Giulio Regondi

Tiefe Wälder, wilde Schluchten, das sturmumtoste Meer: All diese Dinge gibt es, seitdem der Mensch denken kann, doch für Jahrmillionen waren es nur dunkle, unbekannte Mächte, die man angstvoll mied und denen man zu opfern lernte.  Doch dann, scheinbar über Nacht, ersteht ein neues Geschlecht und dieses sieht die Welt mit neuen Augen. Es entdeckt die dunkle Schönheit dieser Urgewalten, verfällt ihrem Zauber und sieht sich selbst in ihrem Spiegel als das, was es ist: ein Hort einsamer Menschen, frierend im Nebel einer neuen Zeit und bald gibt es auch einen Namen für dieses neue Lebensgefühl: Romantik.

Die Romantik. Wer von uns verbindet nicht etwas Bestimmtes mit diesem Wort? Hochzeit der Gefühle, Freude, Liebe vor allem, aber auch Verzweiflung, Trauer, Schmerz und Leid – also alle Dinge, die wir auch heute noch als die bestimmenden Elemente unseres Lebens ansehen. Uns erscheint es ganz »natürlich«, dass wir sie empfinden und sie Teil unseres Daseins sind, und doch musste all das erst entdeckt werden.

Entdeckt in einer vielleicht kühleren, auf jeden Fall aber einer grundlegend von unserer verschiedenen Welt. Vielleicht war das auch der Grund, warum diese Veränderung dem Einzelnen so naheging, denn es war der Beginn einer neuen Zeit, einer Zeit, in der alle alten Werte zu Grabe getragen und das Unterste nach oben gespült wurde.

Auch in der Musik! Denn unbekannte, nie gesehene Gestalten stürmten auf die Bühne und der Musiker wandelte sich von einem dienstbaren Geist zu einem genialen Künder einer fremden Welt, der, umgeben von einer dunklen Aura, im Scheine einer nie zuvor gehörten Virtuosität die Konzertsäle füllte und die Menschen zu Begeisterungsstürmen hinriss. Noch heute kennen wir ihre Namen: Paganini, Liszt, Alkan, Chopin und wie sie alle hießen, Heroen einer ganzen Generation und Verführer und Vorbilder bis heute. Sie alle, früh gezeichnet mit dem Kainsmal der Verlorenen, Wunderkinder und meist zu früh verloschen, lebten ohne Netz und doppelten Boden im fahlen Glanz ihres Genies und hielten einer bürgerlichen Welt den Spiegel vor, bis sie unter der Last dieser Aufgabe zerbrachen. Unter all diesen Namen findet sich auch der eines kleinen Jungen aus dem Herzen Frankreichs, der mit einem unvollkommenen Instrument die Bühnen seiner Zeit erobern sollte und zu einem der wichtigsten Vertreter der romantischen Gitarre wurde: Giulio Regondi.

Schon seine Kindheit klingt, als wäre sie dem Gehirn eines romantischen Dichters entsprungen. Regondi wurde 1822 in Genf geboren und seine Mutter starb bei seiner Geburt. So wurde er von einem Mann aufgezogen, der sich als sein Vater ausgab, doch konnte Regondi niemals in Erfahrung bringen, ob er ihm wirklich durch Blutsbande verbunden war. Doch wie auch immer, der Junge war für lange Jahre hilflos an seinen Peiniger gekettet und dieses »hilflos« muss wirklich schrecklich gewesen sein. Denn Giuseppe, so der Name seines Stiefvaters, hatte es sich in den Kopf gesetzt, aus Giulio ein Wunderkind zu machen, mit dem sich gutes Geld verdienen ließ. Tag für Tag sperrte er ihn in ein dunkles Zimmer und ließ ihn auf der Gitarre die schwersten Stücke spielen, und war er einmal außer Haus, so wurde eine mürrische Nachbarin geholt, die den Jungen antrieb und für die Einhaltung des täglichen Pensums sorgte. Ansonsten hatte der Knabe keinen Kontakt zur Außenwelt, keine liebende Hand trocknete seine Tränen oder bot ihm zärtlichen Rat und Tag für Tag war es alleine die Gitarre, die sein Leben füllte.

Frucht dieses unermüdlichen Drills war, dass Giuseppe den jungen Regondi schon mit fünf Jahren auf die Bühne setzen und so einem staunenden Publikum »sein« Wunderkind präsentieren konnte. Die Zuschauer waren natürlich entzückt ob dieser Erscheinung und so schienen die ersten Stufen auf dem Weg zu Reichtum und Ruhm erklommen. Um noch mehr aus dem Talent seines Sohnes zu schlagen, brach der Vater die Zelte in ihrer Heimatstadt Lyon ab und die beiden versuchten ihr Glück in Paris.

Innerhalb kürzester Zeit war der Junge auch hier das Stadtgespräch und wurde in die bedeutendsten Konzertsäle geladen, wo er großen Anklang bei Kritik und Publikum fand. Selbst Nicolo Paganini und Franz Liszt begannen, sich für den Knaben zu interessieren und in den Kreisen der Gitarreliebhaber war man bezaubert von seiner Erscheinung. Fernando Sor, der dem »Infant Paganini« in väterlicher Neigung zugetan schien, sollte dem achtjährigen »Jules Regondi« sogar seine Fantasie »Souvenir d’amitié« widmen.

Doch seinem Stiefvater war das alles noch lange nicht genug. Auf der Suche nach immer neuen Einnahmequellen zog es ihn über den Kanal und so trafen sie im Mai 1831 in London ein, das in der damaligen Zeit eine der führenden Musikhauptstädte Europas war. Und nun konnte das Spektakel erst so richtig beginnen! Denn Regondi debütierte hier zusammen mit Catherina Josepha Pelzer und gemeinsam wurden die beiden Kinder wie Artisten zur Schau gestellt. Auf Tischen stehend mussten sie vor einem sensationsgierigen Publikum spielen, das davon natürlich begeistert war. Selbst in den Buckingham Palast drang der Ruf dieses Wunderknaben und so durfte er schließlich vor der Königin auftreten, die, wie alle Welt, von dem mittlerweile Achtjährigen bezaubert war.

In den englischen Zeitungen setzte nun ein Sturm an enthusiastischen Kritiken ein, die seinen Namen bis in die letzten Winkel der britischen Insel trugen: »Ein weiteres Wunderkind! Ein wirklicher Paganini (˒The Infant Paganini˓). Ein Kind, das Gitarre spielt. Ein Journalist fand heraus, dass dieses musikalische Phänomen zum ersten Mal im zarten Alter von acht Jahren in London aufgetreten war. Selbst der ˒Figaro˓ und ˒Le Journal des Débats˓ sprechen begeistert von ihm. Sie sagen, dass neben einer Virtuosität, die normalerweise in nicht weniger als 20 Jahren Arbeit erworben werden kann, dem jungen Mann, der mit Selbstvertrauen spielt, die Kunstfertigkeit und das Gefühl eines reifen Künstlers nicht fehlen.«

Dieses Lob ist bemerkenswert, denn anscheinend zeigte er schon in diesem Alter nicht nur eine stupende Virtuosität, sondern Ansätze echten Künstlertums (das sich später in seinen Kompositionen Bahn brechen sollte). Daher sollte auch ein Autor im »Spectator« schreiben: »Dies ist jedoch der mechanische und daher der am wenigsten wichtige und interessante Aspekt seines Spiels. Es ist bekannt, wie viel mit Hilfe unermüdlichen Unterrichts mit einem fügsamen Kind erreicht werden kann. Aber niemand, der dieses einnehmende kleine Wesen beobachtet, wer die Veränderung sieht, die sein Antlitz im Spiel durchmacht, wie er es mit kindlicher Einfachheit genießt zu musizieren, kann übersehen, dass die Natur ihm viel mehr gegeben hat als ein biegsames Temperament und eine starke Hand. Während er spielt, nimmt sein schönes Gesicht den Ausdruck eines reifen Mannes an und es ist unmöglich, nicht zu sehen, dass er alles was er spielt mit seinem Gefühl durchdringt.«

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Getragen von einer Welle der Begeisterung bereiste das ungleiche Paar nun das gesamte Königreich und wurde überall frenetisch gefeiert. Nun erst dürfte Regondis Vater am Ziel seiner Träume gewesen sein, denn eines Tages drückte er dem Kind eine Fünf-Pfund-Note in die Hand und flüchtete mit dem Rest ihres Geldes (angeblich sollen es mehrere Tausend Pfund Sterling gewesen sein). Den erst zwölfjährigen Jungen ließ er allein in der Welt zurück, wenig bekümmert um sein weiteres Schicksal und im besten Falle darauf hoffend, dass sich gutmütige Menschen und Musikliebhaber um das kleine Genie kümmern würden.

Allein gelassen stürzte Giulio in tiefe Verzweiflung und sollte fast an diesem Schicksalsschlag zerbrechen. Erst durch die mütterliche Fürsorge von Freunden und einer liebevollen Pflegefamilie gelang es ihm, dieses Trauma zu überwinden und aus dem Wunderkind wurde ein junger Mann, dem es gelang, sein Leid in Musik umzuwandeln und auf umjubelten Konzerten die Herzen der Menschen zu erobern. So sehen wir ihn schon im Jahr 1840 (gemeinsam mit dem Cellisten Josef Liedel) wieder auf einer erfolgreichen Konzertreise quer durch Europa, wo er unter anderem in München, Frankfurt, Leipzig und Prag auftrat. Als er für eine Reihe von Konzerten in Wien weilte, lernte er auch die Gitarren von Johann Anton Stauffer kennen. Begeistert von ihrem Klang erwarb er eine achtsaitige Gitarre aus seiner Werkstatt, die fortan zu seinem Lieblingsinstrument wurde.

Über die Konzerte in Wien schrieb die »Allgemeine musikalische Zeitung«: »Regondi spielt Guitarre und Melophon in denkbar vollendeter Meisterschaft und singt auf letzterem Instrumente mit einer wahrhaft bezaubernden Lieblichkeit und unbeschreiblicher Zartheit … Die vorgetragenen Solosätze waren auf der Guitarre: Souvenir de Gubellins nach Thalberg, und die Ouverture der Semiramide, vollgriffig, wie vom ganzen Orchester ertönend.«

Interessant ist, dass hier von Regondi nicht nur als einem Gitarrevirtuosen gesprochen wird, sondern er auch als Meister auf dem »Melophon« bezeichnet wurde. Bei dieser Notiz dürfte dem Autor allerdings ein Fehler unterlaufen sein, denn Regondi war kein Meister auf dem Melophon, sondern er spielte die Konzertina. Diese war ein neu entwickeltes Instrument, das heute kaum noch bekannt ist, von Regondis Vater allerdings schon 1831 entdeckt wurde. Mit derselben Besessenheit wie zur Gitarre drängte er seinen Stiefsohn, auch dieses Instrument zu beherrschen und schnell entwickelte Regondi auch auf ihr eine unglaubliche Meisterschaft. So führte er bald virtuose Stücke auf, die ursprünglich für die Violine komponiert waren, und schon früh begann er auch damit, eigene Werke für sie zu schreiben (unter anderem zwei Konzerte und ein Lehrwerk). So war es vor allem seinem Wirken zu verdanken, dass die Konzertina immer beliebter wurde – natürlich sehr zur Freude ihres Erfinders Sir Charles Wheatstone, der später zu einem der einflussreichsten Gönner Regondis werden sollte. Durch seinen Einsatz für dieses Instrument und sein bezauberndes Spiel wird Regondi auch als »der große Konzertina-Virtuose des 19. Jahrhunderts« bezeichnet.

Um das Jahr 1850 dann scheint Regondi die Gitarre endgültig zur Seite gelegt zu haben, um sich ausschließlich der Konzertina zu widmen. Seine Konzerttätigkeit sollte er noch für etwa zehn Jahre fortsetzen, wobei er sich zunehmend auf die Stadt London und ihre nähere Umgebung konzentrierte. Nach dieser Zeit zog er sich ins Privatleben zurück und starb, erst 49 Jahr alt, am 6. Mai 1872. Seine Gebeine ruhen heute in der »St. Mary’s Cathedral Cemetery« in Kensal.

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Leider hat Giulio Regondi nur sehr wenige Werke für Gitarre hinterlassen, doch diese Handvoll an Stücken zeugt nicht nur von seiner Meisterschaft auf diesem Instrument, sondern auch vom hohen künstlerischen Wert der Gitarrenmusik in der Zeit der Romantik. Leider waren sie lange vergessen und wurden erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Doch seitdem haben sie sich einen festen Platz in den Programmen der führenden Interpreten gesichert und werden immer wieder aufgeführt und neu eingespielt.

1990 kam es in der Welt der klassischen Gitarre zu einer kleinen Sensation: Der amerikanische Musikwissenschaftler Matanya Ophee entdeckte in Moskau zehn Etüden, die wahrscheinlich aus der Feder von Giulio Regondi stammen: »… Diese Etüden sind wirklich hervorragende Beispiele für romantisches Schreiben für die Gitarre, reich an Harmonie und innerer Struktur, verführerisch in der Melodie. Sie stellen Regondi auf die Liste der besten Komponisten für Gitarre, … Viele dieser Werke könnten leicht mit einer Schöpfung von Liszt verwechselt werden und es ist offensichtlich, dass er wenig Zugeständnisse an die Schwierigkeit der Gitarre machte.«

Eine schöne Huldigung an diesen Komponisten, dessen Leben so furchtbar dunkel begann und der sich trotz aller Widrigkeiten zu einem der größten Komponisten der klassischen Gitarre entwickelte.

Verwendete Literatur

Aufgrund graphischer Probleme konnte ich keine Literaturhinweise einfügen. Aber auf Wunsch schicke ich Ihnen den Text inklusive Fußnoten gerne per Pdf zu!

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