Im Zeichen der Gekreuzten Schwerter

 

von Susanne Reichelt

Meissen – welch klangvoller Name, der Inbegriff feinen Luxusporzellans, noch heute extrem aufwändig  in Handarbeit gefertigt in der 1710 gegründeten und damit ersten Porzellanmanufaktur Europas. Fast ebenso bekannt  sind die gekreuzten blauen Schwerter, die noch heute wie vor 300 Jahren sorgfältig per Hand mit feinem Pinsel auf jedes einzelne Stück gemalt werden. Sie sind übrigens das älteste noch benutzte Markenzeichen der Welt

© Susanne Reichelt

Doch wie kam es dazu, dass diese Fabrik gerade im kleinen sächsischen Städtchen Meißen gegründet wurde? Und was hat es eigentlich mit den gekreuzten Schwertern auf sich?

Um das zu verstehen, müssen wir zunächst einmal ein wenig in die Geschichte des heutigen Sachsens eintauchen, in die Zeit des Mittelalters, als unsere Gegend noch gar nicht Sachsen genannt wurde, sondern das Meißnische oder die Mark Meißen. Die war entstanden, als der erste deutsche König Heinrich I., genannt der Vogeler,  im Jahr  929 einen Feldzug nach Osten unternahm und die dort seit etwa 3 Jahrhunderten verstreut angesiedelten Slawen unterwarf. Die Chronisten sprechen von einer eher friedlichen Landnahme  –  ob dem wirklich so war, sei einmal dahingestellt.

Im Ergebnis jedenfalls wurde auf einem Granitfelsen an der Elbe, wo der kleine Bach Misni in die Elbe floss, eine Burg errichtet. Das neu eroberte  Gebiet wurde zur Mark Meißen, und über die hatte künftig der vom König auf dem Burgberg eingesetzte Markgraf das Sagen. Seit 1089 gab die Familie der Wettiner dieses Amt nicht mehr aus den Händen, erst gute 800 Jahre später, 1918, dankte der letzte von ihnen ab!

© Susanne Reichelt

35 Vertreter dieser Familie sind in der heutigen sächsischen Landeshauptstadt Dresden auf einem einzigartigen Wandgemälde aus 24.000 Fliesen aus Meissener Porzellan verewigt, dem sogenannten Fürstenzug. Man findet ihn in der Augustusstraße  an der Außenwand des Langen Ganges, einem Verbindungsbau zwischen dem Residenzschloss und dem ehemaligen Stallgebäude. Er gilt mit seinen über 100 m Länge und 10 m Höhe als größtes Porzellangemälde der Welt und ist erstaunlicherweise im 2. Weltkrieg kaum beschädigt worden. So lässt sich noch heute sächsische Geschichte recht anschaulich wie in einem Bilderbuch nachvollziehen. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass sich für das Gebiet der Mark Meißen ab etwa 1500 der Name Sachsen einbürgerte?

Dazu müssen wir einen geografischen Abstecher in den Nordwesten Deutschlands machen, dorthin, wo heute etwa  das Bundesland Niedersachsen liegt, das mit seinem Namen an das einst noch deutlich größere Stammesherzogtum Sachsen erinnert. Das war im 12. Jahrhundert allerdings  in viele kleine Einzelteile zerschlagen und anderen Fürstentümern zugeordnet worden, nachdem der Welfenherzog Heinrich der Löwe im Machtkampf gegen Kaiser Friedrich Barbarossa gestürzt und verbannt worden war. Der östlichste Zipfel seines Reiches, das Gebiet um Wittenberg, kam zum Besitz der Familie der Askanier, die aber 1423 mangels männlicher Nachkommen erlosch. So musste das Land vom Kaiser neu verliehen werden.

© Susanne Reichelt

Kaiser Sigismund war dem damaligen Markgrafen von Meißen, Friedrich dem Streitbaren, zu großem Dank für seine Unterstützung in den Hussitenkriegen verpflichtet, und so vergab er das frei gewordene Lehen an den Wettiner. Damit wurde die Mark Meißen nach Norden hin erweitert, aber wichtiger noch war, dass an das neu gewonnene Land der Titel des Herzogs und Kurfürsten von Sachsen geknüpft war. Einer der sieben Kurfürsten zu sein und damit den König bzw. Kaiser zu „küren“, zu wählen, war ein immenser Prestigegewinn für den Markgrafen von Meißen. Somit ließ er sich verständlicherweise nun auch bevorzugt Kurfürst von Sachsen nennen und der Name Sachsen wurde nach und nach auf das Herrschaftsgebiet übertragen, er wanderte sozusagen die Elbe aufwärts in die Region, in dem heute das Bundesland Sachsen liegt.

Wer nun meint, dass wir damit vom Meißner Porzellan doch ziemlich weit abgeschweift sind, der irrt! Denn wäre der Markgraf von Meißen damals nicht Kurfürst von Sachsen geworden, hätte er auch nicht dessen Wappen führen können. Und das zeigt vor schwarz-silbern geteiltem Schild zwei schräggekreuzte rote Schwerter. Sie sind der Ursprung des berühmten Markenzeichens der Manufaktur, die damit als kurfürstlich-sächsische ausgewiesen wurde. Nur sollte dieses Logo natürlich möglichst gut geschützt sein und daher vor dem Glasieren und Brennen des Porzellans aufgetragen werden, in sogenannter Unterglasurmalerei.  Dabei können jedoch nur wenige Farben eingesetzt werden, die den hohen Brenntemperaturen widerstehen. Im 18. Jahrhundert kam dafür einzig das Kobaltblau infrage. So wurden die eigentlich roten Schwerter für das Porzellan blau, und als blaue Schwerter sind sie schließlich weltbekannt geworden!

© Susanne Reichelt

© Susanne Reichelt

Aber wir müssen noch einmal zurück ins 15. Jahrhundert, um zu verstehen, warum Meißen heute als Porzellanstadt und nicht mehr als sächsische Hauptstadt bekannt ist.

Gut 60 Jahre nach dem Aufstieg der Wettiner in die Riege der Kurfürsten trafen die Enkelsöhne von Friedrich dem Streitbaren 1485 eine folgenschwere Entscheidung: Nach einem Streit teilten sie ihr Land in zwei Teile und ihre Familie in zwei Linien, nach den Vornamen der Brüder als Ernestinische und Albertinische  Linie bezeichnet.  Kein Zweifel bestand daran, dass der ältere Bruder Ernst, der auch der Kurfürst blieb, nach Wittenberg ziehen und den dortigen Kurkreis übernehmen würde. Er bestimmte auch die Trennlinie durch das übrige Gebiet, der jüngere Bruder  Albrecht jedoch  durfte zuerst wählen, über welchen Teil er regieren wollte. Was für ein geniales, gerechtes Prinzip! Nun, der Jüngere entschied sich für das ursprüngliche Gebiet der Mark Meißen, im Prinzip heute fast mit dem des Freistaats Sachsen identisch. So blieben dem Älteren die westlich davon gelegenen Gebiete, die heute in etwa den Freistaat Thüringen bilden. Aber da auch der jüngere Bruder eine neue Hauptstadt wählte und fortan von Dresden aus regierte, verlor Meißen in dem Moment seine politische Bedeutung vollkommen.

Die Brüder Ernst und Albrecht mit ihrem Vater Friedrich dem Sanftmütigen im Fürstenzug, © Susanne Reichelt

Und das, obwohl gerade ein prächtiges neues Schloss als gemeinsamer Sitz der beiden Brüder auf dem Meißner Burgberg errichtet worden war! Es steht noch heute und kann besichtigt werden, gilt als erstes Wohnschloss auf deutschem Boden, und doch – Ironie der Geschichte – war es niemals bewohnt! Dafür wurde es 1710 die erste Porzellanmanufaktur Europas.

© Susanne Reichelt

Doch dafür müssen wir nun wieder einen Sprung nach vorn in der Geschichte machen, in die Zeit Augusts des Starken, des legendären Barockherrschers, von dessen Ambitionen und Gelüsten im Beitrag über den Dresdner Zwinger schon viel die Rede war. Zu seinen größten Leidenschaften gehörte das Porzellan. Er bezeichnete sich selbst als besessen davon, litt an der „maladie de porcelaine“ und gab – wie nicht wenige seiner adeligen Zeitgenossen – Unsummen Geld aus, um Figuren aller Art, Schalen und Gefäße aus diesem rätselhaften, weiß schimmernden Material über die holländische Ostindienkompanie aus China und Japan zu erwerben.

Kein Wunder, dass man in Europa gern selbst dahinter gekommen wäre, wie es gemacht wird, dieses herrliche, aber so sündhaft teure, zarte und doch harte Luxusprodukt.

Allerorten wurden Versuche  dazu gemacht, doch der entscheidende Coup gelang einem jungen Apothekergesellen, der eigentlich auf einer ganz anderen Spur war: Johann Friedrich Böttger suchte den „Stein der Weisen“, der unedle in edle Metalle verwandeln kann und hatte sogar vor Zuschauern in Berlin bei alchemistischen Versuchen vermeintlich von ihm „tingierte“ , doch wohl eher fingierte Gold- und Silberstücke vorgewiesen. Auf der Flucht vor dem preußischen König, der Kunde von diesem „Goldesel“ erhalten hatte, geriet er nach Sachsen und damit in die Fänge Augusts des Starken, der nicht weniger Interesse am Goldmachertalent des Apothekers hatte und ihn kurzerhand einsperrte in die Gewölbe der Dresdner Festungsmauern. „Schaff Gold, Böttger!“, so lautete der Befehl, den er bei Strafe seines Lebens zu befolgen hatte. Nun, den Stein der Weisen hat der Böttger nicht finden können, und doch wurde das Labor unter der heutigen Brühlschen Terrasse zum Geburtsort des europäischen Hartporzellans und damit  des „Weißen Goldes“.  

Inschrift auf der Böttgerstele in Dresden, © Susanne Reichelt

Das ist aber nicht allein Böttgers Verdienst, es gab auch noch einige andere wichtige Akteure:

Böttgerstele auf der Brühlschen Terrasse, © Susanne Reichelt

Um die Wirtschaft des Landes anzukurbeln, hatte man in Sachsen eine Art Expertenrunde aus erfahrenen Berg- und Hüttenleuten aus dem Erzgebirge zusammengebracht, die herausfinden  sollte, wie die natürlichen Ressourcen des Landes wie Steine und Erden gewinnbringender  genutzt werden können. Und ein weiteres wichtiges Glied in der Erfolgskette war schließlich der hervorragende sächsische Gelehrte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der es mit seinen extrem leistungsfähigen Brennspiegeln erst praktisch ermöglichte, unterschiedlich zusammengesetzte Proben keramischer Massen in ganzen  Versuchsreihen bei sehr hohen Temperaturen zu brennen.

1707 war eine erste große Hürde genommen: Es gelang die Herstellung eines braunen Feinsteinzeugs, das viele der Eigenschaften von echtem Porzellan bereits aufwies. Es war hart und widerstandsfähig, vor allem aber – anders als einfache Tonware – dicht, ohne einer Glasur zu bedürfen.

In einem Extra-Raum der Dresdner Porzellansammlung kann man sich anschauen, wie dieses neue Material kreativ bearbeitet, geschnitten, poliert, mit Gold oder Email verziert wurde. Es wird auch heute in Meißen wieder hergestellt und unter dem Namen Böttgersteinzeug verkauft.

Doch eine äußerst wichtige Eigenschaft fehlte dem Steinzeug: das göttliche, glänzende Weiß, das man damals so schätzte und bewunderte. Dafür braucht es die Porzellanerde, weißbrennenden Ton, Kaolin. Das herauszufinden und diese weiße Erde in Sachsen zu beschaffen und im richtigen Verhältnis mit einem Flussmittel zum Verdichten des Tons zu brennen, bedurfte es eines weiteren Jahres. Nachdem das Verfahren vervollkommnet worden war, konnte Böttger schließlich 1709 die ersehnte  Erfolgsmeldung an August den Starken senden, der damit nun also sein eigenes Porzellan herstellen lassen konnte, das war sensationell! Damit hatte er die Nase vorn in Europa,  kein anderer kannte die geheime Formel! Doch das sollte natürlich möglichst so bleiben. Daher galt es, einen sicheren Ort für die Produktionsstätte zu suchen. Und die fand man im beschaulichen Meißen, auf der Burg, die seit dem Streit der beiden Brüder im 15. Jahrhundert mehr oder weniger leer gestanden hatte und die man wegen ihrer Lage für diesen Zweck geeignet fand.

 

Büste Böttgers aus dem nach ihm benannten Steinzeug, © Susanne Reichelt

Die Nähe zum Elbstrom war von Vorteil, denn auf dem Fluss konnten die enormen Mengen Holz herangeflößt werden, die man zum Befeuern der Brennöfen benötigte. Vor allem aber waren alle Zugänge zum Burgberg gut zu bewachen.

© Susanne Reichelt

Das Geheimnis konnte man trotz aller Vorsichtsmaßnahmen  nicht allzu lange wahren, 1719 wurde ein wichtiger Mitarbeiter, der in alle Prozesse der Herstellung eingeweiht war, ein sogenannter Arkanist, in die Wiener Manufaktur abgeworben, um dort die Herstellung echten Porzellans in Gang zu bringen. Im Laufe der folgenden Jahre folgten immer mehr Gründungen neuer Manufakturen weltweit, manche existierten nur kurze Zeit, andere konnten solange überleben, bis Porzellan massenhaft und preiswert maschinell hergestellt werden konnte und  zum allgemeinen Gebrauchsgut wurde.

Die Meissener Manufaktur produziert bis heute in der Stadt, wenn auch schon seit mehr als 150 Jahren nicht mehr auf dem Burgberg. Man setzt bei MEISSEN nach wie vor und zu Recht auf die aufwändige handwerkliche Produktion, die dieses Porzellan immer noch so kostbar macht.

Wer einmal in den Schauwerkstätten den geschickten Manufakturisten über die Schultern geschaut hat, kann sich der Faszination der Handwerkskunst nicht entziehen und bekommt eine Vorstellung von ihrem Wert, der sich natürlich im Preis niederschlagen muss.

© Susanne Reichelt

© Susanne Reichelt

Dabei ist man in MEISSEN durchaus offen für neue Kundenwünsche und junge, frische Ideen. Unter den Neuentwicklungen der letzten Jahre finden sich inzwischen auch durchaus erschwingliche  und sogar spülmaschinengeeignete Produkte, die dennoch die edle Qualität, brillante Farbtiefe und kostbare Opulenz widerspiegeln, für die der Name MEISSEN im Zeichen der berühmten gekreuzten Schwerter seit mehr als drei Jahrhunderten steht.

 

Verwendete Literatur
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