Herzog von Enghien

von Thomas Stiegler

»Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war ein Fehler.« [1] Der, der diese Worte sprach, war nicht irgendjemand, sondern einer der wichtigsten Minister Napoleons, der von allen gefürchtete »Ministre de la Police« Joseph Fouché.

Er bezog sich dabei auf eine Schandtat, der Napoleon versuchte, den Mantel der Rechtschaffenheit umzuhängen und die trotz aller Rechtfertigungsversuche nichts weniger war als ein geplanter Mord. Die Rede ist natürlich von der Hinrichtung des Herzogs von Enghien, eines Verwandten des gestürzten Königs Ludwig XVI., der rechtswidrig nach Frankreich verschleppt und in einem Scheinprozess zum Tode verurteilt wurde.

Der Auslöser dazu war ein aufgedeckter Anschlagsplan, der nicht nur die Republik stürzen sollte, sondern, wäre er erfolgreich gewesen, auch dem ersten Konsul das Leben gekostet hätte. Dazu reiste schon im Sommer 1803 eine Gruppe bourbonischer Spione nach Paris, um die Lage auszukundschaften. Mit großzügigen Mitteln aus England versehen (dessen Minister schon damals weit realistischer in die Zukunft blickten als ihre Kollegen auf dem Kontinent) bauten sie ein weitverzweigtes Netz an Verschwörern auf, zu dem auch so bekannte Namen wie die ehemaligen Revolutionsgeneräle Georges Cadoudal, Jean-Charles Pichegru oder Jean-Victor Moreau gehörten.

Als diesen nach Aufdeckung des Komplotts der Prozess gemacht wurde, nutzten einige Provokateure die öffentliche Bühne, um ihre Erbitterung gegen das immer autokratischere Vorgehen Bonapartes kundzutun – eine Meinung, mit der sie (der Reaktion des Publikums nach zu urteilen) nicht alleine dastanden. Daher suchte Napoleon nach einem Weg, die Stimmung der Bevölkerung wieder in seinem Sinne zu drehen und sich erneut als Bewahrer der Revolution und Beschützer vor der Rückkehr der Bourbonen herauszustellen.

Da ließ die Äußerung eines Gefangenen aufhorchen: Unter den Verschwörern machte das Wort die Runde, dass sich ein Prinz aus dem Hause Bourbon an die Spitze einer Armee setzen und so den Thron für den rechtmäßigen Herrscher zurückerobern werde.

Nogent-le-Rotrou, Château Saint Jean; CC3.0; Author: Caroline Ernesty; Link: zur Lizenz

Napoleon, wie alle Emporkömmlinge von Grund auf misstrauisch, stürzte sich sogleich auf diese Aussage, denn hier bot sich ihm die einzigartige Möglichkeit, ein weithin sichtbares Zeichen zu setzen. Denn wenn er verhindern würde, dass die Bourbonen wieder nach der Macht griffen, dann wäre das nicht nur ein Beweis seiner Handlungsfähigkeit, sondern er würde damit auch ein klares Signal in Richtung der sich immer stärker regenden Anhänger des gestürzten Königshauses aussenden.

So suchte man fieberhaft nach dieser mysteriösen Figur und nachdem man dieser nicht habhaft werden konnte, verfiel man schließlich auf die Idee, Louis Antoine Henri de Bourbon, eben jenen Herzog von Enghien, gefangen zu nehmen. Diesem konnte man zwar de facto keinerlei Verbindung zu einer Verschwörung nachweisen, doch als direkter Nachkomme des »Le Grand Condé« und damit Spross einer jungen Nebenlinie der Bourbonen, war er das einzige Mitglied des ehemaligen Herrscherhauses, das man in die Finger bekommen konnte.

Dieser Louis Antoine Henri de Bourbon war eine bezaubernde Erscheinung. Er kam am 2. August 1772 in Chantilly zur Welt, genoss eine vortreffliche Erziehung und konnte sich bereits in jungen Jahren der Achtung und Liebe seiner Mitmenschen erfreuen. So schien sein Aufstieg in die höchsten Ränge der alten Monarchie vorgezeichnet.

Doch alle Pläne für seine Zukunft zerplatzten, als das Feuer der Revolution über das geschundene Land hinwegfegte und er Frankreich verlassen musste. Für einige Jahre sollte er nun ziellos durch Europa reisen, ehe er 1792 in das Armeekorps der Emigranten eintrat und dort von 1796 bis 1799 die Avantgarde (also die Vorhut) befehligte. Als das Emigrantenkorps schließlich im Frieden von Lunéville aufgelöst wurde, zog er sich zurück und lebte mit der ihm heimlich angetrauten Prinzessin Charlotte de Rohan (der er nach Augenzeugenberichten in aufrichtiger Liebe zugetan war) ein stilles Leben bei Ettenheim im Großherzogtum Baden. Nur gelegentlich noch schlich er über die Grenze nach Straßburg, um mit seinen ehemaligen Kameraden in Kontakt zu bleiben und wahrscheinlich auch, um sich mit Agenten der Bourbonen auszutauschen.

Bonaparte beauftragte den Brigadegeneral Michel Ordener (der Zeit seines Lebens betonte, dass er weder an der Verurteilung noch an der Exekution des Herzogs beteiligt gewesen war) mit dem Auftrag, den jungen Herzog festzunehmen und über die Grenze zu bringen. So schlich sich in der Nacht vom 14. auf den 15. März 1803 eine Gruppe der Gendarmerie, begleitet von dreihundert Dragonern, ins benachbarte Baden, um den Herzog zu entführen und über Straßburg nach Vincennes zu bringen und ihn dort wegen Hochverrates anzuklagen.

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Der überraschte Louis Antoine ließ sich ohne Widerstand festnehmen. Er leugnete auch gar nicht, dass er Napoleon ewigen Hass geschworen habe und jede Möglichkeit nutzen werde, um ihm auf dem Schlachtfeld zu begegnen. Eine Beteiligung an einer Verschwörung wies er jedoch entschieden zurück. Auch die bei ihm gefundenen Papiere zeigten nur, dass die Bourbonen Verschwörer gegen Napoleon anwarben und dass der Herzog Geld aus England bezog (für vertriebene Adelige etwas ganz Normales in jener Zeit und oft die einzige Möglichkeit, ihr Leben zu fristen), sie belasteten den Herzog jedoch in keinster Weise und hätten auch für keine offizielle Anklage gereicht.

Bonaparte jedoch wollte gar keinen öffentlichen Prozess. Vielmehr beauftragte er eine Militärkommission mit der Angelegenheit und diese grub ein altes, noch nicht aufgehobenes Revolutionsgesetz aus, das für Emigranten, die vom Ausland bezahlt wurden und die sich als erkennbare Feinde der Revolution in Frankreich aufhielten, die Todesstrafe vorsah. Der Herzog wies bis zum Schluss alle Anschuldigungen von sich und ging sogar so weit, eine Unterredung mit dem ersten Konsul zu verlangen, um ihn persönlich von seiner Unschuld zu überzeugen. Dies wurde ihm jedoch verwehrt, da Napoleon verreist war und außerdem verlangte, die Entscheidung der Militärkommission »binnen 24 Stunden« [2] auszuführen. So wurde der Herzog am 21. März 1804 vor den Mauern des Schlosses Vincennes von einem Erschießungskommando der »Gendarmerie d’élite de la Garde impériale« hingerichtet. »Zielen Sie genau« [2], sollen seine letzten Worte gewesen sein.

Außenpolitisch war diese Tat ein schwerer Fehler, denn die europäischen Staaten sahen das als Angriff auf ihre staatliche Souveränität. Innenpolitisch jedoch wusste Napoleon breite Schichten der Bevölkerung hinter sich, die noch immer loyal zu der jungen Republik standen und sowohl Angst vor dem Chaos einer Revolution als auch vor der Restauration der Bourbonen hatten.

Francois Seraphin Delpech (Lithograf), Jean-Baptiste Mauzaisse (Künstler), „Lis. Ane. Hi. DUC D´ ENGHIEN“, 1823, Wien Museum Inv.-Nr. W 1617, CC0 (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/331858/)

Dem so grausam aus dem Leben gerissenen Herzog sollte später noch Gerechtigkeit widerfahren: Ludwig XVIII. ließ seinen Leichnam exhumieren und ihm in der Kapelle des Schlosses von Vincennes ein Denkmal errichten.

Napoleon selbst soll sich noch einmal zu der Angelegenheit geäußert haben. Während seiner Flucht aus Russland erklärte er seinem Großstallmeister Armand de Caulaincourt, der mit ihm im Schlitten saß: »Ich würde in denselben Umständen wieder so handeln.« [2] Um dann allerdings hinzuzufügen: »Es wäre durchaus möglich gewesen, dass ich ihn begnadigt hätte.« [2]

Vielleicht eine späte Einsicht in die Unrechtmäßigkeit seines Tuns? Wir werden es leider nie erfahren.

Quellenangaben

1 … Wikipedia, Louis Antoine Henri de Bourbon-Condé, Duc d’Enghien

2 … online Quelle: Welt.de, Warum Napoleon einen Herzog entführen und erschießen ließ, Berthold Seewald

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