Herr der Fliegen

von Thomas Stiegler

Unsere Generation scheint vergessen zu haben, was ihre wichtigste Aufgabe ist – nämlich die Grundlagen unserer Kultur zu bewahren und weiterzugeben, damit die nächste Generation ein Fundament hat, auf dem sie ihre eigenen, himmelsstürmenden Träume bauen kann.

Über Jahrhunderte hinweg waren wir uns dieser Aufgabe bewusst und taten alles, um ihr gerecht zu werden. Denn wir wussten: nur, wenn die jungen Menschen die Welt verstehen, in die sie geworfen werden, sind sie auch fähig, ihren Weg in ihr zu finden und sich ein selbstbestimmtes und glückliches Leben aufzubauen.

Heute glauben wir, diese einfache Wahrheit vergessen zu dürfen.

Denn anstatt unsere Kinder möglichst umfassend zu bilden propagieren wir immer neue Unterrichtskonzepte und huldigen einem abstrakten Kompetenzbegriff, der den kindlichen Geist als eine Festplatte begreift, die wir beschriften müssen. Doch dadurch verneinen wir all das, was uns einst befähigte, Kathedralen zu bauen, den Weltraum zu erkunden oder eine fortschrittliche Demokratie zu entwickeln.

Wir vergessen ganz, dass unsere Kultur aus einem feinen Gespinst verschiedenster Einflüsse besteht, die sich im Laufe unserer Geschichte entwickelt haben und die man sich nicht mithilfe einiger Fähigkeiten aneignen kann. Sondern dass sich jede Generation aufs Neue auf den Weg machen muss, sich ihr mit Liebe und Hingabe zu widmen, um sie in ihr Leben zu integrieren.

Weit klügere Menschen als ich haben das schon vor langer Zeit erkannt. Einer von ihnen, William Golding, hat sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Frage beschäftigt, was passiert, wenn junge Menschen ohne die Stützen einer Kultur aufwachsen.

Ob sie, ganz im Sinne Rousseaus, zu „edlen Wilden“ werden, oder ob dieser Versuch tragisch endet.

In seinem Roman „Herr der Fliegen“ versucht er eine für ihn stimmige Antwort darauf zu geben. Heute ist diese Geschichte fast ausschließlich durch den Film bekannt, als eine oberflächliche Erzählung über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.

Doch der Bildschirm zeigt uns nur die glatte Außenseite dieser Parabel. Was vielleicht auch ganz gut ist, denn tief unter der Oberfläche liegen Dinge, die uns, würden wir uns darauf einlassen, erschüttern würden, rütteln sie doch an den Grundfesten unserer Überzeugungen.

Ich kann hier bei weitem nicht auf alle Ebenen dieses wunderbaren Werkes eingehen, daher will ich mich nur auf eine Frage konzentrieren. Und zwar, was nach Goldings Meinung passiert, wenn eine altrnde Gesellschaft nicht mehr willens ist, ihr gesammeltes Wissen und die Lehren aus ihrer Geschichte an die kommende Generation weiterzugeben.

Beziehungsweise, wenn junge Menschen gezwungen sind, aus sich heraus eine eigene Kultur zu erschaffen, weil wir nicht mehr bereit sind, den Schmerz und die Anstrengung auf uns zu nehmen, unsere Werte auch gegen uns selbst zu verteidigen.

Vielleicht zur Erinnerung kurz die Handlung des Buches.

Durch einen Flugzeugabsturz landet eine Gruppe von Kindern auf einer einsamen Insel und ist gezwungen, ohne die Hilfe von Erwachsenen eine funktionierende Form des Zusammenlebens zu entwickeln.

Anfangs scheint das noch zu gelingen, denn bedingt durch ihre Sozialisation innerhalb der westlichen Zivilisation beziehen sie sich dabei auf die uns vertrauten Regeln und Werte. Doch ohne eine übergeordnete Instanz bricht recht bald der dünne Firnis der Kultur und es herrscht das Recht des Stärkeren.

Mit all seinen Konsequenzen.

Im Buch ist es der Erwachsene, der als Kontrollinstanz für ethisches Verhalten fehlt und der den Kindern ein Gerüst für ihr Leben geben könnte. In unserer Gesellschaft sind es mittlerweile die Kultur und ihre Werte selbst, die uns zwischen den Fingern zerronnen sind und deshalb fehlen.

Denn eine Kultur ist kein abstrakter Gegenstand, der nur antiquarischen Wert besitzt. Vielmehr ist sie eine organische Struktur die lebt und wächst und die von jeder Generation aufs Neue mit Sinn erfüllt werden muss, damit die Gesellschaft nicht implodiert.

Geschehen kann das aber nicht durch ein paar Kompetenzen und einer oberflächlichen Beschäftigung mit den Werken der Vergangenheit. Vielmehr ist es ein intensiver Umgang mit den kulturell wichtigsten Werken und eine produktive Beschäftigung mit unserer Geschichte, die uns befähigt, unsere Kultur und Gesellschaft am Leben zu erhalten und in die Zukunft zu führen.

In unserer hoch technologisierten Zivilisation wären es dabei vor allem das Buch und ein am Buch geschärfter Geist, die einen Grundstein legen, auf den wir nicht verzichten können. Denn sie sind es, auf dem unsere gesamte Kultur fußt.

Aber genau das geschieht heute nicht mehr. Denn ohne nachzudenken haben wir die gesamte klassische Kultur (und dabei vor allem die Literatur) eingetauscht gegen ein paar bunte Bildchen aus dem Internet und etwas geistlose Unterhaltung aus dem Fernsehen.

Heute, zu dieser späten Stunde, bemerken viele Menschen, dass das ein Fehler war. Sie bemerken die Verrohung der Menschen, die Ziellosigkeit der Jugend und vor allem den zerbröckelnden Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Denn wie die Kinder in Goldings Erzählung leben wir nur noch in der leeren Hülle einer übernommenen Kultur, erfüllen sie aber nicht mehr mit Leben. Und genau das ist der zu oft verschwiegene Grund, wieso die uns allen bekannten Auflösungserscheinungen immer stärker zutage treten.

Dass diese Probleme gerade bei den Jüngsten auftreten, darf uns nicht verwundern. Denn unsere Generation wurde noch auf eine Art und Weise sozialisiert, die es uns ermöglichte, unsere überkommene Art des Zusammenlebens und des Menschseins zu erhalten. Doch den jungen Leuten wird diese Chance verwehrt.

Denn wie sollen sie in einer Zeit in der Bildung, Kultur, eine gepflegte Sprache oder ein soziales Miteinander für uns selbst nicht mehr erstrebenswert scheinen, unsere Wertvorstellungen übernehmen und in ihr Leben integrieren? Zwingen wir sie nicht geradezu, ihre Maßstäbe aus dem Fernsehen und Internet zu nehmen und sich eine eigene, menschlich reduziertere Kultur zu erschaffen?

Worauf diese Entwicklung hinauflaufen kann, das zeigt uns W. Golding in seinem Buch auf eindringliche Art und Weise.

Denn in seinen Augen ist der Mensch nicht von Natur aus gut, sondern ein von der Gesellschaft geprägtes Wesen, das sich an alle Umstände anpassen kann. Und deshalb werden wir auch, ohne eine Rückbesinnung auf den Kern dessen, was uns ausmacht, eine menschlich reduziertere Welt erschaffen.

Natürlich will Golding damit nicht sagen, dass die Menschheit als Ganzes oder jedwede Art von Kultur verschwinden werden. Aber unsere westliche Buchkultur mit all ihren wunderbaren Werken, Philosophien und geistigen Konzepten wird untergehen und zurückbleiben werden nur noch die Trümmer einer Zivilisation, in der keiner mehr zu lesen vermag.

Erschreckend ist das Bild, das Golding von den letzten „Menschen“ zeichnet und welche Rolle er den kulturell Gebildeten in einer barbarischen Welt zuweist.

Da wäre zum einen Piggy, der frühreife „Intellektuelle“, der die Stimme der Vernunft repräsentiert. Er ist derjenige, der sich die Vorstellungen unserer Kultur bereits angeeignet hat und von sich aus fähig ist, sie weiter zu entwickeln. Doch in einer zunehmend barbarischen Welt ist er das erste Opfer, über den sich aller Spott und aller Hass ergießt und der schlussendlich sterben muss.

Und dann gibt es Ralph, die Hauptfigur des Buches.

Er ist derjenige, der nicht aussprechen kann, was Kultur und Zivilisation bedeuten, der nicht weiß, wofür er eigentlich kämpft und einsteht, der es aber trotzdem tut, weil er mit ganzer Seele für bestimmte Werte brennt.

In einer Welt, die sich in einem kulturellen Aufschwung befindet, wäre er einer der Menschen, die diese Entwicklung vorantreiben und befeuern, sei es als Schriftsteller, als Philosoph oder als weiser Staatenlenker. Aber in einer untergehenden Kultur ist er der schlimmste Feind. Lieber entzündet man eine Insel, lieber lässt man die ganze Welt verbrennen, als ihn als wichtigsten Teil des Lebens zu begreifen.

William Golding zeigt in diesem Buch auf eindringliche Art und Weise, wie wichtig Kultur und Bildung für jede Art von Gesellschaft sind. Denn auch wir leben auf einer Insel im All und sind gerade dabei, sie niederzubrennen. Wenn auch auf andere Art und Weise, als die meisten Menschen heute glauben.

Doch im Gegensatz zum Buch wird bei uns niemand kommen, der uns rettet.

Als Schlusswort kann ich nur anfügen, was Golding selbst über sein Buch sagte und was mir auch zum Zustand unserer Welt zu passen scheint: „Das Thema von Herr der Fliegen ist Trauer. Nichts als die schiere Trauer, Trauer, Trauer.“

Mehr dazu gibt es in meinem neuen Buch: Literaturgeschichten, Kulturgeschichten aus der Welt der Literatur

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