Im Bann der Göttin

 

 

 

von Vanessa Marcolla

2023 wird Brescia gemeinsam mit dem nicht weit entfernten Bergamo Kulturhauptstadt Europas sein.

Dann wird die „Geflügelte Siegesgöttin“, die sog. Vittoria Alata, wieder als Symbol von Brescia zu sehen sein, der Stadt, die auch „Löwin Italiens“ genannt wird.

Die Vittoria Alata ist eine 195 cm hohe Bronzestatue aus der Kaiserzeit und eine der bedeutendsten Funde Italiens. Es war der Archäologe Giovanni Labus, der die Statue als eine Darstellung der Göttin Victoria interpretierte.

Nach zwei Jahren sorgfältiger Restaurierung durch das Opificio delle Pietre dure in Florenz kehrte die Vittoria alata an ihren früheren Standort, den Kapitolischen Tempel in Brescia, zurück. In einem Hohlraum neben der Außenwand wurde sie am 20. Juni 1826 mit abgetrennten Armen und großen Flügeln, gefunden. Ganz in der Nähe stieß man auch auf ihren Kopf.

© Vanessa Marcolla

Im Laufe ihrer neueren Geschichte musste die Vittoria Alata mehrmals umziehen: Während des Ersten Weltkriegs, nach der Niederlage bei Caporetto, wurde sie in den Palazzo Venezia in Rom gebracht, da der Keller des heutigen Stadtmuseums SANTA GIULIA in Brescia als nicht sicher galt. 1932 erst kehrte sie wieder in die Stadt zurück.
Im Zweiten Weltkrieg wurde sie zusammen mit anderen Schätzen der Stadt in den Park der Villa Fenaroli (in der Provinz Brescia) gebracht. Im Jahr 1948 wurde sie dann in Zürich im Rahmen der Ausstellung „Meisterwerke der lombardischen Kunst“ ausgestellt.

Sie war eine Inspirationsquelle für die Literatur und mehr: Zeitschriften und Reiseführer des neunzehnten Jahrhunderts erwähnen sie wegen ihrer Schönheit. Auch auf der Grand Tour der kultivierten Reisenden war sie eine Attraktion. Und sie wurde häufig abgebildet: Gipsabdrücke, Stiche, Lithografien und Gemälde entstanden.

Während der Renaissance stand sie in dem grandiosen Triumphbogen, der 1512 von Albrecht Dűrer für Maximilian von Habsburg entworfen wurde. Im Faschismus wurde der Geflügelte Sieg vom Regime als ideologisches und feierliches Symbol verwendet. Vom Risorgimento bis zum 20. Jahrhundert inspirierte sie das Heldentum der Kriegszeit.

Während des Risorgimento kämpfte Brescia, die „Löwin Italiens“, eine Stadt des Krieges und der Waffen, mit unbezwingbarem Mut gegen das österreichische Joch während des zehntägigen Volksaufstandes.

Es war der Renaissance-Dichter Aleardo Aleardi, der die Stadt in einem seiner Lieder erstmals als „Löwin Italiens“ bezeichnete.

Es gab auch zahlreiche Anfragen für Reproduktionen: die erste wurde 1835 vom Fürsten von Metternich gestellt. Am Vorabend der Schlacht von Solferino wünschte Napoleon III. eine Kopie, um sie in Paris auszustellen. Schlussendlich hatte er drei, ein Gipsabdruck, der in den Ställen von Versailles aufbewahrt wurde, die Statue im Louvre und es heißt, dass die dritte seine Residenz in der Avenue Montaigne schmücken sollte.

In der Gipsgalerie der Freien Univeristȁt in Berlin befindet sich eine Gipskopie der Vittoria Alata, die 2014 von der Hochschule für Bildende Künste in Dresden erworben wurde.

Der brescianische Dichter Cesare Arici, ein glühender Patriot, Mitglied und Sekretär des Ateneo di Scienze – Letteratura e Arti, widmete Brescia eine seiner Oden. Wir schreiben das Jahr 1825 und die Ode lautet „Brescia romana“. Darin werden das Forum, Vespasian, das Theater und die Kurie erwähnt, nicht aber die Vittoria Alata, die erst ein Jahr später gefunden wurde.

Aricis Patriotismus betonte den Wunsch nach der Erlösung eines Italiens, das der Fremdherrschaft unterworfen war, und diese Erlösung musste durch die Wiederherstellung der glorreichen römischen Vergangenheit erfolgen.

Gabriele D’Annunzio und Giosuè Carducci vermischten in ihren Werken griechische und römische Erinnerungen: Der Geflügelte Sieg gilt als eine Synthese dieser beiden.

Carducci, der zweimal in der Stadt war (1871 und 1876), widmete der Stadt die Ode „Alla Vittoria“, die er 1877 schrieb und die in seinen „Odi Barbare“ enthalten ist.

© Vanessa Marcolla

Von den Oden der Barbaren – Buch V:

Brescia, die Starke, Brescia, das Eisen,
Brescia die Starke, Brescia das Eisen,
Brescia, die Löwin von Italien
Betrunken vom Blut des Feindes

Auf diese Weise wollte der Dichter den Mut der Brescianer während der „10 Tage“ feiern, die eng mit dem italienischen Risorgimento verbunden sind.

Gabriele D’Annunzio, widmete Brescia ein Sonett, in dem er den geflügelten Sieg feierte. Auch die italienische Nationalhymne erinnert an den Sieg mit dem Helm des Scipio und der Kohorte.

1913 beantragte Pietro Antonio Beretta bei der Präfektur von Brescia die Vittoria Alata als Markenzeichen für die Stadt Brescia.

© Vanessa Marcolla

 Die Vittoria Alata wurde mit der Technik des „verlorenen Wachses“ hergestellt und könnte mit einem militärischen Erfolg in Verbindung stehen: Es wird angenommen, dass sie ein Geschenk des Kaisers Vespasian an Brescia war, als Geschenk für Unterstütztung der Kämpfe im Jahr 69 n. Chr. Das zumindest stand auf dem heute fehlenden Schild, das sie vermutlich zwischen ihrem Arm und ihrem angewinkelten Bein gehalten hat, während sie mit der rechten Hand einen Namen einritzte: womöglich den Namen des Siegers, der aus einem Kampf hervor ging.

Hier ist die „geflügelte Frau“ dann das Symbol, das die Macht derer legitimiert, die sie verherrlichen, und sie verleiht Glanz und Ehre bei einem militärischen Sieg. Sogar Theoderich hat sie in seinen Goldmünzen geprägt … !

Die Vittoria Alata kann heute im Kapitolinischen Tempel bewundert werden: Juan Navarro Baldeweg wurde mit der Gestaltung des Raumes, in der sie Hof hält beauftragt.

Mir bleibt nun nur noch, Sie nach Brescia einzuladen und Ihnen eine angenehme Zusammenkunft mit der Vittoria Alata zu wünschen!

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