Gab es Gesinde im Haushalt der Familie Bach?

von Eberhard Spree

Sehr häufig ist die Meinung anzutreffen, dass Anna Magdalena Bach nach ihrer Eheschließung ihre künstlerischen Ambitionen begraben musste, weil sie nun die Kinder zu versorgen hatte, das Essen kochte, die Wohnung reinigte und die Wäsche wusch. Aber entsprach das einer Frau ihres Standes und den Fakten, die über sie bekannt sind?

Die Frage, ob und wie viel Gesinde im Haushalt der Familie Bach angestellt war, hat eine entscheidende Bedeutung. (Mit dem Begriff Gesinde wurden Personen zusammengefasst, die für verschiedene Arbeiten im Haus zuständig waren, zum Hauswesen gehörten und dafür in Lohn und Brot standen.) Wenn viele der dort anfallenden täglichen Arbeiten durch Angestellte ausgeführt wurden, hatte Anna Magdalena Bach Freiräume, um in anderer Weise tätig zu sein. Das oft anzutreffende Bild der Ehefrau, die den ganzen Tag Kinder versorgen musste, in der Küche das Essen kochte, die Wohnung sauber hielt und Wäsche wuchs, würde dann beträchtlich ins Wanken geraten.

Die eingangs gestellte Frage kann schon insoweit mit Ja beantwortet werden, als auch Ammen zum Gesinde gehörten (siehe Beitrag „Wie viele Kinder hatte Anna Magdalena Bach zu versorgen?“) und es sind weitere Angestellte nachweisbar. Im August 1721 ist für eine Taufe in Köthen als Patin „Jungfer Anna Elisabeth, in diensten bey dem Herrn Capellmeister Bachen“ aufgeführt. Zu dieser Zeit war Johann Sebastian Bach alleinstehender Witwer. Aber auch nach seiner Eheschließung mit Anna Magdalena im Dezember 1721 wird eine Magd im Haushalt gearbeitet haben. Aus seinem Nachlassverzeichnis geht hervor, dass eine Magd noch 4 Taler zu erhalten hatte. Das war ein relativ hoher Betrag, für den zum Beispiel ein Bergknecht in einem kursächsischen Bergwerk einen Monat arbeiten musste. Eine Magd konnte nicht so lange auf die Auszahlung ihres Lohnes warten, wenn sie selbst für Unterkunft und Ernährung zu sorgen hatte. Das lässt darauf schließen, dass diese Magd auch bei der Familie Bach wohnte und dort verköstigt wurde, was üblich war.

Aber gab es im Bachschen Haushalt nur eine Magd? Schon Studenten hatten, selbst wenn sie gemeinsam eine Stube bewohnten, ihre Aufwartefrauen. Diese putzten Schuhe, reinigten die Stube, heizten, erledigten Einkäufe. Johann Sebastian Bach hatte einen bedeutend höheren Stand. So konnte er zum Beispiel 1748 ein Zeugnis für einen Schüler mit: „Joh. Seb. Bach, Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächs. Hof-Compositeur, Capellmeister und Director Chori Musices in Leipzig“ unterschreiben. Er wurde im Leipziger Adressbuch unter den „Personen, so mit besondern, auch auswärtigen Dignitäten und Tituln beehret sind“ geführt.

Thomaskirchhof in Leipzig, 1749 (Ausschnitt aus einer kolorierten Radierung von Johann Georg Schreiber)

Das Gebäude in der Mitte ist die Thomasschule. Im linken Teil befand sich die Wohnung der Familie Bach.

(Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Objekt S0003454)

In der Thomasschulordnung von 1723 zu lesen, dass der Rektor und der Kantor über Wohnungen in der Thomasschule verfügten, „also zugerichtet, daß in einer jeden sie ihre Haußhaltung absonderlich führen, auch Weib, Kinder und Gesinde darinne haben können.“ Gesinde heißt es dort. Es wird also nicht nur von einer Person gesprochen, sondern von einer Mehrzahl. Demnach entsprach es nicht nur dem Stand des Kantors an der Thomasschule, dass er Dienstpersonal hatte, sondern dass einige davon auch in seiner Wohnung lebten.

Die Wohnung der Familie Bach erstreckte sich über mehrere Stockwerke und war über zweihundert Quadratmeter groß. Hier wurden auch viele Privatschüler unterrichtet, die Studenten an der Universität waren. Einige von ihnen wohnten ebenfalls dort.

Im Laufe der Jahre sind verschiedene Personen nachzuweisen, die für die Familie Bach als Privatsekretär und Hauslehrer arbeiteten. Es konnte eine Amme finanziert werden, die deutlich mehr Geld als eine Haus- oder Küchenmagd verdiente. 50 Taler erhielt Johann Sebastian Bach zum Beispiel für die Komposition und Aufführung einer Kantate im Oktober 1734 zu Ehren des Kurfürsten. Damit konnte eine Magd, die im Haushalt versorgt wurde, mehrere Jahre angestellt werden.

 

Leider gibt es keine zeitgenössischen Berichte über das Leben der Familie Bach, aus denen hervorgeht, wie groß die Anzahl an Bediensteten in diesem Haushalt genau war. Anhaltspunkte liefert aber eine mehrwöchige Reise von Anna Magdalena und Johann Sebastian Bach im September/Oktober 1732 nach Kassel. Bei der Abfahrt der Eltern hatten die Kinder folgendes Alter:

Catharina Dorothea                       23 Jahre

Wilhelm Friedemann                    21 Jahre

Carl Philipp Emanuel                   18 Jahre

Johann Gottfried Bernhard         17 Jahre

Gottfried Heinrich                          8 Jahre

Elisabeth Juliana Friderica           6 Jahre

Regina Johanna                              3 Jahre

Johann Christoph Friedrich         2 Monate

 

Im Beitrag „Wie viele Kinder hatte Anna Magdalena Bach zu versorgen? wurde bereits darauf eingegangen, dass ein Überleben von Johann Christoph Friedrich ohne die Unterstützung einer Amme kaum vorstellbar ist. Es waren aber auch weitere kleine Kinder zu betreuen und all die notwendigen Reinigungsarbeiten in der Wohnung vorzunehmen. Vor allem musste regelmäßig gekocht werden, wozu entsprechend einzukaufen war. Schon um eine Tasse Tee oder Kaffee zu bereiten, war ein brennendes Feuer notwendig, das beaufsichtigt werden musste. Eine kleine Vorstellung über Arbeiten in der Küche liefert eine Abbildung aus einem Kochbuch dieser Zeit.

Frontispiz im Leipziger Kochbuch von Susanna Eger, Leipzig 1745

(Quelle: Bibliothek Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Literatur 00016377)

 

Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel Bach werden für die Versorgung ihrer jüngeren Geschwister und andere Hausarbeiten nicht zur Verfügung gestanden haben. Beide studierten im Herbst 1732 an der Universität Leipzig und die Übernahme solcher Aufgaben war mit den damaligen Ehrbegriffen eines Studenten kaum zu vereinbaren. Einen Begriff dafür liefert der Sohn eines Schmiedemeisters, der 1739 in Jena sein Studium antrat und mitteilt: „Ich erinnere mich daß ich einmal, als ich über den Markt gegangen, einen großen runden Käse, in Form unserer Schaaf Käse gesehen hatte. Ich schickte sogleich bei meiner Zuhausekunft die Aufwärterin dahin ihn einzukaufen.“ Dieser Student sah es also mit seinem Stand nicht vereinbar an, den Käse selbst zu kaufen. Es ist nicht anzunehmen, dass es die beiden älteren Bachsöhne grundsätzlich anders hielten. Der 17-jährige Gottfried Bernhard wird sich wohl an ihrem Beispiel orientiert haben.

Wenn davon ausgegangen wird, dass Catharina Dorothea all die anfallenden Aufgaben allein erledigte, so würde man ihren Eltern unterstellen, sie wie eine Dienstmagd gehalten zu haben. (Dem Ehepaar Bach stand übrigens während seines Kasseler Aufenthalts ein Diener zur Verfügung.)

All das berücksichtigend könnten während der Abwesenheit der Eltern im Leipziger Haushalt der Familie Bach eine Magd (und vielleicht auch eine Jungmagd), eine Köchin und eine Kinderfrau angestellt waren. Dazu kamen eine Amme und ein Hauslehrer. Außer den beiden letztgenannten könnte dabei auch eine Magd im Haushalt gewohnt haben.

Bei einer Reise von mehreren Wochen ist wohl vorauszusetzen, dass zu den Angestellten bereits ein längeres Vertrauensverhältnis bestand und dass sich das Ehepaar Bach auf eingespielte Abläufe verlassen konnten. Es ist nicht davon auszugehen, dass nach der Rückkehr das Dienstpersonal entlassen wurde und Anna Magdalena dessen Arbeiten übernahm. Sie hatte als Ehefrau das Recht, sich dagegen zu verwehren, „wenn ihr der Mann solche Dinge zu muthet, die einer Magd anständiger sind“, wie es in einem Lexikon dieser Zeit zu lesen ist.

Übrigens ist der Aufenthalt von Anna Magdalena Bach 1732 in Kassel nur bekannt, weil der Schreiber in den Abrechnungen nach dem Capellmeister Bach die Worte „et uxori“ (und Ehefrau) hinzufügte. Nachweisbar sind mehrtägige Reisen des Ehepaars auch für 1724, 1725 und 1729, weil Anna Magdalena in Abrechnungen erscheint, oder für 1739 durch eine kleine Briefnotiz. Niemand weiß, wie viele andere Quellen verloren gingen, die weitere Reisen für sie nachweisen würden. Es gibt somit keinen Beleg, dass sie ihren Ehemann nur selten begleitete, sondern es ist nur bewiesen, dass es für sie möglich war, Leipzig für längere Zeit zu verlassen, weil sie ihre Kinder und den Haushalt versorgt wusste.

 

Häufig ist zu lesen, dass Friedelena Margaretha Bach (1675–1729) eine große Hilfe im Haushalt der Familie Bach gewesen sei. Sie war die Schwester der ersten Frau Johann Sebastian Bachs und gehörte bereits vor seiner Eheschließung mit Anna Magdalena zu seinem Haushalt. (Bachs erste Frau war entfernt mit ihm verwandt und, wie ihre Schwester, eine geborene Bach.) Über Friedelena Margaretha Bach gibt es aber keine weiterführenden Informationen. Vielleicht erledigte sie Hausarbeiten. Vielleicht waren diese aber auch „unter ihrer Würde“ und sie bestand ebenfalls darauf, nicht wie eine Magd gehalten zu werden. Auszuschließen ist auch nicht, dass sie unter Behinderungen litt und Betreuung benötigte. Kurz, es können über ihr Wirken nur Vermutungen angestellt werden. (Für die Reise 1732 kam sie als Unterstützung sowieso nicht infrage, weil sie bereits drei Jahre davor verstorben war.)

 

In ihrer Dissertation zu Leipziger Professoren dieser Zeit stellt Theresa Schmotz fest: „Ohne Gesinde hätte kein Leipziger Professorenhaushalt […] funktionieren können – und wäre ohne dessen Dienstbarkeit nicht einmal vorstellbar gewesen.“ Für die Familie Bach mag eine solche Vorstellung neu und ungewohnt sein. Für Personen ihres Standes war das aber üblich. In einem Lexikon der damaligen Zeit ist unter dem Stichwort „Haus-Mutter“ zu lesen: „ist die Gehülffin des Haus-Vaters, folglich die andere Haupt-Person einer Haus-Wirthschafft, ohne welche selbige nicht leicht in guter Ordnung angestellet und geführet werden mag. In Anbetrachtung der ehelichen Gesellschafft ist sie als Ehe-Frau und Mutter anzusehen, in Absicht der Herrschafft und Haushaltung aber, als die Frau vom Hause und Befehlshaberin zu achten.“ Grundsätzlich war es also nicht die Aufgabe der Frau Capellmeisterin Bach, in der Küche Essen zu kochen, die Wohnung zu reinigen oder Wäsche zu waschen. Als „Haus-Mutter“ stand sie mit ihrem Ehemann gemeinsam einem Hauswesen vor, in dem mit Musik Geld verdient wurde. Zu diesem Hauswesen gehörten neben den Kindern, auch Dienstpersonal und Privatschüler, die dort lebten. Anna Magdalena hatte die für das Zusammenleben notwendigen Abläufe zu organisieren und zu überwachen. Dafür musste sie zum Beispiel auch kochen können, aber nicht, um selbst am Herd zu stehen, sondern um die korrekte Durchführung von Küchenarbeiten zu überprüfen.

Es wäre übrigens auch schon aus wirtschaftlichen Gründen höchst unklug gewesen, wenn Anna Magdalena Bach Arbeiten übernommen hätte, die Angestellte verrichten konnten. Sie besaß Fähigkeiten, mit denen sie deutlich höhere Einkünfte erwirtschaften konnte, als eine Köchin oder Magd für ihre Arbeit erhielten. Darauf soll in folgenden Beiträgen eingegangen werden.

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