Greyfriars Bobby
von Thomas Stiegler
Dass die Geschichte von Siegern geschrieben wird, ist eine Wahrheit, die wahrscheinlich tiefer reicht, als uns lieb sein kann, und die uns weit stärker betrifft, als wir gemeinhin annehmen. Denn wenn es wirklich so ist, dass allein die Sieger ihre Sicht auf die Geschichte weitergeben können und nur diese überdauert, was wissen wir dann wirklich von unserer Vergangenheit? Hinzu kommt noch die Tatsache, dass sich die Geschichte im Laufe der Zeit immer wieder verändert. Denn Geschichte wird nicht nur von den Siegern geschrieben, sondern auch stets von den Lebenden verändert. Vielleicht nicht mit Vorsatz, vielleicht nicht einmal wissentlich, aber die Menschen jedes Zeitalters betrachten die Vergangenheit mit anderen Augen und rücken dabei Dinge ins Zentrum, die ihren Vorfahren nicht wichtig erschienen. Dadurch ändert sich aber nicht nur die Geschichte selbst, sondern, was mir persönlich noch weit wichtiger erscheint, auch die Geschichten, die aus unserer Vergangenheit erzählt werden, und vor allem die Art und Weise, wie sie erzählt werden und wie wir sie bewerten.
Eine dieser Geschichten, von der wir aus einer rein historischen Warte aus kaum Wahres wissen, die jedoch stets weitergegeben wurde und die mittlerweile so nah an der Wirklichkeit ist, dass sie in meinen Augen schlichtweg wahr sein muss, will ich hier erzählen. Dabei werde ich sie zunächst als reine Erzählung darbieten, indem ich aus dem reichen Geflecht von Legenden und Quellen jene wähle, die mir am glaubwürdigsten erscheinen, um so ihrem inneren Gehalt nachzuspüren und ihre Schönheit und Weisheit zu enthüllen. Danach will ich versuchen, einen modernen, eher historisch geprägten Blick auf sie zu werfen. Damit ein jeder für sich selbst entscheiden kann, was ihm persönlich schöner und richtiger erscheint und wie weit in diesem Fall die wahre, historisch korrekte Geschichte von Bedeutung ist.
Im Jahr 1850 zog der Gärtner John Gray, im Volksmund auch Auld Jock genannt, mit seiner Familie nach Edinburgh in Schottland. Um nicht in einem der damals weit verbreiteten Arbeitshäuser [1] zu enden, entschloss er sich, bei der ortsansässigen Polizei als Nachtwächter zu arbeiten. Zu seinen Pflichten zählte es unter anderem, einen Diensthund zu halten, und er bestimmte dazu einen Skye Terrier, den er Bobby taufte. Manche Quellen behaupten, er habe sich damit einen kleinen Scherz erlaubt, denn auch die englischen Polizisten waren als Bobbys bekannt und die verschlungene Fehde zwischen England und Schottland (samt dem Groll auf beiden Seiten) füllen mittlerweile ganze Bibliotheken, weshalb mir diese Geschichte glaubhaft erscheint. Wie dem auch sei, bald schon waren John und Bobby ein unzertrennliches Paar, und jeden Abend, mochten die rauen schottischen Winde noch so wild um ihre Ohren pfeifen, drehten sie ihre Runden. Doch schließlich kam es, wie es kommen musste – John Gray zog sich eine Erkältung zu, bekam einen starken Husten und erkrankte schließlich an Tuberkulose [2]. Wochenlang schwebte er zwischen Leben und Tod, und Bobby soll in dieser Zeit nicht von seiner Seite gewichen sein. Doch die Krankheit erwies sich schließlich stärker als die Liebe des kleinen Hundes. Am 8. Februar 1858 verschied John Gray und wurde auf dem Friedhof Greyfriars Kirkyard [3] zur Ruhe gebettet.
Doch erst hier beginnt der für uns interessante Teil der Geschichte. Denn als der Friedhofswächter James Brown am folgenden Tag die Reihen abschritt, sah er den kleinen Hund auf dem frisch aufgehäuften Grab liegen. Da jedoch Hunde am Friedhof nicht erlaubt waren, scheuchte er ihn mit wüsten Worten auf und vertrieb ihn vom Friedhof. Doch am nächsten Tag lag der Hund wieder an derselben Stelle. Brown vertrieb ihn aufs Neue, und so sollte es eine Zeit lang weitergehen, bis irgendwann die Treue des kleinen Hundes das Herz des Aufsehers erweichte und er schließlich darüber hinwegsah, wenn dieser das Grab seines ehemaligen Herrn besuchte. So konnte man nun fast täglich den kleinen Hund beobachten, wie er über den Friedhof streifte, stundenlang auf dem Grab seines Herrn verharrte und scheinbar auf seine Rückkehr wartete. Nur wenn die Ein-Uhr-Kanone [4] ertönte, sprang er auf und eilte zu jener Gaststätte, die er früher immer mit seinem Herrn besucht hatte. Er war gewohnt, dort vom Wirt John Traill eine Kleinigkeit vorgesetzt zu bekommen, und dieser hielt auch nach dem Tod John Grays daran fest.
Im Laufe der Jahre wurde Bobby fast so etwas wie eine Institution am Friedhof, und sein Ruf wuchs weit über die Mauern der Stadt hinaus. Das sollte auch sein Glück sein, denn im Jahr 1867 wurde in Edinburgh eine neue Verordnung erlassen, die vorschrieb, dass fortan alle Hunde eine Lizenz und ein Halsband besitzen mussten. Für den herrenlosen Hund war das natürlich eine Katastrophe und ihm drohte das Schlimmste. Doch zu seinem Glück trat William Chambers, der Lord Provost [5] von Edinburgh, für ihn ein und trug sowohl die Kosten für die Lizenz als auch für sein Halsband. Dieses Halsband mit der Inschrift »Greyfriars Bobby from the Lord Provost 1867 Licensed« ist heute übrigens im Museum von Edinburgh auf der Royal Mile zu bewundern.
Insgesamt vierzehn Jahre sollen es schließlich gewesen sein, in denen Bobby täglich das Grab von John Gray besuchte, bis er selbst im Jahr 1872 verstarb. Als Anerkennung für seine Treue wurde er ganz in der Nähe seines geliebten Herrn bestattet, zwar vor den Toren des Friedhofs, doch nur wenige Meter von seinem Grab entfernt.
Die Geschichte rund um diesen kleinen Hund hatte inzwischen so weite Kreise gezogen, dass sie selbst der Baroness Angela Georgina Burdett-Coutts zu Ohren kam. Diese war durch das Erbe ihres Großvaters, der Eigentümer der Coutts Bank war, zu einer der wohlhabendsten Frauen Englands geworden. Doch wenig am Reichtum interessiert, widmete sie den Großteil ihres Vermögens wohltätigen Werken. Unter anderem gründete sie gemeinsam mit Charles Dickens das Urania Cottage [6] (ein Asyl für junge Frauen in Not) und zählte damit zu den ersten Menschen in England, die sich für den sozialen Wohnungsbau einsetzten.
Außerdem erlaubte ihr der Stadtrat von Edinburgh, Bobby eine Statue zu spenden und sie betraute den Künstler William Brodie mit diesem Werk. Er errichtete an der Kreuzung von Candlemakers Row und George IV Bridge die heute berühmte Statue samt eines Springbrunnens zu Ehren des kleinen Hundes. Im Jahre 1981 wurde an seinem Grab noch ein vom Herzog von Gloucester gespendeter Stein errichtet: »Greyfriars Bobby – Gestorben am 14. Januar 1872 – Im Alter von 16 Jahren – Mögen seine Treue und Hingabe eine Lehre für uns alle sein.« [7]
Weltweiten Ruhm erlangte diese Geschichte schließlich durch das Buch von Eleanor Atkinson [9] und eine Verfilmung von Walt Disney aus dem Jahr 1961. Und auch heute noch ist der Ort ein beliebter Ausflugspunkt, und Touristen aus aller Welt lassen sich gemeinsam mit der Statue fotografieren.
Was macht es schon nach dieser schönen Geschichte, wenn neuere Forschungen davon sprechen, dass das alles nicht ganz der Wahrheit entspricht? In meinen Augen recht wenig, aber trotzdem möchte ich, wie schon eingangs erwähnt, auch ein wenig über die Fakten sprechen.
So bleibt ungewiss, ob Bobbys wahrer Besitzer ein Nachtwächter oder ein Bauer aus der Umgebung des Kirchenspiels war. Außerdem wird gemutmaßt9, dass sich das hohe Alter des Hundes damit erklären lässt, dass Bobby schon weit früher starb als offiziell angegeben, aber durch die vielen Spenden mitleidiger Besucher (und dem drohenden Verlust dieser Einnahmen) entschied man sich einfach, ihn durch einen anderen Hund zu ersetzen. Des Weiteren spricht Jan Bondeson davon, dass es aus jener Zeit über sechzig belegte Berichte über ähnliche Ereignisse gab. Zumeist handelte es sich dabei um herrenlose Hunde, die einzelne Menschen aus Mitleid fütterten und die auf den Friedhöfen verharrten. Denn mit der Zeit glaubten die Menschen, dass sie an einem Grab um ihren Besitzer trauerten und so kümmerten sich immer mehr von ihnen um den jeweiligen Hund. Sogar die Rasse des Hundes wird mittlerweile in Zweifel gezogen, und es gibt Vermutungen, dass er eher ein Dandie-Dinmont-Terrier als ein Skye-Terrier war. Denn dieser war zu jener Zeit ein beliebter Hund in Edinburgh und seiner Umgebung, während sich die Zucht der Skye-Terrier auf die Isle of Skye beschränkte. Doch auch diese Theorie wird von vielen Forschern infrage gestellt.
Zum Abschluss möchte ich noch einen kleinen Bogen zur Populärkultur schlagen. Denn der Friedhof Greyfriars soll der Autorin J.K. Rowling, deren ehemaliges Wohnhaus sich in der Nähe befand, als Inspirationsquelle für ihre Harry-Potter-Bücher gedient haben. So soll sich etwa der Name der Figur des Tom Riddle, Vater von Lord Voldemort, von einem Grabstein mit der Inschrift Thomas Riddell herleiten. Auch der namhafte schottische Dichter William McGonagall soll sich im Buch wiederfinden – in der Gestalt von Minerva McGonagall, der Schulleiterin von Hogwarts. Und oft wird sogar erzählt, dass selbst die Namen von Hermine Grangers Eltern auf einem der alten Grabsteine zu finden seien – ein schöner Gedanke, auch wenn sich dafür keine Belege finden lassen.
Nur die Figur des Hundes konnte ich in den Büchern nirgends entdecken. Schade, denn dies wäre zweifellos der Höhepunkt dieses kleinen Lebens gewesen.
Mehr Hundegeschichten gibt es in meinem neuen Buch.
Seit Jahrtausenden begleiten Hunde den Menschen – als Jäger und Wächter, als Retter, Gefährten und stille Zeugen seines Lebens.
Dieses Buch erzählt von ihrer gemeinsamen Geschichte: von berühmten Tieren und vergessenen Helden, von Königen und Philosophen, Dichterinnen und einfachen Menschen, die ihre Hunde liebten – und von jener geheimnisvollen Bindung, die Mensch und Tier bis heute vereint.
Fußnoten
1 Arbeitshäuser entstanden im 16. Jahrhundert. Ziel war es, arme Menschen von der Straße zu bekommen und ihre Arbeitskraft gewinnbringend einzusetzen.
2 Bei der Tuberkulose handelt es sich um eine ansteckende bakterielle Erkrankung, die meist die Lunge befällt und durch Mycobacterium tuberculosis hervorgerufen wird.
3 Der Kirchhof rund um Greyfriars Kirk in Edinburgh.
4 One O’Clock Gun, die »13-Uhr-Kanone«, auf dem Edinburgh Castle wird täglich außer sonntags um 13.00 Uhr Ortszeit abgefeuert.
5 Der Vorsitzende der Gemeinde Edinburgh, der die Stadt repräsentiert.
6 Ein Asyl für Frauen und Mädchen, die auf den Straßen Londons als Prostituierte arbeiteten.
7 Greyfriars Bobby – Died 14 January 1872 – Aged 16 years – Let his loyalty and devotion be a lesson to us all
8 Atkinson, Eleanor: Greyfriars Bobby. Harper & Brothers, New York 1912.
9 Nach Jan Bondeson, Greyfriars Bobby: The Most Faithful Dog in the World (Amberley Publishing, 2012). Diese Theorie wird jedoch von vielen Historikern abgelehnt.