Goethe und das Koffein
von Thomas Stiegler
Eine der größten Freuden bei der Beschäftigung mit Kunst und Kultur ist es, versteckte Zusammenhänge ans Licht zu bringen und darüber zu phantasieren.
Manchmal schlägt das Hirn dabei seltsame Kapriolen, und es kann sein, dass man vom Hundertsten ins Tausendste kommt und die Pferde mit einem durchgehen. Aber da ich nicht Josef Knecht bin und keinem Orden vorstehe [1], darf ich meine Gedanken nach Belieben schweifen und euch daran teilhaben lassen.
Zum Beispiel ging es mir so mit einer Geschichte, die sich rund um J. W. v. Goethe zugetragen hat und die mich sofort an E. T. A. Hoffmanns Kater Murr erinnerte. Denn der junge Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge hatte bei seinem ersten Besuch in den Räumen des Geheimrats Goethe eine Katze auf dem Arm. Es war natürlich nicht der Kater Murr, der Titelheld der berühmten Erzählung von E. T. A. Hoffmann, den er da trug, aber vor meinem inneren Auge sah ich sofort eine Verbindung zwischen den beiden – ein durchaus reizvoller Gedanke, wie mir erscheint. Denn es gibt einige kulturhistorische Zusammenhänge, die für meine Phantasie nicht nur »Zufall« sein können: So hat Runge die Entdeckung, wegen der wir ihn hier überhaupt erst vorstellen, im Jahr 1819 gemacht, und zufällig wurde auch das Buch rund um den Kater Murr im Jahre 1819 veröffentlicht.
Außerdem war Hoffmann ein Bewunderer Goethes, und vielleicht war diese Geschichte wirklich ein Mit-Auslöser für sein Buch. Hier enden allerdings die Gemeinsamkeiten, und auch wenn Runges Katze einen bedeutenden Einfluss auf die Geschichte der Pharmazie hatte, dann allerdings im Dunkel der Geschichte verschwand, so war der Kater Murr hingegen eine Persönlichkeit, die durchaus um ihren Wert wusste und »selbst« im Vorwort schrieb: »Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet, meine Vortrefflichkeit im ganzen Umfange erkenne, mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete. Sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen Wert des außerordentlichen Buchs einige Zweifel erheben zu wollen, so mag er bedenken, daß er es mit einem Kater zu tun hat, der Geist, Verstand besitzt und scharfe Krallen.« [2]
Doch damit genug der Hirngespinste, denn Sie fragen sich sicher schon, wovon ich spreche und was diese lange Einleitung überhaupt soll. Das ist nur allzu verständlich, denn die erwähnte Anekdote aus dem Leben Goethes ist wenig bekannt und wenig bekannt ist auch der Name des Friedlieb Ferdinand Runge (ich wiederhole ihn absichtlich), der heute fast vergessen ist.
Das ist schade, denn sein Name hatte einst einen Klang, der weit über die Grenzen Deutschlands hinaus erstrahlte, und er selbst hatte einen unschätzbaren Anteil an der Entwicklung der Pharmazie. Und auch wir Kaffeeliebhaber sollten uns an seinen Namen erinnern!
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Zeit, von der wir hier sprechen. Der Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert war eine der interessantesten Epochen in der menschlichen Geistesgeschichte (als Schlagwörter reichen wohl »Aufklärung« und »Industrielle Revolution«). Vor allem auf wissenschaftlichem Gebiet war es ein Ausbruch aus jahrhundertealten Glaubensmustern und Denkgewohnheiten. Mit am wichtigsten waren sicher die Fortschritte in den Bereichen der Physik, Biologie und Medizin und vor allem auch der Chemie, die das alte Korsett der alchemistischen Überzeugungen und Lehrmeinungen abzuschütteln begann.
Neben bekannten Forschern wie Antoine Lavoisier hatte auch Goethe seinen Anteil an dieser Entwicklung, der sich, obwohl kein Wissenschaftler, sein Leben lang mit verschiedensten Bereichen der Naturwissenschaft beschäftigte. Dabei dürfte ihm die Chemie besonders ans Herz gewachsen sein, denn in einem Brief an Fräulein von Klettenberg im Jahr 1770 ließ er sich zu der Aussage hinreißen: »Die Chymie ist noch immer meine heimliche Geliebte.« [3]
Diese Liebe zur Chemie schlug sich auch in seiner Begeisterung für die praktische Pharmazie nieder, und in Weimar sammelte sich um ihn nicht nur ein Kreis aus Wissenschaftlern aller Richtungen, sondern auch an Apothekern, die mehr wollten als weiterhin nur Pillen zu drehen und altbekannte Tinkturen anzurühren. Der Wichtigste unter ihnen war sicher der »Scheidekünstler« Johann Wolfgang Döbereiner, der es als Autodidakt bis zum Professor der Chemie in Weimar brachte und nicht nur der Erfinder des Feuerzeugs war, sondern sich auch um die Entwicklung des Periodensystems verdient machte.
Zu diesem Kreis stieß auch der junge Friedlieb Ferdinand Runge, der sich bereits einen Namen als Wissenschaftler gemacht hatte. Das war äußerst bewundernswert, denn nach einer armen Kindheit, die ihn dazu zwang, die Schule abzubrechen und eine Apothekerlehre zu beginnen, konnte er später doch noch die Universität besuchen und als Doktor der Medizin und Doktor der Philosophie promovieren. Sein Herz sollte aber weiterhin der Chemie gehören, und auf diesem Gebiet machte er auch seine wichtigsten naturwissenschaftlichen Entdeckungen.
Als Chemiker befasste er sich ab 1832 in seiner Chemiefabrik im Schloss Oranienburg vor allem mit Steinkohleteer, der als Nebenprodukt bei der Verarbeitung von Steinkohle zu Koks anfiel. Dank seiner Arbeit konnte man aus dem ehemals reinen Abfallprodukt für die Industrie so wichtige Stoffe wie Karbolsäure oder Anilin gewinnen, und so wurde Runge zu einem Pionier im Bereich der angewandten Chemie.
Wir aber gehen noch einmal ein paar Jahre zurück in jene Zeit, als Runge noch Medizinstudent war, allerdings bereits Vorlesungen zur analytischen Chemie bei Döbereiner hörte und aufgrund seiner Ausbildung erste Erfahrungen in der chemischen Analyse von Gift- und Heilpflanzen hatte. Und nun stehen wir endlich im Zimmer des Geheimrates Goethe, dem ein junger Mann mit einer Katze auf dem Arm entgegentritt. Runge hatte sich angeblich extra fein gemacht und trug einen geliehenen Frack, um vor dem kritischen Auge Goethes zu bestehen.
Als er die Katze präsentierte, sah der Meister sofort, dass hier etwas seltsam war, denn die Augen des Tieres waren unterschiedlich groß: Auf der einen Seite sah man nur eine »schmale Spalte«, während man auf der anderen Seite ein »großes rundes Sehloch« [4] bemerkte (wie Runge später selbst notierte). Auf Goethes Frage, wie er diese Wirkung erzielt habe, antwortete Runge: »Mit Bilsenkraut, Excellenz. Ich habe den unvermischten Saft des zerstampften Krauts in’s Auge gebracht, darum ist die Wirkung so stark.« [5]
Goethe begriff die Tragweite dieses Experiments sofort, denn zum ersten Mal wurden hier nicht einfach Kräuter und Tinkturen verwendet, sondern die Essenz der Stoffe selbst. Das traf sich zufällig genau mit Studien, mit denen er sich zu jener Zeit beschäftigte. Schon lange interessierte er sich für Atropin, das Gift der schwarzen Tollkirsche, das seit alters als tödliches Gift verwendet wurde. Da er schon (nicht zuletzt aus eigener Erfahrung) um die belebende Wirkung des Kaffees wusste, hoffte er, dass man aus dem Kaffee ein Gegenmittel herstellen könne. So gab er dem jungen Gast eine Schachtel voller Kaffeebohnen und bat darum, sie auf die darin enthaltenen Wirkstoffe zu untersuchen. Und wirklich sollte es Runge gelingen, das in den Bohnen enthaltene Koffein zu isolieren.
Er benannte diesen Stoff »Kaffeebase«. Für Goethe war es zwar eine Enttäuschung, denn das Koffein erwies sich als unwirksam gegen die Auswirkungen der Tollkirsche, doch Runge wurde damit zum ersten Wissenschaftler, dem die Extraktion des Koffeins gelang. Übrigens gerade noch rechtzeitig, denn das Koffein wurde nach ihm noch drei Mal entdeckt – 1820 durch F. von Giese, 1826 durch Thomas Martius in der Guaraná-Frucht als »Guaranin« und 1827 durch Jean Baptiste Oudry als »Thein«. Was übrigens die meisten Menschen nicht wissen: Koffein, Thein und Guaranin sind dieselbe Substanz und verdanken ihre unterschiedlichen Namen nur ihren Entdeckern. Doch F. F. Runge war der Erste, der es »Koffein« nannte, und daher sollten wir Kaffeeliebhaber seinen Namen in Ehren halten.
Aber um noch einmal den Bogen zum Anfang des Kapitels zu schlagen und es mitsamt dem Exkurs zu Goethes Neigung zur Wissenschaft zum Abschluss zu bringen, nutze ich die Möglichkeit, an dieser Stelle auch ein wenig über eines meiner liebsten Bücher zu plaudern. Und das zu Recht, hat es doch der Chemie mehr zu verdanken, als die meisten von uns wissen.
Denn Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften verdankt seine Form den Anregungen des Apothekers und späteren Professors der Chemie Johann Friedrich August Göttling. Er inspirierte Goethe zu einem Werk, in dem sich die Figuren wie chemische Elemente aus ihren bestehenden Verbindungen lösen, sich Elementen mit »wahlverwandten« Eigenschaften annähern und mit diesen schließlich neue Verbindungen eingehen. Das Buch endet bekanntermaßen tragisch, doch Goethes Liebe zur Chemie blieb bis ans Ende seines Lebens bestehen, und wenn wir das nächste Mal die Wahlverwandtschaften in die Hand nehmen, dann denken wir vielleicht auch für einen kurzen Augenblick an den Chemiker Friedlieb Ferdinand Runge.
Fußnoten
1 Mehr dazu im Glasperlenspiel von Hermann Hesse
2 Hoffmann, E. T. A.: Lebensansichten des Katers Murr : nebst fragmentar. Biographie d. Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Leipzig 1976
3 J. W. v. Goethe in einem Brief an Anna Katharina Schönkopf. Vgl. http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Briefe/1770 [1.5.2024]
4 Vgl. Frankfurter Rundschau, Goethe und das Koffein. Online Ausgabe [1.5.2024]
5 https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-122017/coffein-aus-goethes-kaffeebohnen/ [1.5.2024]

