Hachiko
von Thomas Stiegler
Am 10. November 1923 wurde auf einem Bauernhof in Ōdate, einer Stadt in der Präfektur Akita, Japan, ein Hund geboren, der später weltberühmt werden sollte und noch heute weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus als Symbol für bedingungslose Treue und Loyalität bekannt ist. Die Rede ist von Hachikō, dem Akita Inu, der vor allem durch die Verfilmung mit Richard Gere bekannt sein dürfte. Doch weit spannender als die romantisierte Hollywoodversion sind die wahre Geschichte des Hundes und die Lektionen, die sich in ihr verbergen.
Um meine Aussage besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die Zeit zu werfen, in der die Geschichte spielt. Denn wir reden von einem Augenblick in der Geschichte, in dem sich Japan rasant veränderte. Tokio etwa wuchs in den 1920er Jahren zu einer modernen Metropole, und nach dem verheerenden Erdbeben im September 1923, das weite Teile der Stadt zerstörte, wurde es mit einer modernen Infrastruktur und westlich inspirierten Gebäuden wie etwa dem Bahnhof Shibuya wiederaufgebaut. Doch das war nur das äußere Zeichen für den Wandel, der sich zeitgleich in der Politik und der Geisteshaltung der Bevölkerung vollzog. Denn die Taishō-Zeit (1912-1926) markierte den Übergang von einem traditionellen hin zu jenem modernen Japan, das wir heute kennen. Inmitten dieses Wandels wurde Hachikō für die Menschen seiner Zeit zu einem Fels in der Brandung – einem Symbol althergebrachter Werte, die sich in seiner Loyalität zu seinem Herrn widerspiegelten.
Kurz nach der Geburt des Hundes wandte sich Chiyomatsu Yomase, ein ehemaliger Student von Hidesaburō Ueno an der Kaiserlichen Universität Tokio, an den Züchter des Wurfes, denn sein Professor hatte ihn beauftragt, einen reinrassigen Akita Inu zu besorgen. Nachdem er ihn in Ōdate abgeholt und in Decken gewickelt hatte, kamen sie nach einer langen Zugfahrt schließlich im Haus von Hidesaburō Ueno an. Aber anstatt eines lebendigen, fröhlichen Welpen saß ein schwächlicher Hund vor Ueno, der mehr tot als lebendig schien. Doch mit viel Liebe und Fürsorge pflegten er und seine Frau Yae ihn gesund, und bald waren der Professor und sein Hund ein unzertrennliches Paar. Ueno schien so glücklich mit seinem Hund zu sein, dass er fast seine gesamte Freizeit mit ihm verbrachte und ihn »Hachi« nannte – das japanische Wort für die Zahl Acht, die in Japan als Glückssymbol gilt.
Einzig während Uenos Arbeitszeit waren die beiden getrennt. Um diese Spanne zu verkürzen, begleitete Hachi seinen Herrn täglich zum Bahnhof Shibuya in Tokio und holte ihn dort auch abends wieder ab. Das ging so bis zum 21. Mai 1925 – dann erlitt Hidesaburō Ueno einen tödlichen Schlaganfall und kehrte nicht mehr zurück. Ein Schock für Hachi, der seinen geliebten Herrn nach nur sechzehn Monaten verlor.
Doch jetzt zeigte sich die unverbrüchliche Treue des Hundes, die bis an sein Lebensende anhalten sollte. Als die Menschen zur Totenwache kamen, soll Hachi den vertrauten Geruch seines Herrn im Haus wahrgenommen haben. Er schlich ins Wohnzimmer, legte sich unter den Sarg und wich nicht mehr von der Stelle. Nach dem Begräbnis wurde er zu Verwandten des Professors außerhalb Tokios gebracht, doch schon bald floh er von dort und kehrte nach Shibuya zurück. Von da an wartete er jeden Abend am Bahnhof auf den Zug, der ihm immer seinen Herrn gebracht hatte.
Da er kein Zuhause mehr hatte, erbarmte sich Kikuzaburō Kobayashi, der ehemalige Gärtner Uenos, und nahm den Hund bei sich auf. Nun konnte Hachi Tag für Tag zum Bahnhof gehen, wo er geduldig am Bahnsteig stand und jeden Fahrgast musterte – als würde er in jedem Gesicht den einen suchen, auf den er so sehr hoffte.
Doch den vielen Fahrgästen und Bediensteten des Bahnhofs war der Hund nicht ganz geheuer, und sie empfanden ihn eher als Störenfried denn als Bereicherung (man sollte nicht vergessen, dass ein ausgewachsener Akita Inu eine Höhe von 60 Zentimetern erreicht und Hachikō rund 40 Kilogramm wog). So kam es nicht nur dazu, dass sich viele Passagiere über ihn beschwerten, sondern der Hund auch geschlagen und mit Farbe beschmiert wurde. Doch stoisch ließ er alles über sich ergehen und kehrte jeden Tag zur selben Zeit zurück, um auf seinen geliebten Herrn zu warten.
Im Jahr 1928 erkannte Hirokichi Saitō, ein ehemaliger Student Uenos und Gründer der Gesellschaft zur Erhaltung japanischer Hunde (Nihon Ken Hozonkai), den Hund wieder. Da er an einer Forschungsarbeit über Akita-Hunde arbeitete, stellte er fest, dass Hachi zu den etwa dreißig letzten dokumentierten reinrassigen Hunden dieser Rasse gehörte. Er begann, sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen, und schrieb eine Reihe von Artikeln über Hachi. Dann, im Jahr 1932, änderte sich das Leben des Hundes grundlegend. Ein Redakteur der bekannten Tokioter Zeitung Asahi Shimbun wurde auf die Berichte aufmerksam und veröffentlichte einen Artikel Saitōs mit dem Titel Die Geschichte eines alten Hundes, und mit einem Schlag wurde Hachi berühmt. Die Menschen waren zutiefst berührt von seinem Schicksal und bald galt er als ein Sinnbild für Loyalität und Treue. Aus dem ganzen Land strömten Besucher zum Bahnhof, nur um einen Blick auf ihn zu werfen, ihn zu berühren oder mit Futter zu versorgen. Sogar Schulklassen kamen vorbei, um ihn zu streicheln, Tierärzte boten ihre Hilfe an und Fremde brachten Blumen für Hachi. Selbst die Kaiserin äußerte ihr Bedauern über das Schicksal des armen Hundes.
Nicht zuletzt durch diesen Zuspruch erhielt der Hund fortan freien Zutritt zum Bahnhof, und ein Mitarbeiter wurde damit betraut, sich um sein Wohlbefinden zu kümmern. Dieser richtete in einem kleinen Raum des Hauptgebäudes einen Ruheplatz für den Vierbeiner ein, der mittlerweile unter zahlreichen Krankheiten litt. Und aus Hachi wurde Hachikō, wobei die Silbe »ko« so viel bedeutet wie »kleiner Herr«.
Seine Popularität nahm bald groteske Züge an: Nicht nur wurden Gedichte und Haiku über ihn geschrieben, sondern auch Händler rund um den Bahnhof begannen damit, aus seiner Bekanntheit Geschäft zu schlagen – so gab es bald Hachikō-Schokolade, Hachikō-Kuchen und Stofftiere, die ihm nachempfunden waren. Ein landesweiter Spendenaufruf fand so großen Anklang, dass eine lebensgroße Bronzestatue von ihm errichtet werden konnte, die am 21. April 1934 eingeweiht wurde. Die Zeremonie wurde zu einem riesigen Spektakel – Tausende Besucher standen Schlange, der Bürgermeister des Stadtteils hielt eine Rede und das Radio übertrug die ganze Veranstaltung live. Sogar in die Schulbücher fand seine Geschichte Eingang.
Doch lange konnte sich Hachikō an seinem Ruhm nicht freuen (falls er ihn überhaupt bemerkte), denn am 8. März 1935 wurde er tot in der Nähe des Bahnhofs Shibuya aufgefunden, wo er vermutlich an einer seiner zahlreichen Krankheiten verstorben war.
Die Medien überschlugen sich mit Meldungen und berichteten immer wieder über seine Geschichte. Bei seiner Beerdigung rezitierten buddhistische Mönche Gebete und zahlreiche Würdenträger sprachen an seinem Grab, das auf dem Aoyama-Friedhof liegt – direkt neben dem seines ehemaligen Herrchens Ueno.
Später schrieb ein ehemaliger Schüler, der Hachikō täglich am Bahnhof gesehen hatte: »Rückblickend habe ich das Gefühl, dass er wusste, dass Dr. Ueno nicht zurückkommen würde, aber er wartete weiter – Hachikō lehrte uns, wie wichtig es ist, an jemanden zu glauben.« [1]
Bis heute wird das Andenken an diesen Hund hochgehalten, sowohl in der Populärkultur als auch am Bahnhof selbst – etwa dadurch, dass der westliche Ausgang des Gebäudes, an dem Hachikō immer auf seinen Besitzer wartete, noch heute als Hachikō Exit bekannt ist.
Später wurden zwei weitere Statuen von ihm errichtet: eine in seinem Geburtsort Ōdate und eine an der Universität Tokio, die ihn zusammen mit seinem Herrn zeigt. Weit bekannter sind jedoch die filmischen Adaptionen der Geschichte, vor allem die Hollywood-Version Hachi: A Dog’s Tale mit Richard Gere aus dem Jahr 2009. Schon zuvor gab es jedoch eine japanische Version aus dem Jahr 1987 (Hachikō Monogatari) und im Jahr 2023 erschien auch eine chinesische Version davon. Denn es ist eine Geschichte, die über die Zeit hinweg berührt oder, wie es Herr Sakuraba sagte: »Auch in 100 Jahren wird diese bedingungslose, hingebungsvolle Liebe unverändert bleiben, und die Geschichte von Hachikō wird für immer weiterleben.« [2]
Fußnoten
1 BBC, »Hachikō: The World’s Most Loyal Dog Turns 100«, https://www.bbc.com/news/world-asia-65259426, abgerufen am 14. September 2024, übersetzt vom Autor.
2 BBC, »Hachikō: The World’s Most Loyal Dog Turns 100«, https://www.bbc.com/news/world-asia-65259426, abgerufen am 14. September 2024, übersetzt vom Autor.
Seit Jahrtausenden begleiten Hunde den Menschen – als Jäger und Wächter, als Retter, Gefährten und stille Zeugen seines Lebens.
Dieses Buch erzählt von ihrer gemeinsamen Geschichte: von berühmten Tieren und vergessenen Helden, von Königen und Philosophen, Dichterinnen und einfachen Menschen, die ihre Hunde liebten – und von jener geheimnisvollen Bindung, die Mensch und Tier bis heute vereint.
