Ida Haendel

von Anja Weinberger

Ida Haendel – Jahrhunderttalent und Zeitzeugin

Liest man über Ida Haendel, so kann man sich kaum retten vor Adjektiven.

Weltberühmt, hochbegabt, virtuos, charismatisch, menschenfreundlich, zugewandt, unsentimental, energisch, fleißig, diszipliniert, temperamentvoll, zielstrebig, warmherzig, würdevoll  – und ich möchte hinzufügen – modebewusst. All das kann man über sie lesen und alles trifft zu.

Ida Haendel, das zierliche Persönchen mit der umwerfenden Ausstrahlung (schon wieder Adjektive), ließ niemanden unbeeindruckt zurück. Kollegen, Kritiker, Schüler, Nachbarn, Freunde – alle werden die Begegnungen mit ihr wohl nicht vergessen.

1928 kam sie in Polen zur Welt und erstaunte Eltern und Schwester mit dieser natürlichen Begabung für das Violinspiel.

„Jeder Mensch hat eine Rolle, schon bevor wir geboren werden“, sagte Haendel einmal im Interview. „Ich glaube, es war mein Schicksal, dass ich eine Geigerin werde. Ich habe mit dreieinhalb angefangen und ich wusste sofort, dass ich eine Geigerin werde.“

 

Ida Haendel marschierte im Eiltempo durchs Konservatorium und gewann sehr früh Wettbewerbe.

Aus diesen Jahren stammen auch die Verwirrungen um ihr Geburtsdatum, denn um auftreten zu können machte sie der Manager ein paar Jahre älter.

Ihr zuliebe, aber vermutlich auch um dem am Horizont dräuenden Krieg zu entgehen, zog die Familie nach London, wo Ida den idealen Lehrern begegnete.

Carl Flesch und George Enescu erkannten ihr Potential und unterstützten das Mädchen auf deren weiterem Weg.

Nach dem 2. Weltkrieg begann schließlich Idas Weltkarriere.

Sie spielte natürlich die Konzerte von Beethoven, Mendelssohn, Sibelius, Brahms und Tschaikowsky – mit vollem, sehr klaren Ton und leidenschaftlicher Versenkung, feierte aber auch Triumphe mit zeitgenössischen Werken und animierte so manchen Komponisten. Ihre Uraufführungen oder Interpretationen von Reger, Britten, Dallapiccola und Pettersson hallen lange nach.

Ida Haendels Virtuosität beim Spielen von Kreisler oder Sarasate war überwältigend, nicht zuletzt wegen der verblüffenden Diskrepanz zwischen diesem zierlichen, meist bunt gekleideten Persönchen auf gefährlich hohen Absätzen mit dem wilden Haarschopf und ihrem zupackendem, beinahe maskulinem Spiel. Trotz aller Kraft im Strich war Ida Haendel jedoch eine Meisterin des subtilen Klanges; sie nannte eine übervolle Palette ihr Eigen, die von klirrend kühlen Färbungen bis zu warmen, lebendigen oder dunkel glühenden Tonkaskaden alles aufwies.

Die Musikerin konnte in vielen Sprachen über ihre Musik sprechen, über ihre Schüler[1] und über die Zusammenarbeit mit Sergiu Celibidache, ihren Lebensfreund. Er, der Schallplattenaufnahmen vermied, ging mit ihr für eine denkwürdige Aufnahme des Brahms-Konzertes ins Tonstudio.

Die Jahrhundertgeigerin spielte überall dort, wo man sie hören wollte.

Sie war der festen Überzeugung, dass Menschen klassische Musik brauchen und dass sie sie lieben, wenn es nur gelingt, Berührungsängste abzubauen. Während des Krieges spielte sie für Soldaten und Jahre später konnte man sie mit ihrer Stradivari durchaus auch auf Gemeindefesten erleben. Sie biederte sich nicht an, sondern sah sich als Botschafterin der Komponisten.

„Ich bin nicht dazu da, dem Publikum gefällig zu sein, ich bin kein Entertainer, ich bin dazu da, dem Komponisten zu dienen. Ich möchte, dass die Menschen zuhören.“

Seit den 50er Jahren lebte Ida Haendel in Übersee, zum Schluss in Miami.

Im Alter wurde die Einsamkeit ihr Begleiter, sie hatte nie geheiratet und überlebte ihre Schwester, auf deren Violine diese Weltkarriere begann. Im Juni 2020 starb Ida Haendel, bis zum Schluss eine übersprudelnde, wenn auch ein wenig altersmild gewordene Gesprächspartnerin und Ratgeberin für Musiker.

[1] Z. B. Anne Sofie Mutter, Maxim Vengerov und David Garrett

Hat Sie die Geschichte von Ida Haendel neugierig gemacht? Dann werfen Sie einen Blick in Anja Weinbergers Frauengeschichten – Kulturgeschichten aus Kunst und Musik und entdecken Sie noch viele weitere außergewöhnliche Frauen aus Kunst und Geschichte.