Balzacs Kaffee

von Thomas Stiegler

Paris, 1832.

Es ist Abend, und die wohl schönste Stadt des Jahrhunderts erwacht zu ihrem wahren Leben.

Die Menschen haben zu Abend gespeist und bevölkern nun die Boulevards, sitzen in den Cafés oder machen sich auf den Weg in das Theater und den Salon.

Langsam beginnen sich die Ballsäle zu füllen, ein Verwegener wirft beim Roulette das erste Stück Gold auf den Tisch und in der Oper erhebt die größte Sängerin der Zeit ihre Stimme. Später, wenn die Vorstellung zu Ende ist, wenn sich die Straßen leeren und die Verzweifelten und Glücklichen nach Hause streben, wird auch sie noch etwas Ruhe finden.

Denn um Mitternacht schläft ganz Paris.

 

Nur an einer dunklen Tür ertönt ein leises Pochen. Ein Diener ist´s, der seinen Herrn nun weckt. Schnell wirft sich dieser eine leichte Kutte über, geht einige rasche Schritte durch sein Zimmer und setzt sich an den Tisch.

 Es ist Balzac, der Autor, der unermüdliche Geist und Schöpfer der »La Comédie humaine« (Die menschliche Komödie), für den nun, als alle anderen schlafen, der Tag beginnt.

Mehr als neunzig Bände wird sein Werk am Schluss umfassen, die er in weniger als fünfundzwanzig Jahren auf Papier geworfen hat. Erschaffen konnte dies nur ein unermüdlicher Arbeiter, ein Besessener des Wortes, der Stunde um Stunde an seinem Schreibtisch saß.

Das Buch zur Geschichte des Kaffees, zu den Geheimnissen dieses Getränkes, dessen Duft unsere Kultur umweht wie kein Zweites.

Wer erfand den Irish Coffee? Was ist eigentlich ein Muckefuck, warum bekommen wir ein Glas Wasser zum Kaffee oder wann entstand das erste Kaffeehaus in Europa? Und macht kalter Kaffee wirklich schön?

Sechs Stunden, acht Stunden, manchmal zehn Stunden am Tag und mehr wird er an seinem Werke sitzen, um diesem unglaublichen Bau Seite um Seite hinzuzufügen. Draußen dämmert schon der Tag, Paris erwacht und die Menschen machen sich auf, ihren Platz in der Welt zu erobern. Doch er bemerkt es nicht, Demiurg der er ist, eingesponnen in seine eigene Welt.

 Denn für ihn gibt es kein Draußen mehr, keinen Ruhm, keine Frauen oder Gold. Nur sein Werk zählt, für das er sein Leben gibt. Und so schreibt er. Immer schneller, immer hastiger wirft er die Worte aufs leere Papier, nur, um endlich seiner Gedanken Herr zu werden.

Und das Nacht für Nacht, wohl an die zehntausend Mal.

 

Doch manchmal stockt sogar diese Maschine, die sich so stolz Dichter nennt. Manchmal wehrt sich auch seine Hand, manchmal fallen ihm die Lider zu und die Augen beginnen zu tränen.

Doch Balzac gibt nicht auf.

Wild entschlossen greift er zur Peitsche, zum Kaffee, der einzigen Stimulanz, die fähig ist, seinen müden Körper weiter anzutreiben, für noch eine Stunde, und wild entschlossen wirft er sich aufs Neue in die Schlacht.

Alles nur, um sein Werk zu vollenden.

 

»Der Kaffee gleitet hinab in den Magen, und dann gerät alles in Bewegung: die Ideen rücken an wie Bataillone der großen Armee auf dem Schlachtfeld; der Kampf beginnt.

Erinnerungen treffen im Sturmschritt ein als Fähnriche des Aufmarsches. Die leichte Kavallerie entwickelt sich in einem prachtvollen Galopp. Die Artillerie der Logik braust heran mit ihrem Train und ihren Kartuschen. Die geistreichen Einfälle greifen als Tirailleurs ins Gefecht ein.

Die Gestalten kostümieren sich, das Papier bedeckt sich mit Tinte, die Schlacht hebt an und endet unter Strömen schwarzer Flut, so wie die wirkliche Feldschlacht in schwarzem Pulverrauch ertrinkt.« (1)

Quellenangabe

1 ….. in: »Balzac: Eine Biographie« von Stefan Zweig, Fischer Taschenbuch

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