Das Glas Wasser zum Kaffee

von Thomas Stiegler

Was ranken sich nicht alles für Geschichten um das Glas Wasser zum Kaffee!

Am weitesten verbreitet ist sicher die Annahme, dass es dazu dienen soll, den durch den Kaffee entstandenen Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen.

Was ja nicht ganz falsch ist, denn Wasser mildert wirklich die harntreibende Wirkung des Koffeins etwas ab. Aber diese Tatsache ist erst seit dem 20. Jahrhundert bekannt, und das Glas Wasser wird nachweislich schon seit dem 18. Jahrhundert zum Kaffee gereicht. Deshalb müssen wir die Wurzeln dieses Brauchs anderswo suchen, und da ich ein wenig recherchiert habe, würde ich euch gerne auf eine kleine Reise mitnehmen – und zwar ins Wien des 18. Jahrhunderts.

Dort war der Kaffee schon sehr früh bekannt, aber zu dieser Zeit wurde er so richtig populär. Vor allem unter den Adeligen war er das neue Modegetränk, dem man regelmäßig mit reichlich Milch und Zucker zusprach.

Doch gab es dabei das kleine Problem, dass man nicht wusste, wohin man nach dem Umrühren den Löffel legen sollte. Denn in der feinen Wiener Gesellschaft galt es als gleichermaßen unfein, den Löffel nach der Benutzung abzuschlecken oder ihn einfach auf die Untertasse zu legen.

So kamen findige Kaffeehausbesitzer bald auf die Idee, ein Glas Wasser zu servieren, in das man den Löffel nach dem Gebrauch abstellen konnte.

Espresso und ein Glas Wasser, ©JayMantri

Blöd dabei war nur, dass das Wiener Wasser so schmutzig war, dass man es lieber vor den Gästen versteckte. Von den einfachen Leuten wurde es zwar trotzdem verwendet, aber dem Adel, auf dessen Geld man angewiesen war, wollte man diesen Anblick ersparen.

So wurde es bald zum ungeschriebenen Gesetz, dass die Wiener Kaffeehäuser nur noch Wasser anbieten durften, das bereits vor dem Kochen kristallklar rein war.

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Und da man der Konkurrenz in nichts nachstehen wollte, war man auch bereit, in eine gemeinsame Wasseraufbereitung zu investieren. Dies hatte natürlich auch den netten Nebeneffekt, dass Wien zu einer der ersten Städte des alten Kontinents zählte, die sauberes Trinkwasser hatten.

Die Idee, zum Kaffee ein Glas Wasser zu reichen, wurde von der Wiener Bevölkerung begeistert aufgenommen, und auch international wurden immer mehr Menschen darauf aufmerksam. Das erste Mal geschah dies zur Zeit des Wiener Kongresses, und als schließlich während der österreichischen Weltausstellung 1873 halb Europa zu Besuch in Wien war, setzte sich diese Idee auch in anderen Ländern durch. Deshalb ist es heute fast überall in Europa Brauch, ein Glas Wasser zum Kaffee zu servieren.

Viel später, als dann immer mehr Gäste begannen, dieses Wasser auch zu trinken, bekam es noch eine andere Bedeutung: Sobald das Glas leer war, eilte ein Kellner herbei und füllte es wieder auf. Was natürlich die ideale Gelegenheit war, eine weitere Bestellung aufzugeben, ohne extra nach dem Ober rufen zu müssen.

Eine Gewohnheit, die heute leider in Vergessenheit geraten ist.

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