte, entstand ab dem Jahr 80 nach Christus ein Stützpunkt im heutigen Regensburger Stadtteil Kumpfmühl. Bereits damals entwickelte sich ein ansehnliches Zivildorf um das Lager. Als der germanische Stamm der Markomannen in den 170er Jahren die Donauufer verwüstet hatte und bis nach Italien vorgedrungen war, schlug der damalige römische Kaiser Mark Aurel die Eindringlinge zurück und befahl daraufhin von 175 bis 179 nach Christus den Bau eines großen Legionslagers aus massiven Steinquadern, um den Donaubogen besser bewachen und schützen zu können.

Dies war die Gründung Castra Reginas, des heutigen Regensburgs – die Umrisse des etwa 542 auf 453 Meter messenden Lagers lassen sich bis heute in der Altstadt ablesen. Obwohl das Lager während der Antike noch mehrere Male zerstört wurde, entstand erneut eine relativ große Siedlung um das Lager. Das Römische Reich ging unter, doch in Regensburg erfolgte keine krasse Zäsur. 

Steinerne Brücke Regensburg; © hpgruesen

Die Legion wurde in den letzten Jahren des Imperiums abgezogen, die Besatzung wurde immer mehr von germanischen Söldnern gestellt, die sich langsam mit der ansässigen Lokalbevölkerung vermischte. Zwischen den Jahren 430 und 770 liegen keine Schriftquellen vor, weshalb nur archäologische Funde Auskunft über die Siedlungskontinuität zwischen Antike und Mittelalter liefern.

Im frühen Mittelalter avancierte Regensburg dann zum Machtzentrum der ersten Herzöge von Bayern, dem Geschlecht der Agilofinger. Die immer noch intakten Mauern des alten Lagers machten den Ort geradezu uneinnehmbar und zu einer attraktiven Hauptstadt des jungen Herrschaftsgebietes. Im Nordosten des ummauerten Bereichs entstand eine Pfalz, also ein herzoglicher Palast. Durch die drei Missions- und Wanderbischöfe Rupert, Emmeram und Erhard war die Region zudem bereits im frühen Mittelalter christianisiert worden und Regensburg wurde bald Sitz eines Bischofs. Im 8. Jahrhundert distanzierten sich der Herzog und der Bischof immer mehr voneinander. Es entstanden zwei Machtbereiche innerhalb der Stadt. Karl der Große eroberte bis 788 das agilofingische Bayern und machte es zu einem Teil seines Frankenreiches. Er weilte mehrmals in der militärstrategisch bedeutsamen Stadt, um von dort aus seine Feldzüge gegen die Awarenstämme im Osten zu planen. Es fanden nun auch einige Reichstage in Regensburg statt – eine Tradition, die vor allem in späteren Jahrhunderten von Bedeutung sein sollte. Um 920 war die „urbs regia“ – die königliche Stadt – bereits so weit gewachsen, dass ein neuer Mauerring um die große Vorstadt im Westen der alten Römermauern gezogen werden musste. Dies war die erste nachantike Stadterweiterung nördlich der Alpen und belegt eindrücklich das Wachstum der Siedlung. Nach dem Sieg König Ottos des Großen über die ungarischen Magyaren in der Lechfeldschlacht bei Augsburg 955 begann eine Zeit der Stabilität und Prosperität für Mitteleuropa. In Regensburg brach nun eine Zeit der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte an, die ihresgleichen suchte. Die städtischen Klöster waren Zentren der Gelehrsamkeit und Forschung und die immer selbstbewussteren Kaufleute unterhielten Handelsbeziehungen nach beinahe ganz Europa und bis hin zum Byzantinischen Reich im Osten. Die Donau war dabei die Lebensader der mittelalterlichen Metropole. Das wohlhabende Bürgertum begehrte immer mehr gegen die alten Herren auf – also den Herzog, den Bischof, die Klöster – und erstritt sich im Laufe der Jahrzehnte zunehmend Rechte und Privilegien. Die neue Identität der Stadt erwuchs aus dem wirtschaftlichen Aufschwung und Erfolg.

Im Jahr 1245 war es dann endgültig geschafft: Regensburg erhielt das Recht, sich autonom zu verwalten und war nun eine Freie Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation – und damit nur dem römisch-deutschen König und Kaiser untertan. Im Kaufleuteviertel im Westen wurden große Paläste mit trutzigen Wohntürmen erbaut – eine Mode, die man sich bei den Handelspartnern in Italien abgeschaut hatte. Mit dem Haidplatz war ein zentraler Versammlungsort dieser neuen Oberschicht entstanden. Etwas weiter östlich, am Kohlenmarkt, wurde als Ausdruck des Bürgerstolzes zudem ein Rathaus erbaut.

Regensburg; © FelixMittermeier

Ebenfalls wurden zwei weitere Bauwerke im 13. Jahrhundert in Angriff angenommen, die bis heute das Stadtbild prägen: die Steinerne Brücke und der gotische Dom St. Peter. Beide hatten gewiss einen praktischen Nutzen – so war die Brücke der einzige feste Donauübergang zwischen Ulm und Wien – doch vor allem waren diese Gebäude auf Pracht und Repräsentation ausgelegt.

Sie sollten die Herrlichkeit Regensburgs jedem Besucher vor Augen führen. Mit circa 20.000 Bewohnern war die mittelalterliche Weltstadt nach Köln auch die zweitgrößte Stadt der deutschen Lande. Die Macht der Kaufleute und Patrizier war groß, jedoch auch immer an den wirtschaftlichen Erfolg geknüpft. Der Fernhandel dominierte die städtische Wirtschaft, während die lokalen Handwerker und Zünfte geradezu systematisch klein und machtlos gehalten wurden. Zudem waren die Ratsoligarchen nach wie vor nicht die alleinigen Herren der Stadt. Immer noch besaßen der Bischof und der Herzog Grund, Rechte und Gerichtsbarkeit innerhalb der Stadtmauern. Zudem existierten mit St. Emmeram, Niedermünster und Obermünster gleich drei autonome Klöster. Die Stadt Regensburg teilte sich also bis zum Ende des Alten Reiches in diese sechs politischen Einheiten. Mit dem Beginn der frühen Neuzeit verlagerte sich der Wirtschaftsschwerpunkt zunehmend von Europa in den Atlantikraum. Die Neue Welt im Westen wollte erforscht und erschlossen werden. Durch das aufstrebende Osmanische Reich und die Türkengefahr im Osten wurde die Donauroute, über Jahrhunderte die Haupthandelsroute der Stadt, zunehmend gefährlich. Der Markt hatte sich zudem verändert – die von Regensburg hauptsächlich gehandelten Luxusgüter verloren ihren Reiz und Massenprodukte rückten in das Interesse der wachsenden Kundschaft. Die wirtschaftliche Stagnation begann im 15. Jahrhundert und die unvergleichliche Blütezeit Regensburgs war erst einmal vorüber.

Renaissance und Barock: Von der Krise zur Stadt des Immerwährenden Reichstags

Regensburg war am Ende des Mittelalters in einer ausweglosen finanziellen Notlage. Dies nutzte der vertriebene Nachbar und alte Konkurrent, der bayerische Herzog, um sich alte Herschaftsrechte wieder zu erkaufen. Er löste 1486 verpfändete Ländereien aus, zu denen beispielsweise Stadtamhof am anderen Donauufer gehörte. Überquerte man vom Stadtstaat Regensburg aus nun die Steinerne Brücke, befand man sich direkt im Ausland. Zudem holte er sich das Schultheißengericht zurück. Dies erzürnte wiederum den offiziellen Stadtherren, den Kaiser, der forderte, dass Regensburg eine autonome Reichsstadt zu bleiben habe. Im Jahre 1492 wurde Regensburg somit zur „Freiheit gezwungen“.

Die nachfolgende Zeit der Renaissance und das gesamte 16. Jahrhundert waren für Regensburg keine Zeit der kulturellen Glanzleistungen. Vielmehr war es eine Epoche der Krisen. Wirtschaftliche Innovationen wurden vom konservativen Rat unterdrückt. Steuereinnahmen und Bautätigkeit stagnierten, der Haushalt der Stadt geriet in eine Schieflage und die Bevölkerung war zunehmend verunsichert und unzufrieden. Der Hass entlud sich leider an einem alten Sündenbock: den Juden. War die große Judengemeinde im Herzen der Stadt während des Mittelalters verschont geblieben, so wurden im Jahr 1519 alle jüdischen Mitbürger vertrieben. Deren Wohnhäuser und die Synagoge wurden planiert – noch heute existiert diese neugewonnene Freifläche als Neupfarrplatz in der Altstadt.

Schon 1523 verbreiteten sich die Ideen der Reformation in der Stadt und vertieften die Diskrepanzen in der Stadtgesellschaft noch weiter. Die einfache Bevölkerung übernahm rasch die neue Konfession. Im Jahr 1542 wurde die erste reformatorische Messe gehalten und ab 1651 wurde das Bürgerrecht dann schließlich nur noch an Protestanten vergeben. Gleichzeitig existierten jedoch natürlich die katholischen Enklaven des Doms und der Klöster weiter.

Regensburg mit Dom; © USA-Reiseblogger

Die Zeit der Konfessionalisierung und Gegenreformation förderte zumindest die sozialen Einrichtungen und Schulen in der Stadt, die nun in jeweils doppelter, konkurrierender Ausführung entstanden – einmal katholisch und einmal evangelisch. Im Dreißigjährigen Krieg 1618 bis 1648 wurde die Reichsstadt zweimal erobert. Der nachfolgende Westfälische Frieden regelte das Zusammenleben der beiden Konfessionen und etablierte damit einen nur oberflächlichen, aber zumindest dauerhaften Frieden.

Mit dem nun einsetzenden Zeitalter des Barocks begann zugleich ein neuer Abschnitt in der Regensburger Geschichte, der den wirtschaftlichen Einbruch zumindest in einigen Teilen kompensieren konnte. Im Jahr 1663 wurde in Regensburg – wie schon öfters vorher – ein Reichstag abgehalten. Dieser dauerte jedoch immer länger und irgendwann wurde er zu einer festen Institution, die einfach dauerhaft in der Stadt verblieb. Als Tagungsort dieses Immerwährenden Reichstages war Regensburg damit bis zum Ende des Alten Reiches ein europäischer Zentralort. Gesandte aus ganz Europa kamen regelmäßig in die Stadt oder unterhielten sogar Botschaften und Paläste dort. Mit den Fürsten und Reichsständen hielt auch das verfeinerte höfische Leben Einzug in Regensburg. Kunst und Kultur florierten erneut, die Stadt war endlich wieder so weltoffen und multikulturell wie im hohen Mittelalter. Im Jahr 1748 zog die Adelsfamilie Thurn und Taxis in die Stadt, da sie vom Kaiser zu dessen dauerhaftem Stellvertreter vor Ort erhoben worden war. Am Ende des 18. Jahrhunderts stiftete Fürst Karl Anselm die nach ihm benannte Allee rund um die Stadtmauern Regensburgs. Bis heute existiert sie als beliebter grüner Gürtel rund um die historische Altstadt und als Puffer zu den umgebenden modernen Stadterweiterungsgebieten.

Neue und Neueste Geschichte: Regensburgs langer Weg zur modernen Großstadt

Im Zuge der Napoleonischen Kriege um 1800 endete nicht nur das Heilige Römische Reich, auch die Autonomie Regensburgs wurde nun endgültig aufgelöst. Der Kirchenbesitz wurde säkularisiert, die Reichstadt mediatisiert. Der freie Stadtstaat wurde 1802/1803 zunächst ein kleines Fürstentum. Der ehemalige Erzbischof und Kurfürst von Mainz, Karl Theodor von Dalberg, sollte damit von Napoleon für den Verlust seiner alten Territorien entschädigt werden. Er bemühte sich redlich, die immer noch mittelalterliche Stadt zu einer modernen Residenzstadt umzubauen und sich durch Reformen beim Volk beliebt zu machen. Die Dalbergzeit sollte jedoch nur kurz währen – bereits 1810 wurde das Fürstentum aufgelöst und nun endgültig Bayern zugeschlagen.

Als nunmehr bayerische Provinzstadt geriet Regensburg zunächst in eine erneute Stagnation. Der Fortschritt des industriellen Zeitalters erreichte Regensburg erst sehr spät und dann auch nur spärlich. Im Jahr 1845 wurde der Donau-Main-Kanal gegraben, erst 1859 erfolgte die Anbindung an das Eisenbahnnetz. Im Laufe der Jahre wurde auch die städtische Infrastruktur an die Standards des modernen 19. Jahrhunderts angepasst – Wasserversorgung und Kanalisation, Gas und Elektrizität, Müllabfuhr und Straßenbahnen. Das mittelalterliche Stadtbild wurde auch in dieser Zeit weitgehend erhalten.

Ludwig I., König von Bayern; © Hans

Eine der größten und auch prägendsten Baumaßnahmen des Jahrhunderts war gewiss die Fertigstellung des gotischen Domes. Die ewige Baustelle war über Jahrhunderte ein Sinnbild für den Niedergang der Stadt gewesen. Im aufkommenden Geist von Nationalismus und Historismus wurden die Türme und Turmhelme zwischen 1859 bis 1869 im Stil der Neogotik fertig gestellt. Bis heute dominieren sie das Stadtbild als Wahrzeichen.

 

Auch im 20. Jahrhundert setzte sich die wirtschaftliche Not zunächst fort. Die Stadt wuchs durch Industrieansiedlungen und Eingemeindungen jedoch stark an. Die Wohnungsnot wurde immer gravierender. Im nationalsozialistischen Regime zwischen 1933 bis 1945 erfolgte eine massive Förderung der Industrie und des Wohnungsbaus – dies geschah jedoch hauptsächlich zugunsten des geplanten Zweiten Weltkrieges. Regensburgs sollte von den Bombenangriffen glücklicherweise weitgehend verschont bleiben. Während nach dem Krieg die Wirtschaft zum wiederholten Male einbrach, konnte dies in den folgenden Jahren langsam durch weitere Firmenansiedlungen und einen neuen Industriehafen kompensiert werden. Im Jahr 1967 wurde die Universität gegründet, bereits in den 1980er Jahren konnte die Stadt ein immenses Wirtschaftswachstum verzeichnen – tatsächlich das höchste unter allen deutschen Städten. Durch die Autobahnen, vor allem den Verkehrsknotenpunkt im Südwesten, war die Stadt auch wieder infrastrukturell angebunden. Trotz einiger Bausünden konnte die wertvolle mittelalterliche Bausubstanz Regensburgs bis in die Gegenwart größtenteils erhalten und saniert werden. Im Jahr 2006 wurde die einzigartige, historische Altstadt darum sogar zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben.

Verwendete Literatur
  • Borgmeyer, Anke / Ferstl, Peter / Dallmeier, Lutz-Michael (Hg.): Stadt Regensburg. Ensembles, Baudenkmäler, archäologische Denkmäler. Regensburg 1997.
  • Freitag, Matthias: Regensburg: Kleine Stadtgeschichte. Regensburg 2016.
  • Schmid, Peter (Hg): Geschichte der Stadt Regensburg. 2 Bände. Regensburg 2000.
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