Innen und außen

 

von Georg Rode

Pieter de Hooch, ein niederländischer Maler des 17 Jahrhunderts und Zeitgenosse Vermeers, hat oft Interieurs gemalt. Das sind Bilder von Innenräumen, eine häufig verwendete Darstellungsform, besonders im 17. Jahrhundert und besonders in den Niederlanden.

Innenräume definieren sich durch Abgrenzung von äußeren Welten. Die Beziehung zwischen beiden kennt zwei Möglichkeiten der Richtung. Ich begebe mich entweder von außen nach innen, suche Schutz und Erholung von der äußeren Welt oder ich begebe mich, gestärkt und erholt, nach außen, bereit mich auf die Abenteuer der Welt einzulassen. Die Niederlande selbst, als Seefahrer- und Kolonialmacht, verweisen auf den zweiten Aspekt. Aber auch das Streben aus der Enge von Einschränkungen, Fesseln, Konventionen in die Freiheit der Welt draußen kann hier einen Ausdruck finden, z.B. bei Caspar David Friedrich.

Caspar David Friedrich, Frau am Fenster, Ident.Nr.: AI 918; © Foto Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Fotograf: Jörg P. Anders; Herkunft/Rechte: Alte Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Jörg P. Anders

Durch die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit der Pandemie werden nun Menschen darauf verwiesen, sich zum Schutz für sich selber und für andere zurückzuziehen, in die eigenen vier Wände. Somit bekommt das Interieur für mich einen sehr aktuellen Bezug.

Pieter De Hooch ,Woman with a Child in a Pantry, 1656 – c. 1660, © Rijksmuseum Amsterdam, Public domain (CC0), http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.8770

In dem ersten Bild reicht die Mutter dem Kind mit freundlichem Gesicht einen Krug. Die Symbolik des Kruges für Trunksucht wird hier kaum zutreffen, allerdings die von Freundschaft und Fürsorge. De Hooch öffnet in diesem Bild trotz der beschaulichen Situation vor der Vorratskammer sämtliche Räume durch Türen und Fenster, lässt Licht (und Luft) hinein und macht aus dieser einfachen Wohnung einen Ausgangspunkt für die Begegnung mit der Welt.

In seiner Lebensgeschichte befindet sich das Kind in einer komplementären Situation zur Richtung. An einem geschützten und behüteten Ausgangspunkt zu Beginn seines Lebens, als Vorbereitung auf alles was da kommen mag. Aber vielleicht geht es auch nur gleich wieder hinaus zum Spielen.

Das zweite Bild ist 14 Jahre später entstanden. De Hooch hat es zu Wohlstand gebracht und selber in solch einem Haus gelebt, wie nun auf dem Bild zu sehen, gehobene Wohnklasse, an einer Gracht. Der Raum ist höher, eine doppelstöckige Halle, auch hier eine offene Tür, aber der Raum ist auch wesentlich dunkler, lässt die freundliche Atmosphäre des ersten Bildes vermissen.

Pieter De Hooch, Man Handing a Letter to a Woman in the Entrance Hall of a House, 1670; © Rijksmuseum Amsterdam, Public domain (CC0, http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.8771

Ein Kind steht vor der Tür und schaut herein (!) Einer der beiden Hunde scheint sich zur offenen Tür zu bewegen, wendet sich aber zurück, wieder nach innen. Auch der Brief kann nur von außen kommen, Symbol für Abwesenheit und Trennung, oft auch für ferne Liebe. Der enge Kontakt zwischen Mutter und Kind des ersten Bildes wird hier ersetzt durch einen größtmöglichen Abstand. Das Bild bezieht sich wohl etwas stärker auf die Symbolik des niederländischen Barocks, die Hunde fungieren als Symbole der Treue, der linke Hund scheint diesbezüglich jedoch unentschlossen. Und ob der Brief von einem treuen Partner oder einem Liebhaber stammt ist ebenfalls ungewiss. Jedenfalls hat ein Schoßhund oft eine Bedeutung, die durch seine Bezeichnung nahegelegt wird. Auf alle Fälle soll hier trotz offener Türen und Fenster nichts nach außen dringen. Die Richtung ist hier im Gegensatz zu dem ersten Bild von außen nach innen!

Und 2021? Vieles weist heute auf eine stärker gewordenen Abschottung in Gesellschaft und Politik hin, durch die Pandemie noch verstärkt, denn jetzt scheint es Gründe zu geben. Die eigenen Grenzen sollen geschützt werden, Patienten aus Italien und Frankreich wurden zunächst ebenso misstrauisch beäugt wie vorher die Flüchtlinge, die uns angeblich unseren Lebensraum streitig machen. Konkurrenz und Gewinnstreben sind wichtiger geworden, gesellschaftlicher Zusammenhalt wird zur Seltenheit. Soziale Grenzen sind aus Gründen des Gewinnstrebens fixiert worden, bis manche Berufsgruppen plötzlich systemrelevant werden. Die Rückkehr zur „Normalität“ wird auch jetzt wieder herbeigesehnt. Dann wird ihre Relevanz wieder sinken, wie während des Rückgangs der Infektionen im Sommer, die wirtschaftliche Situation ist ja schwierig…..

Die kleine ruhige Kammer des ersten Bildes eröffnet eine andere Möglichkeit. Rückzug in die Bescheidenheit und Be-sinnung, für viele kaum erträglich, um dann auch aus dieser Situation etwas Positives mitzunehmen. Oft eine Begegnung mit sich selbst, eine Relativierung der eigenen Wichtigkeit, ein erlebter Rückzug um sich der Welt danach wieder zu öffnen. Einer offenen Welt.

Verwendete Literatur

Ich habe bei diesem Text nicht auf Quellen zurückgegriffen, aber später gelesen, dass sich Werner Hofman (Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit, München) zu dem Bild von Capar David Friedrich ebenfalls über Innen- und Außenwelten und die Sehnsucht dazwischen geäußert hat. Deshalb möchte ich ihn nicht unerwähnt lassen.

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